Von der Liberalisierung der globalen Märkte profitieren die reichen Länder

Florian Rötzer 12.01.2009

Die Doha-Runde der WTO will angeblich den Entwicklungsländern helfen, das Versprechen, dies durch den Abbau von Zöllen und Subventionen zu leisten, könnte das Gegenteil bewirken

Liberalisierung der Märkte, Abbau von Zöllen, Subventionen und anderen Handelshemmnissen, ist ein Dogma des Neoliberalismus. Würden alle Handelshemmnisse auf dem globalen Markt abgebaut, so das Versprechen, profitierten auch die armen Länder und verbreite sich allgemeiner Wohlstand. Das Setzen auf den freien Markt hatte immer schon etwas Religiös-Messianisches, wenn es nicht direkt mit eigenen wirtschaftlichen Interessen verbunden war. Die Vertreter der Liberalisierung argumentierten auch ähnlich wie Marxisten, wenn die Wirklichkeit das Versprechen nicht einlöste: Die Bedingungen des realen Marktes haben sich dann einfach noch nicht den idealen angenähert, ebenso wie das Marxisten gerne mit dem realen Sozialismus machten.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Schon länger wächst die Skepsis an dem neoliberalen Versprechen, umgesetzt etwa im GATT-Abkommen, auch bei Wirtschaftsexperten. Nobelpreisträger wie Paul Samuelson und Joseph Stiglitz machten darauf aufmerksam, dass grenzüberschreitende Liberalisierung, wie sie über die Weltbank und die WTO umgesetzt werden, kein Allheilmittel ist. Jomo Kwame Sundaram, stellvertretender Generalsekretär für Wirtschaftsentwickelung beim United Nations Department of Economic and Social Affairs, und Rudiger von Arnim, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Denver, wollen in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science zeigen, dass aufgrund der fundamentalen Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eine Liberalisierung normalerweise zu Ungunsten der armen Länder ausfällt, da diese vor allem Primärprodukte ausführen, deren Preise gegenüber verarbeiteten Produkten sinken.

Die Autoren verweisen auf eine einflussreiche Studie der Weltbank, die anhand von Computersimulationen die positiven Folgen einer Handelsliberalisierung hervorgehoben hat (Agricultural Trade Reform and the Doha Agenda, 2005). Die Studie ging anhand eines Szenarios davon aus, dass durch eine Liberalisierung der globale Wohlstand jährlich um 300 Milliarden US-Dollar wachsen würde, wovon 45 Prozent den Entwicklungsländern zugute kämen.

Nach Sundaram und von Arnim ergebe ein realistischeres Szenario, dass die Liberalisierung, wie sie in der zuletzt im Dezember 2008 erneut gescheiterten Doha-Runde angestrebt wird, bis 2015 nur 96 Milliarden US-Dollar (gerade einmal 0,2 Prozent des globalen BIP) erbringen würde, wovon den reichen Ländern 82 Prozent zugute käme. Bei den armen Ländern wären Schwellenländer wie Brasilien und China Gewinner, afrikanische Länder hingegen Verlierer, die noch ärmer würden. Das sieht also ganz anders aus als die rosige Vorhersage der WTO-Studie, weswegen die Autoren sagen, dass es viele Probleme mit solchen Modellen und ihrer Verwendung gebe. Die WTO-Studie wurde eben dazu verwendet, Unterstützung für die Liberalisierung bei den Entwicklungsländern zu erzeugen.

Um wirklich Entwicklungsländern zu helfen, wie dies die Doha-Runde anstrebe, müsste, so die Autoren, eine überstürzte Liberalisierung verhindert und den Entwicklungsländern die Möglichkeit gegeben werden, etwa das Überleben von Subsistenzbauern zu schützen. Eine weitere Liberalisierung der Agrarmärkte werden die Lebensmittelsicherheit in Entwicklungsländern weiter zerstören, schon jetzt haben sich viele Entwicklungsländer von Nahrungsmittelexporteuren in Nahrungsmittelimporteure verwandelt. Würden die Agrar- und Exportsubventionen in den OECD-Ländern wegfallen, würden zudem, entgegen den Vertretern der Liberalisierung, erst einmal die Lebensmittelpreise in den Importländern ansteigen. Während die Liberalisierung vorwiegend einigen reichen Ländern, die Agrarprodukte exportieren, helfen würde, sei es viel sinnvoller, wenn man wirklich die Entwicklungsländer unterstützen wolle, diesen durch globale Kooperation dabei zu helfen, sich entwickeln zu können: "Eine Rückkehr zu diesen Prinzipien ist von höchster Wichtigkeit für einen erfolgreichen Abschluss der Doha-Runde", sagen die Autoren.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29504/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS