Irak: Deutlicher Rückgang der zivilen Opfer

Thomas Pany 29.12.2008

Für Iraq Body Count sind die aktuellen Zahlen trotzdem keine Erfolgsmeldung

Die Verbesserung der Sicherheitslage im Irak, von der in den letzten Monaten öfter die Rede war, zeigt sich nun deutlich in den Zahlen, die die Nichtregierungsorganisation Iraq Body Count (IBC) aktuell veröffentlicht

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Die Zahlen der Zivilisten, die im Irak gewaltsam ums Leben kamen, sind keine Schätzung der IBC, wie die Organisation betont, sondern stützen sich auf offiziell gemeldete Todesfälle. Bis zum 21.Dezember sind es zwischen 8.315 und 9.028 civilian deaths, die in diesem Jahr in die Irak Body Count-Datenbank aufgenommen wurden. Die Unschärfe, die sich in Nennung einer höheren und einer niedrigeren Ziffer zeigt, rührt laut IBC von der Unsicherheit über den zivilen Status mancher Toter her, bzw. von der Ungenauigkeit der Opferzahlen bei größeren Zwischenfällen oder der Möglichkeit, dass manche Tote doppelt gezählt wurden.

Die bisherigen 8.315 bis 9.028 zivilen Opfer im Jahr 2008 stehen sehr viel höheren Zahlen aus den Vorjahren gegenüber: 22.671 bis 24.295 getötete Zivilisten im Jahr 2007 und 25.774 bis 27.599 Tote im Jahr zuvor. Rechnet man die Zahlen auf eine Tagesrate herunter, so ergibt sich "25 per day" für dieses Jahr. Verglichen mit "67 per day" (2007) und "76 per day" (2006).

Der "signifikante Rückgang" (IBC) wird laut BBC von irakischen Regierungsangaben bestätigt. Die irakischen Behörden ermittelten für 2008 5.714 Tote im Vergleich zu 16.252 Toten im Vorjahr.

Die Nichtregierungsorganisation listet Zwischenfälle, die zum Tod der Zivilisten geführt haben und deren Namen so genau wie möglich auf. Damit dokumentiert sie zum einen die "gewaltsamen Todesfälle aus der Zivilbevölkerung während und seit der Invasion im Jahr 2003. Zum anderen soll mit dieser Liste deutlich werden, dass über den abstrakten, anonymen Chiffren nicht vergessen wird, dass Menschenleben dahinterstehen: "Every statistic on this page can be traced to a human life violently ended."

Entsprechend fällt auch der Blickwinkel auf die jüngsten Zahlen aus: Keine Jubelmeldung über den Erfolg der amerikanischen Truppenaufstockung - the surge - sondern die Erinnerung daran, dass "keiner weniger Opfer ist, wenn er während eines rückläufigen Trends von Gewaltaten getötet wird" und dass 8.315 bis 9,028 Tote eine ziemlich große Zahl sind.

The stark reality is that some 9,000 more Iraqi civilians have had their lives violently cut short since the end of 2007, most of them anonymously and with little public recognition.

Eine nähere Sichtung der Daten würde zudem zeigen, dass die Opferzahlen vor allem in Bagdad deutlich zurückgingen. Außerhalb der Hauptstadt würden "weitaus weniger dramatische Rückgänge von Gewalttaten" verzeichnet, weiterhin würden jeden Tag Dutzende von Zivilisten durch Gewalt ums Leben kommen, die mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Zusammenhang steht.

Und doch bleibt festzuhalten, dass zum ersten Mal seit Beginn der Besatzung weniger Tote in Bagdad gezählt wurden als im Rest des Landes. Während die getöteten Zivilisten in der Hauptstadt von 2006 bis 2007 noch 54 Prozent der Gesamtzahl ausmachten, sind es 2008 nur mehr 32 Prozent. Dass der Rückgang vor allem mit dem Abflauen von der gewaltsamen Konflikte zwischen unerschiedlichen ethnischen bzw. religiösen Gruppierungen zu tun hat, ist Skeptikern nur oberflächlich ein gutes Zeichen. Die Viertel in der Hauptstadt, so die Argumente der Pessimisten, sind zu Festungen geworden, die Sunniten von Schiiten trennen. Die Ruhe zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften sei prekär, Gewalt könne jederzeit neu aufflammen, so die Befürchtung, die auch im IBC-Bericht erwähnt wird.

In der Öffentlichkeit dürfte vor allem aus dem Bericht zitiert werden, dass die "25 per day" die niedrigsten Opferraten seit vielen Jahren sind: Sie entsprechen den Werten, die man in den ersten 20 Monaten der Besatzung verzeichnete, also vor der Insurgency - eine Erfolgsmeldung ? Die Organisation fragt anders: Warum werden Zivilisten noch immer in so großer Zahl getötet? Gibt es Aussichten darauf, dass diese Zahl gegen Null gebracht werden kann? Oder gibt es hier Grenzen für die gegenwärtige Politik?

In welche Richtung die IBC-Antworten gehen, kann sich jeder denken, der die Arbeit der Organisation bislang verfolgt hat: Das Ende der Besatzung, so die unausgesprochene, aber naheliegende Folgerung des Berichts, würde das Ende der meisten Gewalttaten bedeuten. Zwar würde für drei Viertel aller gemeldeten Todesfälle von Zivilisten kein klar erkennbarer Täter angegeben, aber am deutlichsten identifizierbar seien Todesfälle unter der Bevölkerung, die entweder von Koalitionssoldaten verursacht wurden oder von jenen, die sich ihnen widersetzen.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29441/1.html
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