Die Verstrahlten der Republik

Nathalie Roller 25.12.2008

Frankreich will erstmals die Opfer der Atomversuche in Algerien und französisch Polynesien entschädigen

Der Verteidigungsminister Hervé Morin, will im Januar einen Gesetzesvorschlag einbringen, mit dem erstmals anerkannt wird, dass die 210 französischen Nuklearversuche, die zwischen 1960 und 1996 stattgefunden haben, Menschen verstrahlt haben. Frankreich hat 1996 den Kernwaffenteststoppvertrag unterzeichnet, und führt seitdem die Nuklearversuche mit Hilfe von Simulationen durch. Für die 150.000 Personen, die als militärisches oder ziviles Personal an den Atomversuchen in der algerischen Sahara und auf den Atollen von Mururoa und Fangataufa teilgenommen haben, leider zu spät, haben sie es doch oftmals mit ihrer Gesundheit bezahlt. Der Verteidigungsminister verspricht, auch die "Eingeborenen" einzubeziehen, soll doch das kommende Gesetz die verstrahlten lokalen Bevölkerungen gleichfalls entschädigen.

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"Wir müssen die Opfer der Nuklearversuche anerkennen", versprach der Verteidigungsminister Ende November. Ein verheißungsvoller Fortschritt für die Verstrahlten, denn der französische Staat verweigerte bislang, das Problem offiziell anzuerkennen. Die Opfer mussten vor Gericht ziehen, und jeder musste für sich beweisen, dass ein Zusammenhang zwischen ihrer Krankheit und der Strahlenaussetzung besteht, um eventuell eine Entschädigung zu erhalten. Angesichts der Tatsache, dass 90% der Teilnehmer an den ersten Atomversuchen eine oder mehrere Krankheiten präsentieren, und 32,5 % einen oder mehrere Krebsarten, wie die Vereinigung der Veteranen der Atomversuche (AVEN) erklärt, kann man sich das Ausmaß des juristischen Dilemmas vorstellen.

Französisicher Atomwaffentest auf Muroroa. Bild: Association Nationale Vétérans Victimes Essais Nucléaires

Seit 2004 sind einige Prozesse wegen "unwillkürlichem Totschlag und unwillkürlicher Gefährdung der körperlichen Integrität" bei zwei Pariser Untersuchungsrichtern im Gange. Im Juni 2003 hatte ein Militärtribunal erstmals einem Veteranen der Atomversuche in der Sahara eine Invaliditätspension zuerkannt. Doch dies alles bleiben aufwendige und kostspielige Prozeduren, wie man sich vorstellen kann. Hervé Morin verspricht nun auch, dass das Verteidigungsministerium künftig keinen Einspruch mehr gegen Justizentscheidungen erheben wird, die den Opfern eine Entschädigung zuerkennen, wie es bislang häufig der Fall war.

Derweilen bereitet man das neue Gesetz vor. Das Verteidigungsministerium hat eine Liste derjenigen Krankheiten aufgestellt, die durch die Strahlenbelastung induziert werden können. In einem kommenden Erlass soll eine Schwelle der Aussetzung an die Radioaktivität festgelegt werden, ab welcher der Staat eine Entschädigung gewähren wird. Die verstrahlten Veteranen von AVEN weisen allerdings darauf hin, dass jede Strahlendosis, so geringfügig sie auch sein möge, ein erhöhtes Krebsrisiko berge. Noch dazu könne die Zeit, die verstreiche, bis sich eine Krankheit manifestiere, sehr lang sein. 5-10 Jahre im Falle einer Leukämie. Und bis zu 50 Jahren bei anderen Krebsarten.

Strahlende Inselparadiese

193 Nukleartests sind in Polynesien durchgeführt worden, wovon 45 atmosphärisch waren. Die Explosionen haben radioaktiven Fallout verursacht, wie Studien neuseeländischer und australischer Laboratorien, die zum Zeitpunkt der Versuche durchgeführt wurden, aufgezeigt haben. Studien, die laut AVEN bewusst von Frankreich ignoriert wurden. Der französische Staat hatte lediglich eingeräumt, dass manche Versuche die zugelassene Strahlendosis überschritten hatten. Verteidigungsminister Morin wies Ende November darauf hin, dass Frankreich 2007 in Tahiti ein medizinisches Zentrum errichtet hat, in welchem die ehemaligen polynesischen Arbeiter der Versuchsinstallationen und die Bevölkerung der Inseln und benachbarten Atolle einen Militärarzt konsultieren können, um einen individuellen Check-up vornehmen zu lassen.

Warum Frankreich augenscheinlich ziemliche Schwierigkeiten damit hat, anzuerkennen, dass die Atomtests gesundheitliche Nebenwirkungen mit sich gebracht haben, erklärt der Verteidigungsminister mit dem Umstand, dass die Nukleartechnologien einen besonderen Platz im Land inne haben, hat doch die Grande Nation in den letzen 50 Jahren sein eigenes Abschreckungssystem aufgebaut. Die Bombe zu besitzen, ist offenbar für so manche französische Patrioten unersetzlicher Bestandteil des berüchtigten Nationalstolzes geworden. Was zählen da schon ein paar verstrahlte Veteranen und Inselbewohner?

Auf Anfrage von Telepolis erklärt der Präsident von AVEN, Michel Verger, dass die Tests in der algerischen Sahara für die Bevölkerung bestimmt gefährlicher waren. Die Einheimischen seien nur 50 bis 70 Kilometer von den Explosionen oder unterirdischen Versuchen entfernt gewesen, und seien somit genau so verstrahlt worden, wie die Veteranen, die sich, wie man gesehen hat, nicht unbedingt bester Gesundheit erfreuen. In Polynesien seien die Einheimischen weiter entfernt gewesen, was leider nicht bedeutet, dass keine gesundheitlichen Schäden entstanden sind.

Eine Vereinigung von polynesischen Verstrahlten berichtet, dass auf Tahiti gerade ein Prozess von 8 ehemaligen Arbeitern von Mururoa im Gange ist, bzw. ihren Witwen, sind doch 5 der Arbeiter mittlerweile verstorben. Eine eventuelle Entschädigung lässt aber auf sich warten, wird doch ein Zusammenhang zwischen dem Blutkrebs der 8 Arbeiter und der Strahlenaussetzung in Frage gestellt. Die Zeitung der Vereinigung bringt die Zögerlichkeit der französischen Justiz folgendermaßen auf den Punkt:

Wollen sie uns glauben machen, dass die Atome unserer militärischen Ingenieure die Eigenheit besaßen, französische Bürger zu verschonen? Im Gegensatz zu amerikanischen, britischen, russischen oder chinesischen Atomen?

Nur leere Versprechungen?

Das für kommendes Jahr lauthals vom Verteidigungsminister Morin, angekündigte Entschädigungsgesetz stößt bereits auf heftigen Widerstand. Vor allem die vorgesehene Verstrahlungsschwelle löste bei den Opfern Empörung aus, wie Michel Verger erklärt. Bei einer "Audienz" mehrer Opferverbände im Verteidigungsministerium am 22. Dezember wurde diese "empörende" Schwelle zwar aus dem Gesetzesprojekt entfernt, doch die Liste der radioinduzierten Erkrankungen, die für das künftige Gesetz erstellt wurde, bleibt laut den Betroffenen fragwürdig. Es wurden nämlich nicht die von den USA und der UNO bereits anerkannten Erkrankungen von der französischen Regierung übernommen. Das Verteidigungsministerium schalte hier, laut Michel Verger, auf stur. Mit der vorgesehen Liste würde es nur wenigen erkrankten Opfern gelingen, eine Entschädigung zugesprochen zu bekommen. Ob und wie die Witwen und Nachkommen entschädigt werden sollen, bleibe ebenfalls ungeklärt.

Zudem orten die Betroffenen eine Ungleichbehandlung der verschiedenen Opferkategorien. Dies sei vor allem der Fall für französisch Polynesien, wo die anerkannten Berufskrankheiten offenbar von der Herkunft abhängig sind: Für manche Krankheiten kann ein Veteran aus Frankreich einen Anspruch auf Entschädigung stellen. Ein Polynesier hingegen nicht. Auch den einheimischen Betroffenen der französischen Nuklearversuche in Algerien ergeht es nicht viel besser: Im werdenden Gesetz sind keinerlei Hilfsmaßnahmen für sie vorgesehen.

Am 13.Januar geht es in die nächste Runde. Da soll dann im Parlament weiterverhandelt werden. Die erkrankten Veteranen und einheimischen Anrainer der Kernwaffentests lassen aber die Hoffnung nicht fahren, dass die französische Nation endlich die Verantwortung für sämtliche Opfer der Nuklearversuche übernimmt. Für die militärischen wie zivilen, algerischen und polynesischen Verstrahlten der Republik und deren Familien verspricht der Weg zur endgültigen Anerkennung und einer eventuellen Entschädigung noch lang zu werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29431/1.html
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