Wer ist Antisemit?

15.12.2008

Nachtrag zur Definition des Antisemitismus

In meinem Telepolis-Beitrag Wer ist Antisemit? vom 08.12.2008 hatte ich folgende Definitionen vorgeschlagen:

  • (AS.E) Antisemitisch ist eine Einstellung genau dann, wenn ihr zufolge ein Jude schon allein deswegen weniger wert sein soll, weil er Jude ist.
  • (AS.V1) Antisemitisch ist ein Verhalten (auch ein sprachliches) genau dann, wenn sich in ihm eine antisemitische Einstellung manifestiert.

Neben dieser zweiten Definition hatte ich noch eine alternative dritte, nämlich

  • (AS.V2) Antisemitisch ist ein Verhalten (auch ein sprachliches) genau dann, wenn das Verhalten antisemitisch wirkt.

erwähnt, diese aber für unbrauchbar erklärt – und versprochen, dass ich "die Begründung dafür … bei Bedarf gerne nach?reichen?" würde. Dieser Bedarf ist, wie die Diskussion um den Artikel zeigte, offensichtlich gegeben. Hier also meine Begründung, bei der ich natürlich die Kenntnis des Artikels voraussetze:

In (AS.V2) kann die betreffende antisemitische Wirkung in einem zweifachen Sinne verstanden werden, nämlich subjektiv (als Rezeption bzw. Interpretation) oder objektiv (als weiteres Verhalten). Der subjektiven Fassung zufolge besteht die antisemitische Wirkung des Verhaltens einfach darin, dass es auf andere so wirkt, will sagen: dass andere es als Juden-diskriminierend auffassen. Der objektiven Fassung zufolge wirkt – und ist - ein Verhalten antisemitisch genau dann, wenn es ein weiteres antisemitisches Verhalten nach sich zieht.

Beide Deutungen schließen sich nicht aus: Der subjektive Fall kann in den objektiven eingebaut sein. Wenn zum Beispiel die Tatsache, dass jemand mein Verhalten als antisemitisch auffasst (subjektiver Fall), dazu führt, dass er sich daraufhin selber genauso verhält (objektiver Fall).

Das klingt vielleicht plausibel – ist es aber nicht. Beide Wirkungs-Konzepte sind schlicht unbrauchbar.

Subjektive Deutung

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Xaver schließt die kleine Yvonne vom Ringelspiel aus. Yvonnes Mama, die davon hört, sieht Xavers Verhalten als Juden-diskriminierend an. Hat Yvonnes Mama damit Recht?

Nach der subjektiven Wirkungsdefinition (als Definition dafür, wann ein Verhalten antisemitisch ist) kann man diese Frage gar nicht sinnvoll stellen. Yvonnes Mama hätte nach dieser Definition ja schon per definitionem Recht! Wer diese Version unterschreibt, verzichtet damit auf jede Chance, sich gegen einen ihm gegenüber erhobenen Antisemitismus-Vorwurf jemals wehren zu können. Wer kann das sinnvoll wollen?

Doch wohl nur jemand, der mit Sicherheit wüsste, dass ihn ein solcher Vorwurf nie und nimmer selber treffen kann. Das wäre aber nur dann garantiert, wenn es dafür, ein Verhalten antisemitisch werden zu lassen, eben nicht genügt, dass es auf irgendjemanden "antisemitisch wirkt", diese Definitionsmacht vielmehr nur bestimmten Leuten zukommt. Im perfekten Fall nur einem Einzigen. Dem vom Bundestag für jede Wahlperiode neu zu bestimmenden Antisemitismusbeauftragten zum Beispiel. Was für ein Horror!

Objektive Deutung

Im Kindergarten 1933: Die anderen KindergärtnerInnen bekommen Xavers Reaktion mit – und schließen sich dem (wie sie glauben) vorbildlichen Verhalten eines wackeren Jung-Antisemiten daraufhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit freudig an. Für Yvonne wird ihr Kindergarten so zur Hölle.

Nach der objektiven Wirkungsdeutung ist Xavers Reaktion infolge dieser Wirkung eine antisemitische, egal, ob bei ihm selbst die (nach dem intentionalen Ansatz erforderliche) Juden-diskriminierende Motivation vorlag oder nicht. Insoweit: noch kein (begriffliches) Problem. Das ist der Vorteil dieser objektiven Wirkungsdeutung.

Aber wie steht es mit dem Verhalten seiner Imitantinnen? Ist auch deren Verhalten gegenüber Yvonne antisemitisch? Nach der objektiven Wirkungs-Deutung nur, wenn auch deren Imitanten-Verhalten seinerseits weiteres gleiches antisemitisches Verhalten bewirkt – usw. usw. Mit anderen Worten: Xavers Reaktion (wie auch die seiner Imitanten) wäre nur dann Wirkungs-antisemitisch, wenn sie eine unendlich lange Kette von weiteren antisemitischen Wirkungen nach sich zöge(n). In der wirklichen Welt also wohl nie. Das ist der Nachteil dieser objektiven Definition. Während die subjektive viel zu wenig verlangt, verlangt diese objektive (unendlich) zu viel.

Natürlich macht es Sinn, von etwaigen wie auch von realen antisemitischen Wirkungen eines Verhaltens zu reden. Aber dafür ist keine neue Antisemitismus-Definition nötig, wonach ein Verhalten nur dann antisemitisch ist, wenn es so wirkt.

Dass Xavers Reaktion (egal, ob selbst antisemitisch oder nicht) bei seinen ihn als Vorbild sehenden Kolleginnen eine antisemitische Wirkung hervorrief, das heißt nichts anderes als: Sie taten auf seine Reaktion hin selbst etwas, was Juden-diskriminierend (also antisemitisch im gewöhnlichen intentionalen Sinne) gewesen ist.

Mit anderen Worten: Die Wirkungs-Definitionen sind nicht nur unbrauchbar; wir brauchen sie gar nicht. Alles, was sich sinnvoll sagen lässt, lässt sich auch ohne sie sagen. Viel treffender.

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