Das Leben, das man führt, und das, das man führen will

15.01.2009

Eine abgründige Studie der westlichen Ehe: "Zeiten des Aufruhrs"

Richard Yates 1961 erschienener Roman "Revolutionary Road" ist das Psychogramm einer amerikanischen Mittelschichtsehe, erzählt als Tragödie in Pastell, zugleich ein präzises Portrait der 50er Jahre Amerikas und des zarten Vorscheins der Kulturrevolte der sechziger Jahre. Immer geht es hier um die Frage nach der Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung. Jetzt hat Sam Mendes ("American Beauty") das Buch überaus gegenwärtig verfilmt - ein Schulbeispiel jeder Literaturverfilmung. Kate Winslet erhielt für ihre Hauptrolle in dem Film soeben den Golden Globe

"We need something different…", "Wir brauchen etwas anderes" - mit dieser Erklärung eröffnet April Wheeler, seit sieben Jahren Gattin von Frank, Mutter zweier Kinder und Hausfrau in einem besonders schmucken Anwesen in der "Revolutionary Road" am "Revolutionary Hill" in einer namenlosen Vorstadt von New York, dem befreundeten Nachbarsehepaar Shep und Milly jenen wichtigen Plan, den die Wheelers ein paar Tage zuvor gefasst haben.

April und Frank werden mit den Kindern nach Europa auswandern, genauer gesagt nach Paris. Dort wollten sie eigentlich schon immer hin. Shep und Milly reagieren verständnislos: "Aber wozu?" "Wir werden nicht jünger, wir wollen nicht, dass das Leben einfach vorbei geht." Haus und Auto werden verkauft, April wird arbeiten, Frank erstmal vom Ersparten leben, und "herausfinden, was er wirklich tun will."

Alle Bilder: Paramount

Als der Abend vorbei ist und die Paare wieder allein, zeigt der Film zwei verschiedene Welten: Die Wheelers, getragen von der Euphorie ihres unmittelbar bevorstehenden Aufbruchs, machen sich über die Fassungslosigkeit und das Spießertum der anderen lustig, während diese sich vergewissern, dass der Plan doch "ein wenig unreif" sei. Wobei Milly im Bett eine Träne verdrückt, und man nicht ganz sicher sein kann, ob vor lauter Glück, einen offenkundig reiferen Gatten zu haben oder erschüttert durch die plötzliche Erkenntnis, dass ihr Shep zu solchem Elan niemals fähig wäre.

Die Dekonstruktion des amerikanischen Subjekts und seines Lebensraums

Zu diesem Zeitpunkt, im Film ist etwa eine halbe Stunde vergangen, könnte man Zeiten des Aufruhrs ein wenig auch als eine Parodie des Amerika der Vorstädte, der Langeweile ihres Alltags und der Phantasielosigkeit ihrer Werte ansehen. Gewiss ist der Film das alles auch, und damit setzt Regisseur Sam Mendes fort, was er mit American Beauty vor einer Dekade überaus erfolgreich begann: Die Dekonstruktion des amerikanischen Subjekts und seines Lebensraums namens Suburbia.

Aber mehr als dieser doch primär satirisch überzeichnete Erstling hat Mendes' neuer Film von seinen ersten Szenen an dafür gesorgt, dass man ihn ganz ernst nehmen muss. Da sah man eine missglückte Theaterpremiere, die der Amateurschauspielerin April mit Härte eine ihrer spärlichen kleinen Fluchten aus der Normalexistenz nimmt. Bei der Heimfahrt kommt es am Straßenrand zu einem schlimmen Streit zwischen ihr und Frank, der, man spürt das gleich, nicht der erste ist und nicht der letzte sein wird, und der darin gipfelt, dass Frank April fast weinerlich, jedenfalls voller Selbstmitleid vorwirft, er verdiene das alles nicht, "dieses Scheißleben … Du hast mich hier rausgebracht."

Ein Lehrbeispiel für jede Literaturverfilmung

Früh sind die Dinge somit klar: Die Ehe der Wheelers ist kaputt, ihre Jugend-Träume verblasst (bis zur Unsichtbarkeit), die Vorstadt öde, was bleibt, ist das Mittelklasseleben, das alle führen, aus Arbeit, Gier, Eitelkeit und den legalen Drogen Alkohol und Fernsehen, Konsum und Sex.

Mit dieser ernsten Erkenntnis beginnt auch die Buchvorlage. "Zeiten des Aufruhrs", Richard Yates' 1961 erschienener, erst mit großer Verspätung 2002 ins Deutsche übersetzter Roman (im Original: "Revolutionary Road") spielt zwischen Frühling und Herbst 1955. Er wurde zur Urszene jenes Vorstadt-Universums, das von John Updike bis Richard Ford die US-Literatur der letzten 50 Jahre dominierte. Der Roman wurde zu einem Kultbuch der 60er-Jahre, doch dann gerieten Roman und Autor in Vergessenheit, obwohl Yates (1926-1992) zeitweise sogar als Ghostwriter für den 1968 ermordeten US-Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy arbeitete.

Wiederentdeckt wurde er Ende der 90er Jahre, unter anderem durch einen Essay von Stewart O'Nan. Seitdem wurden die meisten Texte von Yates wiederaufgelegt, und der Autor erlebt eine Renaissance.

Mendes hat "Revolutionary Road" elegant und werktreu in bewundernswerter Weise verfilmt - die Dekors blieben erhalten und doch ist dies ein völlig gegenwärtiger Film, der von Menschen, Problemen und existentiellen Fragen erzählt, in denen jeder Zuschauer sich selbst wiedererkennen kann. Von allem anderen abgesehen ist dies ein Lehrbeispiel für jede Literaturverfilmung: Was im Text innerer Monolog oder Gedanke ist, wird im Film nicht in Dialog verwandelt, sondern in Ausdruck und Geste der Darsteller, in eine Bewegung, ein Innehalten, ein kurzes Atmen der keineswegs aufdringlichen Kamera von Richard Deakins oder einen kommentierenden, distanzierenden oder umgekehrt Kontakt unvermittelt herstellenden Bildschnitt.

Die eiscremefarbene Schönheit der Bilder verstärkt nur noch die Hoffnungslosigkeit dieser in Wohlstand eingeschnürten Existenz. Mendes hat bis in die Nebenrollen hervorragende Darsteller verpflichtet: Vor allem aber Kate Winslet beweist als April, dass sie die unterschätzteste Darstellerin ihrer Generation ist - sie trägt den Film durch schiere Präsenz und Energie, obwohl dessen Perspektive zunächst die des Ehemannes ist, bevor er sich - anders als Yates' Roman - mehr und mehr April zuwendet.

"Why not, why the hell not? Wer hat die Regeln gemacht?"

Jeden Morgen nimmt Frank den gleichen Zug, graugekleidet in einer graugekleideten Menge, fährt in den 15. Stock jener Firma, in der schon sein Vater arbeitete, und nimmt seinen Platz im Großraumbüro ein. Er ist unglücklich wie April. Darüber tröstet er sich mit einer naiven Sekretärin hinweg, die ihm nichts bedeutet, aber ihm jene einfache Bestätigung gibt, die er bei seiner Frau nicht bekommen kann. In den Gesprächen mit ihr spielt er sich auf und verrät doch etwas von sich: Er will nicht wie sein Vater enden.

Es ist sein 30er Geburtstag und an diesem Abend gewinnt ihn April für ihre Idee, den Paris-Traum ihrer Jugend wahr zu machen. "Why not, why the hell not? Wer hat die Regeln gemacht?" So was wünscht man sich ja: Partner, die einen in den eigenen Träumen bestärken, nicht in der eigenen Trägheit. April glaubt wirklich an Frank, mehr als er selbst. Doch bald gewinnt wieder die Trägheit die Oberhand. Franks Chef macht ihm ein Angebot, das er kaum ablehnen kann, und April wird schwanger… Es geht bis zum Ende immer um die Frage nach der Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung - und dies ist wunderbarerweise einer der viel zu seltenen US-Filme, der einmal zeigt, dass eine Abtreibung auch nichts Böses oder Schlechtes sein muss, sondern auch ein Akt der Befreiung und Selbstbestimmung sein kann.

April ist eine Ehefrau wie aus dem Bilderbuch und doch keine Frau, wie sie dem Sittenbild und den Stereotypen der 50er Jahre entspricht. Keine, die sich mit Kindern, Küche, Konsum über ihre innere Leere hinwegtrösten lässt. Eher repräsentiert April Aufbruchsgeist und Offenheit und zugleich ist Aprils Weg in den Abgrund auch eine Demontage des amerikanischen Traums, des eigentlich Schuldigen. Denn hinter dessen Versprechungen lauern Abgründe an Konformismus, übertüncht durch kitschige Sentimentalität, versteckte Demütigungen und alltägliche Trivialität, verteidigt durch Hass und Gewalt.

Auch sonst ist dies ein präzises Zeitportrait: Der Look der 50er Jahre, das Grau des Alltags, die ständigen Zigaretten in den Händen, die ständigen Drinks. Wenigstens haben auch die frustriertesten Ehepaare seinerzeit noch - vgl. "Wer hat Angst vor…" - noch gemeinsam gebechert und geraucht. Heute bleibt dem Vorstadtbürgertum auch das nicht mehr, nur noch Mülltrennung und Biofood. Heute sind die Frauen jener Kreise spießiger - pardon: vernünftiger - als ihre Männer. So sind diese Figuren historisch exakt, zeitlos und trotzdem bestechend aktuell: In ihrem Hedonismus, ihrer Egozentrik, ihrem Leben in Reichtum und Sicherheit ohne allen Idealismus.

Mit subtilem Argwohn

Die deutschsprachige Literaturkritik tat sich auch nach den endlich erfolgten Übersetzungen erwartungsgemäß schwer mit Yates und mit "Revolutionary Road". Ja, sie mochten ihn. Aber das Lob war vergiftet durch das Gift des Missverständnisses - und das ist manchmal schlimmer als Verständnislosigkeit: Da schreiben junge Autoren, die gerade selbst seit kurzem in ähnlicher Lage sind wie Frank Wheeler, aus dessen Perspektive der Roman erzählt ist, über das Buch, und diese ganzen Romankritiker sehen konsequent nicht (können nicht? wollen nicht?), um was es in diesem Buch geht: "Immer geht es um die Frage, wie sich Normalität herstellen lässt, ohne dem Konformismus zu erliegen", behauptet etwa Georg Diez.

Nein,um Existentialismus geht es, um Entfremdung; es geht vielleicht einfach darum, dass Konformismus immer in Normalität mündet, dass es keine gute Normalität gibt. Es geht ganz einfach um den Zusammenhang von Konformismus und "Normalität" und genau darum, auch letztere zu vermeiden. Oder wie Christopher Schmidt in der "Süddeutschen" schreibt:

Im Roman arbeitet Yates unerbittlich heraus, dass die Auflehnung gegen das enteignete Leben selbst Teil des Systems ist, weil Suburbia auch noch die Formen der Rebellion prägt. Diese Verkennung, dass in der Ironisierung der eigenen Lebensform genau der Grund liegt, weshalb diese Lebensform so stark ist, macht die wahre Lebenslüge aus.

Heißt das jetzt, dass man die eigene Lebensform, also die eigene Spießigkeit nicht mehr ironisieren soll, sondern ernst nehmen, um sie zu überschreiten? Vielleicht ist die klassische bürgerliche, heute mit subtilem Argwohn beäugte Verachtung für alle, die wirklich nicht mehr wollen vom Leben als einen gutbezahlten Job, ein paar Kinder, ein Auto und das Haus auf dem Land, ja einfach angemessen. Dass Frank und April "von ihren Träumen vergiftet werden", wer kann das nach Lektüre des Buchs und Ansehen des Films ernsthaft glauben?

Da sind andere weiter: Man weiß gar nicht, welche der beiden deutschen Buchausgaben man mehr empfehlen soll: Die mit dem Nachwort des US-Amerikaners Richard Ford (dtv)oder die mit dem Nachwort der Österreicherin Eva Menasse? Wir tendieren zu Menasse, zumal man Fords Text, ursprünglich für die "New York Times" entstanden, auf Englisch auch dort nachlesen kann, ohne das Buch zu kaufen. Menasse schreibt Interessantes über das Leben von Yates, sie erzählt auch wie das Buch bei seinem Erscheinen gelobt aber verkannt, gefeiert, aber nicht empfohlen wurde. Heute ähnelt die Kritik am Film - nicht überall in den USA und in Deutschland wird er gefeiert - sehr der alten am Buch.

Laune und Leichtigkeit

Der Paris-Plan löst etwas aus: Die Beziehung der Wheelers blüht auf; auf der Suche nach einem Leben ohne Kompromisse entdecken sie sich selbst und einander neu. Plötzlich klappt alles. April ist nicht mehr gestresst und hysterisch, hat keine Migräne. Und Frank schreibt völlig desinteressiert in der Laune und in der Freiheit des feststehenden Abschieds einen Geschäfts-Brief, der plötzlich ein Vorstandsmitglied auf ihn aufmerksam macht. Wenn hier nun manche den Figuren Verantwortungslosigkeit und Unreife vorwerfen, wird gern übersehen: April ist schwanger, WEIL sie weiß, dass sie die Revolutionary Road verlassen werden, Frank hat plötzlich Erfolg, WEIL er seinen Job im Geiste schon gekündigt hat. So wird der Film zu einer Feier der Leichtigkeit.

So spitzt sich während eines Sommers dieses Melodram ohne Melo ganz lakonisch zu, der Traum der Amerikaner von Paris wird zum Symbol eines weit tieferen, weit grundsätzlicheren Konflikts: Zwischen dem Leben, das man führt und dem, das man führen will. Nichts daran ist veraltet, alles daran ist aktuell. Ausgetragen wird vieles hier beiläufig, in Form kleiner Alltagsbeobachtungen. Und immer wieder in den schnell eskalierenden, mit Wucht gespielten Streitereien des Ehepaares - Mendes' Film ist eine abgründige Studie der westlichen Ehe, manchmal an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" oder Bergmans "Szenen einer Ehe" erinnernd, dann wieder an Satiren von Allen und die Suburbia-Filme von Todd Solondz ("Happiness", "Storytelling") und Todd Fields (Little Children).

Wie letztere ist auch dies vor allem eine überaus hellsichtige und berührende, mitunter bittere Betrachtung über Entfremdung, Hoffnungslosigkeit und Angst vor der Freiheit. "Zeiten des Aufruhrs" ist damit, wenn man ihn ernst nimmt, und das sollte man, ein Angriff auf das vermeintlich "normale Leben", auf blindes Sicherheitsdenken und unsere ganz alltägliche Feigheit.

Zweierlei Revolution: Revolte und Computer

Es ist der Mann Frank, der diese Feigheit repräsentiert, der der Verführungskraft des Kapitalismus und des Konsums am Ende nachgibt, der die Wahrheit zwar nicht vergisst, aber besser im Lügen wird. Und es ist die Frau, April, die hier die Wahrheiten ausspricht: "If you don't try anything, you can't fail."("Wer nichts probiert, kann nicht scheitern."). Es ist auch die Frau, die, wieder einmal, am Ende dafür bestraft wird. Trotzdem steht der Film auf ihrer Seite, macht deutlich, dass sie trotz allem recht hat, dass die Freiheit das höchste Gut und den Versuch wert ist, auch wenn man ihn teuer bezahlen muss.

Was allerdings offen bleibt, ist die Frage, ob Frank nicht trotzdem der Klügere war, weil er im tiefsten Inneren weiß, dass er in Paris scheitern würde, weil er spürt, dass die Wheelers letztlich tatsächlich der Durchschnitt sind, dessen Leben sie führen. Im letzten Bild wird die Bewegung des Films, die von Frank auf seine Frau April führte, wieder auf den Mann zurückgelenkt. Das letzte Bild zeigt ihn nach Aprils Tod mit den Kindern in einem Park: Soll das nun Freiheit sein? Jedenfalls ist es zu wenig Depression, als das man Mitleid mit ihm haben könnte. Man sieht Frank und weiß: Er wird weiter leben. Er wird frei sein. Frauen haben, vielleicht bei Knox bleiben, vielleicht sogar nach Europa gehen.

Er wird sich nicht richtig ändern, sondern er selbst bleiben. Aber die Gesellschaft des Westens wird sich verändern: "I saw a whole other future. I can't stop seeing it", hat April einmal gesagt, "Can't leave, can't stay." Fünfzehn Jahre später wird der Sohn der Wheelers gerade alt genug sein für Vietnam. Die Tochter wird an einer Universität studieren und protestieren. Hellsichtig gerät dem Autor aber auch Franks Angestelltenwelt als Vorschein der wahren Revolution des letzten Jahrhundertdrittels: Frank nämlich verbindet zwei Zukunftsbranchen. Er arbeitet im PR, und "Knox Business Machines" stellt Lochkartengeräte her. Frank soll nun in ein Team, das rückblickend den Siegeszug des Personal Computers einleiten wird.

Nicht die Träume sind schuld

Es ist eine bemerkenswerte Randnotiz: Dass in der Marketingkampagne des Films, wie schon vor ein paar Jahren in den Rezensionen der deutschen Buchausgabe, davon die Rede ist, die Wheelers seien ein Paar, "das nur fortwährend der eigenen Selbsttäuschung erliegt." Da hat jemand den Roman absolut nicht verstanden. Als ob es darum ginge, doch das Träumen zu lassen. Sam Mendes erzählt aber genau das Gegenteil: Nicht die Träume sind schuld an unserem Unglück, sondern dass wir sie aufgeben.

Richard Yates: "Zeiten des Aufruhrs" (in der Übersetzung von Hans Wolf)
dtv, 374 Seiten, 11,90 EUR, (mit Nachwort von Richard Ford)
Manesse Verlag, (570 Seiten, 22,90 EUR, (mit einem Nachwort von Eva Menasse).

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