Die weißen Sümpfe von Wittmar

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Wir wissen heute nicht mehr, warum im Hochmittelalter die Bauern am Sudhang der Asse ihre Siedlung Wittmar nannten: weißer Sumpf. Vermutlich gab es dort, wie auch heute noch anderswo in der Asse, salzhaltige Quellen.Im Sommer 2008 haben viele Millionen Deutsche auf ihren Fernsehschirmen den radioaktiven Sumpf vor der Einlagerungskammer 12 im Endlager Asse II gesehen. Er ist die physikalische Eins-zu-eins-Entsprechung eines weißen Sumpfes, denn

Salz + Wasser = weißer Sumpf

Die Bergingenieure legen ihren Zeichnungen des Grubengebaudes von Asse II die Zahlen des Gauß-Kruger-Koordinatensystems zu Grunde, in dem sich jeder Ort auf der Erde genau festlegen lasst. Das gilt auch fur Punkte unter Tage. Die Positionen auf der 750-Meter-Sohle lassen sich auf die "Blattubersicht Wittmar" zuruckfuhren. Das ist die amtliche topographische Karte. Aus Sicht der Vermessungstechnik gehoren die unterirdischen Hot spots vor den Kammern 4, 8, 10 und 12 also offiziell zur Gemarkung Wittmar und nicht etwa zu einer Remlinger Flur, wie man genausogut annehmen konnte. Noch liegen die weißen Sumpfe einige hundert Meter ostlich von Wittmar und 750 Meter tief unter der Erde.

Salzwiese bei Barnstorf, 10 Kilometer von Wittmar entfernt

Doch es sieht ganz so aus, als sollte ihr ewig strahlender Inhalt eines Tages bis zum Grundwasserhorizont aufsteigen und sich auf Wittmar zu bewegen. Der weiße Sumpf muss also nicht einmal als Metapher bemuht werden. Er ist eine physikalische Wirklichkeit, die die Sprachforscher des 20. Jahrhunderts noch nicht ahnen konnten, als sie die Bedeutung des Namens Wittmar aus dem Niederdeutschen witt fur weiß und aus dem Althochdeutschen mar fur Sumpf ableiteten.

Auf dieser Karte sind die radioaktiven Sümpfe von der 750-Meter-Sohle des Atommüll-Endlagers auf die Erdoberfläche projiziert worden.

In einem Gutachten fur das Niedersachsische Umweltministerium deckten die Hydrogeologen des Landesamtes fur Bodenforschung 1993 den fur Laien verbluffenden Umstand auf, dass die Grundwasser im Bereich der Schachtanlage Asse II zum Einzugsgebiet der Weser gehoren. Die Wissenschaftler halten nun unterirdische Abzweigungsstrome fur moglich, die zu den Quellen am Nordwestende des Hohenzugs vordringen konnen, die man ihrerseits schon zum oberirdischen Einzugsgebiet der Elbe rechnen muss. In dem brisanten Gutachten wurde auch die Moglichkeit hydraulischer Verbindungen zwischen der Atommulldeponie und zehn Wasserwerken im Umkreis von rund 15 Kilometern untersucht. Fur die Trinkwasserbrunnen im sudostlichen Gebiet von Remlingen, Kissenbruck und Winnigstedt halt man eine solche Verbindung fur denkbar, will sie jedenfalls nicht ausschließen. Verseuchte Grundwasser konnen nach Ansicht der Hydrogeologen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch zur Trinkwasserstelle in Monchevahlberg an der Nordostflanke des Asse-Hohenzugs stromen.

Die weißen Sumpfgebiete von Wittmar. Auf dieser Karte ist eine virtuelle Schneise durch den Wald geschlagen worden. Es ist eine ungefähre Projektion der Atommüllsohle, die an dieser Stelle in 750 Metern Tiefe verläuft. Die Sümpfe versammeln sich um die Einlagerungskammern 4, 8 und 10.

Auch ein offener Tagesbruch mit einem oberirdischen, radioaktiven See ist fur Asse II durchaus denkbar. Wie schnell und wie weit die strahlenden Stoffe bei diesem Super-GAU in das Grundwasser eindringen wurden, ist schwer abzuschatzen. Kein Experte mochte sich auf eine genaue Abfolge von Ereignissen festlegen, die eintrafen, wenn das gesamte radioaktive Inventar von Asse II an die Oberflache geschwemmt wurde. Bleibt es ein lokales Problem oder werden auch die kleinen Bache und Quellen in der oberirdischen Geosphare der Asse in den Transportzyklus fur Radionuklide eintreten? In diesem Fall ware das gesamte Braunschweiger Land betroffen. Die Rinnsale – eins heißt "Hollebach" – fließen direkt oder uber den Bach Altenau in die Oker, die in 6 Kilometern Entfernung an der Asse vorbeirauscht. Die Oker mundet in die Aller, die wiederum in die Weser. Dann stunden wir vor einer uberregionalen Herausforderung.

Sprachforscher, die sich mit dem Namen Asse befasst haben, konnten sich nie uber dessen Bedeutung einigen. Die Nahe zum nordischen Gottergeschlecht der Asen wird von den Germanisten einhellig abgelehnt. Auch eine Ableitung von der Esche kam nicht in Frage, denn wuchsen nicht in der Mehrzahl Buchen in der Asse? Ein Professor schlug die Esse einer Schmiede vor und als entlegenste Definition kam noch ein verschmutzter Bach in Frage, der ausdrucklich auch als Metapher einzusetzen sei, namlich in der Bedeutung als Rinnsal, das aus Blut und Tranen gespeist werde. Im 70. Jahr des Atomzeitalters – wollte man Otto Hahns Urankernspaltung vom Dezember 1938 als Geburtsstunde festlegen – ließe sich dieses dunkle Sinnbild von Asse als radioaktiv verseuchte Grundwasserstromung deuten.

Aber es ist nicht allein die Radioaktivitat, die den Kritikern Sorgen bereitet. Dr. Rolf Bertram, ehemaliger Professor fur physikalische Chemie in Braunschweig, spricht von einer zusatzlichen enormen chemischen Stofffulle in den Fassern. Tausende von Tonnen Metall, darunter hochtoxische wie Arsen, Quecksilber, Cadmium und Thallium stellten ein brisantes Reaktionsgemenge dar, aus dem brennbare und explosive Gasgemische entweichen konnten. Uber die chemischen Reaktionen vieler unterschiedlicher Radionuklide mit giftigen Schwermetallen in der versalzenen und vom Berg aufgestoßenen Bruhe kann zur Zeit kein Wissenschaftler klare Aussagen treffen. Allein die Menge von 12 Kilogramm Plutonium und von rund 102 Tonnen (!) Uran sprengt jede Vorstellungskraft, wenn es um die Frage geht, wie in diesem Szenario die Menschen auf die lebhaft fortstromenden oder moglicherweise auch standorttreu und trage verweilenden Radionuklide aufpassen sollen.

Die weißen Sümpfe von Wittmar

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Seltsame Schleifen

Ein Atommüllendlager säuft ab

Radioaktive Stoffe im Grundwasser

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Langzeitprognosen

Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung

Zwischenlager Remlingen

Nachwort

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