"Geistige Eigentumsrechte" an Obama

06.02.2009

AP beansprucht Rechte an einer weit verbreiteten Grafik, weil sich deren Schöpfer von einer Fotografie inspirieren ließ

Das in den US-Nationalfarben Rot, Weiß und Blau gehaltene und stilistisch gleichzeitig an mexikanische Wandgemälde und Andy-Warhol-Drucke erinnernde Portrait des Künstlers Shepard Fairey ist eines der bekanntesten Abbilder des amerikanischen Präsidenten. Im Wahlkampf wurde es millionenfach auf Buttons, Aufklebern, Websites, T-Shirts, Plakaten und in Videos verwendet. Nun hat sich die Nachrichtenagentur AP gemeldet und beansprucht "geistige Eigentumsrechte" an dem Bild.

Als Grund dafür nennt AP, dass Fairey für sein Werk ein von Mannie Garcia im April 2006 im National Press Club in Washington geschossenes Bild als Vorlage benutzte. Obwohl AP den Fotografen, der damals für das Unternehmen arbeitete, mittlerweile entlassen hat, fordert die Agentur jetzt nicht nur eine Nennung als "Urheber", sondern auch Entschädigungszahlungen – für die Verwendung von Faireys Werk, wohlgemerkt - nicht für die der Fotografie.

Fairey, dessen bekanntestes Werk vor seinen Obama-Bildern der Mozilla-Saurier war, gestaltete unter anderem das Cover des Smashing-Pumpkins-Albums Zeitgeist und den Ladebildschirm für Guitar Hero II. Eine seiner Firmen, ObeyGiant, führt als Motto "Manufacturing Quality Dissent Since 1989", mit einer anderen, Studio Number One, entwarf er Imagekampagnen für Virgin und Honda.

Shepard Fairey (Bild: Tellumo)

Der aus der Street-Art-Szene kommende Heideggerianer suchte nach eigenen Angaben mit Google Images nach Bildern, auf denen Obama so aussieht, als ob er in die Zukunft blicken würde, und nahm schließlich das Garcia-Bild als Ausgangsmaterial für seine Schöpfung. Allerdings sind Fotografie und Grafik auch abgesehen von der ganz unterschiedlichen Ausführung keineswegs identisch: Zwar blickt Obama auf beiden mit ähnlich entschlossenem Gesichtsausdruck nach rechts oben, aber auf Faireys Werk steckt am Revers ein Anstecker mit seinem Wahlkampflogo, der auf dem Foto fehlt. Zudem trägt der damalige Präsidentschaftsbewerber auf dem Foto eine blaue, auf dem Bild aber eine rote Krawatte. Und während im Hintergrund der Fotografie eine unscharfe amerikanische Flagge zu sehen ist, besteht dieser im Bild lediglich aus einer blauen und einer roten Fläche. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist aber der Schriftzug "Hope", der auf der Grafik etwa ein Fünftel des Platzes am unteren Rand einnimmt.

Die Herstellung von Grafiken nach bekannten Fotos wurde von Fairey bereits vorher eingesetzt - unter anderem, um damit eine Art umgekehrten Verfremdungseffekt zu erzielen: Für seine Nubian-Serie verwendete er neben Bildern von Angela Davis und Jesse Jackson auch Fotografien ganz normaler Menschen aus Friseurkatalogen der 1970er Jahre als Vorlage, die vom Betrachter aber als Che Guevara oder Huey Newton "erkannt" werden.

Auf den allerersten Drucken der Obama-Grafik lautete der Schriftzug noch "Progress" statt "Hope". Fairey veränderte ihn auf Wunsch des Obama-Wahlkampfteams, das sich darin besser wiederfinden konnte. Weil er die Grafik auf seiner Website explizit zum Download anbot, wurde sie bald auf die verschiedensten Weisen verwendet – auch von anderen Künstlern und Musikern. Ein viraler Effekt, den der mittlerweile in Los Angeles wohnhafte Südstaatler als "fast ein Open-Source-Kunstprojekt" beschrieb.

Fairey selbst verkaufte zwar auch mehrere hunderttausend Drucke, T-Shirts und Aufkleber mit dem Motiv, steckte das damit eingenommene Geld aber nach eigenen Angaben komplett in seine Pro-Obama-Privatkampagne – die sich allerdings auch als sehr effektive Werbung für den Künstler erwies. Am 22. Februar 2008 bedankte sich Barack Obama in einem später teilweise in der Washington Post abgedruckten Brief persönlich für den Einsatz Faireys im Wahlkampf. "Lieber Shepard", heißt es da:

Ich möchte Ihnen danken, dass Sie Ihr Talent zur Unterstützung meiner Kampagne einsetzen. Die politischen Botschaften in Ihren Arbeiten haben Amerikaner dazu ermutigt, zu glauben, dass sie mithelfen können, den status quo zu verändern. Ihre Bilder haben einen tiefgreifenden Effekt auf Menschen, ganz egal ob sie sie in Galerien oder auf Stoppschildern sehen. Ich bin privilegiert, Teil Ihrer Kunst zu sein, und stolz, Ihre Unterstützung zu haben. [Und] ich wünsche ihnen, dass ihr Erfolg und Ihre Schöpferkraft anhält.

Neben dem "Hope"-Bild fertigte Fairey auch noch zwei weitere Obama-Portraits an, deren fotografische Inspirationsquellen aber vom Wahlkampfteam kamen: Die "Change"- und die "Vote"-Grafik. Eine leicht abgewandelte Version, auf der Obama nach links oben blickt, schaffte es nach den Wahlen auf das Cover des Time Magazine, auf dem der Wahlgewinner als "Person of the Year" präsentiert wird. Das "Hope"-Bild selbst soll demnächst auf einer Werkschau des Künstlers am Institute of Contemporary Art in Boston gezeigt werden. Eine auf ihm basierende handgefertigte Collage wurde Bestandteil einer Dauerausstellung der National Portrait Gallery in Washington.

Paul Colford, ein Sprecher von Associated Press, ließ nun verlautbaren, dass für jede Verwendung von Faireys Werk die Zustimmung seiner Agentur eingeholt werden müsse, was grundsätzlich auch für Handlungen in der Vergangenheit gelte. Man werde aber konkret "von Fall zu Fall" entscheiden und hoffe, in Gesprächen zu "einvernehmlichen Lösungen" zu kommen.

Faireys Anwalt Anthony Falzone zeigt sich dagegen überzeugt, dass die Arbeit des Künstlers vom Fair Use Prinzip abgedeckt ist, das in den USA unter anderem Zitate und Privatkopien regelt. Falzone ist Executive Director des Fair Use Project an der Stanford University Law School, wo auch Lawrence Lessig arbeitet, der seine Unterstützung Obamas unter anderem mit der Hoffnung begründete, dass dieser einer noch stärkeren Ausweitung von Immaterialgüterrechten Grenzen setzen werde.

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