Eigentlich sind wir alle Schwaben

15.02.2009

Stammeskonflikte in der Hauptstadt

Ein Wort von ihr genügte, und schon war allen klar: Melanie kam aus Schwaben. Aus dem Reich der Spätzle, Maultaschen und Kehrwoche. Alle belächelten Melanie Pröschle, die überambitionierte Grundschullehrerin in Maren Ades großartigem Debütfilm Der Wald vor lauter Bäumen, die erst alle nervt und dann selber durchdreht. Dabei war Melanie gar nicht weit weg von zuhause, sondern gerade mal in Karlsruhe gelandet. Doch selbst in Baden, dem Schwesterland von Württemberg, haben die Schwaben ein schlechtes Image.

Noch viel schlimmer steht es um die Beliebtheit der Schwaben in Berlin, angeblich herrscht hier ein regelrechter Schwabenhass, ja sogar eine Schwabenhatz soll in der Hauptstadt ausgerufen worden sein. Zahlreiche deutschsprachige Blätter berichteten von schwabenfeindlichen Aushängen in so genannten Szenevierteln. Denn angeblich sind die Schwaben schuld daran, dass so mancher gemütliche Kiez gentrifiziert, sprich: für die "alteingesessenen Bewohner" unbezahlbar wird.

Im Schnellimbiss "Spätzle express" in Berlin Kreuzberg bekommen nicht nur Schwaben Spezialitäten wie Spätzle, Maultaschen und Schupfnudeln serviert. Bild: Katja Schmid

Doch warum richtet sich der Frust der Anwohner ausgerechnet gegen die Schwaben? Schließlich zieht es die unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin. Und was, bitteschön, soll man sich unter "Porno-Hippie-Schwaben" vorstellen, die endlich mit der "Besatzung" von Prenzlauer Berg aufhören sollen? Gegenfrage: Erinnert sich noch jemand an die Ostfriesenwitze? Was ist eigentlich aus all diesen angeblich strohdummen Ostfriesen geworden? Vielleicht stecken hinter dem so genannten Schwabenhass nur ein paar verwirrte Friesen, denen es gelungen ist, im Sommerloch einen riesigen Presserummel zu veranstalten. Wer weiß, vielleicht sitzen ein paar von diesen Friesen inzwischen in den Chefredaktionen und nutzen ihre Machtposition aus, um andere Bevölkerungsgruppen zu diffamieren.

Hochdeutsch ist auch nur so ein Dialekt

Trotzdem bleibt die Frage: Warum müssen jetzt ausgerechnet die Schwaben als die Dummen der Nation herhalten? In der Polit-Satire Wag the dog, in der Berater des US-Präsidenten einen Krieg gegen Albanien herbeidichten, nur, um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken, fragt beim Brainstorming fragt einer: "Warum Albanien?", und die simple Antwort lautet: "Warum nicht?" Was weiß man zum Beispiel in Niedersachsen über die Schwaben? Höchstwahrscheinlich Folgendes: Dass die Schwaben sparsam sind, dass sie teure Autos bauen, dass sie kein Hochdeutsch können. Das ist vermutlich mehr als den meisten Schwaben über die Einwohner von Niedersachsen einfällt. Und sonst? Wer hat die Brezel erfunden? Leben die Schwaben in Baden oder Württemberg, oder vielleicht doch in Bayern? Ist das, was die Menschen in Freiburg sprechen, eigentlich Schwäbisch oder Badisch oder gar Alemannisch? Es muss diese Mischung aus gefühltem Wissen und tatsächlicher Unkenntnis sein, die die Schwaben für Nichtschwaben zur meistgehassten Bevölkerungsgruppe macht. Geizkragen und Autobauer gibt es schließlich überall in Deutschland, und das, was man um Hannover herum für Hochdeutsch hält, ist auch nur so ein Dialekt.

Ohne seinen Dialekt ist der Schwabe erledigt

Eine erhellende Studie der Universität Tübingen über "Schwabenbilder" befasst sich mit der "Konstruktion eines Regionalcharakters". Untersucht werden die unterschiedlichsten Aspekte, und doch heißt es an einer Stelle: "Es gibt nichts spezifisch Schwäbisches außer dem Schwäbischen. Alle anderen Attribute sind sekundär, "dem Schwaben" angehängt. "Der Schwabe" ist ausschließlich durch seine Sprache definiert." Daraus folgt jedoch auch: wenn Schwaben ihren Dialekt ablegen, zum Beispiel, wenn sie nach Berlin ziehen, dann sind sie keine waschechten Schwaben mehr. Für viele Exil-Schwaben ist es deshalb Ehrensache, ihren Dialekt zu pflegen, auch wenn sie dafür reichlich Häme einstecken müssen. Überzeugte Schwaben schaffen es sogar, Englisch und andere Fremdsprachen so auszusprechen, dass sie wie Schwäbisch klingen. Das kann sehr charmant sein, wie man am Beispiel von Dieter Kosslick, seit 2001 Direktor der Berlinale, sehen kann. Kosslick ist es übrigens auch zu verdanken, dass die Stars auf der Berlinale nur noch Weine aus Baden-Württemberg kredenzt bekommen.

Hollywood auf schwäbisch

Nicht nur auf der Berlinale, auch auf YouTube ist Schwäbisch groß angesagt. Insbesondere bei Synchronfassungen von großen Hollywoodproduktionen. Der SWR hat dem Phänomen bereits zwei ausführliche Berichte gewidmet, vor allem die schwäbischen Versionen von Dominik Kuhn, besser bekannt als dodokay sind ein riesen Erfolg. Mal lässt er Kiefer Sutherland alias Jürgen Bauer in der Schwaben-WG-Soap "24" ausflippen, weil ein Nachbar die Kehrwoche vergessen hat. Mal taucht Bruce Willis als schwäbelnder eBay-Käufer auf. Unbedingt sehenswert ist auch die Star Wars Parodie zum Thema "virales Marketing", die man wahlweise auf deutsch-schwäbisch oder auf englisch-schwäbisch anschauen kann. Man könnte fast meinen, die Werke von dodokay wären Bestandteil der Marketingkampagne "Wir können alles, außer Hochdeutsch", mit der das Land Baden-Württemberg seit 1999 in der ganzen Republik um Sympathien wirbt.

Hochdeutsch ist schlampig artikuliertes Sächsisch

Trotz der Sympathiekampagne rangiert Schwäbisch auf der Beliebtheitsskala deutschsprachiger Dialekte ganz weit unten, irgendwo zwischen Hessisch und Pfälzisch. Seit der Wiedervereinigung gibt es noch die Sachsen, über deren Aussprache man lästern darf. Zu Unrecht, wie ein gekränkter Sachse schreibt. Als Referenz zitiert er einen FAZ-Artikel aus dem Jahr 2001:

Die besondere Tragik der sächsischen Mundart liegt darin, daß alle Welt glaubt, Sächsisch sei schludrig ausgesprochenes Hochdeutsch, wo es sich in Wahrheit doch genau umgekehrt verhält: Hochdeutsch ist schlampig artikuliertes Sächsisch. Schuld daran sind die Preußen.

Womit wir wieder in Berlin wären, in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, da, wo die große Politik gemacht wird. Doch ausgerechnet in der Bundespolitik spielen die Schwaben keine große Rolle. Nur ein einziger Schwabe wurde bislang Kanzler, und das ist auch schon eine halbe Ewigkeit her. Aber jetzt mal ehrlich: Wer kann sich einen Bundeskanzler vorstellen, der so klingt wie Jürgen Klinsmann? Selbst in abgeschwächter Form ist vielen Nicht-Schwaben das Schwäbische kaum erträglich. Klaus Kinkel wurde immer ein wenig belächelt, sobald er den Mund aufmachte. Auch bei Schäuble müssen die meisten schmunzeln, selbst wenn das, was er sagt, gar nicht lustig ist. Streng genommen ist Wolfgang Schäuble gar kein Schwabe, denn erstens ist er in Freiburg geboren, also in Baden, auch sein Wohnsitz, Gengenbach, liegt bei Freiburg. Aber das mit der Abgrenzung von Baden, Schwaben, Württembergern, Alemannen und was da sonst noch an Begriffen herumschwirrt, ist gar nicht so einfach, was sicherlich mit dazu beiträgt, dass die Bewohner aus dem Südwesten der Republik von "den Preußen" pauschal als "Schwaben" bezeichnet werden. Die Schweizer und die Kroaten machen es sich übrigens noch einfacher: für sie sind alle Deutschen "Schwaben". Wenn das die Berliner wüssten.

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