Von Spiegeln, Wolken und schwarzer Erde

08.01.2009

Ist Geo-Engineering ein Teil der Antwort auf den Klimawandel?

Die Zeit für wirksame Klimaschutzmaßnahmen wird langsam knapp. Spätestens bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts muss der Trend zu weiter wachsenden Treibhausgasemissionen aufgehalten sein. Zeit, meinen einige, sich Gedanken über einen Plan B zu machen, über aktives Eingreifen in das Klimasystem, über Maßnahmen mit denen der Atmosphäre Treibhausgase entzogen werden könnten.

Der Independent berichtete von einer Umfrage, die sie unter 80 international führenden Geowissenschaftlern durchgeführt hat, die sich vor allem mit dem Klimasystem und dem drohenden Klimawandel beschäftigen. Leider werden nur einige wenige Teilnehmer direkt benannt, aber man kann wohl davon ausgehen, dass es sich überwiegend um Wissenschaftler aus dem angelsächsischen Raum und aus Westeuropa handeln dürfte.

Mehrheitlicher Tenor der Antworten: Die Zeit für Klimaschutz wird knapp; bisher haben die internationalen Verträge wenig bewirkt; es wird Zeit für aktives Eingreifen in das Klimasystem. Letzteres, Geo-Engineering genannt, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Glaubt man dem Independent, dann hat es in letzter Zeit einen Meinungswandel gegeben. Die Zustimmung sei deutlich gewachsen. Nachprüfen lässt sich das schlecht, denn die Zeitung veröffentlicht leider nicht die Liste der Befragten, sondern nur einzelne Zitate aus den Antworten.

Nach wie vor sehr umstritten sei die Idee, mit großen Spiegeln im Weltraum einen Teil des Sonnenlichts abzulenken. Das wäre sicherlich eine äußerst teure Option und vor allem eine, die dem Missbrauch Tür und Tor öffnen würde. Derlei Spiegel könnten u.a. auch genutzt werden, um in unliebsamen Staaten das Wetter gezielt zu beeinflussen. Ähnliches gilt in entsprechender Form sicherlich auch für Überlegungen, die Wolkenbildung über den Meeren zu verstärken, um damit die Reflektivität der Erde zu erhöhen. Möglicher Missbrauch spricht zwar nicht per se gegen solche Maßnahmen – deren Machbarkeit im Übrigen noch nachzuweisen wäre –, wirft aber immerhin schwierige Fragen nach Völkerrecht und konkreter Kontrolle derartiger Mechanismen auf. Dass ein Staat oder einzelne sie im Alleingang anwenden wäre jedenfalls höchst problematisch.

Auch das berüchtigte Eisendüngen der Ozeane wird mal wieder zitiert, und zwar erstaunlich positiv. Die Idee hört sich gut an. Durch Ausbringen von Eisenpulver über größeren Meeresflächen wird das Algenwachstum befördert. Die Algen nehmen Kohlenstoff auf, sterben ab, sinken zum Meeresboden und entziehen so dem System Treibhausgas. (Der Kohlenstoff stammt über Umwege aus dem CO2 der Luft.) Derlei wird nun schon seit mindestens 20 Jahren immer mal wieder diskutiert und mitunter marktschreierisch als der Königsweg im Klimaschutz angepriesen. Nur hat bisher keiner nachweisen können, dass es tatsächlich funktioniert. Die Algen können nämlich genauso gut von anderen Lebewesen gefressen oder von Bakterien abgebaut werden, bevor sie den Meeresboden erreichen.

Terra Preta, um der Atmosphäre CO2w zu entziehen und Böden zu verbessern

Nicht erwähnt wird hingegen unerklärlicher Weise die so genannte Terra Preta, die von einigen Klimawissenschaftlern in letzter Zeit manchmal ins Spiel gebracht wird, unter anderem auch von dem bekannten NASA-Klimawissenschaftler James Hansen, der erst vor wenigen Tagen einen flammenden persönlichen Appell an den kommenden US-Präsidenten Barack Obama gerichtet hatte. Hansen hatte in der Vergangenheit in verschiedenen wissenschaftlichen Beiträgen Terra Preta als Mittel ins Spiel gebracht, der Atmosphäre CO2 zu entziehen, u.a. auch, weil er der Ansicht ist, dass die atmosphärische Treibhausgas-Konzentration unter das gegenwärtige Maß abgesenkt werden muss, um die großen Eismassen auf Grönland und in der Antarktis langfristig zu stabilisieren.

Terra Preta ist portugiesisch und bedeutet schwarze Erde. Im Amazonasbecken haben dessen Bewohner lange vor Ankunft der ersten Europäer den eigentlich sehr nährstoffarmen Urwaldboden – in den tropischen Regenwäldern sind fast alle Nährstoffe in den Pflanzen und Tieren gebunden, während der Boden über keine Humusschicht verfügt – mit Holzkohle erheblich aufgewertet. Feingemahlene Kohlestückchen können offensichtlich erstens den Kohlenstoff über viele Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende, in der Erde halten und zugleich andere für Pflanzen wichtige Stoffe langfristig binden. Über das ganze Amazonasbecken finden sich solche Flecken "schwarzer Erde", die offenbar einst eine blühende Kultur ernährt haben.

In Brasilien wird diese Terra Preta bereits seit Jahrzehnten erforscht. Die Klimaschutzidee in diesem Zusammenhang geht so: Schnell wachsende Plantagenhölzer wie Eukalyptus entziehen bei ihrem Wachstum der Atmosphäre das Treibhausgas Kohlendioxid. Das Holz wird verschwelt und zu Holzkohle verarbeitet. Ein Teil des Kohlenstoffs wird dabei wieder frei, aber ein anderer kann langfristig gebunden werden, wenn mit der Holzkohle "schwarze Erde" produziert wird. Damit könnte gleichzeitig großflächig die Produktivität von mageren Böden deutlich erhöht und somit ein Beitrag zur Sicherung der Welternährung geleistet werden.

Hört sich also nach einer eierlegenden Wollmilchsau an. Allerdings ist bisher noch nicht geklärt, wie die sagenhafte Fruchtbarkeit dieser Böden entsteht. Offenbar sind neben der zermahlenen Holzkohle weitere Zugaben notwendig. Entsprechend fehlt es noch an einem großtechnischen Nachweis, dass das ganze tatsächlich als Klimaschutzmaßnahme funktioniert und zu sinnvollen Kosten umsetzbar ist. Außerdem wäre genau zu fragen, welche Hölzer angebaut werden, wo und unter welchen Bedingungen. In Brasilien und anderen Ländern Südamerikas gibt es zum Beispiel zahlreiche Auseinandersetzungen, weil dort die Besitzer von Eukalyptus-Plantagen, die für die bis vor kurzem boomende Papierindustrie produzieren, die örtliche Bevölkerung von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen vertreiben, oftmals mit rabiaten Methoden. Eukalyptus ist zudem für die dortigen Ökosysteme eine große Belastung, weil heimische Arten verdrängt, die Tierwelt in den Plantagen wenig Lebensraum findet und die Bäume einen enormen Wasserverbrauch haben.

Wie dem auch sei, eines kam bei der Independent-Umfrage auch heraus: Keiner der interviewten Wissenschaftler sieht im Geo-Engineering den Königsweg. Zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen gibt es keine Alternative. Die erwähnten Szenarien werden jeweils nur als zusätzliche Maßnahmen diskutiert. Denn mancher ist inzwischen überzeugt, dass der Wandel schneller vonstatten gehen könnte, als die meisten Bürger und Politiker erwarten, wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung zum Jahresanfang warnte.

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