Auch Roboter der Bundeswehr sollen schießen

Die Bundeswehr will zukünftig Roboter bewaffnen und mit mehr und mehr autonomen Funktionen ausstatten

Es hat sich etwas geändert in unserem Verhältnis zu Robotern, das nicht unbemerkt bleiben sollte: Die maschinellen Helfer haben vom deutschen Militär die Lizenz bekommen, Waffen zu tragen.

Beim Forum Unmanned Vehicles der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) vergangene Woche in Bad Godesberg gab es bei den Vertretern des deutschen Militärs keinerlei Zweifel mehr, dass unbemannte Plattformen bewaffnet sein sollten. Noch vor gut einem halben Jahr klang das ganz anders. Da sagte der stellvertretende Inspekteur des Heeres Generalleutnant Günter Weiler bei der europäischen Leistungsschau Robotik (Elrob) klar und unmissverständlich, bewaffnete Systeme würden derzeit bewusst nicht angestrebt.

Mit Hellfire-Raketen ausgestattete Predator-Drohne. Bild: USAF

Bislang dienten ferngesteuerte Roboter vornehmlich der Aufklärung und Überwachung. Im Golfkrieg von 1991 übermittelten fliegende Drohnen Zielkoordinaten an die vor der Küste stationierten Kriegsschiffe, 1999 übermittelten sie in Echtzeit Bilder aus dem Kosovo. Datensammeln und Beobachten sind auch weiterhin die Hauptaufgaben unbemannter Systeme. Daneben sollen sie aber nun auch bei der Bundeswehr in der Lage sein, gegebenenfalls sofort zu reagieren.

Die ersten Roboterangriffe wurden von den USA 2002 in Afghanistan durchgeführt. Damals feuerte eine Aufklärungsdrohne MQ-1 Predator Hellfire-Raketen auf einen Autokonvoi, in dem Osama bin Laden vermutet wurde (Ferngesteuerte Waffensysteme senken die Angriffsschwelle). Der letzte bekannt gewordene Angriff erfolgte nur drei Tage nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Barack Obama. Am 23. Januar zerstörten Predators mehrere Häuser im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan und töteten mindestens 18 Menschen.

Diese Fähigkeit zur raschen Reaktion wünscht sich auch die deutsche Luftwaffe - und wird sie bekommen. Noch ist nicht entschieden, ob die US-amerikanische Predator B angeschafft wird oder das konkurrierende israelische Modell Heron TP. Aber klar ist: Das deutsche Militär wird zukünftig bewaffnete Roboter ins Gefecht schicken.

Es ist eine unausweichliche Konsequenz der militärischen Logik, bei der Feuerkraft und Schnelligkeit die wichtigsten Parameter darstellen. Militärstrategen sprechen von der Zeitspanne "sensor-to-shooter", die mithilfe bewaffneter Aufklärungsplattformen drastisch verkürzt wird. Wenn zwischen der Zielerfassung und dem Angriff aus größerer Entfernung mehrere Stunden liegen, lassen sich bewegliche Ziele wie Autos kaum treffen.

Heron TP. Bild: Israel Aerospace Industries

Unbemannte Vehikel müssen zudem keine Rücksicht auf die Beschränkungen des menschlichen Körpers nehmen. Während Kampfpiloten vorübergehend maximal das Acht- bis Zehnfache der Erdschwerkraft aushalten können, können unbemannte Fluggeräte Manöver durchführen, bei denen die Belastung bis zur zwanzigfachen Erdschwerkraft gehen kann. Unbemannte Wasserfahrzeuge können von Hubschraubern oder Flugzeugen abgeworfen werden, ohne die Besatzung der Gefahr von Knochenbrüchen auszusetzen.

Bei der Bundeswehr vermeidet man bewusst den Begriff "Robotik", weil er, so Kapitän zur See Axel Stephenson vom Streitkräfteamt, "bereits anderweitig besetzt" sei. Oberst im Generalstab Horst Peter Meyer vom Bundesministerium der Verteidigung betont: "Wir denken nicht mehr produktorientiert, sondern fähigkeitsorientiert." Der Ansatz ist nachvollziehbar, hat aber auch - ob beabsichtigt oder nicht - den Effekt, den Sinneswandel bei der Bundeswehr hinsichtlich der Bewaffnung von Robotern zu verschleiern. Aus technologischer Sicht handelt es sich bei den unbemannten Systemen, die zukünftig verstärkt in der Luft, im Wasser und an Land zum Einsatz kommen sollen, jedenfalls klar um Roboter.

Vorerst agieren sie noch ferngelenkt, verfügen aber auch schon über ein beachtliches Spektrum an autonomen Fähigkeiten, das ständig erweitert wird. Um die Entdeckung durch den Feind zu erschweren, muss die Kommunikation über Funk ohnehin auf ein Minimum reduziert werden. Die Roboter sollen daher möglichst in der Lage sein, autonom zu navigieren, verdächtige Gegenstände automatisch zu erkennen oder bei regelmäßigen Patrouillenfahrten Veränderungen in der Umgebung zu registrieren.

Das unbemannte Schnellboot Silver Marlin der israelischen Firma Elbit Systems kann autonom vorgegebene Koordinaten ansteuern, seine Position halten und selbstständig zur Basis zurückkehren. Auch auf den Wellengang stellt es sich automatisch ein. Das 7,62-Millimeter-Maschinengewehr, mit dem es ausgestattet werden kann, werde jedoch über einen eigenen Kommunikationskanal von einem Menschen ausgelöst, versicherte Danny Anbary, der das System beim DWT-Forum präsentierte.

Silver Marlin. Bild: tfk-racoms.com

Von autonom feuernden Robotern wollen Militärvertreter bislang nichts wissen, nicht nur in Deutschland. Aber wird diese ablehnende Haltung ausreichen, um solche Systeme in Zukunft zu verhindern? Wird der unerbittliche Kampf um die Verkürzung der "Sensor-to-shooter"-Zeit nicht irgendwann dazu zwingen, den Menschen in der Entscheidungsschleife als kritischen, verzögernden Faktor zu betrachten?

Verteidigungssysteme zur Abwehr von Raketenangriffen, etwa das Aegis-Kampfsystem für Kriegsschiffe, sind schon heute in der Lage, vollautomatisch auf Bedrohungen zu reagieren. Angesichts der kurzen Vorwarnzeiten ist eine wirksame Verteidigung auch kaum anders möglich. Der Zwang zum schnellen Reagieren dürfte aber auch in anderen Bereichen nach und nach für die Etablierung autonom feuernder Systeme sorgen. Die zunehmende Bewaffnung von Robotern und ihre wachsenden autonomen Fähigkeiten werden sich auf Dauer nicht voneinander trennen lassen. Früher oder später wird es autonom agierende, bewaffnete Kampfroboter geben.

Wenn wir aber in Zukunft mit Roboterkriegern leben müssen, sollten wir alles dafür tun, dass sie moralisch einwandfrei agieren (Einsatzregeln für Kampfroboter). Ob das gelingen kann, wenn wir Roboter lediglich als komplexe, aber willenlose Werkzeuge betrachten und bewusst den Begriff "Robotik" vermeiden, ist fraglich. Die Rede von "unbemannten Systemen" scheint eher dazu geeignet, den Glauben an die vollständige technische Kontrollierbarkeit dieser Systeme zu nähren. Genau das aber könnte sich als gefährliche Illusion erweisen. Bei zunehmend komplexeren Robotern wird der Aspekt sozialer Kontrolle und ethischer Prinzipien eine wachsende Bedeutung bekommen. In den USA beschäftigen sich Forscher wie Ronald C. Arkin vom Georgia Institute of Technology bereits mit der Frage, wie "Ethik" in Militärrobotern implementiert werden kann (Kampfroboter mit Moral). Wo gibt es vergleichbare Forschungen in Deutschland oder Europa?

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aufnahme von Flüchtlingen

Würden Sie Flüchtlinge in Ihre Wohnung oder in Ihr Haus aufnehmen?

abstimmen
Anzeige
Cover

Krisenideologie

Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer Krisenverarbeitung

Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS