Wirtschaftstheoretiker zur Krisenbewältigung

27.01.2009

Keine Chance für "Austrian Economics" gegen keynsianisch-monetaristischen Synthese

Während einstmals verfeindete Keynsianer und Monetaristen nun geeint gegen die befürchtete zweite "Große Depression" vorgehen, bleibt die liberale "Österreichische Schule der Nationalökonomie" weiterhin außen vor.

Viele der Ökonomen und Investoren, die den aktuellen Finanzkollaps schon lange prognostiziert hatten, waren von Ideen inspiriert, die sich in der dichtesten Form vermutlich in der radikal-liberalen ökonomischen Schule der "Austrian Economics" finden. Während einige Aspekte dieser Minderheitenposition vom fachökonomischen Mainstream jedoch längst übernommen wurden, werden ihre Rezepte zur Krisenbewältigung weithin strikt missachtet. Nachdem nun die Vorhersagen der seit 70 Jahren klar gegen die herrschende Volkswirtschaftslehre positionierten Österreichischen Schule der Nationalökonomie offenbar recht präzise eingetroffen sind, bleibt zu hoffen, dass nicht auch ihre Analysen zur Krisenbewältigung zutreffen. Denn dann wäre eine unnötig lange andauernde Depression unausweichlich.

Neben den sich auf den Ökonomen John Maynard Keynes berufenden Keynsianern sowie den "Monetaristen" um Milton Friedman hat auch die "Österreichische Schule der Nationalökonomie" anhand der Erfahrungen der "Großen Depression" eine Konjunkturtheorie entwickelt. Mit Österreich hat diese Theorie nichts mehr zu tun hat, seit ihre führenden Exponenten vom Nazi-Regime vertrieben wurden. Ihren Namen erhielt sie von Vertretern der vor hundert Jahren im deutschsprachigen Raum dominierenden "historischen Schule", die ihre individualistisch orientierten österreichischen Kollegen damit wohl als provinziell verunglimpfen wollten - insbesondere Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises und Friedrich Hayek, die heute als die Väter dieser radikal-liberalen Schule gelten, wobei letzterer 1974 immerhin den Ökonomie-Nobelpreis erhielt.

Heute ist ihr Ansatz zwar nach wie vor ein Minderheitenprogramm, wird jedoch immerhin an der George Mason Universityin Virginia und an der Loyola University in New Orleans sowie am "Mises-Institut" der Universidad Francisco Marroquín in Guatemala gelehrt. Darüber hinaus halten auch das US-amerikanische Mises Institute und die Foundation for Economic Education die "Austrian School" am Leben, zu der sich z.B. der republikanische Kongressabgeordnete und vormalige Präsidentschaftskandidat Ron Paul offensiv bekennt und der selbst der langjährige Fed-Chef Alan Greenspan einige Sympathie entgegenbrachte – dies wohl aber auch im Zusammenhang mit Greenspans eigenem "Marktfundamentalismus". Sehr verbreitet sind die Thesen zudem in abweichlerischen Investorenforen wie z.B. Prudent Bear oder Daily Reckoning, sowie bei den meisten ökonomisch gebildeten "Gold-Buggs", Verfechtern des Gold-Standards und von Goldinvestitionen.

Der wichtigste Vertreter der jüngeren Autoren dürfte Mises-Schüler Murray N. Rothbard sein, der, ebenso wie Keynes und Friedman/Schwarz (die dann wechselweise den ökonomischen Mainstream bildeten), seine Wirtschaftstheorie anhand einer Analyse der "Großen Depression" der 1930er Jahre entwickelt hat. Ihm muss allerdings vorgeworfen werden – wie z.B. seine harsche Kritik an Adam Smith zeigt – gegenüber Kollegen eher kleinlich zu sein und apodiktisch selbst in Geschmacksfragen nur die eigenen, bei Mises gelernten Erkenntnisse zuzulassen. Darüber hinaus schreckt er auch nicht davor zurück, lebenden wie längst verstorbenen Ökonomen, charakterliche Mängel zu attestieren, so sie nur seine Überzeugungen nicht teilen.

Dabei mag Rothbards’ akademischer Furor angesichts der massiven Dominanz der Neoklassik (bzw. des Streits zwischen Monetaristen und Keynisanern) zwar durchaus verständlich sein, der durchaus interessante Ansatz wird so jedoch entwertet. Dazu kommt, dass Rothbards' Ansichten teilweise etwas weltfremd erscheinen und weit über seine Vorgänger hinausgehen. So hatte etwa Friedman die Austrians vor allem aufgrund ihres unkonstruktiven Dogmatismus kritisiert, der die Wissenschaft nicht nach vorne bringe.

Tatsächlich hat Rothbard etwa große Probleme mit dem "fractional banking", welches er immer wieder mit der banalen "Fristentransformation" gleichsetzt, die eines der traditionellen Grundgeschäfte des Bankwesens ist, nämlich täglich fällige Sichteinlagen zu niedrigen Zinsen anzunehmen und gegen höhere Zinsen als langfristige Kredite zu vergeben. Da keine Bank im Stande wäre, sollten die Gelder gleichzeitig eingefordert werden, ihren Verpflichtungen nachzukommen, wie sich tatsächlich bei jedem "Bank-run" zeigt, sei das Bankwesen stets latent bankrott, was Rothbard ablehnt, ohne jedoch eine elaborierte Alternative anzubieten.

Man mag das nun als esoterisch betrachten, dessen ungeachtet hat Rothbards historische Analyse zweifellos Substanz - und rüttelt an den Grundfesten der herrschenden ökonomischen Theorie, die sich in der Praxis aktuell offenbar gerade zur keynsianisch-monetaristischen Synthese entwickelt. Den während bisher vereinfacht gesagt die Keynsianer im Krisenfall die Staatsdefizite erhöhen wollen und die Monetaristen hingegen die Geldmenge, ist aus dem "Entweder-Oder" inzwischen weltweit ein "Sowohl-Als-Auch" geworden, bei dem Regierungen und Notenbanken offenbar alles in die Schlacht werfen, was verfügbar ist.

Keine Hilfe an strauchelnde Banken und Unternehmen

Die "Austrian Economics" unterscheiden sich von der herrschenden Strömungen der Wirtschaftswissenschaften einerseits durch ihren "methodischen Individualismus" (von Mises "Praxeologie" genannt), der versucht, die ökonomische Theorie logisch aus grundsätzlichen menschlichen Handlungsweisen abzuleiten. Anderseits zeichnet sie sich durch extremen Liberalismus aus, der in der Forderung nach weitgehendem Rückzug des Staates aus Wirtschaft und Geldpolitik gipfelt und die Bedeutung von freien Marktpreisen für Geld, Güter und Produktionsfaktoren betont.

Das Rezept, das Rothbard gegen die Krise der 1930er Jahre verordnet hätte, widerspricht jedenfalls diametral den heute und laut Rothbard auch damals gewählten öffentlichen Reaktionen: Keine Hilfe an strauchelnde Banken und Unternehmen, keine öffentliche Kontrolle der Preise von Assets, Gütern oder Arbeit; und schon gar keine Kreditexpansion durch die Notenbank. Dann, so schließt Rothbard aus der US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte, könne selbst eine schwere Krise – welche zwangsläufig und immer auf übermäßige Staatsausgaben und/oder zu expansive Geldpolitik folgen müsse - in 12 bis 18 Monaten überwunden werden. Dabei müssten kurzzeitig zwar in allen Kategorien – und besonders auch bei den Löhnen - sofern es durch die Kreditexpansion zu Überhöhungen gekommen ist, fallende Preise (Deflation) in kauf genommen werden.

Bevor der nächste Aufschwung einsetzen könne, müssten die verzerrten Preise laut Rothbard jedenfalls korrigiert werden. Alle Stützungsmaßnahmen der Regierung würden die notwendigen Anpassungen nur verzögern und die Dauer der Depression unnötig verlängern.

Im Gegensatz dazu kämpfen in der Mainstream-Ökonomie seit dem 2. Weltkrieg zwei wesentlich einflussreichere Ansätze um die Vorherrschaft. Zum einen war das die "Keynessche Revolution", die im Gefolge der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre einen Wandel im ökonomischen denken bewirkte. Dahinter stand die von dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes 1936 in seinem Buch The General Theory of Employment, Interest and Money veröffentlichte Einsicht, dass die Wirtschaft nicht immer von selbst einem Optimum im Sinne einer maximalen Kapazitätsauslastung zustrebe. Bis dahin hatte man das – vereinfacht gesagt - unter Berufung auf die "unsichtbare Hand" von Adam Smith angenommen und in der Konsequenz ausgeglichene Staatsbudgets angestrebt.

Obwohl Regierungen natürlich immer schon gerne über ihre Verhältnisse gelebt haben, galt dies doch als verwerflich und erst mit Keynes wurden Staatsdefizite als dem allgemeinen Wohle förderlich betrachtet. Denn wie Keynes nach den Erfahrungen der Großen Depression feststellte, sollte der Staat die im Krisenfall eingebrochene Nachfrage mit Budgetmitteln substituieren und dafür Schulden machen. Das wurde nach dem 2. Weltkrieg zur herrschenden Doktrin und funktionierte bis Mitte der 1960er Jahre tatsächlich ausgesprochen gut, bedenkt man, dass die Welt nach dem 2. Weltkrieg für drei Jahrzehnte kaum von schweren Wirtschaftskrisen geplagt wurde. Um 1965 herrschte dann auch die Meinung vor, Keynes hätte den ökonomischen Stein der Weisen gefunden und Krisen à la 1930 könnten künftig mit Sicherheit vermieden werden.

Dann begann das globale Finanzsystem aus den Fugen zu geraten. Die horrenden Kosten des Vietnamkriegs und der zu hoher Dollarwechselkurs im starren Währungssystem von Bretton Woods ließen die USA hinter Japan und Deutschland zurückfallen, und offenbar war der Budgetäre Spielraum für weitere Stimulierungsmaßnahmen vorerst ausgereizt. Der "naive Keynsianismus", der im Fall eines Konjunktureinbruches auf Staatsaufgaben setzte, um den Nachfrageausfall zu kompensieren, war in den USA offenbar nicht mehr fähig, immerwährende Prosperität sicherzustellen, was Europa aber nicht davon abhielt, die keynesianischen Rezepte weiter zu verfolgen. "Naiv" übrigens insofern, als unter dem Stichwort Keynes nicht sein gesamtes Denken verstanden wird, sondern isoliert dessen Rezept des Deficit-Spending, das von den jeweiligen Politikern, die diese Staatsgelder dann verteilen sollten, naturgemäß gerne angenommen wurde – dies allerdings nicht nur in Krisenzeiten.

Angesichts der andauernden Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren, nach der die meisten westlichen Industriestaaten ihre Staatsschulden erfolglos vervielfacht hatten, war allerdings der wesentliche Nachteil dieses Pseudo-Keynsianismus deutlich geworden. Denn die Politiker hatten das Geld in Krisenzeiten zwar gerne mit vollen Händen ausgegeben, es jedoch unterlassen, die Gelder in guten Zeiten zurückzuführen wie Keynes es gefordert hatte und was die Staatsschulden der westlichen Industriestaaten flächendeckend explodieren ließ.

Entstehung des Monetarismus

Da traf es sich gut, das Milton Friedman und Anna Schwartz schon 1963 in ihrem Buch "A Monetary History of the United States" den Ansatz vertreten hatten, der wahre Grund für die Große Depression sei vor allem in der Kontraktion der Geldmenge zu suchen. Für Friedman/Schwartz waren schon die Leitzinsanhebungen vor dem Oktober-Crash falsch, die 1929 erfolgt waren um die überbordende Spekulation an der Wall Street einzudämmen. Während der "Great Depression" identifizierten Friedman/Schwartz dann mehrere Episoden, wo Leitzinssenkung unmittelbar zu Aufschwüngen geführt hatten, die durch eine Verschärfung der Geldpolitik, die notwendig wurde um den übermäßigen Abfluss von Gold ins Ausland zu verhindern, dann aber sofort wieder eliminiert wurden.

Friedman/Schwartz und weitere Kollegen von der University of Chicago fanden weitere Beispiele und entwickelten daraus den "Monetarismus". Demnach ermögliche allein die Kontrolle über die nominelle Geldmenge eine perfekte Steuerung der Konjunktur, wofür ein Land erst einmal von den Fesseln des Goldes befreit werden müsse. Laut monetaristischer Mainstream-Ökonomie bedinge das ein "Fiat-Money"-System (von Fiat Lux, lat. "Es werde Licht!", nach Genesis 1,3), bei dem der Wert des Geldes durch keinerlei Edelmetall-Einlösungspflichten unterstützt wird, was für die Austrian Economics übrigens den Anfang allen Übels darstellt. Fed-Chef Ben Bernanke versicherte indes 2002 bei einer Rede zum 90ten Geburtstag von Milton Friedmann, nicht dieselben Fehler zu machen, wie Friedmann sie für die Grosse Depression diagnostiziert hatte, sollte er einmal in diese Lage kommen.

I would like to say to Milton and Anna: Regarding the Great Depression. You're right, we did it. We're very sorry. But thanks to you, we won't do it again.

Ben Bernanke

Glaubt man indes Rothbard, dann ist Bernanke längst dabei, eben diese Fehler nun zu wiederholen.

Nicht nur laut z. B. dem Hedge Fonds Guru Georg Soros dürfte jedenfalls der erste Teil von Rothbards 1930er Analyse, dass die zu niedrigen Leitzinsen die Krise verursacht habe, auch auf die heutige Situation zutreffen. Demnach habe das Geldmengenwachstum das Wirtschaftswachstum seit dem 2. Weltkrieg zwar immer übertroffen – was Rothbards Tendenz zur Inflationierung entspricht -, in der Zeit von Ronald Reagan und Maggy Thatcher habe die Geldmengenexpansion jedoch begonnen, die Eigenschaft einer "Bubble" anzunehmen. Seither herrschte offiziell der "Markt-Fundamentalismus", dass die Finanzmärkte von selbst einem Gleichgewicht zustreben und alle Abweichungen zufällig und auf äußere Ursachen zurückzuführen wären.

Das entspräche zwar durchaus auch den liberalen Prinzipien der Österreichischen Schule, Rothbard würde vermutlich aber urteilen, dass es sich bei den angeblichen Liberalisierungen und Deregulierungen nur um eine Camourflage-Aktion handle, die weniger Liberalität und allgemeine Prosperität zum Ziel gehabt habe, sondern viel mehr die Umleitung von Vermögen in die Hände derer, die das System kontrollieren.

Für Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz ergaben sich aus diesem Marktfundamentalismus zwei verhängnisvolle politische Dogmen: So dürfe das Verfolgen von privaten Eigeninteressen nicht gehemmt und müssten die Finanzmärkte dereguliert werden, was nun für 30 Jahre zur Maxime der US-amerikanischen Politik werden sollte. Das förderte die Interessen der Eigentümer und Manager von Finanzkapital massiv, wie auch Rothbard, wäre er nicht 1995 verstorben, wohl kritisiert hätte.

Die Gewinner konnten zusätzlich davon profitierten, dass die Globalisierung es den einzelnen Staaten ohnehin sehr schwer gemacht hatte, die Finanzströme zu besteuern oder zu regulieren – was aber ohnehin nicht ernsthaft versucht wurde, da Politiker und Finanzsystem sich auf Basis gemeinsamer Interessen alliiert hatten, wie Stieglitz urteilte. Diese Allianz ermöglichte z.B. eine weitgehende Privatisierung des Vorsorgesystems und der Finanzsektor schwoll an, bis er am Höhepunkt rund ein Viertel der gesamten US-Aktienmarktkapitalisierung umfasste und ein Drittel aller Unternehmensgewinne einstreifte.

Zurück zum Goldstandard??

Mit freien Märkten im Sinne Rothbards hatte das freilich wenig zu tun. Diese wären laut Rothbard in der Realität ohnehin kaum jemals zu finden, da es das stete Ziel der Großindustrie sei, jeglichen Wettbewerb durch Kartelle und Monopole zu umgehen. Der Politik eigne indes ein natürlicher Hang zur Inflation, so dass ihr die Kontrolle über die Geldschöpfung zu entziehen sei.

Ideal sei demnach ein "echter" Goldstandard, bei dem Geld jederzeit und von jedem zu einem festgelegten Kurs in Gold getauscht werden könne. Übermäßige Geldschöpfung würde sofort zum Verlust der Goldreserven führen und somit rasch unterbunden. Der Zinssatz entspräche dem natürlichen Zins, der Geldangebot- und Nachfrage zum Ausgleich bringt. Aber schon wenn eine Zentralbank ihre Reserven nicht nur in Gold, sondern auch in anderen Währungen halten kann und Gold nicht mehr uneingeschränkt getauscht wird, – wie etwa beim Britischen Goldstandard ab 1925, bei dem die Bank of England Gold nur noch in Barrenform herausgab, oder beim Dollar-Goldstandard von Bretton Woods, bei dem die USA, die schon 1934 alle privaten Goldbestände eingezogen hatte und nur noch zwischenstaatliche Goldtransfers zuließ – könnte und werde der Staat inflationieren, was zu einer stetigen Abweichung vom natürlichen Zins führe und für Booms und Krisen verantwortlich sei. Hingegen sollte sich der Staat laut Rothbard darauf beschränken, Eigentumsrechte und die Einhaltung privater Verträge sicherzustellen und alles Weitere dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage zu unterwerfen.

Rothbards’ Analyse der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist dann auch tatsächlich recht individualistisch und reicht fast schon in den Bereich der Verschwörungstheorien. Denn diese sei ausschließlich der US-Geldpolitik zu verdanken, die ihrerseits weitgehend von den Interessen der damals dominierenden Finanzgruppe dem "House of Morgan" von John Pierpont Morgan und seinen Nachfolgern gesteuert worden sei. Morgans Konglomerat dominierte die Wall Street und umfasste neben den im Zentrum stehenden Finanzaktivitäten weite Teile der Eisenbahn, sowie der Grundstoff-, Schwer-, KFZ- und Elektroindustrie – Nachfolgeunternehmen sind heute z.B. GE, US Steel, JP Morgan, Morgan Stanley und General Motors.

Morgans politischer Einfluss – vom Anfang des Jahrhunderts bis zum New Deal wurden laut Rothbard praktisch alle wirtschaftspolitischen Positionen von Morgans Gefolgsleuten besetzt - sorgte nicht nur dafür, dass mit allerlei gesetzlichen Maßnahmen hohe Zugangsbeschränkungen für etwaige neue Konkurrenten errichtet wurden und seine Industriebetriebe zu Monopolen anwachsen konnten. Patriarch J.P. Morgan organisierte die Errichtung einer US-amerikanischen Notenbank nach deutschem Vorbild, wofür der sich vorübergehend sogar mit seinen stärksten Konkurrenten und Erzfeinden um den Ölmagnaten Rockefeller und die Wall Street Investmentbanker Kuhn und Loeb verbündete. Erst im Verlauf des New Deal wurde das Morgan-Imperium zurückgestutzt, woraufhin Rockefeller samt Kuhn und Loeb übernahmen die wirtschaftspolitische Vorherrschaft übernahmen.

Vereinfacht dargestellt hatte Morgan laut Rothbard großes Interesse daran, dass England nach den finanziellen Wirren nach dem 1. Weltkrieg möglichst rasch zum Goldstandard zurückkehrt. Und dies mit einem stark überbewerteten Pfund, denn immerhin hatte Morgan hohe Pfund-Forderungen und großes Interesse am freien Welthandel auf Sterling-Basis. Um dies zu bewerkstelligen, mussten die USA freilich eine stark expansive Geldpolitik verfolgen, da andernfalls die Goldreserven der Briten umgehend in den USA landen würden, was dann laut Rothbard auf Morgans Veranlassung hin auch geschah. Da Inflationierung immer im Interesse der Politik stehe, war dies um so einfacher umzusetzen. Rothbard kann sich hier durchaus auf Originaldokumente stützen, die belegen, dass der Boom an der Wall Street tatsächlich bewusst in Kauf genommen wurde, um das Pfund zu stützen. So zitiert er eine Sitzung der US-Fed aus 1927, bei der die Notenbanker sich im Klaren darüber waren, durch die laufende Inflationierung "der Wall Street noch einen weiteren Schuss Whiskey" zu kredenzen.

Given the existence of the Federal Reserve System, what should its policy have been? The government should have exercised full vigilance in not supporting or permitting any inflationary credit expansion. The Fed does not have complete control over money because it cannot force banks to lend up to their reserves; but it does have absolute anti-inflationary control over the banking system. For it does have the power to reduce bank reserves at will, and thereby force the banks to cease inflating, or even to contract if necessary.

Rothbard

Hingegen hätte die Fed laut Rothbard von Anfang an alle ihre Aufmerksamkeit darauf richten müssen, die inflationäre Kreditexpansion zu vermeiden, was weder vor der "Great Depression", noch vor der aktuellen Finanzkrise der Fall war. Tatsächlich dürfte die jüngste globale Kreditexpansion jener der 1920er Jahre insofern durchaus nahekommen, was laut Austrian Economics nun zwangsläufig zu einer Krise führen müsse, deren Dimensionen jenen der zuvor erfolgten Kreditexpansion entspricht.

Hände-weg-Politik zur Verkürzung der Krise?

Nachdem die Krise 1929 also ausgebrochen war und nicht und nicht enden wollte – wofür, wie gesagt, die Keynesianer mangelnde Staatsausgaben und die Monetaristen die zu restriktive Geldpolitik verantwortlich machen –, hätte die US-Regierung laut Rothbard den Dingen einfach ihren Lauf lassen müssen. Tatsächlich hätten Notenbank und Regierung aber ohnehin genau das getan, was Keynsianer und Monetaristen dann im Nachhinein zu fordern hatten. Wie Rothbard detailreich zu belegen versucht, sei die Expansion der Geldmenge zwar versucht worden, nur hätte die Fed es trotz umfangreicher Wertpapierkäufe einfach nicht geschafft, die massive Erhöhung der Zentralbankgeldmenge in Kredite und Ausgaben zu verwandeln – was sich ja auch bereits jetzt wieder beobachten lässt (Statistiken belegen eine historische Zäsur der US-Geldpolitik).

Ebenso seien auch in den 1930er Jahren sofort Defizit-finanzierte Ausgabenprogramme initiiert worden, die angesichts des damals wesentlich niedrigeren Staatsanteils and der Wirtschaft einen Vergleich mit den aktuell angekündigten Plänen kaum scheuen müssen. Immerhin wurden laut Rothbard noch 1930 unter Präsident Hoofer Infrastrukturprogramme um 500 Millionen Dollar angeschoben wurden, wovon der Hoover-Damm heute noch zeugt.

Betrachtet man allerdings, was an Konjunkturprogrammen sonst noch angedacht, dann aber nicht umgesetzt wurde, dürfte das Potential des Deficit-Spending jedenfalls nicht vollständig ausgenutzt worden sein. Hingegen dürften die monetären Expansionsschritte, wie etwa die annähernde Verdreifachung des Wertpapierbestandes der Fed, der aktuellen Lage entsprechen. Auch die Leitzinsen wurden auf für damalige Verhältnisse unglaubliche zwei Prozent herabgesetzt, was jedoch bei dem damals herrschenden zweistelligen Rückgang des Preisniveaus dennoch Realzinsen von mindestens acht Prozent bedeutete.

Die stärkste Konjunkturbremse ortet Rothbard übrigens in dem auf Druck der Regierung umgesetzten Lohn-Moratorium in der Industrie, demzufolge Lohnkürzungen ausgeschlossen wurden. Darin sieht er die Hauptverantwortung für die Massenarbeitslosigkeit.

Während Lohnsenkungen aber auch heute nur sehr schwierig umzusetzen wären, laufen nach Ansicht der Austrian Economics die massiven fiskalischen und monetären Expansionsmaßnahmen jedenfalls allesamt absolut in die falsche Richtung und würden die Erholung nur verzögern.

Nachfolgenden Forschergenerationen wird die aktuelle Krisenepisode zumindest einiges an Zahlenmaterial liefern, um neue und alte Lösungen zu testen. Interessant dürfte dann wohl werden, ob etwa die Länder, die mehr den monetaristischen Lösungen zuneigen, besser abschneiden als jene, die jetzt mehr auf Keynes setzen. Sollten hingegen jene wenigen Länder, die den Dingen zwangsläufig eher ihren Lauf lassen, am besten abschneiden, könnte ein spätes Revival der "Austrian Economics" die Folge sein.


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