"Wir werden als geläuterte Nation hervorgehen"

Rudolf Stumberger 29.01.2009

Die Krimiautorin Yrsa Sigurðardóttir über die Auswirkungen der Krise in Island

"Das glühende Grab", so lautet der Titel des jüngst auf deutsch erschienenen Kriminalromans von Yrsa Sigurðardóttir. Die Isländerin ist die erfolgreichste Krimiautorin der jetzt von der Finanzkrise geschüttelten Insel, deren Bücher in mehr als 40 Sprachen übersetzt werden. Doch die 45-jährige Mutter zweier Kinder hat neben dem Schreiben noch einen handfesten Hauptberuf, sie arbeitet als leitende Ingenieurin beim Bau des riesigen Kárahnjúkar-Dammes im Osten Islands, dessen aufgestautes Wasser den Strom für eine Aluminium-Fabrik an der Küste liefern soll. Freilich weiß keiner, wie es auf Island nun nach dem Zusammenbruch der Banken im Zuge der Finanzkrise weitergehen wird. Wie die Isländer die Krise erleben und was sie von der Zukunft erwarten, darüber sprach Rudolf Stumberger mit Yrsa Sigurðardóttir.

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Frau Sigurðardóttir, vor kurzem ist ihr drittes Buch auf Deutsch erschienen. Können Sie kurz den Inhalt skizzieren?

Yrsa Sigurðardóttir: Die Geschichte spielt zwar in der Gegenwart, handelt aber von dem Vulkanausbruch auf den Westmänner Inseln im Süden Islands im Jahre 1973. Eines der dortigen von Asche verschütteten Häuser wird zu Ausstellungszwecken freigelegt – und man stößt dabei im Keller auf drei Leichen. Der Sohn der ehemaligen Hausbesitzer versuchte mit Hilfe der Rechtsanwältin Dora die Ausgrabung zu verhindern und gerät nun unter Mordverdacht. Als die einzige Person, die ihn entlasten kann, ebenfalls ermordet wird, wird die Sache kompliziert und Dora muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Eine Vergangenheit, deren schmutzige und hässliche Geheimnisse bisher unter der Asche und dem Staub der Vulkane begraben lag. Dabei gibt es wenig Hilfe von den Bewohnern des kleinen Fischerdorfes auf der isolierten Insel.

Yrsa Sigurðardóttir. Foto: Rudolf Stumberger

Sprechen wir über die Krise. Die Regierung ist am Ende, die Isländer demonstrieren?

Yrsa Sigurðardóttir: Es gibt Demonstrationen und das ist sehr ungewöhnlich für uns Isländer. Gewöhnlich tragen wir unsere Bedenken und Proteste nicht auf die Straße. Ich selbst habe daran nicht teilgenommen, weil ich nicht daran glaubte, dass Neuwahlen jetzt die Lösung der Probleme sind. Die Politiker sollten derzeit besser an der Lösung dieser dringenden Probleme arbeiten, anstatt Wahlkampf zu machen.

Sind Sie und Ihre Familie von der Krise betroffen?

Yrsa Sigurðardóttir: Ich glaube, dass es derzeit keine Familie auf Island gibt, die nicht in der einen oder anderen Art und Weise von der Krise betroffen ist. Die meisten haben Geld und Teile ihrer Altersversorgung verloren, einige ihre Jobs. Und jeder musste feststellen, dass die Belastung durch die Kredite auf das Haus dramatisch angewachsen ist.

Ich persönlich sorge mich als Ingenieurin um die Situation der Bauindustrie, die zu einem Stillstand gekommen ist, und es zeigt sich kein Silberstreifen am Horizont, der neue Arbeitsplätze für die jetzt arbeitslos Gewordenen bringen könnte. Mein Job ist zwar sicher, aber du weißt nie, was noch kommt. Auch mein Mann und ich haben in der Krise Geld verloren, aber das hätten wir ansonsten wahrscheinlich sowieso für Dinge ausgegeben,, die nicht so wichtig sind.

Haben Sie oder Ihre Freunde mit dieser Krise gerechnet?

Yrsa Sigurðardóttir: Nein, ich kann nicht sagen, dass wir damit gerechnet haben. Und das, obwohl mein Mann vor kurzem einen Master in Finanzwesen gemacht hat und seine Abschlussarbeit eine mögliche drohende Bankenkrise in Island zum Thema hatte. Das kam damals nicht gut an und die interviewten Banker lachten über diese Vorstellung. Weder er noch andere sahen aber voraus, wie verheerend die Krise sein würde, obwohl Viele wussten, dass die guten Zeiten nicht ewig dauern konnten. Und obwohl es diverse kritische Einschätzungen der isländischen Wirtschaft gab, wollte man das damals nicht hören. Das war so, als ob du auf der Neujahrs-Party herumgehst und alle vor dem Kater am nächsten Morgen warnst – niemand will das hören.

Kann man die Krise in den Straßen sehen? Fahren weniger Autos, gehen weniger Menschen einkaufen?

Yrsa Sigurðardóttir: Nicht wirklich. Autos fahren nach wie vor und vor Weihnachten haben die Leute ziemlich konsumiert. Ich stelle fest, dass allerdings immer weniger Isländer essen gehen. Wir waren vor kurzem mit einigen Freunden in einem Restaurant, das vor der Krise üblicherweise sehr gut besucht war. Jetzt war außer uns nur noch ein Tisch besetzt.

Diese Krisen-Geschichte ist so langweilig, dass man daraus keinen guten Krimi stricken kann

Glauben Sie, dass die Krise die Arbeitsplätze in Island bedroht?

Yrsa Sigurðardóttir: Die Krise wird mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit erhöhen, wobei wir in den vergangenen Jahrzehnten dieses Wort ja kaum kannten. Was mich dabei sorgt, ist, dass Arbeit so ein wichtiger Bestandteil der isländischen Kultur ist. Wie auch immer, unsere erwartete Arbeitslosigkeit wird wahrscheinlich noch immer niedriger als in vielen europäischen Ländern sein, wir können also nicht all zu laut klagen.

Ist das Leben auf Island nun sehr viel teurer geworden?

Yrsa Sigurðardóttir: Ja, die Preise sind in die Höhe gegangen, seit die isländische Krone wegen der Krise abgestürzt ist. Ein großer Teil der Konsumgüter bei uns muss importiert werden, so dass praktisch alle Waren teurer geworden sind. Eine Folge davon ist, dass Isländer nun auf einheimische Produkte umsteigen und weniger Geld ausgeben, was ich nicht schlecht finde. Island unterscheidet sich ja nicht prinzipiell von anderen westlichen Ländern, in denen viele Dinge gekauft werden, die nicht wirklich notwendig sind.

Empfinden die Menschen Angst angesichts der Krise?

Yrsa Sigurðardóttir: Nun, ich würde nicht das Wort Angst benutzen um zu beschreiben, was wir fühlen. Isländer kann man typischerweise mit verschiedenen Begriffen beschreiben, aber Angst ist dafür nicht geeignet, weder jetzt noch in der Zukunft. Die meisten von uns sind ärgerlich und traurig, dass es so weit gekommen ist, und ich hoffe, wir finden eine Erklärung dafür. Denn wenn wir nicht wissen, was falsch lief, besteht die Gefahr, diesen Fehler in einigen Jahren zu wiederholen. Gott sei dank sind wir geradezu lächerlich optimistisch, dass diese Sache vorbei gehen wird.

Was erwarten Sie für die kommenden Jahre?

Yrsa Sigurðardóttir: Ich denke, die ersten Monate in diesem neuen Jahr werden schwierig sein, aber dann werden wir uns erholen. Wir werden langsam aber sicher damit beginnen, unsere Wirtschaft neu aufzubauen, und wir werden aus der Krise als geläuterte Nation hervorgehen, die erkennt, was wirklich wichtig ist im Leben. Mein Leben selbst wird sich nicht verändern, ich werde arbeiten und schreiben, schreiben, schreiben.

Werden Sie einen Krimi über die Krise schreiben?

Yrsa Sigurðardóttir: Nein, ich denke nicht. Sicherlich wird die veränderte soziale und wirtschaftliche Situation den Hintergrund für die nächste Geschichte abgeben, aber es wird nicht unmittelbar um die Krise gehen. Leider ist es so, dass diese Krisen-Geschichte bei näherer Betrachtung so langweilig ist, dass man daraus keinen guten Krimi stricken kann. Wie auch immer, im aktuellen Buch ist einer der Hauptprotagonisten bei einer der isländischen Banken beschäftigt, die jetzt Bankrott gegangen sind, und ich werde das wahrscheinlich im nächsten Buch aufgreifen.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29615/1.html
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