Spice: Aufstieg einer dubiosen Psycho-Droge

Die Spice-Affäre zeigt, wie skrupellos Hersteller und Händler mit der Berauschungslust umgehen. Begünstigt das Cannabisverbot die Geschäftemacherei?

Es gibt viele interessante Fragen, die sich nach dem Verbot der Kräutermischung stellen. Eine lautet sicher, was die Hamsterkäufer mit ihren Vorräten anstellen, nachdem bekannt ist, dass die Mixtur mit synthetischen Cannabinoiden versetzt wurde. In der Hoffnung auf einen mehr oder minder vernünftigen Ersatz für das eigentlich von ihnen präferierte Cannabis waren sie in die Head- und Smart-Shops der Republik geströmt, um sich für schlechte Zeiten einzudecken. Über Wochen kamen die Händler mit der Nachbestellung kaum hinterher. Bis kurz vor dem Verbot am 22. Januar verkaufte man die 3-Gramm-Tütchen zu Preisen zwischen 20 und 35 Euro. Nun lagern die kleinen Chemiebeutel in den Schubladen der Republik und eine weitere Frage lautet: Wie gefährlich sind die Inhaltsstoffe tatsächlich? Aber der Reihe nach.

Verunreinigt: In Deutschland aufgetauchtes Cannabinoid "JWH-018"

Bereits 2004 tauchen im deutschsprachigen Internet und in den Head-Shops der Republik erstmals luftdicht verpackte Tütchen auf. Name: "Spice", Varianten: silver, gold, diamond, arctic synergy, angebliche Inhaltsstoffe: diverse obskure Kräuter. Deren Namen klingen exotisch und stehen, obwohl nur selten im Original konsumiert, in dem Ruf, geraucht eventuell ein mehr oder minder leichtes Rauscherlebnis induzieren zu können. Unter anderem Meeresbohne, Blauer Lotos, Sibirischer Löwenschwanz, Afrikanisches Löwenohr, Maconha Brava, Helmkraut. Schnell war klar, egal was drin ist, das Zeug wirkt - und zwar tatsächlich ganz ähnlich wie Cannabis. Warum allerdings die krude Mischung bei vielen Konsumenten deutliche Effekte hervorbringt, blieb zunächst im Dunklen.

Im September 2007 senkt der in London gemeldete Spice-Hersteller "The Psyche Deli" die Preise. Von nun an kostet die 3-Gramm-Tüte Spice silver im Einkaufspreis 9,80 Euro. Als Verkaufspreis schlägt man 17,50 Euro vor. Die (Online-) Headshops sind begeistert, obwohl sich in den Internetforen die Berichte von unangenehmen Erfahrungen häufen. Wie der Hersteller The Psyche Deli zieht man sich entweder auf das Argument der mediengesteuerten Panikmache zurück oder gibt an, Spice ausdrücklich als Räucherwerk und nicht als rauchbares Kraut zu verkaufen. Dabei reicht ein Blick in den internationalen Markenschutzeintrag von Spice, den sich The Psyche Deli im Oktober 2007 geleistet hat, um die Deklarierung als Inhalationsmittel zu beweisen.

The Psyche Deli ist seit Jahren als Händler von Pflanzendrogen, Rauschkräutern und Myzelien psylocybinhaltiger Pilze bekannt. Kurz nach dem britischen Verbot für Myzelienhandel kam Spice auf den Markt.

"Einmal und nie wieder!"

Es dauert eine Zeit, bis die Behörden durch erste Medienberichte im Frühjahr 2008 aufmerksam werden. Man prüft – und findet nichts. Die Universitätsklinik Düsseldorf stößt in einer Analyse auf keine Inhaltsstoffe, die den Rausch erklären können. Die verzweifelt anmutende Hypothese des Toxikologen Thomas Daldrup: Beim Rauchen würden giftige Gase inhaliert, die den Kreislauf störten und als Rausch interpretiert werden.

Im August 2008 wird dem Hanfaktivisten Steffen Geyer eine chemische Analyse zugespielt, die in Spice diverse Lösungsmittel gefunden haben will. Geyer titelt in seinem Blog: "Spice gefährlicher als Klebstoff schnüffeln?" Daraufhin meldet sich der Hersteller The Psyche Deli bei ihm und kritisiert die Laboranalyse. Man fürchtet um den guten Ruf der Firma. Geyer kontert: "Es ist beschämend, dass The Psyche Deli bis heute zu allen Fragen bezüglich der Inhaltsstoffe und Wirkstoffe schweigt."

Der Ethnopharmakologe Christian Rätsch testet Anfang Oktober 2008 in der ARD-Sendung Polylux die Mixtur im Selbstversuch und ist sich sicher, dass die kräftige Wirkung keinesfalls durch die angegebenen Kräuter entstehen kann. Seine Vermutung kommt der späteren Analyse sehr nah: "Ich kann mir vorstellen, dass eine Chemikalie zugesetzt ist." Auf die im Dezember gestellte Frage, ob er nun öfters Spice rauchen würde, antwortet er: "Einmal und nie wieder!"

Nun sind die Chemiker gefragt. Zunächst einmal findet man in Spice gar nicht die vielen versprochenen Kräuter, sondern Eibisch, Rosenblätter und Klee. Außerdem findet man einen Zusatz von Vitamin E, dessen Anwesenheit bei Laboranalysen Ergebnisse zu stören vermag. Woher aber der Rausch? Die cannabisähnliche Wirkung führt auf die Spur. Der Frankfurter Cannabinoid-Hersteller THC Pharm prüft verschiedene Spice-Sorten und stößt auf eine Substanz mit der kryptischen Bezeichnung JWH-018, deren Konzentration zwischen 0,2% und 1,8% (in späteren Proben bis zu 3%) schwankt. Benannt ist dieser Forschungs-Wirkstoff nach John W. Huffman, dessen Gruppe hat in den letzten zehn Jahren über 100 solcher Cannabinoide synthetisiert. JWH-018 wird, obwohl molekularstrukturell völlig anders aufgebaut, wie der in der Hanfpflanze enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) von den Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn aufgenommen. Und JWH-018 besitzt zwar eine ähnliche Wirkung wie THC, ist aber deutlich potenter.

THC Pharm kann nicht in allen Proben JWH-018 nachweisen, die Vermutung liegt nahe, dass je nach Charge noch andere synthetische Cannabinoide enthalten sein können. Genau diese findet später das Institut für Rechtsmedizin des Freiburger Universitätsklinikums; eine dem künstlichen Wirkstoff mit Namen "CP-47,497" nah verwandte Substanz, die im Gegensatz zu JWH-018 strukturelle Ähnlichkeiten mit THC aufweist. Auch diese ist erheblich Potenter als THC – und noch etwas eint die Kandidaten. Über ihre Wirkungen, wie mögliche Toxizität, Karzinogenität oder Embryonalschädigungen, ist wissenschaftlich fundiert kaum etwas bekannt; bisher wurden sie nicht am Menschen getestet.

Rotbraun statt Weiß

Alles Umstände, von denen die Hersteller von Spice gewusst haben müssen. Es ist zu vermuten, dass sich die Hersteller mit den entsprechenden Chemikalien eingedeckt haben, um ihre Kräutermischung nach Belieben und unter Einbeziehung der jeweiligen Gesetzeslage damit zu versetzen.

Während die Synthesen für Verbindungen wie JWH-018 noch relativ einfach durchzuführen sind, ist der Aufwand beispielsweise für CP-47,497 bereits erheblich größer. Es sind Schritte notwendig, die nur in einem professionell ausgestatteten Syntheselabor und von qualifiziertem Personal durchgeführt werden können. "Die Kosten entstehen weniger beim Einkauf der Grundchemikalien, sondern durch Laborausstattung und Arbeitskraft", erklärt der Toxikologe Volker Auwärter von der Universität Freiburg gegenüber Telepolis. Nach der Synthese ist für Pharmaka eine aufwändige Reinigung der Rohprodukte erforderlich; ein Mehraufwand, der gerne vermieden wird, wenn billig produziert werden soll.

Das höchstwahrscheinlich in asiatischen Labors hergestellte und auf dem europäischen Markt erhältliche JWH-018 zeigte sich in mehreren Fällen stark verunreinigt. Eine Probe, die bei einem deutschen Chemiker mit dem Pseudonym Murphy Clox eintraf, war rotbraun, JWH-018 sollte aber nach dem Reinigungsprozess weiß, maximal hellgelb sein.

Delikatessen?

Mittlerweile kursiert in den Drogenforen ein Brief, in dem The Psyche Deli begründet, weshalb man dem Bestseller Spice JWH-018 beigemengt hat:

To ensure a pleasurable consumption of our herbal products and to gain a high customer satisfaction we decided to add JWH-018 to all our products. This cannabinoid has been tested in our labs for several months before introducing it on the market. Our team invested a lot of time and money to ensure the quality and the harmlessness of JWH-018.

Den Inhaltsstoff habe man nur deshalb solange geheim gehalten, um einen Vorsprung vor den Mitbewerbern zu haben und zudem das Produkt möglichst lange legal halten zu können. Die anderen aufgefundenen Cannabinoide werden nicht erwähnt. Ob der Brief tatsächlich von The Psyche Deli stammt ist unsicher, die Verschwörungstheorien rund um Spice blühen.

Es sollte nicht bei zwei cannabisähnlichen Wirkstoffen bleiben. Mitte Januar taucht eine Ladung Spice in einem Frachtdrehkreuz in Dayton, Ohio, auf. Zollbeamte finden insgesamt 45 Kilogramm in Tüten, die aus Tschechien stammen, eine Analyse fördert ein weiteres Forschungs-Cannabinoid zu Tage: HU-210. Dieses steht in den USA bereits auf der Liste der kontrollierten Substanzen, im US-Großhandel kosten 10 Milligramm um die 300 Dollar. Es gilt als noch potenter als die anderen aufgefundenen Cannabinoide, die Gefahren der Überdosierung sind konkret.

Wie andere Research-Chemicals sind die Cannabinoid-Abkömmlinge längst zu begehrten Versuchsobjekten einer mittlerweile beachtlichen Szene geworden, die wenig Bedenken hat, neue psychoaktive Chemikalien ohne Umwege über Unbedenklichkeitsversuche am Tier an sich selbst auszuprobieren. Urvater dieser Bewegung ist Alexander Shulgin, der Hunderte von Substanzen synthetisiert und im Selbstversuch getestet hat. Wo dort noch eigenverantwortlicher Forschergeist herrschte, zählt bei vielen Endverbrauchern heute letztlich der Ballerfaktor.

Nicht zu unterschätzen ist andererseits, dass bei der Entscheidung der Konsumenten für obskure Rauschsubstanzen ihre Legalität und ihre bis dato fehlende Nachweisbarkeit in Straßenverkehr und Berufsleben wichtige Argumente sind. Der wieder erhöhte Verfolgungsdruck in einigen Cannabis-Anbauländern wie den Niederlanden hat für viele Konsumenten zu einer schlechten Verfügbarkeit von Hanfprodukten geführt. Das macht sie offen für scheinbare Alternativen.

Hilflosigkeit der Drogenpolitik?

Zumindest greift die Überführung immer neuer Pflanzen (Kath, Salvia divinorum) in den Verbotskatalog (BtmG) kurz, weil sich die berauschungswilligen Bürger ihre Ausweichkandidaten suchen. Kritiker sehen die Verbote mitverantwortlich dafür, dass es zu immer neuen Auswüchsen kommt, die in den drogenpolitisch verantwortlichen Kreisen so niemand gewollt haben will. Mit der Cannabispflanze stünde die im Vergleich zu den Forschungs-Cannabinoiden weit weniger bedenkliche Alternative zur Verfügung. Drogenpolitische Aktivisten wie Steffen Geyer, der auch für den Deutschen Hanfverband arbeitet, sprechen sich daher dafür aus, Fachgeschäfte für rauscherzeugende Pflanzen zu schaffen, in denen die Kunden qualifiziert beraten, die Produkte sauber deklariert und staatlich kontrolliert werden.

In Bezug auf Spice herrscht in Käuferkreisen die Ansicht vor: "Wird schon nicht so schlimm sein, ist ja wie andere Cannabisstoffe auch." Dabei unterscheiden sich die verschiedenen synthetischen Cannabinoide zum Teil erheblich voneinander. Zudem sind, wie Volker Auwärter anmerkt, Strukturähnlichkeiten "kein verlässliches Maß für die Wirksamkeit von Verbindungen". Diese stelle sich meist erst im Experiment heraus. "Das gilt im Übrigen auch für die Toxizität, obwohl hier anhand der chemischen Struktur begründbare Vermutungen angestellt werden können. Grundsätzlich gilt, dass mangelnde Produktreinheit immer ein zusätzliches Risiko darstellt." Im Klartext: Von medizinisch wertvoll bis krebserregend ist alles möglich.

Aber weder Hersteller und Großhändler noch Internet- und Head-Shop-Betreiber hat die potentielle Gefahr gehindert, über Monate und Jahre enorme Gewinne mit dem Verkauf von Spice einzustreichen. Es ist zu vermuten, dass deshalb auch in Zukunft ähnliche Mischungen mit jeweils noch legalen oder verschleierten psychoaktiven Zusatzstoffen auf den Markt gebracht werden. Auch auf dem Schwarzmarkt wird man mit den synthetischen Cannabinoiden rechnen müssen, als aktive Streckmittel oder nachgefragte Reinsubstanzen.

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