Seltsame Schleifen
Bei uber 30 Grad Celsius beginnt man hier unten zu ahnen, warum unsere aberglaubischen Vorfahren das Feuer der Holle tief unter der Erde vermuteten. Was sich vor einer viertel Milliarde Jahren unter einer unbarmherzigen Sonne als Salzwuste bis zum Horizont ausdehnte, sieht der Asse-Besucher von heute im Scheinwerferlicht als vertikales Bergmassiv vor sich. In der trocken-heißen Luft hier, auf der 750-Meter-Sohle, mag man auf den ersten Blick an eine Sinnestauschung glauben, wenn in Sichtweite einer Einlagerungskammer ein Wasserspiegel aufzuschimmern scheint. In einer oberirdischen Wuste ware dieses Trugbild einer herbeigesehnten Oase die klassische Fata morgana.
Aber bei durchaus vergleichbaren klimatischen Bedingungen in einem Atommullbergwerk kann das Sichten von Wasser in unmittelbarer Nahe von radioaktivem Material ja wohl nur eine Halluzination sein. Der offiziell als "Laugesumpf" bezeichnete Tumpel vor der mit Fassern gefullten und mit Beton versiegelten Kammer Nummer 12 ist jedoch Wirklichkeit. Im Sommer 2008 hat er traurige Beruhmheit erworben und die deutschen Medien aufgeschreckt.
Wie konnte sich auf Hohe der Atommullkammern ein Sumpf von rund 20 Kubikmetern Volumen im Salz bilden? Die Antwort findet sich in der unmittelbaren Nachbarschaft. Das annahernd senkrecht stehende Strahlenhochhaus im Steinsalz lehnt direkt an einer Kalisalzschicht, die ihrerseits fast dieselbe Hohe erreicht wie das Haus selbst. Hier wurde zwischen 1909 und 1925 Kali gefordert. Und die leeren Kammern fullte man anschließend mit nassem Salzgruß. Die Atommullgraber im Steinsalz liegen zum Teil nur wenige Meter vom feuchten Kalimassiv entfernt. Viele Jahrzehnte lang konnte sich die Feuchtigkeit ungehindert ausbreiten und in das gesamte Parterregeschoss nebenan vordringen.
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| Der radioaktive Sumpf vor der Einlagerungskammer 12 |
Da sickerte also das Wasser aus dem ehemaligen Kaliabbau gewissermaßen durch den Hinterhof in die leeren Raume des Hochhauses aus Steinsalz hinein. Kammer 12 wurde 1922 in den Salzstock geschlagen und stand dann ein halbes Jahrhundert lang leer. Noch bevor 1973 dort die ersten Fasser gestapelt wurden, war die Kammersohle schon ganz und gar von Feuchtigkeit durchtrankt. Offenbar trug dieser Umstand zur Korrosion etlicher der insgesamt 7464 bestatteten Atommullfasser bei. Darunter sind auch 153 Fasser mit verlorenen Betonabschirmungen, die das sechsfache Volumen eines normalen Zweihundertliterfasses haben und eigentlich als mittelradioaktiv eingestuft werden mussten. Wegen der wenig zimperlichen Einlagerungspraxis muss man auch mit etlichen zusammengepressten und aufgebrochenen Fassern rechnen.
Die Salzlosungen fließen also seit mehr als 30 Jahren durch das Massengrab Nummer 12 hindurch, kommen in Kontakt mit beschadigten und korrodierten Fassern und schleppen Radionuklide wie Casium-137, Strontium-95 und Tritium mit nach draußen in den Sumpf vor der Kammer, dessen Radioaktivitat das Elffache der Freigrenze uberschritten hat.
Es ist viel vom Asse-Skandal gesprochen worden in diesem Sommer 2008. Der kontaminierte weiße Sumpf von Asse II liegt tief unter der Erde, aber die Fernsehkameras haben ihn aus dem Verborgenen ans Tageslicht und kurzfristig ins Bewusstsein der Offentlichkeit geholt. Dabei ist er zum Symbol fur die Schlampereien von vier Jahrzehnten Versuchsendlagerung geworden. Gerade erfahrt der staunende Leser aus dem Statusbericht des niedersachsischen Umweltministeriums, dass in der ominosen Kammer 12 auch unbeabsichtigt verstrahlte Bestandteile des Bergwerks selbst zur vermeintlich ewigen Ruhe gebettet wurden. So ist namlich im Lauf der zwolfjahrigen robusten Einlagerungspraxis von Zeit zu Zeit auch mal die Fahrbahndecke der 750-Meter-Sohle in Mitleidenschaft gezogen worden.
Hier liefen durch unsachgemaen Transport undichte Fasser aus, Behalter mit flussigen Abfallen platzten, oder es wurden bereits beschadigte Fasser angeliefert, die die Kontaminationen außerhalb der Kammern verursachten. Bei solchen Vorfallen fraste man die verseuchte Fahrbahn ab und kippte das Salz in die noch unverschlossene Kammer 12. Dort aber kam das strahlende Material mit der Flussigkeit auf der Kammersohle in Kontakt, die Radionuklide wurden aus dem Fahrbahnsalz herausgewaschen und sickerten nun selbst zum Teil in den radioaktiven Sumpf vor Kammer 12.
An dieser Stelle kommt ein aparter Aspekt der Atommulllagerung ins Spiel, der schnell ins Absurde umschlagen kann, namlich das Phanomen der seltsamen Schleife. Sie erinnert an paradoxe Situationen, wie sie bei Selbstbezuglichkeiten ins Spiel kommen. Schließlich geht es bei der abgefrasten Fahrbahn um einen kontaminierten Hot spot, der nicht in irgendeiner deutschen Nuklearanlage, sondern im laufenden Endlagerbetrieb entstanden ist und somit selbst zum Entsorgungsfall wurde. Die Betreiber haben die seltsame Schleife eingefadelt, als es ihnen nicht gelang, diesen verseuchten Bereich des Endlagers selbst wieder sicher endzulagern. In diesem speziellen Fall also nimmt das atomare Endlager auf sich selbst Bezug und kann seine eigentliche Funktion nicht erfullen. Wenn Wasser und Salz namlich erst einmal in Beruhrung gekommen sind, entwickelt dieser Prozess eine brisante Eigendynamik, ein verborgenes Fließen und Stromen, das man kaum unter Kontrolle bekommen kann. Hier werden gerade die gunstigsten Voraussetzungen fur einen GAU im Schacht geschaffen.
Der eigentliche Skandal aber ist nicht in erster Linie das Symptom Sumpf, sondern die haarstraubende Erkenntnis, dass seit dem ersten Betriebstag im April 1967 der Atommull wissentlich in feuchte Kammern eingelagert wurde. Und das ist noch freundlich formuliert. Es gibt Aussagen von Mitarbeitern der ersten Stunde, die glaubhaft versichern, dass die 750-Meter-Sohle komplett uber einen Meter hoch unter Wasser gestanden habe und sie erst viele Schichten Salz auffahren mussten, bevor die Atommulletage uberhaupt begehbar war. Im unterkuhlt sachlichen Statusbericht vom September 2008 lasst sich diese unerhorte Information zwischen den Zeilen herauslesen. Selbst mit dem aus heutiger Sicht naturlich eingeschrankten Wissen der 1960er Jahre und dem volligen Mangel an Erfahrung auf diesem Gebiet konnten die Ingenieure damals nicht so naiv und dilettantisch gewesen sein, dass sie nicht wussten, was sie da taten. Von 130 potenziellen Einlagerungskammern wahlten sie ausgerechnet die 10 Raume im Parterre aus, die schon angefeuchtet waren und in standiger fluider Verbindung mit den Salzlosungen aus dem Kalibuckel nebenan standen.
Diese Praxis lasst sich nicht mehr als Fahrlassigkeit interpretieren. Sie ist so dreist, dass eigentlich nur eine Erklarung in Frage kommt: Den Verantwortlichen an den Schalthebeln von Macht und Wissen brannte das strahlende Zeug unter den Nageln. Sie wollten es schnell aus der Welt schaffen, krallten sich das erstbeste Bergwerk, das sie finden konnten, erklarten es wider besseres Wissen fur trocken und standsicher, pokelten den Strahlenmull in Salzlake ein und nahmen dabei ein Absaufen der Grube in Kauf.
Erfahrungsberichte, auf die sie hatten zuruckgreifen konnen, gab es nicht. Sie selbst waren die Pioniere. Die Frontlinie der internationalen Atommullforschung war 650 Meter lang und verlief exakt entlang der 750-Meter-Sohle im ehemaligen Salzbergwerk Asse II. Hier hatte Wissenschaftsgeschichte geschrieben werden konnen.
Stattdessen spielten GSF-Wissenschaftler, Gefalligkeitsgutachter, Referatsleiter in Amtern und Ministerien, Provinzfursten und Kommunalpolitiker die ewig gleiche Tragikomodie der Macht: Gegenseitige Beschuldigungen und wechselnde Loyalitaten, Vertuschung von Inkompetenz, demonstrative Emporung uber das Scheitern ehemaliger Partner, das man selbst mitverschuldet hatte, falsche Versprechungen furs Volk und die Vernichtung von Geld – sehr viel Geld.
Wer sie waren, wie sie hießen? Es lohnt sich nicht, ihre Namen zu erfahren. Sie mogen darauf gehofft haben, dass die Sintflut nach ihnen kame. Doch deren erste Vorboten traten schneller in Erscheinung, als sie es sich ausgerechnet hatten.
Aus ein paar feuchten Stellen wurden Sumpfe, die ahnen ließen, was da noch auf die Asse zukommen wurde. Allein auf der heißen 750er Sohle sind in der Nahe von Einlagerungskammern inzwischen funf veritable Laugesumpfe entstanden. Dabei sieht einer schon eher aus wie ein kleiner Teich. Er breitet sich vor einer Kammer aus, in der Sprengstoff lagert. Und wo sich fruher einfach spontan Pfutzen bildeten, sind jetzt Sohlenschlitze in den Boden geschnitten und mit Kontrollschachten versehen worden. Das sind schmale Drainagegraben, in denen sich die kontaminierte Lauge sammelt, die aus den Kammern 4, 8 und 10 schwappt. Auch diese Hot spots sind seltsame Schleifen der Selbstbezuglichkeit – Bestandteile des Endlagers, die selbst nicht ordentlich endgelagert werden konnen.
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Ein Wasserfluss ist hier nicht zu erkennen, denn die Losungen sickern und kriechen zu langsam fur das menschliche Auge. Aber an einer Zutrittsstelle in der Nahe von Kammer 8 lasst sich das gemachliche Herabtropfen des Wassers gut beobachten. Hier hangt ein eindrucksvolles Ensemble von Tropfsteinen an der Decke. Manche Exemplare sind bis zu einem Meter lang und schimmern in Grautonen und Rostfarben. Zulaufgeschwindigkeit und Verdunstungsrate der Losung halten sich augenblicklich die Waage, so dass an dieser Stelle auch keine Flussigkeit aufgefangen werden muss. Allerdings sind hier die Messwerte fur Uran-234 und fur Uran238 auch sehr hoch. Ein vom Helmholtz-Zentrum beauftragtes Institut fuhrt in seinem Gutachten vom Oktober 2008 diese massive Prasenz der Radionuklide auf die schnelle Verdunstung des Wassers zuruck.
Die Kammern 4 und 8 liegen diesem Urankonzentrat unmittelbar gegenuber. Sie entstanden zwischen 1918 und 1921, als hier Steinsalz abgebaut wurde. Auch sie standen – wie Kammer 12 – funfzig Jahre leer. In Kammer 4 wurden zwischen 1967 und 1971 die ersten Atommullbehalter gestapelt. Es war die Wildwestzeit der Versuchseinlagerung, als klare Regeln fehlten und so manches dubiose Fass ohne Inhaltsangabe oder Lieferschein angenommen wurde. Offiziell liegen in diesem altesten deutschen Atommullgrab 6340 Fasser und 10 "Sonderverpackungen", was immer das heißen mag. In Kammer 8 sind 11 278 Behalter eingelagert. Die radioaktive Flussigkeit in den Sohlenschlitzen vor den Kammern 4, 8 und 10 muss heute regelmaig kontrolliert werden.
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Zusatzlich sind in den vergangenen 20 Jahren nicht weniger als 32 muntere Bachlein durch das Atommullbergwerk gerauscht. Etliche davon sind inzwischen wieder versiegt. Aber manche Losungen sprudeln noch aus dem Inneren des Salzsattels und aus dem Deckgebirge hervor. Sie werden in 658 und 725 Metern Tiefe und naturlich auch auf der 750-Meter-Etage in Behaltern aufgefangen. Augenblicklich fließen hier taglich auf unbekannten Wegen insgesamt 12.000 Liter aus dem Deckgebirge zusammen. Angeblich sind diese Salzlosungen noch nicht in die Einlagerungskammern vorgedrungen. Eines dieser salzverkrusteten Drainagerohre, aus denen das Wasser in ein Auffangbecken gluckert, ist inzwischen neben dem Bild vom Sumpf vor Kammer 12 zur viel fotografierten zweiten Ikone des gescheiterten deutschen Konzepts fur Atommullendlagerung avanciert.
Atommüll im Salz – und Wasser am Hals
Seltsame Schleifen
Radioaktive Stoffe im Grundwasser
Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29490/1.html- Re: re (15.1.2010 21:29)
- Re: re (19.7.2009 18:07)
- Re: In Opera ebenfalls Probleme (18.7.2009 4:33)
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