Welche Krise? Das Jahr der Taten

04.01.2009

Das Ende der Perfektion: 75 Gründe, warum es uns besser gehen wird

Oh je oh je - die Welt geht wieder mal unter! 2008 war ja nur das Jahr zwischen den Jahren, erst 2009 ist das Krisenanfangsjahr. Denn bald nach Ausbruch der Weltfinanzkrise verständigte man sich bereits darauf, dass deren wahres Ausmaß erst 2009 deutlich werde. Bundeskanzlerin Merkel hat 2009 offiziell zum "Jahr der schlechten Nachrichten" ernannt. Ein ehrgeiziger Anspruch, der allerdings erst einzulösen ist. Aber das "Krisotainment" (Matthias Horx) ist schon mal die erste Boomindustrie der Gegenwart. Da das menschliche Hirn glücklicherweise von der Evolution darauf ausgerichtet ist, in die Zukunft zu schauen und nachzudenken, haben wir genau 75 gute Gründe aufgeführt, warum man auch dem gerade begonnenen Jahr mit Optimismus entgegenblicken kann. Überhaupt: Krise? Welche Krise?

1. Schlechte Zeiten sind immer gute Zeiten für die Kunst und den Journalismus.

2. Die Finanzmärkte sind am Boden, der Kapitalismus kollabiert. Eben.

3. Nichts ist mehr, wie es war. Gut so.

4. Wer nichts hat, dem kann man nichts nehmen.

5. Auf den Abschwung folgt der Aufschwung.

6. Aus einer Krise wird eine Chance, wenn man sich von alten Denkweisen und Ritualen befreit und die Welt besser versteht. Katharsis bezeichnet seit Aristoteles das Durchleben von Jammer und Schauder durch das man als Zuschauer einer Tragödie eine Läuterung seiner Seele von falschen Leidenschaften erfährt.

7. "Das Jahr 2009 wird ein Jahr der Taten sein!" (Mehdi Benhadj-djilali)

8. 2009 wird in Norwegen die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt.

9. So fiktiv wie die Gewinne waren, sind es jetzt auch die Verluste. Wenn jene Rechnungen stimmen würden, nach denen im Zuge der Finanzkrise 23 000 Mrd. $ "vernichtet" wurden, läge dies weit über den Gesamtkosten des Zweiten Weltkriegs. Trotzdem sind keine Fabriken zerstört worden, nirgendwo Städte zu auch nur geringen Teilen ausradiert. Es kann hier also etwas nicht stimmen. Was da nicht stimmt, ist klar: Während realer Wohlstand konkreter materieller Wohlstand ist, handelt es sich bei den Geldschöpfungen des Finanzmarkts um Abstraktionen, also virtuellen Wohlstand. So wie das Bankensystem zusammenbrechen würde, wenn alle am gleichen Tag ihr sämtliches Geld abheben würden, weil das Bankensystem darauf basiert, dass Banken mehr Geld ausleihen, als auf ihnen deponiert wird, so wird auch am Finanzmarkt mit real inexistenten Werten gehandelt. Die Bewertung der Welt durch die Brille des Finanzmarkts war immer eine Überbewertung.

10. Zum ersten Mal seit Gründung der Volksrepublik China 1949 werden alle Bürger zum Nationalfeiertag eine ganze Woche lang frei haben, vom 1. bis zum 8. Oktober, wie der Staatsrat im Dezember beschloss.

11. 2009 ist ein deutsches Dauerwahlkampfjahr mit der Europawahl, der Bundestagswahl, den fünf Landtagswahlen in Hessen, Sachsen, Thüringen, dem Saarland und in Brandenburg, den sechs Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, in Baden-Württemberg und Sachsen und der Wahl des Bundespräsidenten.

12. "Gewiss, Horst Köhler ist ein freundlicher Mensch, aber ist Nettigkeit eine ausreichende Qualifikation für das höchste deutsche Staatsamt?" (Sebastian Edathy (SPD)

13. Kurt Beck ist weg.

14. "Es geht nicht um mich, es geht um Inhalte." (Andrea Ypsilanti)

15. Bundeskanzlerin Angela Merkel zehrt zwar nach wie vor noch von im Vergleich zu ihrer Partei relativ hohen persönlichen Beliebtheitswerten. Dennoch hat sie es bislang nicht geschafft, die CDU in der Sonntagsfrage über 40 Prozent zu heben. Heute steht "Angela mutlos" Merkel in der öffentlichen Kritik, wie zuvor nie in ihrer Kanzlerschaft. Sie erscheint als Zauderin, die sich von den Ereignissen treiben lässt und von Selbstzweifeln aufgefressen wird.

16. Friedrich Merz wird für den nächsten Bundestag nicht mehr kandidieren.

17. Roland "Ich lasse mir von Türkenvertretern nicht den Mund verbieten." Koch kandidiert in Hessen und wird gewinnen. So sorgt Koch dafür, dass das wahre Gesicht der CDU weiterhin bundesweit sichtbar bleibt.

18. Finanzblasen sind so alt wie der Geldkreislauf; es gab sie im antiken Rom wie in der Renaissance, als im Florenz der Medicis reihenweise Banken pleitegingen. Und auch im Platzen können Blasen noch Fortschritt bewirken: Die holländische Tulpen-Manie des 17. Jahrhundert hat zwar Hunderte von Kaufleuten ruiniert, langfristig aber dazu beigetragen, dass die Niederlande zu einer führenden Agrarnation geworden sind. Die Eisenbahn-Spekulation des 19. Jahrhunderts kostete viele Sparer ihr Geld, schuf aber innerhalb weniger Jahre ein kontinentales Schienennetz in Europa und den Vereinigten Staaten.

19. 2009 ist das Europäische Jahr der Kreativität und Innovation - was will man mehr?

20. Hin und wieder muss in der Evolution auch etwas aussterben, um Platz für Nachrücker zu machen. Laut der Extinction Timeline der Trendforscher Richard Watson, Ross Dawson und anderer Kollegen steht fürs Jahr 2009 das "Briefeschreiben" und das "Schuhe reparieren", überhaupt das Flicken an. Von Heuschrecken und Finanzmarkt steht dort allerdings nichts.

21. "Im Moment, in der Finanzkrise, funktioniert der handelnde, der arbeitende Politiker gut. Das hilft dem Finanzminister Steinbrück. Das ist ein Typ, den keiner richtig mochte, weil er so was Oberlehrerhaftes hat: Intelligenz mit etwas Arroganz und gar keine Wärme. Jetzt ist auf einmal genau solch ein Oberlehrer gefragt, der rechnen kann und mit kühlem Kopf bis zum Kleinkrämerischen die finanziellen Vorgänge koordiniert. Was man bei Steinbrück aber darüber hinaus merkt: Der hat da totalen Bock drauf, endlich arbeiten zu können und nicht Folklore betreiben zu müssen. Er kann sich einfach um die Finanzen kümmern. Schnell, harsch, ruppig und mit diesem supergut sortierten Kopf. So mag er das. Und weil die Leute das merken und jetzt auch wollen, ist er die ideale Besetzung. Bei Steinbrück gibt es derzeit diese Kongruenz zwischen Bild und Alltag." (Heike-Melba Fendel)

23. Mehr als jeder zweite deutsche Mann zwischen 35 und 39 Jahren ist zu dick oder fettleibig. Laut Ernährungsbericht 2008 der "Deutschen Gesellschaft für Ernährung" (DGE) sind etwa 68 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen zwischen 18 und 80 Jahren übergewichtig. Schon Kleinkinder futterten zu süß, zu salzig und zu viel Eiweiß in Fleisch, Wurst oder Käse. Es ist also noch Potential zum Abspecken da.

24. Die Zahl Null wird "zum Idealwert und zum immer beliebteren Verkaufsargument" - so das Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI):http://www.gdi.ch/. Das - allerdings zum Migros-Konzern gehörende Trendforschungsinstitut meint, gegenwärtig sei alles interessant und attraktiv, das sich mit dieser Zahl verbinden lässt: Null Kalorien, null Kosten, null Risiko, null Energie, null Emissionen, null Wartezeit. Also auch Null-Wachstum.

25. "Die Auswirkungen einer Rezession sind nicht alle schlecht: Zum ersten Mal habe ich einen langen Weihnachtsbrief der Dresdner Bank bekommen, in dem mir in einer geradezu pathetischen Sprache dafür gedankt wird, dass ich mein Vermögen nicht woandershin transferiert habe." Roger Boyes, The Times

26. Schmidt und Pocher hören auf

27. Schmidt macht weiter

28. Der überfällige Aufstand der Angepassten und Wohlbehüteten rückt näher. Nicht mehr Banlieu-Bewohner "mit Migrationshintergrund", sondern die wohlhabenden, unpolitischen, langweiligen Kinder der Mittelschicht, der "Generation Praktikum" oder "Generation 700 Euro", deren Zukunft längst verspielt ist, merken, dass ihre jahrelange Anpassung am Ende nicht belohnt wird, und beginnen, ernsthaft zu protestieren. Natürlich nicht in Deutschland. Da herrscht einstweilen angstgespeister Pragmatismus und die Diktatur eines fatalistischen neuen Biedermeier. Aber das wird noch werden.

29. "Normale Menschen legen ihr Geld nicht in Aktien an." (Helmut Schmidt)

30. Überhaupt Helmut Schmidt. Natürlich kann man darüber leicht lästern, wenn ein 90-jähriger zum Heilsbringer und Bestsellerautor wird. Aber was man von Schmidt lernen kann, sind genau die Dinge, die den Deutschen am meisten fehlen: Cool zu sein, aber nicht kalt, Zivilcourage in der Öffentlichkeit (Stichwort: Rauchen) und endlich Schluß zu machen mit dem ganzen Getue.

31. Durch die Finanzkrise geht den Öko-Hardlinern die Luft aus. Die Menschen denken wieder über wichtigere Dinge nach als über Energiesparlampen am Fahrrad, umweltgerechtes Reisen und Weltrettung durch Nachhaltigkeits-Wellness. Überhaupt geht es bei dem Rausch des Guten, der Deutschland alle Jahre wieder durchzieht ja gar nicht so sehr um die Umwelt - oder jetzt besonders: Das Klima, sondern um eine Möglichkeit, mit diesem Instrument andere gesellschaftliche Ziele zu verfolgen und Mitmenschen zu regulieren, kontrollieren, moralisch abzuurteilen und zu beherrschen. Das gute Öku-Gewissen ist nur das neueste Gewand des guten alten Spießbürgers.

32. Ähnliches gilt für die Gesundheits- und Ernährungs-Stalinisten: Bio-Lebensmittel sind entzaubert. Dass Bio automatisch gleich besser ist, glauben heute nur noch die wenigsten. Noch immer gibt es zwar - besonders am Prenzlauer Berg in Berlin - Menschen, die für einen Liter Magermilch von "Naturkind" freiwillig 1, 29 Euro zahlen statt 49 Cent für den Liter vom Discounter. Aber "Genuss mit gutem Gewissen" hat seinen Chic spätestens verloren, seit es in jedem Supermarkt eine Bioecke gibt. Das Beispiel der "Bionade" zeigt zwar, was "Greenwashing" als Marketingstrategie heißt und mag lifestylemäßig die schwarzgrüne Koalition vorwegnehmen - wer ernsthaft glaubt, damit die Welt zu retten, beweist nur, dass er ziemlich unpolitisch ist. Klar: In der Sprache des Prenzlauer Bergs heißt das dann "postideologisch".

33. Der Hype um die neue Ökobourgoisie der Lohas ("Lifestyle of Health and Sustainability") und deren "neue Bürgerlichkeit" ist damit auch fürs erste vorbei. Auch in 20 Jahren wird die Familie zwar die vorherrschende Lebensform sein, aber neue Lebensmodelle gewinnen an Bedeutung.

34. 2009 bringt das Ende der Perfektion: Das Gerede von den Supermenschen, den bodybuildinggestählten, biofoodernährten Managern mit grünwählender Halbtagsmodellfrau aus landadeligem Elternhaus, deren Söhne Friedrich und Carl und deren Töchter Theresa und Sophie heißen, diesen Lance Armstrongs der Wirtschaft ist deligitimiert.

35. Ebenso der Leistungsfetischismus jener aalglatten Erfolgsmaschinen, die immer behaupten, dass auch jeder andere schaffen könne, was sie vollbracht haben. Man muss eben nur wollen! Der Gott der Leistung ist tot.

36. Wir haben wieder viele neue Worte gelernt: Emittentenrisiko, Derivate, Tricksilanti.

37. Im chinesischen Horoskop ist 2009 das Jahr des Büffels: "Menschen, die im Jahr des Büffels geboren sind, sind gutmütig, bescheiden und kennen eigentlich keinen Konkurrenzneid. Sie sind fleißig und geduldig und schweigen lieber als dass sie ein Wort zu viel verlieren. Sie sind konsequent in ihren Handlungen und man kann sich als Freund auf sie verlassen. Der Büffel weiß genau, was er will und auch wohin er will! Indem er seine Angelegenheiten immer mit Bedacht angeht und sich nicht Hals über Kopf ins Risiko stürzt, ist Haus und Hof abgesichert, während andere ständig im Kampf mit dem Pleitegeier liegen. Durch seine ehrliche Liebenswürdigkeit verfügt der Büffel über einen großen Freundeskreis und man schaut gerne bei ihm vorbei. Umgekehrt ist er durch seine Kontakte in der ganzen Welt willkommen."

38. Wir erinnern uns jetzt wieder daran, immer das Kleingedruckte zu lesen.

39. Der von David Montgomery geführte britische Medienkonzern Mecom-Holding, dem unter anderem auch die "Berliner Zeitung" gehört, ist am Ende. 2007 war die Mecom an der Börse noch rund eine Milliarde Euro wert, im Januar 2008 noch immerhin 700 Millionen. Derzeit ist die Mecom-Aktie weniger als einen Penny wert - womit der Konzern an der Börse nur noch etwa 14 Millionen Euro kostet. Dafür beläuft sich der Schuldenberg auf über 600 Millionen Euro. Das ist eine gute Nachricht, denn Montgomery ist nicht nur eine der gefräßigsten Heuschrecken, der kaum investiert, aber immer höhere Renditen fordert, er ist ein erklärter Ignorant und Zerstörer von Medienqualität, gegenüber seinen Angestellten ein herz- und hirnloser Manchesterkapitalist.

40. Borussia Dortmund wird 100

41. 2009 ist das Heinz Erhardt-Jahr: "Oft glänzt der Himmel strahlend blau,/ und oft glänzt eine Hose,/ es glänzt die Nase einer Frau/ vor dem Gebrauch der Puderdose./ Durch Abwesenheit glänzt das Glück!/ Durchs Bohnern glänzt die Diele –/ man rutscht drauf aus und bricht’s Genick!/ (Zu großer Glanz ist nichts für viele!)

42. Der "Shift to Asia", die geostrategische und wirtschaftliche Machtverschiebung Richtung Indien und China wird beschleunigt. Damit passiert nur schneller, was sowieso passiert. Die Krise schafft mehr Zwang zur Zusammenarbeit, zunehmend globalisierte Märkte werden dazu führen, dass der Wohlstand, an dem derzeit zwei Milliarden Menschen vor allem in der westlichen Welt partizipieren, sich in Zukunft gleichmäßiger über den Erdball verteilt. Ironie: Eines der letzten sozialistischen Systeme rettet womöglich den westlichen Kapitalismus. 200 bis 250 Millionen Chinesen lernten derzeit eine Fremdsprache. China bildet jährlich zehn Mal mehr Ingenieure aus als der Rest der Vereinten Nationen. Da gilt Thomas Manns schöner Satz: "Wenn schon Untergang, dann möchte man doch wenigstens dabei gewesen sein."

43. "Frankreich handelt, Deutschland denkt nach." (Nicholas Sarkozy)

44. Auch 2009 wird die Welt nicht untergehen.

45. "Die Welt wird nicht wieder so werden wie vor der Krise." (Peer Steinbrück)

46. Musik ist Trumpf im überaus musikalischen Jahr 2009: Das Händel-Jahr wird zum 250. Todestag ebenso gefeiert wie das Haydn-Jahr zu dessen 200. Todestag 2009 und das Mendelssohn-Jahr zum 200. Geburtstag des Komponisten.

47. Alle Inflationsgefahren haben sich in Luft aufgelöst.

48. 2008 sind die Aktien so extrem gefallen, dass es 2009 gar nicht in ähnlicher Weise möglich ist. Analysten der Wall Street setzen auf steigende Kurse.

49. Auf die Banken ist kein Verlass mehr. Gut so. Ausgaben werden in Zukunft weniger über - oft zweifelhafte - Kredite finanziert, sondern über Gewinne. Aus Eigenkapital. Anders gesagt: Es wird nur das ausgegeben, was vorher erwirtschaftet wurde; die Unternehmen boomen nicht mehr länger auf Pump, um im Fall der Krise, alles auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Und sogar Josef Ackermann möchte eine Wiederbelebung der Deutschland AG. Aber die Banken verhalten sich auch in der Krise so, wie sie eben sind - sie sorgen dafür dass ausgerechnet in der Krise die Kredite knapp gehalten werden. Gut so, denn das erschüttert den Mythos Bank weiter.

50. Wirtschaft findet nicht mehr in der Wirtschaft statt. Die Politik hat ihre Zuschauerrolle verlassen. Jetzt nutzt sie die Schwächen, die viele Wirtschaftslenker zeigen, setzt das Primat der Politik durch. Das war überfällig. Dabei bedeutet Primat der Politik keineswegs pauschal "mehr Staat". Aber natürlich gilt: Wer zahlt, bestellt auch die Musik. Daher wird der Druck in Zukunft wachsen, auch auf operative Unternehmensentscheidungen Einfluß zu nehmen. Gut so. Denn wenn die Quittungen der Unternehmensführer beim Steuerzahler eingereicht werden, soll der auch mitreden. Eine Beschäftigungsgarantie zu fordern, ist noch kein Staatsinterventionismus. Aber bisher haben die Unternehmen die Kosten für eigene Schlampereien auf die Allgemeinheit abgewälzt. Wenn es jetzt wegen selbstverschuldeter Fehler mal weniger Arbeit gibt, zahlen sie das Arbeitslosengeld aus eigener Tasche. "Politik ist das Schicksal" wusste schon Napoleon.

51. Die Wirtschaft ist kleinlaut geworden. Wer nicht mitzieht, steht am Pranger. Gut so. Wer sich in der Krise auf Entlassungen beschränkt, schädigt sein Image.

52. Der Börsengang der Bahn ist einstweilen passé. Das Verkehrsaufkommen im Güterverkehr ist im Jahresschnitt um 4%, im Dezember sogar 40% zurückgegangen. Das heißt: Der Anteil des Personenverkehrs steigt proportional stark an. Bahnchef Mehdorn muss sich wieder etwas mehr Mühe um seine Kunden geben. Solange er noch Bahnchef ist.

53. Ein neuer "New Deal" wird kommen. Und zwar in allen westlichen Ländern. Endlich wird hier wieder in Schulen und Universitäten investiert werden, in Straßen und Schienen, in Stromversorgung und Glasfasernetze, auch Trink- und Abwasserleitungen, in Infrastruktur jeder Art.

54. 2009 ist die beste Zeit zum Bauen. Den Handwerksfirmen geht’s schlecht, da kann man gute Preise erzielen, die Zinsen niedrig wie nie.

55. Deutschland droht zwar eine neue Rekordverschuldung. Aber Schulden-Geld ist derzeit relativ billig und Deutschland im europäischen Vergleich eher schwach verschuldet.

56. 2009 werden endlich erste Private-Equity-Firmen, pardon: Heuschrecken-Investoren pleite machen. Es können gar nicht genug werden.

57. Der Dollar ist schon wieder schwach. Kurz dachte man auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, jetzt ginge es mit dem Dollar-Euro-Wechselkurs aus europäischer Sicht bergab, und die Zeit billigen Einkaufens in New York seien vorbei. Zwar liegt der Rekordwechselkurs des letzten Sommers von 1.60 Dollar pro Euro noch weit entfernt, aber derzeit liegt er bei etwa 1.40. Die Richtung stimmt.

58. Die Krise ist nicht neu: Die vielgelobte deutsche Technik-Industrie ist korrupt (vgl. Siemens), die Automobilindustrie hat seit Jahren nur von den russischen und chinesischen Neureichen gelebt, und auch der Rest ist im Niedergang.

59. "Was auch immer geschieht, die Party ist vorbei." (Hans-Werner Sinn)

60. Die Finanzkrise ist total interessant. Ein großes theoretisches Experiment, faszinierend für Ökonomen und Kulturwissenschaftler: Denn jetzt tun die Ökonomen etwas, was bisher in keinem Lehrbuch steht, bald aber stehen wird: Sie installieren eine Planwirtschaft auf Zeit. Die US-Notenbank überflutet die Volkswirtschaft mit Geld, um sie zu retten, entscheidet, welche Wirtschaftssektoren Geld bekommen, die Regierung bestimmt, welche Güter nachgefragt werden. Der Marktglauben ist zuende. "Es wäre weltfremd alles dem Markt zu überlassen", sagt sogar Christian Wulff.

61. Meistens sind es Zeiten von Chaos, Verwerfung und innerer Zersetzung, die neue Lehren hervorbringen.

62. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel der Zukunft. Als Faltrad, als Elektrofahrrad. Ein erster Gewinner der Klimadiskussion und der hohen Benzinpreise.

63. "Das Ende der christlichen Weltepoche bedeutet gerade nicht, dass auf den apokalyptischen Stress das neokosmologische Aufatmen folgt. Nur in der Generation unserer Großväter war die Vision suggestiv, dass wir neue Griechen werden könnten; bis zum Vorabend des Nationalismus war es verlockend, mit Nietzsche zu glauben, man könne aus der christlichen Dekadenz in die heidnische Gesundheit emigrieren und die Geschichte für den Kosmos opfern. Vom kosmischen Kreislauf der Zeiten war keine Generation jemals so entfernt wie die heutige. Nie war die Rückkehr von der linearen Geschichte in eine zyklische Ordnung der Dinge so unwahrscheinlich wie jetzt." (Peter Sloterdijk)

64. "Ich bin seit 30 Jahren der Gleiche. Ich erzähl' den gleichen Scheiß und mach' die gleiche Sendung." (Thomas Gottschalk)

65. Die "Ausbeutung" gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist." (Friedrich Nietzsche)

66. Jeder kann gewinnen. Hier die Gewinnzahlen im Mittwochslotto 2009: 5, 17, 22, 23, 39, 41

67. Christian Klar darf sich resozialisieren, Investmentbanker sind im Knast.

68. "Sollte 2009 tatsächlich ein Jahr der schlechten Nachrichten werden, gibt es eine Bevölkerungsschicht, die darin keinen Grund für übermäßige Traurigkeit sieht, sondern sogar Kraft daraus schöpft. Denn dann geht es der breiten Masse so wie bislang nur einer ausgegrenzten Minderheit: den depressiven Menschen in unserem Land. Endlich wird das ganze Land so wie sie: nämlich voll mit grauen, traurigen, niederschmetternden Gedanken. Niemand muss sich 2009 mehr schämen, wenn er schon wieder nicht vor die Tür gehen kann, es nicht zur Arbeit schafft oder einfach zu müde war, sich die Haare zu kämmen. Im neuen Jahr sehen auch die ehemals Fröhlichen, diejenigen, die immer an den Fortschritt und das Wachstum und vor allem an das eigene Vorankommen und ihr Recht auf Glück geglaubt haben, wie die Welt wirklich ist: ein Ort, an dem es wenig zu lachen, aber viel zu überdenken und zu beklagen gibt." (taz)

69. "Es ist keine Finanzkrise, was wir gerade erleben. Es ist nur das neueste und bisher gefährlichste Symptom einer seit zwanzig Jahren grassierenden Geisteskrankheit, und die Träger und Verbreiter des Virus sind Menschen mit Harvard-Diplom, MBA und Doktorhut." (Christian Nürnberger)

70. Egal, ob Hoffenheim Meister wird, beweisen sie schon jetzt: Geld schießt Tore. Das wäre immerhin mal geklärt.

71. "Das billigste Vergnügen ist die sittliche Entrüstung." (Oscar Wilde)

72. 2009 wird die Bundesrepublik 60 Jahre alt, und der Mauerfall 20.

73. 2009 ist das "Internationale Jahr der Aussöhnung", das "Internationale Jahr der Naturfasern", das UNO-Jahr der Astronomie, das Calvin-Jahr, das Anselm-Jahr, und schon wieder (nach 2005) ein Schiller-Jahr: Am 10. November von 250 Jahren wurde Friedrich Schiller geboren. Der Aal ist der Fisch des Jahres.

74. "Schwarze Farbe geht nicht besser als sonst auch." (Ron Benschneider, Geschäftsführer der Berliner Prosol Lacke und Farben GmbH)

75. "Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:/
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein/
Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden./
Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch und Bein/
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein./
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden."
(Andreas Gryphius)

Man sieht: So schlecht sind die Zeiten gar nicht. Also vielleicht doch nicht so gut für die Kunst und den Journalismus.

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