Nato sucht Nordwestpassage nach Afghanistan

Florian Rötzer 12.12.2008

Nachdem die Versorgung der Truppen über die Straße durch Pakistan zunehmend gefährdet wird, wird nach neuen Wegen gesucht, die politisch allesamt schwierig sind

Die Taliban haben vor aller Welt demonstriert, dass die ISAF-Truppen in Afghanistan auch dann verwundbar sind, wenn sie nicht direkt angegriffen werden. Sie hängen nämlich an einer Tausende von Kilometern langen, durch Pakistan und nach Afghanistan über Straßen führenden Nabelschnur, die sich in Pakistan und vor allem in den Grenzgebieten kaum wirklich absichern lässt. Und die Straßen bleiben auch ein Faustpfand der pakistanischen Regierung, um die USA und die an der ISAF-Mission teilnehmenden Länder unter Druck zu setzen. Ohne ausreichende Versorgung, die nicht allein über Flugzeuge – und wenn nur sehr teuer – eingeflogen werden kann, sind die im Land befindlichen Truppen nicht nur gefährdet, sondern sie werden auch aufbegehren.

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Über diese Nabelschnur kommt fast die gesamte Versorgung mit Waffen, Fahrzeugen, Lebensmitteln und allem anderen für die Truppen. Aus Schiffen werden die Güter in Karachi auf Lastwagen geladen. Hunderte von diesen bringen täglich Tausende Tonnen nach Afghanistan, meist über den Khaiber-Pass. Jetzt wurden in zwei aufeinander folgenden Nächten Lager bei Peshawar überfallen und Hunderte von Lastwagen, die Güter nach Afghanistan bringen sollten, in Brand gesetzt.

Auch wenn die USA die Truppen in Afghanistan, wie geplant, bis Ende 2009 um 20.000 auf 50.000 aufstocken und weiter Angriffe mit Drohnen auf mutmaßliche Stellungen von Extremisten an der afghanisch-pakistanischen Grenze führen, dürfte die Versorgung über Pakistan schwieriger werden, zumal die Lage in Pakistan selbst instabiler werden könnte, wenn der Konflikt mit Indien sich verstärken oder das Vorgehen gegen Extremisten die Regierung schwächen sollte. Mit der Zahl der Soldaten wächst auch die Menge des erforderlichen Nachschubs. Das ist bei 20.000 Mann mehr eine ganze Menge.

Die Lage scheint verzweifelt zu sein. Wie die Times berichtet, soll das britische Militär Millionen an die Taliban zahlen, damit die Transporte mit Nachschub sicher nach Afghanistan gelangen. Bis zu einem Viertel des Werts der Güter soll an die Taliban fließem, die damit reichlich Geld erhalten, um sich aufzurüsten und Menschen zu bezahlen, für sie zu kämpfen, solange Armut und Arbeitslosigkeit herrschen.

Überlegt wird also fieberhaft, wie der Guardian berichtet, welche Möglichkeiten es noch geben könnte, in das Land ohne Zugang zum Meer zu gelangen. Dazu kommt, dass auch die Schiffsroute durch den Golf von Aden derzeit nicht als sicher gelten kann. Die Nato versucht, das Problem herunterzuspielen. Die Auswirkungen der Angriffe seien kaum bemerkbar, sagte ein Nato-Sprecher. Aber dies dürfte eher Richtung Taliban gesagt sein, damit diese sich nicht mehr und mehr darauf verlegen, die Nachschubroute lahm zu legen.

Verhandlungen mit Russland und der Schatten des Georgien-Krieges

Eine naheliegende Route wäre über den Iran, ist aber derzeit natürlich nicht denkbar. Die andere Möglichkeit wäre der Zugang über Georgien, was im Nachhinein neben der Sicherung der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, die unter Umgehung von Iran Öl aus Aserbeidschan und Kasachstan ans Mittelmeer transportiert, sowie der Eindämmung des Einflusses von Russland das starke Interesse der USA und der EU an Georgien verständlich machen könnte. Einigung müsste dabei mit Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan erzielt werden.

Alles Staaten, die einerseits im Einflussbereich Russland stehen und nicht sonderlich demokratisch sind, was vor allem für Usbekistan gilt. Während Deutschland den usbekischen Flughafen Termes zur Versorgung der Truppen in Afghanistan nutzt, hat das diktatorisch geführte Land den USA und anderen Staaten das Überflugsrecht entzogen. Frankreich nutzt den Flughafen von Duschanbe in Tadschikistan, die USA haben einen Luftstützpunkt in Kirgisien. Die Route über Georgien ist allerdings umständlich und vermutlich zu teuer.

Die USA und Großbritannien können aber auch direkt, ohne in den Nachbarländern landen zu müssen, etwa Bagram oder Kandahar anfliegen. Allerdings sind die Landemöglichkeiten für große Transportmaschinen beschränkt. Mit der geplanten Truppenaufstockung müssen allein für die Versorgung der US-Truppen jährlich 70.000 Container nach Afghanistan gebracht werden. Das Risiko wird größer, mit der Versorgung in Schwierigkeiten zu geraten, wenn weitere Tausende Soldaten nach Afghanistan verlegt werden.

Über den russischen Luftraum wird der Nachschub, der mit Flugzeugen transportiert wird, nach Afghanistan gebracht. Seit April besteht zwar ein Abkommen der Nato zur Nutzung des nördlichen Korridors mit Russland, der Georgien-Konflikt hat hier aber für Schwierigkeiten gesorgt.

Seit November hat Deutschland die erste Vereinbarung mit Russland getroffen; es geht darum, Nachschub über die Eisenbahn transportieren zu dürfen. Allerdings müssen noch Verhandlungen mit den zentralasiatischen Staaten Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan geführt werden. Sollten sie erfolgreich sein und die Spannungen zwischen der Nato und insbesondere den USA und Russland wieder abnehmen, dann könnten Abkommen zwischen Russland und anderen Nato-Staaten folgen. Natürlich ist Russland angesichts des Isaf-Versorgungsdilemmas in einer guten Lage, den Transit als Faustpfand zu nutzen. Sollte der nördliche Korridor den südlichen durch Pakistan ersetzen, dann bestünde allerdings auch die Gefahr, dass der Norden Afghanistans mitsamt den zentralasiatischen Transitstaaten in die Kämpfe stärker einbezogen werden könnte.

Die Nato verhandelt für die Versorgung auf dem Landweg offenbar auch mit Weißrussland und der Ukraine. Hinter den Versuchen, die Beziehungen zu Russland wieder zu verbessern, steht nicht zuletzt, die Versorgung der Soldaten in Afghanistan zu gewährleisten. Die Nato geht davon aus, mit Russland ein Abkommen über den Transit von militärischen Gütern für die Truppen in Afghanistan zu unterzeichnen, sagte Nato-Sprecher James Appaturay:

Derzeit haben einige Nato-Staaten wie Deutschland und Frankreich mit Russland eine Vereinbarung über den Lufttransit von militärischem Gut. Wir hoffen, dass ein solches Abkommen mit der gesamten Allianz in der nächsten Zeit unterzeichnet wird.

Die Frage wird allerdings sein, ob das Pentagon auch diese Route benutzen wird oder nicht doch eher die Verbindung über Georgien vorziehen würde. Vermutlich wird das Pentagon Druck aus Pakistan ausüben, die Versorgungswege besser zu sichern. Der Preis bleibt dann weiterhin, die pakistanische Regierung stützen zu müssen.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29331/1.html
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