Enduring Taliban

Thomas Pany 12.02.2009

Afghanistan: Terrorangriffe zeigen, wie verwundbar die Hauptstadt Kabul ist

Die Taliban demonstrierten gestern, dass sie die afghanische Hauptstadt Kabul mehrere Stunden lang in Angst, Schrecken und Panik versetzen können - tagsüber. Eine Reihe von Attentätern, bewaffnet mit Kalaschnikows und Sprengstoffgürtel, attackierte nach Berichten mehrere Ziele in Kabul, darunter das Justizministerium im Zentrum. Die Angreifer richteten ein Massaker mit mindestens 20 Toten und weit über 50 Verletzten an - die Angaben differieren, so berichten manche von 19 Toten, manche von 27. Erst nach Stunden gelang es den afghanischen Sicherheitskräften, die Lage im Justizministerium unter Kontrolle zu bekommen. Die Angst blieb jedoch, weil lange Zeit nicht klar war, wie viele Attentäter noch unterwegs waren.

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Talibansprecher Zabiullah Mujaheed hatte in einem von den Medien verbreiteten Statement von 16 Attentätern gesprochen, die nach Kabul und Umgebung ausgesandt wurden. Zabiullah Mujadeed hatte verkündet, dass fünf Angreifer ins Ministerium eingedrungen seien und die anderen sich in der Gegend um Kabul aufhielten - "looking for a chance".

Die Absicht ist deutlich: die Bevölkerung verunsichern und ihr Angst einjagen. Die gewählten Ziele hatten Schockwirkung mit Symbolkraft - der Angriff auf das Justizministerium im Herzen der Stadt in der Nähe des Präsidentenpalastes, auch der Minister befand sich zeitweise in dem attackierten Gebäude; ein, allerdings gescheiterter, Angriff auf das Erziehungsministerium, die Selbstmordattentäter wurden schon am Eingang abgefangen.

Ein anderer Angriff enthielt offensichtlich eine gezielte politische Botschaft: So wird der Angriff auf die Zentralverwaltung der Gefängnisse als Antwort der Taliban auf die harten Bedingungen verstanden, denen inhaftierte Taliban ausgesetzt sind. Entsprechende Erklärungen eines "Racheakts" folgten. Ein vierter Angriff fand beim Khorasan Hotel im Norden Kabuls statt - im Visier laut Meldungen ein Konvoi westlicher Soldaten.

Der Feind hat noch immer die Fähigkeit, diese Menge an Waffen und Sprengstoff nach Kabul hineinzubringen und sich damit auf den Weg zu Regierungsgebäuden zu machen.

Hanif Atmar, Innenminister

Auch das Timing der Aktion, die in manchem mit den Terrorattacken in Mumbai verglichen wurden und in vielen Berichten als orchestrierte Operation gewertet wird, war nicht willkürlich: Die Angriffe fanden am Vorabend angekündigter Besuche des neuen amerikanischen Sonderemissärs für die Region, Richard Holbrooke, statt. Holbrooke weilte gestern in Pakistan und sollte heute in Afghanistan eintreffen.

Ähnlich wie bei den Terrorattacken, die im November vergangenen Jahres in Mumbai begangen wurden (siehe Mumbai oder die Logik des Terrors), entdeckten Fahnder Hinweise, die nach Pakistan führen. Der Leiter des nationalen afghanischen Geheimdienstes, Amrullah Saleh, gab vor der Presse zu Protokoll, dass die Angreifer vor ihrer Operation in Pakistan angerufen hätten, "um den Segen ihres Masterminds zu erhalten". Die acht toten Attentäter sind nach Auskunft des Geheimdienstes Afghanen, zwischen 20 und 30, sie sprachen angeblich "Paschtu" untereinander. Eine weitere Parallele zum Mumbai-Coup besteht darin, dass die Geheimdienste zuvor gewarnt wurden, dass Angriffe unmittelbar bevorstünden, genutzt haben die Informationen aber nichts.

Nachdem gestern noch ein Bericht bekannt wurde, wonach das amerikanischen Militär die Spuren von mehreren tausend Waffen verloren hätte, die möglicherweise in die Hände von Taliban geraten sind, ist die Erregung der US-Medien über die labilen, chaotischen Zustände in Afghanistan groß.

Da viele der gestrigen Opfer Sicherheitskräfte waren, haben die Anschläge sicher auch Wirkung auf jene Afghanen, die im Polizeidienst arbeiten, bzw. sich dafür bewerben. Das Problem der Sicherheitslage in Afghanistan gleicht sich jenen Situationen und Bildern an, die man vor Kurzem im Irak kennengelernt hat. Zugleich weisen jüngste Umfragen auf einen weiter schwindenden Rückhalt für Aktionen westlicher Armeen, die für mehr Sicherheit sorgen sollen.

Indessen haben auch die Taliban auf der pakistanischen Seite angekündigt, dass Kommandos die Hauptstadt Islamabad angreifen würden.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29727/1.html
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