Die weißen Sümpfe von Wittmar
Langzeitprognosen
Uran ist der Stoff, der die Atomenergietraume wahr werden ließ. Und Plutonium entsteht bei der Energiegewinnung aus Uran im Atomkraftwerk. Wenn es um diese beiden Schwermetalle geht, zeigt die GSF eine recht eigenwillige Deklarierungspraxis. Da summieren sich auf den Begleitlisten der Fasser insgesamt 26 Kilogramm Plutonium, die unter den Handen der GSF-Buchhalter zunachst auf 9 Kilo zusammenschnurren und Jahre spater wiederum als 11,6 Kilo in den Radionuklidbilanzen auftauchen. Dabei geht es um Abfalle aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe. Dort sei man zunachst von der pauschalen Annahme ausgegangen, erklart der TUV-Nord im Statusbericht, dass ein Drittel der Kernbrennstoffe aus den aufgearbeiteten Brennelementen in den Abfall gelangt sein mussten.
Diese Schatzungen hatten sich im Nachhinein als zu hoch herausgestellt und seien entsprechend korrigiert worden. Allzu vertrauenerweckend sind solche nachtraglichen Herunterstufungen der Uran- und Plutoniummengen nicht gerade. Ein kritischer Beobachter muss diesen rechnerischen Kunstgriff allerdings hinnehmen, wenn er sich nicht uber die Autoritat des TUV hinausschwingen mag. Denn der hat offenbar nichts gegen diese Nachdeklarierungspraxis einzuwenden.
Doch der Pferdefuß ist schnell gefunden: Der TUV hat namlich nicht etwa vor Ort die Strahlungsaktivitat selbst gemessen – wie hatte er dies vor betonversiegelten Kammern auch tun sollen? – sondern lediglich die Liefer- und Begleitlisten sowie die GSF-Buchhaltung auf Plausibilitat uberpruft. Diplomingenieur Udo Dettmann, aktiver Kritiker der Atommulllagerung in der Asse, erklarte darufhin, er werde bei seinem nachsten TUV-Termin auch nur ein Foto seines PKW vorlegen. Es bleibt daher weiterhin Skepsis geboten, und man wird das bange Gefuhl nicht los, die offiziellen Zahlen uber das radioaktive Inventar der Asse konnten nur der Gipshut des Salzstocks sein.
Denn vor allem in den ersten vier Einlagerungsjahren war die Asse zeitweise ein Schwarzes Loch, das nicht nur Strahlung, sondern auch Informationen auf Nimmerwiedersehen verschluckte. Lieferscheine sind an diesem Ereignishorizont offenbar burokratischer Luxus gewesen.
Damals kann alles Mogliche dort gelandet sein, ohne dass man es je einer Instanz gegenuber hatte verantworten mussen. Es bleibt daher die dumpfe Ahnung, dass hochradioaktive Stoffe im Salz verscharrt liegen, die auf undurchsichtige Weise zu schwacherer und dadurch genehmigungsfahiger Strahlung um- oder nachdeklariert wurden. Ganz offiziell aber taucht schon in den Lieferlisten ein Kilogramm Americium 241 auf. Das ist ein Zerfallsprodukt von Plutonium 241 und der gefahrlichste Alphastrahler schlechthin, der beim Einatmen oder Verschlucken sein zerstorerisches Werk im Korper anrichtet. Beide Elemente entstehen nur in abgebrannten Brennstaben von Atomkraftwerken und sind daher per definitionem hochradioaktiver Mull. Professor Bertram weist darauf hin, dass diese sogenannten Transurane die unangenehme Eigenschaft haben, in der Zerfallskette Isotope zu bilden, deren Radioaktivitat wahrend der Lagerzeit stetig zunimmt.
Offenbar bestand keine Meldepflicht fur Natururan, so dass die angegebenen Mengen unvollstandig sein konnten. Einerseits sprechen die GSF-Buchhalter von rund 24 Kilogramm U-235 als Kernbrennstoff. Andererseits sind insgesamt 102 Tonnen Natururan und abgereichertes Uran auf die Fasser verteilt. Diesen Posten wertet die GSF allerdings nicht als Kernbrennstoff. Natururan enthalt zu 99,3 Prozent das langlebige Uran-Isotop U-238 und zu 0,7 Prozent U-235. Angesichts einer Menge von uber 100 Tonnen Uranverbindungen und der zu betrachtenden Halbwertzeiten sind die dubiosen GSF-Deklarationen allerdings kaum ausschlaggebend. U-235 hat namlich eine Halbwertzeit von rund 700 Millionen Jahren. Im Jahr 700 002 008 konnten die Kontinente einander wieder nahergeruckt sein und Norddeutschland mit der Asse – wie in sehr alten Zeiten – wieder am Aquator liegen.
Die enorm gesteigerte Leuchtkraft der Sonne wird eine globale Wuste geschaffen haben. Ob es dann bei Temperaturen von mehr als 100 Grad Celsius noch intelligente Lebewesen auf reiner Kohlenstoffbasis gibt, die sich an die strahlende Hinterlassenschaft von Homo sapiens im fruhen Atomzeitalter erinnern werden, ist ungewiss. Doch hin und wieder tauchen in den Wusten besonders feinkornige, von rostroten Staubschlieren durchzogene, graue Sandschichten auf. Sie lassen sich als Uberreste von Beton und Glas, Eisen und Stahl nachweisen und werden als die verwitterten Behausungen dieser seltsamen Spezies gedeutet.
Aber immerhin werden in 700 Millionen Jahren – wohin auch immer verstromt oder verweht – noch mindestens 12 Kilogramm Asse-Uran235 der heißen Kernbrennstoff-Klassifikation vor sich hin strahlen.
Die U-238-Isotope von heute stammen hingegen aus einer Zeit, als unser Planet bestenfalls die Gestalt einer rotgluhenden Runkelrube hatte und auf seiner schwankenden Bahn um die junge Sonne mehr taumelte als kreiste. Das war vor 4,5 Milliarden Jahren. Der Halbierungsprozess der strahlenden Menge von U-238 wird daher die nachsten viereinhalb Milliarden Jahre in Anspruch nehmen. Danach werden die Meere des Planeten wohl endgultig verdunstet sein und glitzernde Salzwusten hinterlassen haben. Die Sonne wird Dreiviertel des Himmels einnehmen und sich hingebungsvoll der Aufgabe widmen, aus jedem Staubchen irdischer Materie Heliumkerne oder Wasauchimmer auszubruten. Eines aber ist gewiss: von den heute in der Asse liegenden hundert Tonnen Uran-238 wird selbst in diesen unvorstellbar fernen Zeiten mit Sicherheit noch reichlich Strahlung ubrig sein, um die Verzehrbedurfnisse unserer sterbenden Sonne zu befriedigen.
Atommüll im Salz – und Wasser am Hals
Radioaktive Stoffe im Grundwasser
Langzeitprognosen
Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29490/1.html- Re: re (15.1.2010 21:29)
- Re: re (19.7.2009 18:07)
- Re: In Opera ebenfalls Probleme (18.7.2009 4:33)
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