Droht mit den Leitzinssenkungen nun statt Stagflation eine Stagdeflation?

04.12.2008

Die Notenbanken senken weiter die Zinsen, der Ökonomieguru Roubini warnt vor einer Stegdeflation, einer schweren Wirtschaftskrise mit sinkenden Preisen und sinkendem Verbrauch

Bei Wikipedia kennt man den Begriff Stagdeflation noch nicht, dort gibt es nur einen Artikel zu Stagflation. Das ist die wirtschaftliche Stagnation bei einer hohen Inflation, wie sie genau vor einem Jahr angesichts der Tatsache gefürchtet wurde, dass die Rezession in den USA zu einer Domino-Rezession) in Industrieländern führt, aber die Inflation auf hohem Niveau bleibt (Das Gespenst der Stagflation). Doch der Ökonomieguru Nouriel Roubini trat der Ansicht entgegen und kreierte den Begriff Stagdeflation, den er erneut in die Diskussion geworfen hat. Die kräftigen Leitzinssenkungen bestätigen ihn darin, dass sogar eine Depression nicht auszuschließen ist.

Wie erwartet hat auch die Europäische Zentralbank (EZB) heute die Leitzinsen zum dritten Mal in Folge gesenkt, um die darbenden Ökonomien in Europa zu stimulieren, die sich fast allesamt in der Rezession befinden. Wie dramatisch die Lage in Frankfurt eingeschätzt wird, zeigte die Tatsache, dass man sich mit der Absenkung um 0,75 % auf 2,5 % zur höchsten Zinssenkung in der Geschichte der EZB durchgerungen hat. Wegen der schweren Rezession im Euro-Raum hatten einige Ökonomen aber noch deutlicher stärkere Zinssenkungen gefordert.

Bis zu 1,5 % wollten einige den Leitzins fallen sehen, wie dies gerade die neuseeländische Zentralbank beschlossen hat. Es war ebenfalls die höchste Leitzinssenkung ihrer Geschichte. Doch kommt man dort von einem sehr hohen Niveau herunter, denn auch nach der vierten Zinssenkung seit Juli liegt der Zinssatz in Neuseeland noch immer bei 5 %. Die Bank of England (BoE) hat ebenfalls den Zinssatz noch einmal deutlich um 1,0 % auf nun 2 % gesenkt. Auch das war die höchste Zinssenkung bisher. In Schweden hat die Notenbank heute die Leitzinsen sogar um 1,75 % gesenkt. Hier wird der Spielraum zu einer möglichen Deflationsbekämpfung allerdings dünn, denn der Zinssatz ist nun bei 2 % angelangt.

Mit der starken, aber trotzdem behutsameren Leitzinssenkung ist die EZB etwas vorsichtiger, sie will sich Spielraum erhalten. Denn erst gestern hatte auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor der internationalen Deflationsgefahr gewarnt, die sich angesichts fallender Preise abzeichnet. "Das ist eine reales Risiko, dem wir ins Auge sehen müssen", sagte der stellvertretende OECD-Generaldirektor Pier Carlo Padoan in Rom. Das Thema müsse sehr ernst genommen werden "angesichts der schnell fallenden Preise für Rohstoffe und des Umstandes, dass die Rezession die Nachfrage drückt". Es sei daher richtig, dass sich die Entscheidungsträger in den Industriestaaten damit beschäftigten.

Der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia wollte in Brüssel für die Euro-Zone aber keine Deflationsgefahr sehen. Ob Almunia der Richtige ist, um das einzuschätzen, darf bezweifelt werden. Denn er gehörte zu denen, die noch im Frühjahr die Rezessionsgefahr für Europa wegdiskutieren wollten, in der nun praktisch alle Ökonomien stecken. Er sieht also keine Gefahr, dass es im Gegensatz zur Inflation nun zu einem Preisverfall über einen längeren Zeitraum hinweg kommen kann, was eine gefährliche und fast nicht zu bekämpfende Spirale in Gang setzen könnte.

Zwar schaffen sinkende Preise auch Kaufanreize für Verbraucher, doch denen wird vorgegaukelt, dass ihr Geld ständig mehr wert ist. Sie könnten also theoretisch, ohne Lohnsteigerungen, mehr kaufen und für Nachfrage sorgen, damit die Wirtschaft wachsen kann. Dieser "Realkasseneffekt" hat aber große Nachteile. Weil die Konsumenten weiter fallende Preisen erwarten, verschieben sie Käufe. Sinkende Preise drücken zudem die Gewinnmargen der Unternehmen und bringen Entlassungen von Mitarbeiter mit sich. Das aber senkt den Konsum und drückt die Preise weiter. Gegen die Deflation sind die Notenbanken weitgehend machtlos. Der Inflation können sie mit höheren Leitzinsen entgegen treten, bei einer Deflation ist der Spielraum ab der Leitzinsmarke Null ausgeschöpft, der sich die US-Notenbank (FED) immer gefährliche annähert.

Zwischen Rezession und Depression

Die Deflation im Zuge der großen Depression in den 1930er Jahren und die mit der Rezession im Japan der 1990er Jahre einhergehende Deflation hatten zu hoher Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten und Einbrüchen an den Aktienmärkten geführt. Und gebrannte Kinder scheuen das Feuer, weshalb Japans Wirtschaftsminister Kaoru Yosano erneut die Deflation heraufziehen sieht. Die Zeit, Durchhaltevermögen zu zeigen, ist gekommen", sagte Yosano der Financial Times. "Wir bewegen uns auf die nächste Phase eines sinkenden Verbrauchs zu. Einige nennen es Deflation", fügte er an. Da sich Japan offiziell längst in der Rezession befindet, wäre also das Szenario von Nouriel Roubini dort erfüllt.

Der prominente Ökonomie-Professor der Stern School of Business in New York, der schon 2006 die derzeitige Finanz- und Weltwirtschaftskrise ankündigte, sagte im März die Verstaatlichung von Banken voraus und hatte im Januar den Begriff Stagdeflation kreiert. Denn statt einer steigenden Inflation würden wegen der schrumpfenden Wirtschaftsleistung die Preise wieder fallen, weshalb er einen Rückgang des Ölpreises auf 60 Dollar prognostiziert hatte. Das Barrel kostet nun sogar weniger als 50 Euro, weshalb seine Prognose sogar noch übertroffen wurde.

Roubini wies schon im Januar darauf hin, dass die Leitzinssenkungen der FED in nur acht Tagen um 1,25 Prozent angezeigt hätten, dass man bei der US-Notenbank die schlechte Lage der Wirtschaft vor Augen kannte. Denn wie erst jetzt zugegeben, steckt größte Volkswirtschaft nun schon seit einem Jahr in der Rezession. Das brachte ihn zu der Prognose, dass der katastrophale Verlauf der Finanzkrise längst in Gang war, sie also auf die Realwirtschaft übergreift. Eine Rezession führt zu schweren Verlusten weltweit, die wiederum die Rezession verschärfen. Das Szenario nannte er Stagdeflation. Die könnte, falls sie sich zur großen Depression ausweitet, letztlich zum Zusammenbruch des globalen Finanzsystems führen.

Kürzlich hat Roubini noch einmal deutlich auf die Gefahr der drohenden Stagdeflation hingewiesen. Er sieht deutliche Hinweise dafür, dass es zum Ende eines langen Kondratieff-Zyklus kommt. Das ist im Unterschied zur Deflation in Japan in den 1990er Jahren deshalb wahrscheinlicher, weil damals eine Immobilienblase in nur einer Volkswirtschaft platzte, während es im globalen Rahmen weiter ein solides Wachstum gab. Heute ist das anders. Praktisch befinden sich alle Industrienationen in der Rezession und auch China wird immer stärker von der Krise heimgesucht, weshalb das Worst-Case-Szenario nicht mehr ausgeschlossen werden kann.

Roubini definiert in dem Beitrag Ende Oktober mehrere Schritte, die zur Deflation führen würden. Da wäre zunächst die schwache Nachfrage auf den Rohstoffmärkten, die schon zum Preisverfall geführt hat. Dann die Rückwirkungen der Rezession in den USA mit den restlichen Ökonomien, die ebenfalls schon zu beobachten sind, sowie die stark steigende Arbeitslosigkeit, die sowohl in den USA, aber auch in Spanien, Irland … bereits zuschlägt. Es käme zum weiteren Schrumpfen der Wirtschaft, inflationäre Tendenzen werden gebremst und die Deflation setzt ein, wie es nun Japan eingeräumt hat. Er sagt voraus, dass in einem halben Jahr die Deflation das allergrößte Problem sein wird. Roubini ist skeptisch, dass die dauernden Zinssenkungen und das viele Geld, dass über die Rettungspakete in die Finanzwelt gepumpt wird, die Inflation wieder etwas antreiben werde.

Einige Kommentatoren bezeichnen den sicherlich nicht eleganten Begriff Stagdeflation als Gruselwort oder als "Unwort", obwohl sie ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 4 % sogar noch für "viel zu optimistisch" halten. Roubini will mit dem Begriff einen neuen Zustand definieren, der über eine Rezession hinausgeht und zwischen einer deflationären Rezession und einer brutalen, aber verhinderbaren Depression liegt.

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