Angriff auf den Gaza-Streifen

30.12.2008

Der Konflikt zwischen dem israelischen Militär und der Hamas wird weiter eskalieren, aber er unterscheidet sich vom Libanon-Krieg gegen die Hisbollah

Nach dem für Israel unglücklich verlaufenen Krieg gegen die Hisbollah im Libanon hat sich die israelische Regierung auf die Operation "Gegossenes Blei" lange vorbereitet. Zwar hat Verteidigungsminister Ehud Barak von "einem Krieg bis zum bitteren Ende" gesprochen, die Ziele wurden aber offensichtlich nicht zu hoch gesetzt. Erreicht werden soll das Ende des Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen, für den Israel die Hamas verantwortlich macht.

UN-Generelsekretär Ban Ki-moon forderte am Montag beide Seiten auf, die Gewalt einzustellen, Opfer unter Zivilisten zu vermeiden und Hilfslieferungen in den Gaza-Streifen zu lassen. Das richtet sich insbesondere an Israel. Es müsse sofort einen Waffenstillstand geben, zudem solle die "aufhetzende" Propaganda eingestellt werden. Er kritisierte auch die Länder in der Region und die internationalen Partner, nicht genügend zu machen, um den Konflikt zu beenden. Ban erklärte, er habe wiederholt von Hamas das Ende des Raketenbeschusses gefordert und das Recht auf Selbstverteidigung Israels bekräftigt, gleichwohl verurteile er die "exzessive Gewalt", die Israel im Gaza-Streifen ausübt. Vor allem bedauert er die "erschreckenden Geschehnisse auf dem Boden", zumal die Bevölkerung zur Hälfte aus Kindern besteht.

Ebenso wie die US-Regierung machte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hamas für den Konflikt verantwortlich, während das Vorgehen Israels trotz der Kritik seitens der UN als gerechtfertigt dargestellt wird. Es spricht nicht viel dafür, dass der Konflikt bald beigelegt werden könnte, befürchtet werden muss hingegen, dass eine weitere Eskalation stattfindet.

Der israelische Vize-Generalstabschef Dan Hare drohte denn auch, dass die Operation erst am Beginn stehe und das Schlimmste erst noch komme. Am Ende werde kein Gebäude der Hamas mehr existieren. Man richte die Angriffe nicht nur auf "Terroristen und Raketenabschießer", sondern auf die gesamte – gewählte – Hamas-Regierung (Totale Verneinung). Man werde auch keine Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen Hamas-Flügeln treffen. Die israelische UN-Botschafterin Gabriela Shalev legte rhetorisch noch nach und sagte, Ziel sei es, die Terrorgruppe "vollständig zu zerstören".

Hamas wiederum verlangt die Einstellung aller Kampfhandlungen vor dem Beginn von Waffenstillstandsvehandlungen. Die Angriffe auf den Gazastreifen, die gegen internationales Recht verstoßen sollen, weil sie sich auch gegen Zivilisten richten, rechtfertigen für die Palästinenser-Organisation wiederum Angriffe überall in Israel. Gemeint sind damit wohl Selbstmordanschläge.

Die Operation richte sich nicht gegen Zivilisten, meinte Barak. Im Unterschied zu den von Hamas auf zivile Ziele abgeschossenen Raketen sei Israel bemüht, diese zu vermeiden. Das können die Menschen im Gaza-Streifen, die sich in einem großen und abgeriegelten Gefängnis befinden und nicht wie Menschen während des Libanon-Krieges fliehen können, wohl nicht nachvollziehen.

Auch nachdem Israel die Versorgungstunnel bombardiert, mit denen Waffen – aber auch Treibstoff und Lebensmittel - eingeschmuggelt werden können, ist die Lage im Gaza-Streifen mit der 2006 im Libanon nicht zu vergleichen. Eine mögliche Bodenoffensive, mit der das Gebiet, aus dem Israel vor 3 Jahren abgezogen ist (Vor dem Aus), wieder besetzt wird, dürfte für Israel weitaus einfacher und erfolgreicher sein, als dies im Libanon der Fall war. Schon vor zwei Jahren hatte Israel während des Libanon-Kriegs den Gaza-Streifen bombardiert und war wieder in ihn einmarschiert, um gegen den Beschuss mit Kassam-Raketen vorzugehen (Rückkehr nach Gaza). Auch damals wurden viele Menschen getötet (Der unbequeme Konflikt).

Allerdings hat sich Hamas auf einen Angriff vorbereitet, auch wenn die Organisation womöglich von den Bombardierungen zu Weihnachten überrascht wurde. Israel wollte sicherlich noch die kurze Zeit nutzen, in der George W. Bush an der Macht ist, obgleich auch Barack Obama bei seinem Israel-Besuch vor einem halben Jahr gesagt hatte, dass er alles unternehmen werde, wenn sein Haus mit Raketen beschossen würde. Der israelisch Verteidigungsminister Ehud Barak verweist auf diesen Ausspruch.

Bunker, Raketen und ausgebildete Kämpfer

Nach Informationen von Haaretz muss das israelische Militär mit etwa 15.000 bewaffneten Palästinensern rechnen, die der Hamas zugehören. Dazu könnten einige weitere tausend Militante aus anderen Gruppen wie dem Islamischen Dschihad kommen. Hamas selbst dürfte den Krieg gegen die Hisbollah genau analysiert haben, die Israel mit Raketen beschossen und ein Netz an Bunkern angelegt hatten. Zwar wurden aus dem Gaza-Streifen bereits Katjuscha-Raketen mit einer Reichweite bis 40 km abgeschossen, aber man kann davon ausgehen, dass die für Israel vom Gaza-Streifen ausgehende Bedrohung durch Raketen, auch wenn es einen großen Vorrat geben sollte, sehr viel geringer ist als durch die besser gerüstete Hisbollah.

Man geht davon aus, dass etwa 80 Raketen täglich abgefeuert werden können, allerdings meist mit einer geringen Reichweite. Ähnlich wie die Hisbollah soll Hamas zahlreiche Tunnels, Bunker und mit Sprengfallen gesicherte Gebäude eingerichtet haben. Hamas soll auch über Antipanzerraketen verfügen. Welche das sind, ist aber noch nicht bekannt. Die Hisbollah konnte mit russischen Antipanzerraketen dem israelischen Militär erhebliche Verluste zufügen.

Im Unterschied zum Libanon gehen Militärexperten wohl zu Recht davon aus, dass der Gaza-Streifen von Israel besetzt werden kann. Die Frage ist, zu welchem Preis dies geschehen würde, schließlich hat die Hamas ähnlich der Hisbollah mit Iz al-Din al-Qassam, einen militärischen, angeblich gut ausgebildeten Flügel aufgebaut, der aus etwa tausend Mann bestehen soll. Manche Ausbilder sollen in Trainingslagern der Hisbollah im Libanon und solchen der Revolutionären Garden im Iran gewesen sein.

Von zentraler Bedeutung ist, ob Hisbollah im Norden aktiv in den Konflikt eingreifen wird. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat allerdings bislang nur zur Wachsamkeit und zu Protesten aufgerufen.

Die Bewohner des Gaza-Streifens, die in ihm gefangen und den Strategien von Hamas und Israel ausgesetzt sind, fühlen sich als Opfer aller Seiten. So sagte ein 23jähriger Student dem Sender al-Dschasira:

The world looks at unarmed Palestinian people as though they are a nation with an army, as though we are equal to the Israelis. They think we have real rockets that cause a lot of damage or have a big effect, but this is not true. The Israeli occupation carries all the responsibility for this, although Hamas has made a lot of mistakes. I think Hamas should have more responsibility as a government, to protect civilians and tell them that the situation is bad and to prepare for that.

Hamas transmits an image that we are an army and we are strong, so people in Gaza think that Hamas is strong like Hezbollah in Lebanon, they think that the Israeli occupation [army] can't do anything against Hamas. But the reality is that we don't have anything and they have struck everything in Gaza.

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