Zwischenlager Remlingen
Fur die Ruckholung des Atommulls werden rund 25 Jahre veranschlagt, die Kosten auf 2,5 Milliarden Euro geschatzt. Aber man kennt das ja von Großprojekten, vor allem, wenn dabei absolutes technisches Neuland betreten wird: Am Ende dauert alles viel langer und wird doppelt und dreifach so teuer werden wie geplant. Die mit Sicherheit zum Teil wahrend der Lagerung korrodierten oder beim Ausbuddeln beschadigten Fasser mussen neu konditioniert werden. Das heißt, der Inhalt von rund 126 000 Fassern und das beim Bergen verstrahlte Material wird verbrannt, eingeschmolzen oder unter hohem Druck komprimiert. Anschließend mussen alter und neuer Mull in Zement oder Bitumen eingegossen und in neue Behalter eingepackt werden. Die Schachtanlage Asse II wandelt sich also durch diese "Entlagerung" vom Atommullendlager zum groten Atommullproduzenten Deutschlands. Ob dieser brisante, mit hohen Strahlendosen fur das Personal und fur die Biosphare verbundene Prozess vor Ort oder in der bereits existierenden Konditionierungsanlage im Forschungszentrum Karlsruhe geschehen soll, will sorgfaltig abgewogen sein. Der Bau einer oberirdischen Konditionierungsfabrik und eines Zwischenlagers auf dem Gelande der Schachtanlage Asse scheint unausweichlich zu sein.
Diese Option bietet sich geradezu an, da der Schacht Konrad in Salzgitter als das vorgesehene deutsche Endlager fur schwach- und mittelaktiven Atommull nur 20 Kilometer entfernt ist. Ob sich allerdings eine jahrzehntelang dann auch oberirdisch vor sich hin strahlende Nuklearanlage am Sudhang der Asse politisch durchsetzen lasst, bleibt offen. Womoglich ist den jetzigen Befurwortern einer Auslagerung diese unliebsame Konsequenz gar nicht bewusst. Sollte der geborgene Atommull tatsachlich oberirdisch aufbereitet werden, halten es die GSF-Ingenieure fur unabwendbar, die dabei auftretenden kontaminierten Flussigkeiten in Gewasser der Umgebung einzuleiten, die in den naturlichen Wasserkreislauf eingebunden sind.
Sollte man sich aber fur die Konditionierung der Abfalle in Karlsruhe entscheiden, ware in Remlingen lediglich eine Pufferlagerung vorgesehen. Was jedoch sofort ein neues Problem aufwirft, namlich jahrzehntelange Transporte mit der Bahn und auf der Straße von Remlingen nach Karlsruhe. Anschließend musste der aufbereitete Assemull erneut auf Reisen gehen: in das Endlager Konrad, dessen Bereitstellung die Atomindustrie sehnlichst erwartet. Womoglich sind zu diesem Zeitpunkt die Atomkraftgegner in Befurworter und Kontrahenten der Entlagerung gespalten, so dass mit Widerstand gegen die Transporte zu rechnen ist.
Das Forschungszentrum Karlsruhe hat sich ubrigens eine ahnliche sprachkosmetische Behandlung gegonnt wie die Asse-Betreuerin GSF, die am Ende ihrer Tage den Hinweis auf ihre Funktion als Strahlenforscherin aus ihrem Namen getilgt hatte und sich nur noch mit Umwelt und Gesundheit in Verbindung gebracht wissen wollte. Hieß es bis vor kurzen noch Kernforschungszentrum Karlsruhe, ist inzwischen der "Kern" verschwunden, der noch entfernt an Atomforschung hatte erinnern konnen. Beide Gesellschaften sind Mitglieder der Helmholtz-Gemeinschaft, die zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent von den Landern finanziert wird.
Die Kritiker des Atommullendlagers Asse II halten es fur die Pflicht der Entscheidungstrager von heute, die erhohten Risiken bei der Ruckholung des gesamten Atommulls in Kauf zu nehmen. Die Strahlenbelastung des Personals und der Biosphare, die mogliche Destabilisierung des Bergwerks, die heiklen Transporte quer durch die Republik, das grote Zwischenlager Deutschlands auf der Lichtung oberhalb von Schacht II und die exorbitanten Kosten durften nicht gescheut werden. Kunftigen Generationen sei man es schuldig, keinen unzuganglichen Atommull in einem abgesoffenen Bergwerk zu hinterlassen. Und in Zukunft musse die ewig strahlende Fracht so klug und umsichtig gelagert werden, dass sie jederzeit – falls sich etwa innovative Behandlungsverfahren durchsetzen sollten – schnell und relativ sicher zuruckgeholt werden konne.
Am Eingangstor zum Atommullendlager Asse II steht auf einer Tafel:
Schachtanlage Asse
Am Walde 2 - 38319 Remlingen
Der uber hundertjahrige Bergbaubetrieb von Asse II ist mit dem Namen der Gemeinde Remlingen verbunden. Auch hier konnen uns die Sprachforscher keine unmissverstandliche Interpretation des Ortsnamens anbieten. Die einen deuten ihn als Bezeichnung fur den Grundbesitz eines Herrn Hramning aus dem 11. Jahrhundert, andere lesen daraus "Wiese, auf der Ziegen grasen" oder "feuchter Landstrich".
![]() |
|
| Blick über den Förderturm von Asse II auf Remlingen. Im Hintergrund der Brocken. |
Schaut man sich die fruhen Atommull-Lieferlisten an, die an die GSF in Remlingen adressiert sind, ist in einer Spalte die Dosisleistung der Fasser eingetragen. Sie wird beispielsweise mit 30 oder 400 rem/h angegeben. Rem ist hier die Abkurzung fur radiation equivalent (in) man und diente bis 1978 als radiometrische Einheit, mit der die vom Korper eines Lebewesens aufgenommene, biologisch schadigende Strahlung gemessen wurde. Am Ende des Jahres 1978, als "rem" durch die neue Einheit "Sievert" ersetzt wurde, lief auch die letzte Genehmigung fur die Einlagerung von schwach- und mittelaktivem Atommull in der Asse aus. Wahlt man nun sinnvollerweise diese Bedeutung von "Rem" und fasst die zweite Silbe "lingen" als gangige Verkleinerungs- und Verniedlichungsform auf - wie etwa bei Liebling, Gunstling oder Hanfling -, so ließe sich eine neue Lesart erkennen, die ins Atomzeitalter passt, namlich heruntergespielte Strahlungsschaden fur die Menschen in der Asse.
Atommüll im Salz – und Wasser am Hals
Radioaktive Stoffe im Grundwasser
Rückhohlung bedeutet Müllverdopplung
Zwischenlager Remlingen
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29490/1.html- Re: re (15.1.2010 21:29)
- Re: re (19.7.2009 18:07)
- Re: In Opera ebenfalls Probleme (18.7.2009 4:33)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

