Weltbank warnt vor "schwerster Rezession seit den 30er-Jahren"

10.12.2008

Japan steckt viel tiefer in der Krise als angenommen und auch China trifft es immer stärker

Auch die Weltbank befürchtet nun, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise sich nun zur schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit der großen Depression in den 30 Jahren auswächst. Das Kursfeuerwerk an den Börsen nach der Ankündigung von Barack Obamas Konjunkturpaket kann darüber nicht hinwegtäuschen und angesichts der Hiobsbotschaften hat gestern der Dow Jones-Leitindex in den USA wieder ins Minus gedreht. Zuvor war bekannt geworden, dass die Wirtschaft in Japan deutlich stärker schrumpft ist, als bisher bekannt war. Die Krise erwischt auch China immer stärker, wo die Exporte erstmals zurückgingen und in Großbritannien droht ein Desaster am Immobilienmarkt.

Viel klarer kann man die Lage der Weltwirtschaft kaum beschreiben: "Die Finanzkrise wird wahrscheinlich in die schwerste Rezession seit den dreißiger Jahren münden", sagte Weltbank-Chefökonom Justin Lin. Bei der Vorstellung des Weltwirtschaftsausblicks 2009 hat nun die Weltbank (WB) ein Szenario beschrieben, das deutlich düsterer ausfällt, als das, das kürzlich der Internationale Währungsfonds (IWF) kürzlich prognostiziert hatte. Zwar hatte schon der IWF in seinem Wachstumsausblick vor einemMonat erklärt, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg würden Wirtschaften der Industriestaaten über ein gesamtes Jahr schrumpfen, doch insgesamt werde die Weltwirtschaft global noch um 2,2 % wachsen, meinte der IWF vor vier Wochen (Erneuter Börsensturz trotz Zinssenkungen und Rettungsplänen).

Anders als der Internationale Währungsfonds schraubt aber die Schwesterorganisation ihre ursprüngliche Prognose für 2009 deutlich herunter. In der Prognose im Juni hatte die Weltbank noch ein weltweites Wachstum von 3,0 % für Jahr 2009 erwartet. Nun erwartet man in Washington gerade noch ein schwaches Gesamtwachstum von 0,9 % und das sei vor allem den Schwellenländern geschuldet, die weiter mir 4,5 % wachsen würden. Die Wirtschaftsleistung der Industriestaaten werde leicht um 0,1 % schrumpfen werde. Zwar habe die Finanzkrise dafür gesorgt, dass der rasante Preisanstieg für Rohstoffe gestoppt und umgekehrt wurde, sagte Lin. Doch sei nun der Fall eingetreten, dass eine Rezession in den Industrieländern mit einer akuten Bremsung der Konjunktur in den sich entwickelnden Ländern zusammenfalle, heißt es in dem WB-Bericht. Lin sieht die Weltwirtschaft "an einem Scheideweg" und sprach von einer "Phase beträchtlicher Ungewissheit."

Japan und China in der Krise

Dass auch die neue WB-Prognose wohl noch zu positiv ist, zeigt das Beispiel Japan. In den Bericht sind die bisherigen Zahlen über die zweitgrößte Einzelökonomie nach den USA eingeflossen. Auch Japan steckt, wie ebenfalls gerade bekannt wurde, chon seit einem Jahr in einer Rezession. Bisher hatte man in Japan nur ein schwaches Schrumpfen seiner Wirtschaftsleistung um 0,4 % im dritten Quartal zum Vorjahreszeitraum eingeräumt. Doch nach revidierten Berechnungen der Regierung erklärte die am Dienstag, Japans Wirtschaft sei zwischen Juli und September sogar mehr als vier Mal so stark um insgesamt 1,8 % geschrumpft. Die Unternehmen haben ihre Investitionen und Lagerbestände aus Sorge über eine lange Rezession nun weiter zurückgefahren und verschärfen so den Abschwung.

"Im kommenden Jahr sollte Japan große Geduld aufbringen und Maßnahmen umsetzen, um die Wirtschaft anzukurbeln", sagte Japans Wirtschaftsminister Kaoru Yosano. Die Regierung, die schon offen vor einer neuen Deflation wie in den 1990er Jahren warnte), kündigte an, die bisherige Sparpolitik aufzugeben. Sie will nun mit Staatsausgaben die Wirtschaft ankurbeln, womit der Schuldenberg wieder schneller wachsen wird. Das Kabinett in Tokio verabschiedete neue Grundsätze für den Haushalt 2009, wonach gegen die Krise "agil und flexibel" gehandelt werden müsse. Die 2006 beschlossenen Pläne, binnen fünf Jahren 119 Milliarden Euro einzusparen und dafür Arbeitsbeschaffungsprogramme und Sozialausgaben zu kürzen, werden nun wegen der steigenden Arbeitslosigkeit auf Eis gelegt.

Die Rezession in praktisch allen Industrienationen trifft nun auch immer stärker China. Auch dort befinden sich die Immobilienpreise im freien Fall. Neue Zahlen aus dem Reich der Mitte sind alles andere als positiv. Erstmals in den letzten sieben Jahren sind die chinesischen Exporte im November zurückgegangen. Zwar werden die offiziellen Zahlen erst in der nächsten Woche bekannt gegeben, doch ein Berater der chinesischen Notenbank sagte, China habe im November weniger Waren und Dienstleistungen exportiert als im Vorjahresmonat. Auch das Wachstum der Industrieproduktion habe sich verringert, sagte Fan Gang der chinesischen Wirtschaftszeitung "China's 21st Century Business Herald". Er nannte einen Wert von 5 %, während sie noch im Oktober um mehr als 8 % gewachsen war.

Die Wirtschaftskrise trifft also auch China viel stärker, als von Experten stets erwartet wurde, von denen einige sogar meinten, die Nachfrage in China könnte eine Rezession in den Industrieländern verhindern. Nach Jahren, in denen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stets um mehr als 10 % wuchs, geht das Wachstum auch in China deutlich zurück. Es werden nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze geschaffen und soziale Konflikte und Arbeitskämpfe nehmen zu. Das hat auch damit zu tun, dass der interne Konsum wegen der Verunsicherung sinkt. Der Kauf von langlebigen Konsumgütern geht deutlich zurück. Der Autoabsatz fiel im November um 10,3 % gegenüber Oktober. Mit einem Konjunkturprogramm in der Höhe von 455 Milliarden Euro will nun auch die chinesische Regierung die Wirtschaft stimulieren, von denen die Hälfte in Infrastrukturprojekte, zum Bau von Eisenbahnlinien, Straßen und Flughäfen fließen sollen.

Britischer Immobilienmarkt weiter im Niedergang

Die Preise für Gewerbeimmobilien werden auf der Insel bis Ende 2010 um weitere 25 % fallen. Das hat der britische Schätzerverband Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) in einer Studie vorgerechnet. Ein derartiger Preisverfall, bei gleichzeitig weiter fallenden Hauspreisen und zunehmenden Zwangsversteigerungen wirkt sich fatal auf die Wirtschaft aus, wie auch die Situation in Spanien zeigt. Dort liegt die Arbeitslosigkeit inzwischen offiziell bei fast 13 % und das ist die höchste Rate in der EU, mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der 30 entwickelten OECD-Staaten. .

Ein so drastischer Preiseinbruch bei Büroimmobilien, Einkaufszentren und Läden bricht alle bisherigen Rekorde, obwohl die Preise bereits um etwa ein Viertel gefallen sind. Sogar in der schweren Immobilienrezession der 1970er Jahre seien die Preise nicht so stark gefallen, heißt es in der RICS-Studie. Das wird die Krise für die britischen Banken verstärken, die den Immobilienboom in Großbritannien finanziert haben. Denn viele Gebäude sind nicht mehr das Geld wert, das dafür ausgegeben wurde. Weitere Milliardenabschreibungen sind also die Folge.

Kursfeuerwerk nach Rettungspaketen

Angesichts solcher Hiobsbotschaften war es erstaunlich, dass die Börsen nicht längst erneut abgestürzt sind. Bisher wirkten noch die Ankündigungen der Konjunkturpakete stützend. Schließlich hatte Barack Obama das umfassendste Konjunkturpaket in der Geschichte der USA kündigt, wobei er aber die USA in ein Billionendefizit treibe, wie die Financial Times Deutschland kritisch anmerkt. Denn schon zuvor wurden Billionen zur Stützung der Wirtschaft ausgegeben.

In den letzten Monaten haben die Börsen nach jeder Ankündigung eines Rettungspakets stets ein Kursfeuerwerk abgebrannt (Das Kursfeuerwerk an den Börsen ist schon wieder vorbei), um danach noch tiefer einzubrechen. Die Kurse haben sich schon halbiert und eine weitere Halbierung ist nicht ausgeschlossen, weshalb Experten schon eine Schließung der Börsen ins Gespräch gebracht haben (Angst vor der Depression). Am Dienstag hatten sich die Börsen in Europa noch behauptet. Der deutsche Leitindex DAX ging in Frankfurt noch mit einem Plus von 1,3 % aus dem Handel und ähnlich sah es auch in London und Paris aus.

Doch an der Frankfurter Börse sorgte das unfreiwillige deutsche Konjunkturprogramm für bessere Stimmung, als das Verfassungsgericht die Pendlerpauschale der Bundesregierung für verfassungswidrig erklärte. Nun müssen den Steuerzahlern mehrere Milliarden Euro zurückbezahlt werden, was möglicherweise den Konsum stützen könnte. Denn sonst gab es auch in Deutschland nichts zu feiern, denn die Industrie, Bau- und Energiewirtschaft haben die Produktion im Oktober unerwartet stark gesenkt. Sie ist um 2,1 % im Vergleich zum Vormonat gesunken, hatte das Bundeswirtschaftsministerium mitgeteilt. Gerechnet wurde allgemein nur mit einem Rückgang um 1,5 % gerechnet. Bereits im September war die Produktion mit 3,3 % so stark eingebrochen wie seit 13 Jahren nicht mehr. Nach dem weltgrößten Chemiekonzern BASF haben nun auch andere große Chemiekonzerne angekündigt, die Produktion zurückfahren zu wollen.

So drehte der Dow Jones-Leitindex gestern in New York wegen der schlechten Daten wieder deutlich ins Minus. Er fiel um 2,72 % auf 8.691 Punkte. Und auch der breiter gestreute S&P 500 verzeichnete ein Minus von 2,31 %. Hier waren es vor allem Nachrichten, dass Dow Chemical 5000 Vollzeitstellen streichen will, die für ein Minus sorgten. Damit sind 11 % der gesamten Belegschaft betroffen, womit die Firma bis 2010 rund 700 Millionen Dollar einsparen will. Aber auch weitere Gewinnwarnungen trübten das Bild. Der Postdienstleister Federal Express begründete einen Gewinneinbruch mit der deutlich schwächeren Konjunktur und das Logistikunternehmen Con-way kündigte an, 8 % der Stellen zu streichen, nachdem es die Gewinnprognose für 2008 ebenfalls gesenkt hatte. Obwohl nun das Rettungspaket für die US-Autoindustrie ausgehandelt zu sein scheint, macht sich auch in Europa wieder Pessimismus auf dem Parkett breit.

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