Auf der falschen Seite

26.01.2009

Der Gaza-Krieg und der Amtsantritt von Obama lassen die USA und Israel auseinander driften

Von all den wunderbaren Sätzen aus Barack Obamas Amtseinführungsrede blieb folgender Satz bei mir hängen: "Ihr seid auf der falschen Seite der Geschichte." Er sprach von den tyrannischen Regimen in der Welt. Aber auch wir sollten über dieses Wort nachdenken.

In den letzten paar Tagen hörte ich viele Erklärungen vonseiten Ehud Baraks, Zipi Livnis, Binyamin Netanyahus und Ehud Olmerts. Und jedes Mal musst ich an dieses Wort denken: "Ihr seid auf der falschen Seite der Geschichte!"

Obama sprach als Mensch des 21. Jahrhunderts. Unsere Führer sprechen jedoch die Sprache des 19. Jahrhunderts. Sie ähneln den Dinosauriern, die einst ihre Nachbarn tyrannisierten und denen nicht bewusst war, dass ihre Zeit längst abgelaufen war.

Eine moderne Nation

Während der aufregenden Feierlichkeiten wurde immer wieder erwähnt, wie vielfältig das Herkunftspatchwork der neuen Präsidentenfamilie zusammengesetzt ist. Alle vorausgegangenen 43 Präsidenten waren weiße Protestanten, außer John F. Kennedy, der ein weißer Katholik war. 38 von ihnen waren Nachkommen von Immigranten der britischen Inseln. Von den fünf übrigen waren drei holländischen Ursprungs (Theodor und Franklin D. Roosevelt als auch Martin van Buren) und zwei hatten deutsche Vorfahren (Herbert Hoover und Dwight Eisenhower).

Obamas Familie ist ganz anders: die Großfamilie schließt Weiße und Nachkommen schwarzer Sklaven, Afrikaner aus Kenia, Indonesien, Chinesen aus Kanada, Christen, Muslime und sogar einen Juden mit ein (einen konvertierten Afro-Amerikaner). Die beiden ersten Namen des Präsidenten selbst Barack Hussein sind arabisch.

So sieht die neue amerikanische Nation aus: eine Mischung von Rassen, Religionen, Ursprungsländern und Hautfarben, eine offene und vielfältige Gesellschaft, deren Mitglieder alle gleichberechtigt sein sollen und sich mit den "Gründungsvätern" identifizieren. Der amerikanische Barack Hussein Obama, dessen Vater in einem kenianischen Dorf geboren wurde, kann mit Stolz von "George Washington, dem Vater unserer Nation" reden und von der "amerikanischen Revolution" (dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten), und hält das Beispiel "unserer Vorfahren" hoch, sowohl die weißen Pioniere als auch die schwarzen Sklaven, die den Peitschenschlag ertrugen. Das ist die Vorstellung einer modernen Nation, multikulturell und multiethnisch: Eine Person schließt sich dieser an, sobald sie die Staatsbürgerschaft erwirbt. Von diesem Augenblick an ist sie ein Erbe dieser ganzen Geschichte.

Israel ist das Ergebnis des engen Nationalismus' des 19.Jahrhunderts, der exklusiv ist und ausschließt, der sich auf die Rasse und den ethnischen Ursprung gründet, "Blut und Boden". Israel ist ein "jüdischer Staat", und ein Jude ist eine Person, die jüdisch geboren oder nach dem jüdischen Gesetz (Halacha) konvertiert ist. Wie Pakistan und Saudi Arabien ist es ein Staat, dessen geistige Welt in großen Teilen von der Religion, der Rasse und dem ethnischen Ursprung bestimmt ist.

Wenn Ehud Barak über die Zukunft spricht, spricht er in der Sprache der vergangenen Jahrhunderte, in Termini roher Gewalt und brutaler Drohungen. Er spricht von der Armee, als ob sie alle Probleme lösen könnte. Das war auch die Sprache von Georg W. Bush, der sich letzte Woche aus Washington davon geschlichen hat, eine Sprache, die in westlichen Ohren schon wie ein Echo aus längst vergangener Zeit klingt.

Die Worte des neuen Präsidenten hallen weit: "Unsere Macht allein kann uns nicht schützen, noch gibt sie uns das Recht, zu tun, was uns gefällt." Die Schlüsselworte waren "Demut" und "Zurückhaltung".

Unsere Führer rühmen sich jetzt ihres Anteils am Gazakrieg, in dem hemmungslose militärische Gewalt mit Vorbedacht gegen eine zivile Bevölkerung losgelassen wurde, gegen Männer, Frauen und Kinder – mit dem erklärten Ziel, "Abschreckung zu schaffen". In einer Epoche, die letzten Dienstag begann, können solche Ausdrücke nur Schaudern auslösen.

Zwischen Israel und den USA hat sich eine Kluft aufgetan

Noch ist die Kluft zwischen Israel und den USA klein und fast unsichtbar – aber sie kann sich zu einem Abgrund erweitern.

Die ersten Anzeichen sind noch klein. In seiner Amtseinführungsrede proklamierte Obama, dass "wir eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus - und Ungläubiger sind". Seit wann? Seit wann kommen Muslime vor den Juden? Was geschah mit dem "jüdisch-christlichen Erbe?" (sowieso ein vollkommen falscher Terminus, da das Judentum viel näher am Islam anzusiedeln ist als am Christentum; zum Beispiel unterstützen weder das Judentum noch der Islam die Trennung von Religion und Staat).

Schon am nächsten Morgen telefonierte Obama mit einigen nahöstlichen Führern. Er entschied sich, eine einzigartige Geste zu machen, und rief Mahmoud Abbas zuerst an und dann erst Olmert. Die israelischen Medien konnten dies nicht ertragen. Haaretz z.B. verfälschte bewusst den Bericht – nicht nur einmal, sondern zweimal in derselben Ausgabe - mit der Behauptung, Obama habe Olmert, Abbas, Mubarak und König Abdallah angerufen (und zwar in dieser Reihenfolge).

Statt aus der Gruppe amerikanischer Juden, die während der Clinton- und Bush-Regierung für die Belange des israelisch-palästinensischen Konfliktes zuständig war, ernannte Obama schon am ersten Amtstag den arabischen Amerikaner George Mitchell, dessen Mutter mit achtzehn aus dem Libanon gekommen war und der selbst als Waisenkind nach dem Tode seines irischen Vaters in einer maronitisch-christlichen Familie aufgezogen wurde.

Dies sind keine guten Nachrichten für die israelischen Führer. In den letzten 42 Jahren führten sie in enger Kooperation mit Washington eine Politik der Expansion, der Besatzung und der Siedlungen durch. Sie haben sich auf unbegrenzte amerikanische Unterstützung mit massiver Finanz- und Waffenhilfe bis zum Veto im UN-Sicherheitsrat verlassen. Diese Unterstützung war für ihre Politik lebenswichtig. Diese Unterstützung könnte jetzt an ihre Grenzen stoßen.

Natürlich wird dies langsam geschehen. Die Pro-Israel-Lobby in Washington wird dem Kongress weiter gewaltig Angst einjagen. Ein großes Schiff wie die USA kann seinen Kurs nur langsam in Form einer sanften Kurve ändern. Aber die Wendung begann schon am ersten Tag der Regierung Obamas.

Das kann nicht geschehen, wenn sich Amerika selbst nicht verändern würde. Es handelt sich nicht nur um einen politischen Wechsel. Es ist auch ein Wechsel der Weltanschauung, der geistigen Perspektive, der Werte. Ein bestimmter amerikanischer Mythos, der sehr dem zionistischen Mythos ähnelte, wurde durch einen anderen amerikanischen Mythos ersetzt. Nicht zufällig widmete Obama diesem einen großen Teil seiner Rede.(in der er übrigens kein einziges Wort über den Genozid an der einheimischen amerikanischen Bevölkerung verlor.)

Der Gaza-Krieg, während dessen Millionen und Aber-Millionen Amerikaner täglich das schreckliche Gemetzel im Gazastreifen sahen (auch wenn rigorose Selbstzensur alles bis auf einen winzigen Teil davon herausgeschnitten hat), hat den Prozess der Trennung beschleunigt. Israel, die kleine, tapfere Schwester, die treue Verbündete in Bushs "Krieg gegen den Terror", hat sich in ein gewalttätiges, wahnsinniges Monster verwandelt, das kein Mitleid mit Frauen und Kindern, mit den Verwundeten und Kranken hat. Wenn derartige Winde wehen, verliert die Lobby an Stärke.

Die Führer des offiziellen Israels bemerken es nicht. Sie spüren nicht, dass sich der Boden unter ihnen bewegt, sie denken, wie Obama (in einem anderen Kontext) sich ausdrückt, dies sei nur ein vorübergehendes politisches Problem, das mit der Lobby und den unterwürfigen Mitgliedern des Kongresses wieder zurecht gesetzt werden könne.

Unsere Führer sind immer noch betrunken vom Kriegsrausch. Sie haben den berühmten Ausspruch des preußischen Generals Carl von Clausewitz umgewandelt: "Der Krieg ist nur eine Fortsetzung einer Wahlkampagne mit anderen Mitteln." Sie wetteifern untereinander mit prahlerischer Großtuerei über ihren Anteil am Kriegsgeschehen. Zipi Livni, die nicht mit den Männern um die Krone des Feldherrn konkurrieren kann, versucht, mit noch mehr Härte, noch größerer Kriegslust, noch mehr Hartherzigkeit die anderen zu übertreffen.

Der brutalste ist Ehud Barak. Ich nannte ihn einmal einen "Friedensverbrecher", weil er die Camp-David-Konferenz scheitern ließ und das israelische Friedenslager zunichte machte. Nun muss ich ihn einen "Kriegsverbrecher" nennen, da er den Gazakrieg plante und genau wusste, dass dies ein Massenmord an Zivilisten werden würde.

In seinen eigenen Augen und in den Augen eines großen Teils der Öffentlichkeit ist dies eine militärische Operation gewesen, die alles Lob verdient. Seine Berater dachten auch, dass ihm dies bei den Wahlen Erfolg bringen würde. Die Labor-Partei, die Jahrzehnte die größte Partei in der Knesset war, war bei den Umfragen auf zwölf beziehungsweise neun Sitze von 120 Sitzen geschrumpft. Mit Hilfe der Gaza-Gräueltaten ist sie nun auf 16 angewachsen. Das ist noch kein Landrutsch, und es ist keineswegs sicher, dass sie nicht wieder abrutschen wird.

Was für einen Fehler hat Barak gemacht? Sehr einfach: Jeder Krieg hilft den Rechten. Krieg weckt seinem Wesen nach in der Bevölkerung die primitivsten Instinkte der Massen – Hass und Angst, Angst und Hass. Das sind die Emotionen, auf denen die Rechte seit Jahrhunderten reitet. Wenn die "Linke" einen Krieg begann, dann profitierte die Rechte davon. Im Kriegszustand zieht die Bevölkerung einen echten Rechten einem falschen Linken vor.

Dies geschieht nun Barak zum zweiten Mal. Als er im Jahr 2000 das Mantra verbreitete: "Ich habe auf dem Weg zum Frieden jeden Stein umgedreht;/ ich habe den Palästinensern beispiellose Angebote gemacht. / Sie haben alles zurückgewiesen. / Es gibt keinen, mit dem man reden könnte" gelang es ihm, nicht nur die Linke in Stücke zu schlagen, sondern auch den Weg für den Aufstieg Sharons bei den Wahlen von 2001 vorzubereiten. Nun bereitet er den Weg für Binyamin Netanyahu vor (wobei er ganz offensichtlich darauf hofft, sein Verteidigungsminister zu werden).

Und nicht nur für ihn. Der wirkliche Sieger des Krieges ist ein Mann, der an all dem gar nicht beteiligt war: Avigdor Liberman. Seine Partei, die man in jedem normalen Land faschistisch nennen würde, steigt bei den Umfragen ständig. Warum? Liberman sieht aus wie ein israelischer Mussolini und hört sich auch so an. Er ist ein eingefleischter Araber-Hasser, ein Mann von brutaler Kraft. Verglichen mit ihm, erscheint selbst Netanyahu als Weichling. Ein großer Teil der jungen Generation, die mit der Besatzung, dem Töten und der Zerstörung und mit zwei entsetzlichen Kriegen aufgewachsen ist, betrachtet ihn als würdigen Führer.

Während die USA einen Riesensprung nach links gemacht hat, ist Israel dabei, immer weiter nach rechts zu driften

Jeder der die Millionen am Tag der Amtseinführung in Washington gesehen hat, weiß, dass Obama nicht nur für sich selbst gesprochen hat. Er drückte die Hoffnungen seines Volkes aus, den "Zeitgeist".

Zwischen der geistigen Welt Obamas und der geistigen Welt Libermans und Netanyahus gibt es keine Brücke. Zwischen Obama und Barak und Livni gähnt auch ein Abgrund. Das Israel nach der Wahl könnte sich auf Kollisionskurs mit dem Amerika nach der Wahl befinden.

Wo sind die amerikanischen Juden? Die überwältigende Mehrheit von ihnen wählte Obama. Sie werden sich zwischen Hammer und Amboss befinden – zwischen ihrer Regierung und ihrem natürlichen Zugehörigkeitsgefühl zu Israel. Man könnte durchaus annehmen, dass dies Druck von unten auf die "Führer" der amerikanischen Juden auslösen wird, die übrigens nie von irgendwem gewählt worden waren, und auf Organisationen wie der AIPAC. Der kräftige Stock, auf den sich die israelischen Führer üblicherweise in schwierigen Zeiten stützten, könnte sich als gebrochenes Rohr erweisen.

Auch Europa wird von dem neuen Wind nicht unberührt bleiben. Am Ende des Krieges sahen wir die europäischen Führer – Sarkozy, Merkel, Brown und Zapatero – wie Schulkinder in der Schulbank sitzen und respektvoll den ekelhaften, arroganten Prahlereien Ehud Olmerts lauschen und seinen Text nachplappern. Sie schienen die Gräueltaten des Krieges zu billigen, sprachen von den Kassams und vergaßen die Besatzung, die Blockade und die Siedlungen. Wahrscheinlich werden sie sich kein Bild dieses Treffens an die Wand ihres Amtszimmers hängen.

Aber während dieses Krieges gingen europäische Menschenmassen auf die Straße, um gegen dieses schreckliche Geschehen zu demonstrieren. Dieselben Massen grüßten Obama am Tage seiner Amtseinführung.

Dies ist die neue Welt. Vielleicht träumen unsere Führer jetzt von dem Slogan: "Stoppt die Welt, ich will aussteigen!" Aber es gibt keine andere Welt.

JA, WIR sind jetzt auf der falschen Seite der Geschichte.

Glücklicherweise gibt es ein anderes Israel. Es steht nicht im Rampenlicht, und seine Stimme wird nur von denen gehört, die ihr lauschen. Dies ist ein gesundes, vernünftiges Israel, das in die Zukunft schaut, hin zu Fortschritt und Frieden. In diesen kommenden Wahlen wird seine Stimme kaum gehört werden, weil all die alten Parteien mit beiden Beinen genau in der Welt von gestern stehen.

Aber was sich in den USA ereignete, wird einen weitreichenden Einfluss auf das haben, was in Israel geschieht. Die große Mehrheit der Israelis weiß, dass wir nicht ohne enge Beziehungen mit den USA existieren können. Nun ist Obama der Führer der Welt - und wir leben in dieser Welt. Wenn er verspricht, "aggressiv" für den Frieden zwischen uns und den Palästinensern zu arbeiten, dann ist das für uns wie ein Marschbefehl.

Wir wollen auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Das wird Monate und Jahre dauern, aber ich bin mir sicher, dass wir dorthin gelangen. Jetzt ist die Zeit, dorthin aufzubrechen.

Uri Avnery ist Gründer der Friedensbewegung Gush Shalom. Der langjährige Knesset-Abgeordnete Avnery, 1923 in Beckum geboren und 1933 nach Palästina ausgewandert, gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Personen der israelischen Politik. Er ist durch seine kämpferisch-kritische Begleitung der offiziellen israelischen Regierungspolitik weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt geworden. Für sein Engagement für den Frieden im Nahen Osten sind ihm zahlreiche Auszeichnungen zuerkannt worden.

Aus dem Englischen übersetzt von Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.

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