Wer wird die Arche bauen?

11.12.2008

Das Gebot zur Utopie im Zeitalter der Katastrophen

Der Urbanist und gesellschaftskritische Soziologe Mike Davis, der am Department of History an der University of California in Irvine lehrt, erhielt am vergangenen Montag den ersten "Kulturpreis", der von der Münchener Universitätsgesellschaft ausgelobt wird. Laudator war der ehemalige deutsche Umweltminister und Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen Klaus Töpfer. Mit dem Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, sollen herausragende Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Kunst oder Geisteswissenschaften ausgezeichnet werden, die die öffentliche Diskussion angestoßen und die wissenschaftliche Forschung beeinflusst haben. Dieser erste Preis ist thematisch verbunden mit der Ringvorlesung der Ludwig-Maximilians-Universität München über Die Stadt der Zukunft – Zukunft der Stadt: zur Urbanisierung und Globalisierung der Lebenswelt im 21. Jahrhundert. Die Jury (Mitglieder: Barbara Vinken, Michael Bordt, Klaus Benesch, Chris Dercon, Hans van Ess, Hubertus Kohle, Florian Rötzer, Wolfgang Strassl) entschied sich für Mike Davis als einen der derzeit weltweit anregendsten, vielseitigsten, engagiertesten und auch provokativsten Urbanisten, der immer wieder neue Perspektiven erschlossen und Debatten ausgelöst hat (Dr. Wolfgang Strassl, Vorsitzender der Münchener Universitätsgesellschaft und Mitglied der Jury, in seiner Rede zur Preisverleihung zum erstmals verliehenen Kulturpreis . Davis wurde auch deswegen geehrt, wie Klaus Töpfer betonte, weil er einen weltoffenen, die Disziplinen kreativ überschreitenden Intellektuellen darstellt, der nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Schriftsteller arbeitet und sich als politisch engagierter Aktivist versteht. Er hat vor dem Studium der Ökonomie mehrere Jahre als Lastwagenfahrer und in einem Schlachthof gearbeitet, was seine Sicht auf die Welt geprägt hat. Sein erstes Buch "Phönix im Sturzflug" (Prisoners of the American Dream) beschäftigte sich mit den amerikanischen Arbeitern. Mit seinem Buch "City of Quartz" über die Stadtgeschichte und Zukunftsaussichten von Los Angeles wurde er weltweit bekannt (Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles). Daran schloss das Buch "Die Ökologie der Angst" an, in dem Davis die ökologischen Probleme einer vom Kapital bestimmten Stadt wie Los Angeles thematisierte (Los Angeles - 138 Mal zerstört). Auf die globalen Probleme des urbanen Zeitalters, in das wir eingetreten sind, machte er auf eindringliche Weise in "Der Planet der Slums" aufmerksam (Ground Zero der Menschheit). Er widmete sich überdies "Der Geschichte der Autobombe", die den modernen, urbanen Terrorismus prägte und prägt, analysierte die besonders die Städte bedrohende "Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien" und versuchte in "Die Geburt der Dritten Welt" zu zeigen, wie im Zeitalter des Kolonialismus bereits klimabedingte Hungerkatastrophen und Epidemien mit systematisch praktizierter Ausbeutung die armen Entwicklungsländer geschaffen wurden. Die futuristische Visionen des modernen Finanzkapitalismus analysierte Davis in "Angst und Geld in Dubai". Der hier veröffentlichte Text ist die Rede, die Mike Davis am Montag an der LMU gehalten hat. In ihr macht er deutlich, wie Klima-, Sozial-, Wirtschafts- und Stadtpolitik einandergreifen und dasses höchste Zeit wird, aus einem umfassenden Verständnis der komplexen Situation heraus und mit einer neuen utopischen Zielrichtung zu handeln.

Kennen Sie die berühmte Gerichtsszene aus dem Welles-Klassiker "Die Lady von Shanghai"? Dieser Film Noir aus dem Jahr 1947 ist eine Allegorie auf proletarische Tugenden unter dem Joch einer dekadenten Oberschicht. Welles spielt einen Matrosen namens Michael O'Hara, der sich auf ein Schäferstündchen mit der Femme Fatale Rita Hayward einlässt, deren Ehemann, Arthur Bannister (gespielt von Everett Sloan), ihm daraufhin einen Mord anhängt. Bannister gilt als bester Strafverteidiger des Landes und bringt O'Hara dazu, sich von ihm verteidigen zu lassen. In Wahrheit will er aber nur sicherstellen, dass der Angeklagte verurteilt und hingerichtet wird. Höhepunkt des Verfahrens ist eine Szene, die der Staatsanwalt verächtlich als "erneuten Griff in die Bannister-Trickkiste" bezeichnet. Der Verteidiger Bannister ruft Bannister, den betrogenen Ehemann, in den Zeugenstand und befragt sich selbst in einem rasanten, schizoiden Schlagabtausch, der sehr zur Erheiterung der Geschworenen beiträgt.

Ganz im Stil der "Lady aus Shanghai" möchte ich heute einmal mit mir selbst diskutieren. Werden Sie also Zeuge eines mentalen Konflikts zwischen analytischer Verzweiflung und utopischer Möglichkeit, der aus meiner Sicht, und vermutlich auch objektiv gesehen, nicht zu lösen ist.

Der erste Teil meiner Ausführungen, "Pessimismus des Intellekts", widmet sich der Argumentation, dass wir die erste entscheidende Schlacht im Kampf gegen die Erderwärmung bereits verloren haben. Das Kyoto-Protokoll hat laut der etwas selbstgefälligen, aber leider allzu wahren Aussage einer seiner größten Gegner "keine messbaren Ergebnisse im Hinblick auf die klimatischen Veränderungen gebracht. Statt der beabsichtigten Reduzierung der globalen CO2-Emissionen kam es zu einem Anstieg derselben Größenordnung."

Es ist zudem unwahrscheinlich, dass Post-Kyoto-Bemühungen die Treibhausgaswerte bis 2020 diesseits der berühmten "roten Linie" von 450 ppm stabilisieren können. In diesem Fall werden auch die größten Anstrengungen der nächsten Generation nicht ausreichen, um radikale Umwälzungen in den Bereichen Ökologie, Wasservorkommen und Agrarsysteme zu verhindern. Auf einer wärmeren Erde wird sozioökonomische Ungerechtigkeit meteorologische Ursachen haben, und die reichen Länder der nördlichen Hemisphäre, deren Kohlenstoffemissionen für die Zerstörung des klimatischen Gleichgewichts des Holozäns verantwortlich sind, werden sich kaum veranlasst fühlen, die für eine Anpassung der Agrarsysteme nötigen Mittel mit den ärmeren, subtropischen Ländern zu teilen, die am stärksten unter Trockenheiten und Überflutungen zu leiden haben.

Im zweiten Teil des Vortrags folgt mein eigener Gegenbeweis ("Optimismus durch Fantasie"). Ich berufe mich auf das Paradoxon, dass die wichtigste Ursache der Erderwärmung – die Urbanisierung durch den Menschen – möglicherweise eine grundlegende Lösung für das Überleben der Menschheit im späteren 21. Jahrhundert beinhalten könnte. Wenn sich an der kläglichen Politik der Gegenwart nichts ändert, werden die derzeitigen Armutsstädte mit größter Wahrscheinlichkeit untergehen. Diese Tatsache sollte für uns jedoch um so mehr Grund sein, im Sinne Noahs endlich damit zu beginnen, unsere eigene Arche zu bauen. Da wir jedoch einen Großteil unseres einstigen Baumbestands bereits dem Fortschritt geopfert haben, wird diese neue Arche zwangsläufig aus den Materialien gemacht sein müssen, die der Menschheit heute im Zeitalter der Aktivisten-Communitys, Piratentechnologien, Raubkopien, Wissenschaftsrevolutionären und vergessenen Utopien zur Verfügung stehen.

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