Statt Gaza-Streifen lieber Freitod

15.01.2009

Streit um Absage einer "Anne Will"-Sendung zum Nahost-Krieg. NDR in Erklärungsnot

Die Absetzung einer Debatte in der ARD-Talkshow Anne Will über den laufenden Nahost-Krieg sorgt weiterhin für Streit. Ursprünglich sollten am vergangenen Sonntag Experten aus Deutschland, Israel und Palästina über den Waffengang debattieren. Dann aber wurde das Gesprächsthema kurzfristig geändert. Am frühen Donnerstagnachmittag erhielten die geladenen Gäste – unter ihnen die eigens angereiste palästinensische Wissenschaftlerin und Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser sowie der (u.a. israelische) Leiter der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Daniel Barenboim – eine Absage. Statt über den Krieg im Gazastreifen werde man über Selbstmord sprechen, hieß es. "Tabu Freitod – wer hat das Recht, Leben zu beenden" hieß das neue Motto. Doch wie kam es zu der fragwürdigen Änderung?

Von Zensur ist im Internet seither die Rede, vom "langen Arm Israels". Das Weblog zu der beliebten Sendung verzeichnete bis Mitte der Woche 360 Einträge, so viel wie selten zuvor in so wenigen Tagen. Eine Vielzahl der Kommentare befasst sich mit dem unerwarteten Themenwechsel. "Natürlich ist `Freitod´ auch ein interessantes, diskussionswürdiges Thema", heißt es da etwa, "aber es ist mir unverständlich, wie eine Fernsehanstalt ein solches Geschehen (Israel/Gaza) totschweigen kann."

Auch der Vorsitzende des Evangelischen Forums Westfalen, Manfred Keller, hat die Absetzung der Nahost-Debatte kritisiert. Diese Diskussion wäre angesichts der unerträglichen Situation der Menschen in Gaza wichtig gewesen, erklärte Keller. Das Forum, das seit Jahren zum Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten arbeitet, erhebe deswegen Einspruch gegen die redaktionelle Entscheidung, schreibt der Evangelische Pressedienst. "Jeder Tote in diesem Krieg, jeder Verwundete und jeder traumatisierte Mensch ist einer zuviel, egal auf welcher Seite", so Keller.

Bei der zuständigen Sendeanstalt NDR und der in Berlin ansässigen Produktionsfirma Will Media war man anderer Meinung. Man habe sich für das Freitod-Thema entschieden, weil es "die größere Relevanz für die Menschen in unserem Land" habe, sagte ein Sprecher gegenüber der taz.

Protestbrief an ARD und NDR

Der emeritierte Politologieprofessor der Universität Osnabrück, Mohssen Massarrat, gab sich damit nicht zufrieden. Der gebürtige Iraner verfasste einen offenen Brief an die verantwortlichen Redakteure. Zwar seien die Umstände, "die zur Absetzung der geplanten Sendung führten", nicht bekannt, so Massarrat: "Im Ergebnis ist diese Entscheidung der Redaktion auf jeden Fall aber ein harter Schlag gegen die Pressefreiheit und die Demokratie in Deutschland." Sie sei "umso inakzeptabler, wenn die ARD unter politischem Druck gehandelt hat". Eben das wird in mehreren Blogs vermutet. Die deutsche Öffentlichkeit habe "gerade wegen der besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel und Palästina" einen Anspruch auf umfassende und differenzierte Information über den Krieg in Gaza, schreibt der Osnabrücker Politologe. Die ARD-Talkshow wäre ein erster Versuch gewesen, "den bestehenden Missstand der einseitigen Berichterstattung ein wenig zu beheben".

Nach Ansicht Massarrats bleiben viele Fragen offen. Das Nahost-Thema sei bei "Anne Will" erst am 9. Januar "ohne Begründung" aus den Ankündigungen verschwunden. Zudem seien die Gäste bereits eingeladen worden – und im Fall Farhat-Nasers umständlich angereist. Es sei kaum glaubwürdig, dass ein aktuelles Thema zugunsten einer zeitlosen Angelegenheit fallen gelassen wird. Und schließlich stünden die Themenentscheidungen "in der Regel Mittwochs endgültig fest". Dies, so Massarrat gegenüber Telepolis, sei zumindest bei der Vorgängersendung "Christiansen" stets so gewesen: "Schließlich müssen sich die Gäste ja vorbereiten."

Die Reaktion auf den offenen Brief, den mehrere hundert Kritiker der Sendeentscheidung unterschrieben, fiel deutlich aus: "Weder der NDR, noch (der ARD-Chefredakteur, d. Red.) Thomas Baumann oder der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens haben eine Sendung zum Gaza-Konflikt `abgesetzt`, wie Sie behaupten", entgegnete der Chefredakteur Fernsehen des NDR, Andreas Cichowicz am Mittwoch. Dass die Biologie-Professorin und Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser über zwei Tage hinweg angereist ist, bedauern wir, stellen aber fest, dass dies (…) nicht auf Versäumnisse der Redaktion zurückzuführen ist", heißt es in dem Schreiben, das Telepolis vorliegt, weiter. Von einem Schlag gegen die Pressefreiheit zu sprechen, liege "vollständig neben der Sache". Eine Einflussnahme habe es nicht gegeben, auch habe die ARD "insgesamt ausführlich über den Krieg in Gaza berichtet, (…) mit Berichten, Interviews und (…) nicht zuletzt mit einem nahezu monothematischen Weltspiegel)".

Widersprüchliche Erklärungen aus den Sendern

Aufgeklärt werden kann der Fall wohl nicht. Trotz des offensiven Umgangs mit der Kritik belasten die Verantwortlichen in Berlin und Hamburg aber Widersprüche. Auch NDR-Sprecher Martin Gartzke wehrte sich am Mittwoch im Gespräch mit Telepolis gegen den Vorwurf, die Gaza-Sendung sei abgesetzt worden. Bei "Anne Will" würden stets mehrere Themen parallel vorbereitet, sagte der Sendevertreter. Die Entscheidung, welches Thema ausgestrahlt wird, würde grundsätzlich erst "freitagmittags" gefällt. So auch im vorliegenden Fall. Eine problematische Erklärung, denn mindestens zwei der ursprünglich geladenen Gäste hatten bereits am frühen Donnerstagnachmittag die Ausladung erhalten. Das bestätigt unter anderem Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme".

Gartzke verteidigt weiterhin auch die Entscheidung, das Gaza-Thema zu kippen. Am Freitag habe sich die Redaktion "einmütig" gegen die Nahost-Debatte entschieden. "Es sah zu diesem Zeitpunkt so aus, als ob sich der Konflikt beruhigt", sagte der NDR-Sprecher, "auch von einem Waffenstillstand war die Rede." Ob der Gaza-Krieg angesichts der weiteren Eskalation nun doch wieder in die Sendeplanung aufgenommen wird, wollte er nicht kommentieren. "Das wären Spekulationen", so Gartzke.

Sumaya Farhat-Naser konnte am Ende doch noch im deutschen Fernsehen auftreten. Am Montagabend strahlte 3Sat eine Sondersendung aus der Staatsoper zum Krieg aus. Zwischen Musikbeiträgen des israelisch-palästinensischen West-Eastern Divan Orchestra nahmen Dirigent Barenboim, Farhat-Naser und andere zu dem Krieg Stellung. In einer Mail an Freunde zeigte sie sich trotzdem erschüttert über das Erlebte. Ihre Angst war, nach Palästina zurück zu fliegen und dort berichten zu müssen, dass das Thema für das deutsche Fernsehen nicht wichtig genug war: "Dieses Szenario quälte mich und ließ mich nicht schlafen."

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