Weder Taliban noch westliche Truppen

Florian Rötzer 10.02.2009

Eine Umfrage unter Afghanen zeigt, dass ihnen die Zukunft immer düsterer erscheint, aber dass die Abkehr vom Westen keine Zuwendung zu den Taliban bedeutet

Möglicherweise käme eine radikale Umorientierung der Afghanistan-Strategie der neuen US-Regierung zu spät. Nach einer Umfrage von ARD, ABC und BBC verlieren die Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Hatten 2004 noch über 60 Prozent und 2005 sogar fast 80 Prozent gesagt, das Land bewege sich in die richtige Richtung, so sind es jetzt nur 40 Prozent – ebenso viele sagen, dass alles falsch läuft, was 2004 nur 10 Prozent sagten. Im Vordergrund stehen dabei mangelnde Sicherheit und Gewalt, aber auch Armut, Arbeitslosigkeit und die zunehmende Korruption, die unter der vom Westen unterstützten Karsai-Regierung floriert.

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Als größtes Problem werden Armut und Arbeitslosigkeit bezeichnet, was darauf hinweist, dass man zu stark auf militärische Lösungen gesetzt hat, während der Wiederaufbau – wie auch im Irak – zu kurz kam, auch wenn mehr Menschen als früher sagen, dass es Verbesserungen in der Infrastruktur – Straßen, Wasser etc. - gibt. Als zweitwichtigstes Problem wurde "Sicherheit/Warlors/Gewalt/Angriffe" genannt, kaum bedeutsam scheinen den Afghanen bei dieser Fragestellung die Taliban, die Korruption, die Bildung und der Terrorismus zu sein, während die Bekämpfung der Taliban und des Terrorismus für die westlichen Länder ganz an der Spitze steht. Bei einer anderen Frage nennen aber über 60 Prozent die Korruption wieder als großes Problem der Regierungsvertreter und der Polizei.

Erstaunlich dann doch, dass zwei Drittel der Menschen ihre Lebensumstände als gut bis sehr gut einschätzen, allerdings wächst die Zahl derjenigen, die sagen, dass sich ihr Leben verschlechtert hat, von 16 Prozent im Jahr 2005 auf jetzt 38 Prozent an. Sicher vor Verbrechen und Gewalt – auch erstaunlich aus dem Blick von außen – fühlen sich immerhin noch 55 Prozent, allerdings sagten dies 2005 noch 73 Prozent. Es nehmen in der Wahrnehmung der Menschen die Frauenrechte oder die Bewegungsfreiheit ab.

Und ganz allgemein verdüstert sich der Blick in die Zukunft. Die Menschen erwarten immer weniger. Auch wenn sie von der afghanischen Regierung mehr Fortschritte für sich erwarten als von anderen Ländern oder von Hilfsorganisationen, so ist das Ansehen der gegenwärtigen Regierung gesunken und das des Präsidenten Karsai abgestürzt. Bei der Wahl zwischen der afghanischen Regierung oder einer Taliban-Regierung entscheiden sich allerdings nur 4 Prozent für die Taliban.

Die Unterstützung scheint also nicht groß zu sein, dafür aber die Ablehnung. 58 Prozent sehen in den Taliban die größte Gefahr, die USA sehen 8 Prozent so, womit sie zwischen den Drogenhändlern und den lokalen Herrschern liegen. Trotzdem will die Mehrheit, dass Verhandlungen mit den Taliban geführt werden sollen, um eine Einigung zu erreichen. Seltsam ist dann aber auch, dass die Taliban ihren Einfluss in den letzten Jahren nicht erhöht haben sollen und dass ihre Präsenz als eher schwach bezeichnet wird. Allgemein sagen die Menschen auch, dass die Aktivitäten der Taliban weniger geworden seien.

Gefangen in der Falle zwischen dem Westen, der sich am Hindukusch verteidigt, und den Taliban, die wieder den Gottesstaat errichten wollen

2005 fanden noch 68 Prozent die Anwesenheit der US-Truppen als gut, jetzt sind es noch 31 Prozent, besser kommen die ISAF-Truppen auch nicht weg. Wie sehr sich die Stimung wandelt, lässt sich daran ablesen, dass es 2005 noch 87 Prozent gut fanden, dass US-Truppen das Taliban-Regime stürzten, während dies jetzt noch 69 Prozent sagen, 24 Prozent aber gegenteiliger Meinung sind. Mit 63 Prozent befürworten noch mehr Afghanen die Anwesenheit der US-Truppen als die der ISAF-Truppen (59 Prozent). Die Ablehnung wächst, immerhin aber nicht in dieser Umfrage die Hinwendung zu den Taliban oder zu den Gotteskriegern. Allerdings machen weniger die Taliban für die Gewalt im Lande verantwortlich, während mehr den US-Truppen die Schuld zuschieben. Die Zahl derjenigen, die wollen, dass die ausländischen Truppen das Land bald verlassen, wächst. Luftangriffe der US- oder ISAF-Truppen stoßen mit 77 Prozent auf breite Ablehnung.

Die Taliban wolle die Afghanen nicht. 91 Prozent sprechen sich gegen sie aus. Bin Laden ist keinswegs ein Held. 92 Prozent lehnen ihn ab. 52 Prozent lehnen die USA ab, 80 Prozent haben von Pakistan keine gute Meinung. Von Deutschland haben immerhin 50 Prozent eine gute Meinung, mehr als von Großbritannien, aber weniger als von Iran oder Indien. Aber auch hier sind die Menschen zerrissen, so sagen zwar 44 Prozent, dass die USA eine positive Rolle spielen, während dies bei Deutschland nur 36 Prozent sagen, doch die USA polarisieren auch mehr. Negativ sehen 36 Prozent die USA, Deutschland nur 19 Prozent. Von Obama wird allerdings nicht viel erwartet.

Ob der Hass auf den Westen wächst, wie die ARD den Bericht über die Umfrage titelt, ist der Umfrage eigentlich nicht zu entnehmen. Es schwindet eher das Vertrauen. Die Menschen scheinen der Eingriffe von außen – eine Ausnahme sind die Hilfsorganisationen – mehr und mehr abzulehnen – egal ob von den Taliban oder von den westlichen Staaten. Sie fühlen sich dadurch in einer Falle eingesperrt. Obgleich sie der afghanischen Regierung kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, schätzen sie diese eher als die Konfliktparteien. Möglicherweise also ist es gerade die Präsenz der ausländischen Truppen, die die Taliban stärker werden lässt, obgleich diese eigentlich keinerlei Rückhalt bei den Menschen hat. Eine Truppenerhöhung wäre damit der falsche Weg. Sinnvoller wäre, die Milliarden über Hilfsorganisationen zum Aufbau der Zivilgesellschaft, des Staates und er Wirtschaft einzusetzen. Haben die Menschen Arbeit und genug zum Leben, müssen sie nicht mehr Opium anbauen oder sich bei den Taliban oder anderen Milizen verdingen.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29708/1.html
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