Größter Betrug in der Geschichte reißt weitere Finanzlöcher bei europäischen Banken auf

16.12.2008

Spanien ist besonders betroffen, deutsche Banken wollen keine großen Investitionen gemacht haben

Der Mega-Betrug des ehemaligen US-Börsenchefs Bernard Madoff, der bisher auf 50 Milliarden Dollar beziffert wird, dürfte wohl zu etwa 20 % in Europa hängen bleiben. Bisher räumten diverse europäische Institute hohe Verluste ein, weil sie direkt oder indirekt in Produkte von Madoff investiert haben. Deutsche Banken und Versicherungen sind mit Angaben bisher zurückhaltend und behaupten zumeist, keine signifikanten Investitionen bei Madoff getätigt zu haben.

Spanien ist vom Mega-Betrugssystem des Bernard L. Madoff offenbar in Europa das am stärksten betroffene Land. Schon jetzt hat die spanische Großbank Banco Santander eingeräumt, mit einem Investmentfonds im Umfang von 2,33 Milliarden Euro bei Madoff engagiert gewesen zu sein. Der war einst maßgeblich am Aufbau der US-Technologiebörse Nasdaq beteiligt und war zeitweise ihr Verwaltungsratsvorsitzender, weshalb er an der Wall Street als Legende galt. Er wurde am vergangenen Wochenende in New York verhaftet, weil er mit einem Schneeball-System die Kunden um ihr Geld gebracht habe. Die versprochenen hohen Zinsen wurden nach dem Ponzi-Trick mit dem Geld neuer Kunden bezahlt, denn Gewinne gab es keine.

Madoff hat eingeräumt, es habe es sich um "eine einzige große Lüge" gehandelt, gaben die Ermittler bekannt. Er wurde gegen eine Kaution von 10 Millionen Dollar inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt, obwohl ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu 20 Jahren droht. Ein Gericht in New York hat dem Antrag auf Auflösung seiner Wall-Street-Firma zugestimmt und einen Treuhänder bestimmt, wie es die Anlegerschutzorganisation SIPC beantragt hatte. Es sei angesichts des Betrugsumfangs sehr unwahrscheinlich, dass Vermögenswerte gerettet werden könnten, erklärte SIPC-Chef Stephen Harbeck.

Die Banco Santander, deren Namen nun im Rahmen von Finanzproblemen immer öfter auftaucht gab am Montag zu, ihr Engagement bei Madoff belaufe sich auf über 2,3 Milliarden Euro. Gut 2 Milliarden Euro hätten institutionelle Investoren und Private-Banking-Kunden in dem Hedgefonds "Optimal Strategic" investiert. Weitere 320 Millionen Euro gehörten anderen Santander-Private-Banking-Kunden, die von etwa 1000 Reichen in Spanien stammten. Weitere 17 Millionen soll die Bank an eigenen Geldern bei Madoff versenkt haben. Das Geld der Santander sei über "Optimal Multiadvisors" gemanagt worden, die ihren Sitz in Irland hat. Optimal hat zugelassen, dass Madoff einen Unterfond mit dem Namen Optimal Strategic US Equity managt, erklärte die größte spanische Bank.

Auch der große Konkurrent der Santander, die zweitgrößte spanische Bank BBVA, rechnet mit Verlusten in einer Höhe von etwa 300 Millionen Euro. Das Institut Morenés & Botín (M&B), geführt von einem Sohn des Santander-Chefs Emilio Botin und dessen Schwiegersohn, hat einen Verlust von mehr als 152 Millionen Euro eingeräumt. Zudem, so hat die spanische Regierung inzwischen erklärt, seien auch drei Versicherungsunternehmen und etliche Rentenfonds von dem Betrug betroffen. Sowohl die Zentralbank als auch die Börsenaufsicht haben Ermittlungen eingeleitet. Es wird erwartet, dass die Schadenshöhe in Spanien noch über die bisher geschätzten drei Milliarden Euro hinausgehen könnte. Hier hat man offenbar nichts aus dem Fall Afinsa gelernt. Statt 1000 reichen und den institutionellen Anlegern, wie im Fall Madoff, flog vor zwei Jahren der Betrug an etwa 200.000 Kleinsparern auf, die mehr als fünf Milliarden Euro verloren haben (Rekordbetrug an Sparern in Spanien?).

Doch auch in anderen europäischen Banken fiel man ungeprüft auf hohe Renditeversprechungen herein. Erstaunlich, dass nach den USA und Spanien nun Großbritannien bei den Geschädigten ganz oben dabei ist. In diesen drei Ländern wurde auch zugelassen, dass sich Immobilienblasen bilden konnten, deren Platzen zu den großen Verwerfungen beiträgt (Alle Zeichen weisen auf eine weltweite Rezession hin). Die HSBC-Bank, Europas größte Bank, soll mit gut 750 Millionen Euro bei Madoff engagiert sein. Der Royal Bank of Scotland drohen Ausfälle von etwa 450 Millionen und bei der Man Group, einem Hedge-Fonds, sind es 267 Millionen Euro.

Auch die Schweizer Gründlichkeit wurde weiter ramponiert. Die schweizerische Privatbank Union Bancaire Privee (UBP) soll mit 650 Millionen Euro bei Madoff engagiert sein. Die Privatbank hat das weder bestätigt noch dementiert und erklärt, das Engagement liege unter 1% der gesamten Vermögenswerte. Das könnten aber dann sogar Verluste bis zu einer Milliarde Euro bedeuten. Getroffen hat es auch die Luzerner Privatbank Reichmuth, die über das Anlagevehikel "Reichmuth Matterhorn" knapp 250 Millionen bei Madoff versenkt haben soll. Bei einem Totalverlust wären das fast 9 % des Gesamtvermögens des Zertifikats. Neben der Waadtländer Fondsgesellschaft EIM, die 168 Millionen Euro verloren habe soll, hatten noch weitere Schweizer Banken bei Madoff investiert.

Erneut steht auch Fortis wieder im Schlaglicht. Der belgisch-niederländische Finanzkonzern, der erst kürzlich durch eine Gemeinschaftsaktion mehrerer Länder vor dem Zusammenbruch gerettet wurde, teilte mit, durch indirekte Investitionen seien bis zu einer Milliarde Euro wegen dem Betrug in Gefahr. Das Geld sei an Fonds verliehen worden, die es in von Madoff geführte Fonds steckten. Auch dem ohnehin schwer angeschlagenen belgisch-französischen Institut Natixis drohen Verluste von bis zu 450 Millionen Euro. Die französisch-belgische Bank Dexia soll rund 164 Millionen Euro verloren haben.

In Frankreich taucht erneut der Name der BNP Paribas SA in der Opferliste auf. Die größte französische Bank, die schnell zum Beginn der US-Finanzkrise Verluste transparent, könnte einem Verlust von bis zu 350 Millionen Euro erleiden. Sie habe zwar nicht direkt in Madoff-Fonds investiert, sei aber über den Handel und die Vergabe von Krediten indirekt betroffen.

Keine ausreichende Kontrolle in den USA

Erstaunlich still ist es bisher noch in Deutschland. So wollte die Deutsche Bank keinen Kommentar abgeben. Dabei sollen die Deutsche Bank und die Privatbank Hauck&Aufhäuser ihren Kunden das Reichmuth Matterhorn Zertifikat verkauft haben, in das die Kunden jeweils mindestens 50.000 Euro anlegen mussten. Ähnlich zurückhaltend wie die Deutsche Bank verhalten sich auch die Dresdner Bank, die Commerzbank und die Postbank. Intern werde aber recherchiert, ist aus gut informierten Kreisen zu hören.

Da deutsche Banken auch in der Finanzkrise zunächst nur spät und zaghaft die Verluste offen gemacht haben, sind schlechte Nachrichten allerdings nicht ausgeschlossen. Bisher wird bisweilen eingeräumt, bei Madoff investiert zu haben. Aber es handele sich um keine signifikanten Beträge, ist offenbar die bisherige Sprachregelung. Einige der Landesbanken, die in den letzten Monaten in den Schlagzeilen waren, beeilten sich schon zu erklären, man habe keine Gelder bei Madoff investiert. Das sagten die Helaba, die WestLB, die BayernLB, die Nord/LB und die HSH Nordbank.

Doch die Liste der Betrugsopfer wächst und auf ihr finden sich auch zahlreiche prominente Opfer. So sind Stiftungen des Hollywood-Regisseurs Steven Spielberg und des Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel betroffen. Dessen Stiftung für Humanität hat offenbar schwere Verluste durch den Betrug erlitten. Zwei Stiftungen, die jüdische Projekte in Israel und Osteuropa finanzieren, mussten bereits ihre Zahlungen einstellen, berichtet die israelische Zeitung Haaretz. Das Wall Street Journal bezeichnet die Auswirkungen für jüdische Hilfsorganisationen als "Katastrophe". Sogar Krankenhäuser und Schulen in den USA gehören zu den Opfern.

Insgesamt zeigt der Skandal, dass eine keine effektive Kontrolle über milliardenschwere Vorgänge in den USA gibt. Ein riesiges Schneeballsystem blieb über viele Jahre unentdeckt, obwohl Madoffs Firma der Finanzaufsicht SEC alle erforderlichen Berichte vorgelegt hat. Dabei hatte die SEC schon 1992 die Firma mit dem Verdacht auf ein Schneeballsystem untersucht, jedoch will man keine Unregelmäßigkeiten entdeckt haben. Weitere Prüfungen in den Jahren 2005 und 2007 hätten ebenfalls keine größeren Probleme zutage gebracht. Hätte Madoff gegenüber zwei Angestellten den Betrug nicht zugegeben, wie die SEC einräumt, wäre den Kontrolleuren wohl noch lange nicht aufgefallen, dass dessen Firma keine Gewinne gemacht hat.

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