Atommüll im Salz – und Wasser am Hals

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Der Schacht Asse II wurde noch im selben Jahr, als sich das Wasser unter Wittmar sammelte, oberhalb der Gemeinde Remlingen angelegt, nur 1300 Meter ostlich von Wittmar. Bis man zum Salzstock vorgedrungen war, vergingen drei Jahre. Arbeiter und Ingenieure berichteten von starken Grundwasserstromungen, verworfenen Gesteinsschichten und Rissen im Deckgebirge. Immer wieder brachen die Schachtwande ein. 1907 und 1908 kam es zu bedenklichen Wasserzuflussen in die Schachtrohre. Und offenbar gab es auch wahrend der gesamten Betriebszeit in der Nordflanke des Salzstocks Dutzende von Wassereinbruchen in das Kalisalzlager. Als 1925 die Kaliforderung im Schacht II eingestellt wurde, schuttete man die leeren Kammern mit Ruckstandsalz aus dem Aufbereitungsprozess der Wittmarer Chlorkaliumfabrik wieder zu. Dabei kam nachweislich auch nasses Material, sogenannte "Fabriklauge", zum Einsatz.

Die meisten der 125.000 Atommullfasser liegen heute 750 Meter tief im Steinsalz der Sudwestflanke, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den feuchten Kaliabbaukammern. 1925 dachte naturlich noch niemand an Atommull und an die Notwendigkeit, dafur einen peinlichst trockenen Salzstock zu hinterlassen. Aber 40 Jahre spater, beim Verkauf des Bergwerks an den Staat, hatten die Verantwortlichen eigentlich wissen mussen, was der Statusbericht des Niedersachsischen Umweltministeriums zur Asse vom September 2008 bestatigt: Die seit Jahrzehnten vorhandene Grundfeuchtigkeit in den angrenzenden Kaliabbaukammern war Mitte der 1960er Jahre bereits in die Boden aller Steinsalzhohlraume auf der 750-Meter-Sohle eingedrungen. Der Atommull wurde also von Anfang an in einem angefeuchtetem Milieu eingelagert. Zwischen 1967 und 2008 wurde diese Tatsache nicht nur verschwiegen, sondern das genaue Gegenteil behauptet. Standsicher und trocken sei das Asse-Bergwerk, ein ideales Versuchsfeld zur Einlagerung von Atommull.

Anfangs wurden die orangefarbenen, schwachradioaktiven 200-Liter-Fasser an einer Kammerwand aufgereiht und fein sauberlich senkrecht ubereinandergestapelt. Auch die horizontale Stapelung wurde erprobt. Doch die Strahlungsintensitat dieser radioaktiven Wande erwies sich dann doch als zu gefahrlich fur das Personal. Deshalb gingen die Ingenieure der Gesellschaft fur Strahlenforschung (GSF) auch bald schon zu einer lassigeren Begrabniszeremonie uber.

Ein Kipplader fuhr mit sechs Fassern in seiner riesigen Schaufel an den Rand eines kunstlich geschaffenen Abhangs in der Grabkammer und ließ die Fasser einfach die Schrage hinunterrollen. Anschließend schuttete er noch ein paar Schaufeln Salz daruber, wahrend die nachsten Fasser schon bereit standen. Dass bei dieser lieblosen Bestattungsform manches Fass beschadigt werden konnte und womoglich Bitumen herausquoll, das als Fixierungsmittel fur radioaktive Stoffe dient, nahm man in Kauf. Bei einer solchen Einlagerungspraxis lasst sich vernunftigerweise nicht mehr von einer Zwischenlagerung sprechen.

Mit etwas mehr Respekt wurden die mittelradioaktiven Gebinde ins Salz gefahren. Sie erhielten ein letztes Geleit in sanfter Ausfuhrung. Im Boden einer bleichen Halle auf der 13. Etage des Atommullhochhauses war eine runde Falltur eingelassen. Eine Krananlage setzte das Fass, das in einem zehn Tonnen schweren Bleiabschirmbehalter steckte, auf die Falltur. Von der Decke des Dachgeschosses senkte sich nun ein Stahlseil mit Magnetglocke in den Abschirmbehalter hinein und beforderte das eigentliche Fass durch eine 6 Meter starke Salzschicht in eine 15 Meter hohe Lagerkammer, wo es behutsam auf die dort bereits liegenden Fasser aufgesetzt wurde. Der Abschirmbehalter selbst blieb uber der Falltur stehen und konnte wiederverwendet werden. 1300 Fasser sollen auf diese Art und Weise versenkt worden sein.

Anders erging es Fassern mit sogenannten "verlorenen Betonabschirmungen". Das sind von einem Betonmantel umhullte Fasser, die nach der Starke ihrer Radioaktivitat eigentlich in die mittelaktive Kategorie gehorten. Nur die Betonabschirmung hielt die Werte angeblich so niedrig, dass man die Fasser offiziell als schwachaktiven Abfall einstufte. So wurden in den feuchten Grabkammern auf der 750-Meter-Sohle durchaus mal zehn Lagen der umetikettierten Behalter mit ihren schweren Manteln ubereinandergestapelt. Die Betonabschirmung ging dabei fur eine Wiederverwendung verloren. Insgesamt liegen immerhin 15 000 solcher Fasser in der Asse, die nach ihrer Strahlungsaktivitat mittelaktiver Mull sind – also das zehnfache der offiziell so eingestuften Gebinde.

Womoglich glaubten die Techniker der GSF anfangs tatsachlich selbst an den Versuchscharakter ihrer Pionierarbeit und an eine Ruckholung des strahlenden Materials, sobald sie die notigen Erkenntnisse gewonnen haben wurden. Aber es gab noch ein wesentlich bedeutsameres Argument, die Entsorgungspraxis als "Versuchsendlagerung" zu verkaufen. Versuche unterlagen lediglich dem Bergrecht und nicht dem komplizierteren Genehmigungsverfahren nach Atomrecht, in dessen Verlauf auch besorgte Burger angehort werden mussten.

Schaut man sich die Genehmigungen des Bergamtes Goslar uber die Jahre hinweg an, fallt auf, dass die Behorde spatestens ab 1975 etwas genehmigte, was sie nach Bergrecht eigentlich gar nicht durfte, namlich die Endlagerung radioaktiven Abfalls – was Politiker und Wissenschaftler in lauschigem Gleichklang stets so vehement dementierten. 1967 wird zunachst nur der "Umgang" mit radioaktiven Stoffen genehmigt, es ist von "Versuchseinlagerung" die Rede. 1971 heißt es dann schon "dauernde Einlagerung" und ab 1975 nachweislich "Endablagerung" und "Endlagerung". Aus den Dokumenten wird so auch der genial einfache Schritt von Versuchseinlagerung zu Versuchs-endlagerung zwecks Tauschung der Offentlichkeit nachvollziehbar. Aus der Betreiberperspektive betrachtet, ist diese Sprachregelung allerdings eine kreative Losung, die folgerichtig zur Logik der Luge und Vertuschung passt.

Vierzig Jahre lang ist Asse II ein regionales Phanomen gewesen. Selbst in der aufkommenden Anti-Atomkraftbewegung der 1970er Jahre nahm kaum jemand Notiz von der Asse und ihren 125.000 Atommullfassern. Ab 1977 konzentrierte sich die Aufmerksamkeit ohnehin auf Gorleben. Aber wahrend im Landkreis Luchow-Dannenberg medienwirksam der Widerstand gegen ein kunftiges Atommullendlager geprobt wurde, karrten Zuge der Deutschen Bundesbahn, von keinerlei bundesweitem Interesse begleitet, noch schnell massenhaft Atommullgebinde in die Asse. Denn die letzten Einlagerungsgenehmigungen liefen zum Jahresende 1978 aus.

Die in Kraft getretene 4. Atomrechtsnovelle forderte ein Planfeststellungsverfahren fur den Endlagerbetrieb Asse II, was eine Anhorung der kritischen Offentlichkeit bedeutet hatte. Das vorhersehbare Ergebnis: Die striktere Neufassung der gesetzlichen Regelung zur Endlagerung radioaktiver Stoffe mit ihren verscharften Sicherheitsbedingungen hatte das sofortige Aus fur die weitere Annahme von Fassern zur Endlagerung bedeutet. Seit dem 1. Januar 1979 kam also offiziell kein neuer Atommull mehr in die Asse. Stattdessen wurde der bereits angehaufte strahlende Schatz verwaltet und angeblich nur noch Forschungs- und Entwicklungsarbeit betrieben.

Zeitlich parallel zur Endlagerisierung von Schacht Asse II fand auch die seltsame Metamorphose des Namens der Betreibergesellschaft statt. Als Tochter des Bundesministeriums fur Forschung und Technologie nahm die GSF als "Gesellschaft fur Strahlenforschung" 1967 ihre Arbeit in der Asse auf. In den 1970er Jahren schien es wohl opportun, dem erwachenden Umweltbewusstsein im Land Rechnung zu tragen. Der erweiterte Titel "Gesellschaft fur Strahlen- und Umweltforschung" sollte vermutlich suggerieren, man habe es mit einer Art Oko-Institut zu tun, das sich um Leben und Landschaft sorgt.

Erstaunlicherweise firmierte man im neuen Jahrtausend schließlich unter dem verwirrenden Etikett "GSF – Forschungszentrum fur Umwelt und Gesundheit". Wie? War jetzt so viel Atommull versuchsendgelagert worden, dass die Strahlen plotzlich alle verschwunden waren und deshalb auch aus dem Namen getilgt werden konnten? Im Berg versenkt zum Nutzen fur Mensch und Natur? Ein cleverer Imagewandel vom geschmahten Strahlenforschungsinstitut zum sympathischen Rundum-Sorglos-Zentrum, das glatt als Nebengebaude der ortlichen AOK durchgehen konnte.

Aber auch ein offenkundiger und peinlicher Niedergang einer Gesellschaft, deren Kurzel GSF durch unredliche und schonfarberische Manipulation schließlich bedeutungslos geworden war. Vielleicht war es den Machern selbst peinlich, denn 2008, im 41. und letzten Jahr ihrer Funktion als Betreiber von Asse II, gaben sie die Worthulse GSF ganz auf und ließen sich in den Schoß des Helmholtz-Zentrums Munchen fallen. Aber ganz gleich, ob man die GSF oder das Helmholtz-Zentrum zur Verantwortung ziehen wollte: Der Atommull ist zwolf Jahre lang so rabiat und endgultig im Salz verscharrt worden, dass niemand auch nur im entferntesten daran dachte, die gefahrliche Fracht irgendwann einmal wieder auszubuddeln und anderswo zwischenzulagern.

Dabei ist die Idee der Zwischenlagerung im Berg gar nicht neu. Im Zweiten Weltkrieg konnten die uberlegenen alliierten Luftstreitkrafte jeden beliebigen deutschen Ort in Schutt und Asche bomben. Angesichts dieser Gefahr beschloss so manches deutsche Stadtparlament, Kunstschatze in einem nahegelegenen Bergwerk unterzubringen. Und so wurden uberall im Land Rembrandtgemalde, Gutenbergbibeln und tonnenschwere Plastiken von offentlichen Platzen bis Kriegsende unter Tage geschafft. Nach dem Krieg fuhrten hartnackige Geruchte uber Nazigold und Beutekunst zu verdachtig versiegelten Stollen. Sogar das sagenhafte Bernsteinzimmer sollte – in Kisten verpackt – im tauben Gestein eines stillgelegten Bergwerks zwischengelagert sein.

Auch marchenhafte Vorstellungen uber sehr lange, aber begrenzte Aufenthalte von Menschen im Berg sind uberliefert. So haben die diffusen Angste und Sehnsuchte unserer Vorfahren eine Zwischenlagerung ganz besonderer Art hervorgebracht. Ein beruhmter deutscher Kaiser – so geht die Sage – schlafe seit 800 Jahren in einem thuringischen Berg und werde wieder aufwachen, sobald die Zeit dafur reif sei. Dieser Untote sei der historische Kaiser Friedrich I. mit dem Beinamen "Barbarossa". Ihm steht in einer mythischen Montanunion die namensklangverwandte heilige Barbara gegenuber. Auch sie hat sich den Berg als standigen Aufenthaltsort gewahlt, aber im Gegensatz zu Barbarossa schlaft sie nie, denn als Schutzpatronin der Bergleute muss sie ein professionelles Interesse am Wohlergehen ihrer Schutzlinge haben, sie vor Unfallen bewahren und aus Lebensgefahr retten.

Und so steht sie denn auch im Atommullbergwerk Asse II als dunkle schmale Holzfigur in einer Grotte auf der 750-Meter-Sohle, die aus einer rotlichen Steinsalzader herausgehauen wurde. Die elektrische Lichtquelle ist im Salz verborgen, so dass die Schutzheilige der Bergleute gespenstisch ausgeleuchtet ist. Sie ist umgeben von einer flammenden, schmutzigroten Aura, als musse sie einer unreinen Glut im Salz trotzen: Barbara rossa.

Die weißen Sümpfe von Wittmar

Atommüll im Salz – und Wasser am Hals

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Ein Atommüllendlager säuft ab

Radioaktive Stoffe im Grundwasser

Die weißen Sümpfe von Wittmar

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Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung

Zwischenlager Remlingen

Nachwort

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