"Den Teufelskreis durchbrechen"

Torge Löding 19.01.2009

Zentralamerikas Remesa-Ökonomien in der Krise

Für die Remesa-Ökonomien in Zentralamerika beginnt das Jahr 2009 mit schlechten Nachrichten. Erstmals seit den Neunzigern ist die Summe der Geldüberweisungen, welche Migranten aus den USA, Europa und anderen Ländern den daheim gebliebenen Familienmitgliedern senden, gesunken. Auch wenn in den meisten Ländern verlässliche Zahlen fehlen, so ist die Tendenz klar – seitdem die Weltwirtschaftskrise in der zweiten Jahreshälfte 2008 als US-Immobilienkrise begann, kommen weniger Remesas (Geldüberweisungen) in den Empfängerländern an.

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Diese Entwicklung sollte ein Grund mehr sein für die Regierungspolitiker in Zentralamerika etwas gegen die Abhängigkeit ihrer Volkswirtschaften von den Remesas zu tun. Aber Fehlanzeige, alternative Wirtschaftskonzepte sucht man in der Region vergeblich. Ein Grund mag sein, dass die Geldüberweisungen jetzt zwar schrumpfen oder zumindest nur zögerlich wachsen, in den fünf Jahren davor aber dramatisch angestiegen sind.

Guatemala – nicht mehr nur Durchgangsland

Ein "ernsthaftes Problem mit der Quellenlage" bemängelt Irene Palmer, Direktorin des zentralamerikanischen Instituts für Sozialstudien (INCEDES) in Guatemala. Es gebe keine verlässlichen Zahlen über die Anzahl der Arbeitsmigranten aus Guatemala. Immer wenn Regierung und oder eine Internationale Organisation etwas zu Trends berichtet, sagen sie nicht, woher sie die Zahlen nehmen. Für Glaubwürdig hält sie folgende Zahlen, die das prozentuale Wachstum der Remesas zwischen 2005 und 2008 markieren:

Honduras plus 32 Prozent

Guatemala plus 18,5 Prozent

Costa Rica plus 16,2 Prozent

El Salvador plus 12 Prozent

Panama plus 9,9 Prozent

Wobei Costa Rica und Panama eine Ausnahmerolle inne haben, da sie in weit größerem Ausmaß Empfängerland für Arbeitmigranten sind als Herkunftsland.

In den neunziger Jahren war Guatemala mit seiner Grenze zu Mexiko vor allem Durchgangsland für die Migranten aus Honduras, El Salvador und Nicaragua auf deren Weg in die USA. In geringerer Anzahl wählten bereits damals auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus Guatemala den Weg in den Norden und etablierten soziale Netzwerke in den USA. "Ein Massenphänomen wurde die Arbeitsmigration in die USA aber erst an 2002 als Folge der Kaffeekrise in Guatemala", berichtet Ruben Dario Narciso, Wirtschaftsexperte beim Beratungsinstitut AsíEs in Guatemala, einem Partner der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung. Narciso bezeichnet "Remesas" als wichtigsten Wachstumsmotor für Guatemalas Volkswirtschaft, jährlich seien die Überweisungen um zehn bis fünfzehn Prozent gewachsen und repräsentieren heute bis zu 12 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Von den 13 Millionen Guatemalteken erhalten 5,5 Millionen regelmäßig Überweisungen von ihren Angehörigen im Norden und 40 Prozent von ihnen sind wirtschaftlich komplett abhängig davon!

Irene Palmer, INCEDES Guatemala

Für Irene Palmer von INCEDES kommt dem starken Einfluss der Remesas vor allem eine Lokomotivfunktion für neoliberale Politik zu, denn der Staat hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter aus seiner sozialen Verantwortung zurück gezogen, der er auch in den 80iger und 90iger Jahren nur unzulänglich nachgekommen ist. Während Remesas in Guatemala gut zehn Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen, belaufen sich die Staatsausgaben für Soziales gerade einmal 6,6 Prozent.

Honduras hängt am Devisentropf

Im Nachbarland Honduras sieht es nicht besser aus. Von den 7,5 Millionen Honduranern im eigenen Land arbeiten nur 500.000 in geregelten Arbeitsverhältnissen und erhalten den Mindestlohn oder mehr. In 2008 haben Migranten ihren Familien fast drei Milliarden US-Dollar überweisen, aber bereits seit zwei Jahren ist das Wachstum abgebremst. "Das kann mit dem Wechselkurs zwischen Dollar und Lempira zu tun haben. Die Banken verdienen sehr gut, indem sie die Dollars unserer Migranten zum Einkaufspreis annehmen und den Angehörigen zum Verkaufspreis ausgeben", kritisiert Edith Zavala, die als Vorsitzende des Nationalen Migrationsforums 26 Organisationen vertritt.

Ihre Landsfrau Sara Elisa Rosales hat ein neueres Phänomen der Migration in den Norden unter die Lupe genommen. Die Sozialwissenschaftlerin und Autorin interviewte Honduranerinnen, welche seit Jahren verstärkt nach Spanien migrieren und dort als "unsichtbare Frauen" Haushaltsarbeit verrichten. Ihr Buch "Migración, Remesas y Género" basiert auf Interviews mit diesen Frauen in Spanien. Mit dem Mythos von besseren Arbeitsumständen in Europa als in den USA räumt es auf. "Die Frauen leben hier genauso in Garagen oder Absteigen zusammen gepfercht wie in den Vereinigten Staaten. Sie sind entrechtet leben im Schatten der Gesellschaft".

El Salvador - Verzweiflung im Grenzland

Traurig schüttelt Carmen Ayala Belis den Kopf. "Nichts ist besser geworden, seitdem die Kinder in den Norden gegangen sind. Das Geld, das ankommt ist wenig, ihre Arbeitskraft fehlt hier auf dem Hof. Groß ist nur der Schmerz", die End-Vierziger Campesina wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und lehnt sich zurück.

Mit ihrem Mann und den fünf jüngeren Kindern lebt sie auf dem kleinen Hof in der Gemeinde La Ceiba auf salvadoranischer Seite des Grenzgebietes El Salvador – Guatemala. Das kleine Bauernhaus wirkt provisorisch, gedeckt ist es mit Palmenwedeln und Wellblech, der Eingang ist mit einer Decke verhangen statt einer Tür. Ein Sohn und eine Tochter leben seit gut einem Jahr als Arbeitsmigranten in den USA und unterstützen ihre Familie mit monatlich 50 bis 100 Dollar. Das entspricht in etwa einem Monatseinkommen auf dem Land in El Salvador, aber voran kommt die Familie nicht.

Campesina Carmen Ayala ist Mutter von Migranten

Doña Carmen beklagt die steigenden Lebensmittelpreise, von der Politik fühlt sie sich komplett verlassen. Anderen Müttern redet sie zu, sie sollen ihren Kindern den "American Dream" ausreden und im Land bleiben. "Wir müssen etwas für unsere Zukunft tun", sagt die siebenfache Mutter, die ihre wenige freie Zeit in eine Umweltschutzgruppe investiert.

Etwa sechs Kilometer entfernt von der Siedlung liegt der Ort Cara Sucia, ein "Pueblo de Paso", sprich Durchgangsstation für Arbeitsmigranten auf dem Weg nach Norden. Jorge Alberto Enriques ist Pastor der lutheranischen Kirchengemeinde des Ortes, die auch einen kleinen Radiosender betreibt. Der Mann mit der ernsten Miene zeigt sich besorgt: "So viele Menschen sehen Migration als den einzigen Ausweg an. Aber sie informieren sich nicht über die Gefahren. Menschenrechte gelten für sie nicht, wenn sie sich in die Arme von Schleppern begeben oder auf eigene Faust über die grüne Grenze gehen". Der Gottesmann versucht für das Thema zu sensibilisieren, genutzt hat ihm dabei zum Beispiel die sozialkritische Radionovela Pueblo de Paso, welche ein costaricanisches Kommunikationszentrum produziert hat und er für das Lokalradio nutzen konnte.

Nach Angaben von Jesús Aguilar, Vorsitzender der Organisation für Migrantenrechte CARECEN, die von kirchlichen Organisationen wie dem irischen Hilfswerk Tócaire gefördert wird, sank der Remesa-Eingang in El Salvador im letzten Quartal 2008 um vier Prozentpunkte im Vorjahresvergleich. "Die Remesa ist die Hauptattraktion der Migration. Aber niemand fragt, was eigentlich die menschlichen Kosten sind, welche sie mit sich bringt. Wie viele mussten sterben und wie sehr mussten diejenigen leiden, die den Weg in die USA geschafft haben? Das wird nie ernsthaft diskutiert, es geht immer nur um die Remesa als eine Einkommensquelle, welche eine gewisse makroökonimische Stabilität für das Landgewährleistet", kritisiert Aguilar.

Exportschlager Arbeitskraft

Arbeitskräfte sind zum Exportschlager Nummer Eins in den meisten zentralamerikanischen Ländern geworden, insbesondere seit den Verwüstungen durch Hurrikan Mitch 1998. Die salvadoranische Wirtschaft ist dabei von den Rücküberweisungen abhängig wie kaum eine andere Nation. Ökonomen beziffern den Anteil der Remesas am Bruttoinlandsprodukt auf 17 bis 18 Prozent, einzelne sprechen gar von 24 Prozent. Den Löwenanteil davon - ungefähr 80 Prozent - geben die Empfänger für Nahrung, Kleidung, Gesundheit und Bildung aus.

Der gefährliche Weg über die Grenze erfordert Mut, Kraft und Kreativität

Der Wirtschaftswissenschaftler Edgardo Mira vom unabhängigen Wirtschaftsforschungszentrum CEICOM -- ein Partner der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung -- in San Salvador findet diese Zahlen bedenklich: "Wir sehen hier ein ungesundes Phänomen -- die Volkswirtschaften konsumieren mehr als sie produzieren. Zudem machen sie sich zu einem entscheidenden Prozentsatz vollkommen abhängig von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in einem anderen Land, auf das sie keinen Einfluss haben." Mira und andere Ökonomen wie Raúl Moreno von der staatlichen Universität nennen den Effekt der Remesas einen Teufelskreis, den es zu durchbrechen gelte.

Auch sie wissen, dass das nicht einfach ist. El Salvador verfügt kaum über eigene Industrien oder Landwirtschaft, all dies wurde im Rahmen neoliberaler Wirtschaftspolitik abgewickelt und zugunsten von Billiglohn-Zuliefererbetrieben (Maquiladoras) und exportorientierter Agrarmonokulturen aufgegeben. Von den Dollars, die als Remesas ins Land kommen, bleibt auch kaum etwas im Land hängen. Alleine 60 Prozent werden in den Wal-Mart oder ähnliche Supermärkte getragen und auch vom Rest fließt kaufen sich die Zentralamerikaner Importwaren aus den USA, Asien oder Europa.

Vorschläge von Politikern, Remesas verstärkt in den Aufbau von eigenen Produktionsmitteln zu stecken hält Moreno für unsinnig: "Zunächst bleibt nach Deckung der Grundbedürfnisse ja kaum etwas übrig und dann fehlt auch jede Politik, die eine solche Investition reizvoll machen würde."

Einen von den Remesas initiierten sozialen Wandel verortet die Soziologin Amparo Marroquín von der katholischen Universität UCA in El Salvador. Insbesondere in ländlichen Regionen habe sich eine neue Schicht von Remesa-Empfängern herausgebildet, denen es wirtschaftlich besser geht als den meisten anderen. Kern dieser neuen "Mittelschicht" sind Rückkehrer, die sich von dem ersparten Geld ein eigenes Haus bauen konnten. "Diese Häuser sind Gebäuden in den USA nachempfunden und verfügen oftmals über ein Spitzdach, wie es dort gegen den Schnee gebaut wird. Das ist in El Salvador natürlich absurd". Jugendliche orientieren sich an den aus den USA importierten Verhaltensmustern und kleiden sich dementsprechend.

Die ökonomischen Verhältnisse erzeugen den Druck zum Kulturwandel. Denn weniger als der sehnsüchtige Blick nach Norden ist es die fehlende Perspektive auf dem heimischen Arbeitsmarkt, die vor allem die jungen Leute an Migration denken lässt. Denn in den USA verdient ein ungelernter Arbeiter an einem Tag so viel wie in Salvador, Honduras, Guatemala oder Nicaragua in einer Woche oder einem Monat.

Auch in Nicaragua wirkt Remesa entpolitisierend

Der nicaraguanische Wissenschaftler José Luis Rocha von der Jesuiten-Universität UCA in Managua sieht einen weiteren Effekt der Remesas: Seit 1996 steigt die Abhängigkeit der Wirtschaft von den Rücküberweisungen und seither sinkt der Reallohn in allen Bereichen -- außer dem Finanzsektor -- kontinuierlich. "Remesas tragen zur Entpolitisierung der Bevölkerung bei. Der Organisationsgrad der Gewerkschaften sinkt und die Leute denken `bevor ich das Land ändere, wechsele ich es lieber`", so sein Warnruf.

Bei der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Geldüberweisungen teilt sich Nicaragua mit El Salvador den zweiten Platz – Remesas machen in beiden Ländern etwa 18 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus, nur in Honduras ist es mit 25 Prozent noch mehr. "Das Dreiecksverhältnis zwischen transnationalen Konzernen, Staat und Gesellschaft hat sich verändert", so Rocha.

Während Nicaragua in den Achtzigern uninteressant war für Auslandsinvestitionen, hat sich das spätestens seit Ende er Neunziger total geändert. Großbanken übernahmen die nationalen Geldinstitute, Walmarkt die Supermärkte und auch das nationale Kapital hat sich transnationalisiert. Nicaraguas Unternehmer sind heute vor allem Minderheitsaktionäre des Großkapitals, weshalb die Elite jetzt noch weniger als früher Möglichkeiten zur Re-Investition im eigenen Land sucht. Mehr Menschen zuvor können sich durch den Zugriff auf Dollars Konsumwünsche erfüllen, um zumindest äußerlich als Vertreter der Mittelschicht zu erscheinen. In der Folge wuchs der Servicesektor und die urbanen Zentren boomen, was beides aber nicht industriellem Wachstum gestützt wird und nach Meinung des Jesuiten nicht stabiler als ein Kartenhaus ist.

Den Verlauf von Remesa-Zahlungen bezeichnet Rocha als "umgekehrtes U". Ganz am Anfang kann der Migrant wenig an seine Familienmitglieder im Herkunftsland überweisen, da er hohe laufende Kosten hat -- den Schlepper bezahlen, eine Arbeit und Wohnung finden, sich im neuen Land orientieren. Dann stabilisiert sich seine Situation, er findet einen besseren Job, lernt die Sprache und überweist mehr. Am Ende holt er aber entweder Familienmitglieder nach oder er bricht mit der Familie, weil er eine neue im Zielland gefunden hat. Die Zahlung schrumpft oder wird ganz eingestellt. So müssen immer mehr Menschen migrieren, um langfristig den Geldstrom aufrecht zu erhalten, denn aus dieser Sicht wird jeder Migrant "weniger rentabel".

In den Neunzigern hat auch in Nicaragua der Staat seinen neoliberalen Rückzug aus der sozialen Verantwortung begonnen und die entstehende Remesa-Wirtschaft bedeute eine systematische Verstärkung dieses Modells. In den Achtzigern zahlte der nicaraguanische Staat rund drei Viertel der Gesundheitsausgaben, heute ist es weniger als ein Drittel. Rund die Hälfte der Gesundheitskosten werden mit Remesas bezahlt und auch in Nicaragua fließen diese zum Großteil in das private Gesundheitssystem. Mit der Perspektive das Land zu verlassen, um die sozialen Probleme individuell zu lösen, hat sich eine ganze Generation aus dem politischen Leben verabschiedet.

Der gefährliche Weg über die Grenze erfordert Mut, Kraft und Kreativität

Dabei hat die Geschichte der Remesas politische Wurzeln. Besonders aus Guatemala flohen viele Menschen bereits in den 80iger Jahren nach Mexico und die USA vor den blutigen Bürgerkriegen, denen in der Region hunderttausende vor allem indigene Zivilisten zum Opfer fielen. "Die Migration ist Produkt der Struktur, die sich noch immer in den lateinamerikanischen Ländern findet. Die Bürgerkriege waren Produkt der Armut, der sozialen Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus in unseren Ländern. Die daraus resultierende Gewalt führte seit den 80iger Jahren zu Migration. Doch heute in 2008 bestehen diese Strukturen immer noch, mit einem total geschlossenen Markt und einer ökonomischen Abhängigkeit von dem, was die USA oder die EU sagen", konstatiert Jorge Campos von der Nichtregierungsorganisaton PCS in Guatemala.

Von der Politik fordert er, dass sie endlich Verantwortung für die Migranten übernehmen solle und auf Einhaltung der Menschenrechte dränge, statt sich zum tumben Ausführungsorgan der US-Sucherheitsinteressen zu machen. "Der unmenschliche Status Quo ist im Interesse der Regierungen Zentralamerikas. Die Migranten, die auf der Strecke bleiben sind nicht ihr Problem und von den Remesas derer, die es geschafft haben, profitieren sie durch die Mehrwertsteuer", sagt Campos.

Die Anzahl der Nicaraguaner, die ihre Heimat als Arbeistmigranten verlassen haben, ähnelt jender der anderen Länder. Marta Isabel Cranshew vom Netzwerk der nicaraguanischen Migranten beziffert diese auf eine Million. Ins Land fließen jährlich aber nicht mehr als 0,8 Milliarden US-Dollar. Also viel weniger als in den Fällen El Salvador, Honduras und Guatemala, wo es jeweils mehrere Milliarden Dollar sind. Dass die durchschnittliche Monatszahlung nur 175 Dollar beträgt, hat mehrere Gründe. Zum einen sind nicaraguanische Migranten im Vergleich zu den Honduranern in den USA schlechter gestellt. Honduraner haben ehesten Zugang zu einer temporalen Arbeitsgenehmigung und arbeiten deshalb in besseren Jobs im Dienstleistungsbereich, während Nicaraguaner eher als Bauarbeiter tätig sind und damit nicht nur weniger verdienen, sondern auch eher von der Immobilienkrise in den USA betroffen sind. Während 40 Prozent der nicaraguanischen Migranten in den USA leben, wählten 45 Prozent das Nachbarland Costa Rica als Ziel. Die Löhne sind hier deutlich geringer als in den USA, der Mindestlohn eine Hausangestellten lag 2008 unter der 400 Dollar-Marke.

Ausblick

Obwohl zuverlässige Zahlen fehlen, ist in den vier nördlichen Ländern Zentralamerikas ein Trend auszumachen: Obwohl die USA und EU sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit restriktiver Politik und brachialer Gewalt von Migranten abschotten, nimmt die Zahl der Migranten zu. Und obwohl die Wirtschaftskrise in den USA beachtliche Ausmaße angenommen hat, steigt die Summe der Remesas weiterhin. Ersteres Phänomen ist darauf zurück zu führen, dass sich die Migranten stets neue Wege suchen. Immer gefährlichere und kostspieligere. Wer sich heute von einem Schleuser aus Zentralamerika in die USA bringen lassen möchte, muss 5.000 bis 10.000 US-Dollar investieren. Lebensgefahr und das Risiko des Scheiterns inklusive.

Häuser in Salvadors Provinz erinnern an die USA

Die grundsätzlichen Forderungen der Akteure der Zivilgesellschaft in Nicargua, El Salvador, Honduras und Guatemala gleichen sich: Migranten sollen als politische Subjekte wahr genommen werden und respektvoll behandelt werden. Sowohl dort, wo sie arbeiten, als auch im alten Heimatland. Von der Politik erwarten sie, dass sie endlich ihrer vernachlässigten sozialen Verpflichtung nachkommt.

Der salvadoranische Wirtschaftswissenschaftler Raúl Morena hält ein grundsätzliches Umdenken für notwendig. Den Teufelskreis zu durchbrechen sei nicht einfach, wenn man nicht das Wirtschaftssystem ändere. "Salvadors aktuelles ökonomisches System ist eine perfekt funktionierende Maschine, die Ausgrenzung und Armut produziert und auf der anderen Seite die Konzentration des Reichtums in den Händen einer kleinen Oberschicht gewährleistet". Ausserdem funktioniere dieses System im Sinne der US-Wirtschaft, die von der billigen Arbeitskraft profitiere. Um das zu ändern, sei eine neue soziale Kraft nötig, der es gelinge das Eigentum an den Produktionsmitteln zu ändern und den gesellschaftlichen Reichtum auf gerechte Weise verteile. Ein Regierungswechsel alleine, wie er im März in El Salvador eventuell mit dem möglichen Sieg des linken Präsidentschaftskandidaten Mauricio Funes (FMLN) auf der Tagesordnung stehen könnte, gewährleiste einen solchen Wandel aber nicht.

Der Autor arbeitet für das unabhängige Kommunikationszentrum VOCES NUESTRAS in San José, Costa Rica und bereist zurzeit die Region

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29556/1.html
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