Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung
1965 kaufte die Gesellschaft fur Strahlenforschung im Auftrag des Bundesforschungsministeriums in der Nahe von zwei abgesoffenen Salzgruben ein damals 60 Jahre altes feuchtes Bergwerk mit einer bereits bewegten Geschichte von Wassereinbruchen. Die Herren in ihren weißen Kitteln versprachen den Asse-Bewohnern allen Ernstes, in beruhigender Tiefe Atommull fur die nachsten tausend Jahre sicher zu verwahren. Dreiundzwanzig Jahre spater lief bereits Wasser ins Endlager, und heute ist ein Zusammenbruch des Grubengebaudes in den nachsten funf bis acht Jahren absehbar, wenn es nicht gelingen sollte, den fortschreitenden "Entfestigungsprozess" der Kammern aufzuhalten und umzukehren. Augenblicklich wird ein Konzept gepruft, ob ein Spezialbeton in den sogenannten Firstspalt zwischen Kammerdecken und Ronnenburger Haldensalz gefullt werden kann, um die Lucke zu schließen, so dass endlich die altersschwachen, bruchigen Kammerdecken auf einer festen Auflage ruhen und vom Druck entlastet werden.
Aber selbst wenn diese Fullung mit Beton gelingt, steht immer noch ein Problem im Raum: Das in die leeren Kammern uber der Atommulletage geblasene Salz hatte ja die Funktion, die Hohlraume zu fullen.
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| Blick in eine Salzabbaukammer, deren Decke eingebrochen ist. Sie wird per Blasrohr- technik mit Ronnenburger Haldensalz gefüllt. |
Bei dieser Blastechnik sind aber mikroskopische Poren im Salzkorper zuruckgeblieben, die erstaunliche 40 Prozent des gesamten Kammervolumens ausmachen. Paradoxerweise hat also die Hohlraumfullung mit dem Ronnenburger Salz neuartige Hohlraume entstehen lassen. Und deshalb konnte es auch zu keiner nennenswerten Lastenverteilung kommen. Jetzt soll in einem technisch aufwandigen Verfahren ein spezieller Mortel in das Salz "injiziert" werden.
Dieser zweistufige Plan lauft letztlich darauf hinaus, durch die Stabilisierung des Grubengebaudes die Verformungen im Deckgebirge zu verringern und dadurch unbeherrschbare Wasserzuflusse vorerst zu vermeiden. Beim desastrosen Zustand des altersschwachen Bergwerks ist die Aussicht auf Erfolg bescheiden. Aber sollte es gelingen, mit solchen Festigungen der Tragstrukturen das Grubengebaude zumindest fur ein paar weitere Jahre zu stabilisieren, ließe sich auch uber die in letzter Zeit vielfach erhobene Forderung von Gegnern der Endlagerung im Asseschacht nachdenken, den gesamten Atommull wieder aus dem Salz herauszuholen.
Ein vom Bundesministerium fur Bildung und Forschung in Auftrag gegebenes Gutachten und die Uberlegungen der GSF-Ingenieure lassen die monstrosen Dimensionen dieses heiklen Plans ahnen. In elf mit Beton versiegelten Kammern liegen also 125.000 Fasser schwachaktiver Mull. Salz verhalt sich plastisch, es fließt und kriecht, um Hohlraume wieder auszufullen. So haben sich im Lauf der Jahrzehnte Decken und Wande der Einlagerungskammern stark verformt. Dabei sind massive Salzplatten in Bewegung geraten und bruchig geworden. Sie konnen jederzeit herabsturzen. Bevor sich also Menschen in den Spalt zwischen letzter Salzschicht und Kammerdecke wagen, um sich von oben nach unten durch den Atommull zu wuhlen, ist zunachst eine Sicherung der Decke unerlasslich. Mit einer Spezialfrasmaschine lassen sich diese lockeren Salzplatten losen. Fur den ungewohnlichen Einstieg in die Unterwelt mussen allerdings erst noch neue Zugangswege aus dem Salz geschlagen werden.
Da die weitaus meisten Fasser einfach abgekippt und dann mit Salz bedeckt wurden, musste jeder einzelne Kubikmeter auf der Suche nach den Fassern umgegraben und im Prinzip auch jede Schaufel Salz auf Kontaminationen uberpruft werden. Vor allem feuchte Salzklumpen stehen unter dem Generalverdacht, vom Inhalt durchrosteter Fasser oder von radioaktiven Laugen verseucht worden zu sein.
Professor Rolf Bertram betont, dass sich in einem solch aggressiven Milieu von Salzlauge, verrostendem Metall und Strahlung durch zufallige Konstellationen Stromquellen bilden konnen, ja sogar Radionuklidbatterien, die aus der Warme, die beim radioaktiven Zerfall frei wird, elektrischen Strom erzeugen. Das mag wie eine Parodie auf die Stromgewinnung durch Atomenergie klingen, aber die dynamische Qualitat dieses kuriosen Arrangements ist weitgehend unerforscht. In den Fassern ist so ziemlich jedes chemische Element des Periodensystems enthalten, auch Schwermetalle wie Arsen, Quecksilber und Cadmium. Niemand weiß, wie diese in Salzlauge gelosten Stoffe mit elektrischem Strom und einem kompletten Strahlungsspektrum reagieren werden.
Die Arbeiter werden wohl haufig auf zahe Konglomerate aus Fassern und Salz stoßen. Viele Behalter werden ohnehin schon zusammengedruckt, ineinander verschoben und geplatzt sein, so dass sie sich nur noch mit schwerem Gerat voneinander trennen lassen. Dabei wird es zwangslaufig zu weiteren Beschadigungen kommen. Die Blechumhullungen und die benutzten Werkzeuge und Maschinen werden verstrahlt und mussen ebenfalls wie Atommull behandelt werden. Wieder so eine seltsame Schleife. Hier wird deutlich, dass sich das Volumen der eingelagerten Abfalle wegen zusatzlicher Kontaminationen beim Ruckholen mindestens verdoppelt haben wird.
In den Kammern 5, 6 und 7 liegen die sogenannten "Verlorenen Betonabschirmungen". Die auffallige Haufung mikroseismischer Ereignisse in diesem Bereich deutet schon jetzt darauf hin, dass es Risse und Bruche in den schweren Betonmanteln gegeben haben muss. Sollten sich diese Befurchtungen bei der Ruckholung bestatigen, ist die Bergung dieser Fasser keinem Menschen mehr zuzumuten. Denn es sind ja Gebinde mittlerer Strahlung, die nur wegen der Abschirmung als schwachaktives Material deklariert werden konnten. Aber ferngesteuerte Maschinen und Roboter, die die Aufgabe bewaltigen konnten, mussten erst noch erfunden und konstruiert werden. Sie sollten so dimensioniert sein, dass sich ihre Einzelteile durch den relativ engen Forderkorb auf die 750-Meter-Sohle befordern und dort zusammenbauen lassen.
Wollten die Initiatoren allerdings die gesamte herkulische Bergungsarbeit allein Menschen mit schwerem Gerat zumuten, ware das Personal dem standigen Risiko einer grenzwertigen Strahlenbelastung ausgesetzt. Daruberhinaus droht beim standigen Ein- und Ausfahren der Arbeiter aus dem Schacht irgendwann auch einmal die Gefahr, dass Kontaminationen aus dem Bergwerk verschleppt werden. Nach dem Strahlenschutzgesetz durfen die Arbeiter nicht langer als zwei Stunden im Einsatz sein. Anschließend mussen sie eine langere Pause machen. Im vollen Ruckholbetrieb gewinnt auch die Frischluftzufuhr fur die Mitarbeiter unter Tage an Bedeutung. Hier sind deutlich leistungsfahigere Geblase geboten.
Bei freigelegtem Atommull in einer oder gar mehreren gleichzeitig geoffneten Kammern entweichen gas- und dampfformige radioaktive Stoffe, die nicht nur die Gesundheit des Personals belasten, sondern die bei forcierter Umwalzung der Luft im Endlager mit der Abluft auch in die Remlinger Biosphare gelangen werden. Dazu gehoren das beruchtigte Radongas, tritiumhaltiger Wasserdampf und Radiokohlendioxid. Außerdem werden radioaktive Schwebeteilchen wie Radium, Casium-137, Thorium und das hochtoxische Plutonium aus ladierten Behaltern hochgewirbelt. Das Personal darf die winzigen Staubchen nicht einatmen. Ob Atemschutzmasken oder speziell entwickelte Arbeitsanzuge diese Bedrohung mindern werden, sei dahingestellt. Alle diese fein verteilten Schwebeteilchen gelangen auch in die gesunde Assewaldluft. In diesem Zusammenhang gibt das Helmholtz-Zentrum erstaunlich freimutig zu, dass sich in den Abfallen auch infektiose radioaktive Stoffe aus medizinischen Forschungsinstituten befinden.
Hier kame eine ganz neue Qualitat der Gefahrdung hinzu. Und wenn schwere Frasmaschinen und Pressluftbohrer die mit Beton verschlossenen Kammern aufbrechen und futuristische Hightechgerate den Inhalt anschließend komplett umwuhlen sollen, besteht das erhebliche Risiko, dass durch die permanenten Erschutterungen die muhsam stabilisierten Tragstrukturen des Hochhauses doch noch unwiederbringlich beschadigt werden und das Bergwerk mitten im Ruckholprozess absauft.
Die Bergung der mittelaktiven Fasser erweist sich nach Ansicht der Gutachter als weniger aufwandig, aber aus der Perspektive des Strahlenschutzes als umso bedenklicher. Die 1300 Fasser liegen – behutsam mit einer Magnetglocke versenkt – auf einem kegelformigen Haufen in einer einzigen Kammer der 511-Meter-Sohle. Sie sind nicht mit Salz bedeckt worden und deshalb auch relativ leicht zuganglich. Allerdings geht es hier naturlich um eine sehr viel hohere Strahlungsaktivitat.
Kein Mensch durfte diese Kammer betreten und hoffen, unbeschadet zuruckzukommen. Die Betreiber halten deshalb Strahlenkontrollschleusen fur unausweichlich. Dabei kame die Entwicklung neuartiger Manipulatoren sowie der Bau von "heißen Zellen" ins Spiel. Das sind gasdichte Kammern, in denen die mittelaktiven Abfalle mit Hilfe fernbedienbarer und videouberwachter Maschinen behandelt werden, um den Austritt radioaktiver Zerfallsprodukte in die Grubenluft zu verhindern.
Atommüll im Salz – und Wasser am Hals
Radioaktive Stoffe im Grundwasser
Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29490/1.html- Re: re (15.1.2010 21:29)
- Re: re (19.7.2009 18:07)
- Re: In Opera ebenfalls Probleme (18.7.2009 4:33)
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