US-Geografen wollen den Aufenthaltsort von Bin Laden gefunden haben

Florian Rötzer 18.02.2009

Aufgrund von biogeografischen Theorien und mit Satellitenbildern und Informationen über Bin Laden vermuten ihn die Wissenschaftler in der pakistanischen Stadt Parachamar

Nachdem die US-Geheimdienste trotz hohen Aufwands und eines hohen Kopfgelds von 25 Millionen Dollar daran gescheitert sind, den al-Qaida-Chef Osama bin Laden, sofern er überhaupt noch am Leben sein sollte, zu lokalisieren und festzunehmen oder zu töten, versuchen sich jetzt die Geografieprofessoren Thomas W. Gillespie und John A. Agnew von der University of California in Los Angeles an der Aufgabe, seinen Aufenthaltsort zu bestimmen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Wenn es die Geheimdienste schon nicht schaffen, machen sich nun Wissenschaftler auf, um Bin Laden zu finden

Nach einer Studie, die im MIT International Review erschienen ist und für die die Wissenschaftler vorhandene Informationen, Satellitenbilder und biogeografische Theorien über Verbreitung und Auslöschung von Leben ausgewertet haben, vermuten sie den Terrorfürsten in einem von drei Gebäuden in der Stadt Parachinar, die in einem der Stammesgebiete im Nordwesten Pakistans liegt Stolz erklären die innovativen Geografen, sie hätten die erste wissenschaftliche Methode entwickelt, um Bin Ladens Aufenthaltsort zu bestimmen, was doch "eine der wichtigsten politischen Fragen unserer Zeit" sei. Zwar habe vielleicht die CIA alle verfügbaren Möglichkeiten durchgespielt, aber die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Gemeinschaft habe die Frage nicht wirklich ernst genommen.

Nach der Distance-Decay-Theorie in der Lesart der kalifornischen Geografen ist Bin Laden in den wilden pakistanischen Grenzgebieten zu Afghanistan zu finden. Dieses und alle weiteren Bilder: UCLA

Die Geografen sind, wie sie sagen, von den biogeografischen Theorien über die Verbreitung von Pflanzen und Tieren ausgegangen. Nach der Distance-Decay-Theorie verringert sich mit wachsender Entfernung die Zusammensetzung der Arten, nach der Insel-Theorie gibt es in größeren Inseln mehr Zuwanderung und eine höhere Artendichte als auf kleineren Inseln. Etwas gewagt mag es dann aber schon sein, wenn die Autoren nach der Distance-Decay-Theorie davon ausgehen, dass Bin Laden etwa in der Nähe des Ortes zu finden sei, wo er zuletzt gesehen wurde, oder an einem ähnlichen Ort mit ähnlichen politischen und religiösen Kontexten. Je weiter er sich davon entfernt, desto auffälliger werde er und desto eher würde er riskieren, erkannt und ergriffen zu werden.

Suche nach Stadtinseln im Nahbereich um Tora Bora aufgrund von Lichtquellen auf Satellitenbildern

Nach der Insel-Theorie würde sich Bin Ladin eher in einer größeren Stadt aufhalten. Mit hochaufgelösten Satellitenbildern könne man dann nach Gebäuden suchen, die denen entsprechen, in denen Bin Laden früher gewohnt hat. So habe er immer einige Leibwächter gehabt, so dass eine Wohnung oder ein Haus über mehr als Z3 immer verfügen müsse.

Die Theorie würde bedeuten, dass Menschen auch in unseren Zeiten nur wenige Kilometer weiter ziehen – in globalisierten Zeiten eher unwahrscheinlich

So theoretisch ausgerüstet gingen die Wissenschaftler auf die Suche, ausgehend von seinem angeblich letzten Aufenthaltsort in den Höhlen von Tora Bora nach der Flucht aus Dschalalabad. Von dort aus suchten sie nach einer nahe gelegenen Stadt, die als Unterschlupf dienen könnte, wenn man von einigen Voraussetzungen ausgeht. Die Wissenschaftler führen etwa an, dass Bin Laden Schutz vor Luftangriffen wünscht (Bäume im Garten), materielle Sicherheit begehrt (über 3 m hohe Mauern), Leibwächter hat (mindestens 3 Räume), Privatheit schätzt (Abstände zwischen Gebäuden) und wegen seiner vermuteten Krankheit eine Nieren-Dialyse-Maschine benötigt, wozu ein Stromnetz oder ein Generator benötigt wird. Und die Zimmer müssen für seine Körpergröße hoch genug sein.

Nach ihrem Modell sei das Stammesgebiet Kurram höchstwahrscheinlich die Region, in die Bin Laden geflüchtet ist. Eigentlich müsste er nach ihrer Hypothese dort zu finden sein, die Wahrscheinlichkeit liege bei 98 Prozent, die Wahrscheinlichkeit, dass er in einer sieben Stammesgebiete ist, sei hingegen 86,6 Prozent. Kurram wird auch von US-Drohnen überwacht, die dort gelegentlich Angriffe ausführen und Häuser bombardieren.

Insgesamt gibt es 26 Stadtinseln in einem 20 km Radius des Ortes, wo er zuletzt im Nordwesten Kurrams gesehen wurde. Parachamar ist die größte und am hellsten erleuchtete Stadt und steht an vierter Stelle, was die Isolation betrifft. Sie befindet sich an der afghanischen Grenze, von Tora Bora hätte der damals 44jährige, an Diabetes erkrankte Bin Laden 3,1 km über einen 4000 m hohen Pass und insgesamt 20 km bis zu dieser Stadt reisen müssen. Das sei schon sehr anstrengend, meinen die Geografen, die auch denken, dass er dann dort gleich für die weiteren Jahre geblieben sei. In Parachama hätten schon zur russischen Besatzungszeit viele Gotteskrieger gehaust, die Wahrscheinlichkeit sei daher hoch, dass sich hier noch immer viele Taliban finden. Allerdings ist das Verhältnis von al-Qaida und Taliban wohl nicht nur so harmonisch, wie das die kalifornischen Geografen darstellen.

In der Stadt wollen die Autoren drei Gebäudekomplexe ausgemacht haben, die allen 6 Kriterien entsprechen, und 15 Gebäude, die mindestens 5 enthalten. Die drei Gebäudekomplexe gehören zu den größten und am besten geschützten in der ganzen Stadt. Bei einem Gebäude könnte es sich um Gefängnis handeln, aber mit einem überaus gepflegten Garten. Immerhin hat offenbar Bin Laden noch einiges an Geld, um sich solche Behausungen leisetn zu können.

Die wissenschaftliche Hypothese der Geografen klingt simplizistisch. Die Frage wäre schon, ob sich biogeografische Theorien von Pflanzen und Tieren auf Menschen und vor allem auf solche übertragen lassen, die sicherlich mit hohem Aufwand nach einem sicheren Unterschlupf suchen. Die Entfernung dürfte hier nicht zu einer sehr starken Bestimmung gehören, zumal sich Menschen auch an eine andere Umgebung anpassen können, schließlich kommt Bin Laden auch nicht aus Afghanistan oder Pakistan. Der Reiz dieser wissenschaftlichen Hypothese liegt zweifellos vor allem darin, dass sie sich leicht verifizieren oder falsifizieren ließe. Die Amerikaner müssten nur die Häuser mit Drohnen beobachten, um dann bei verdächtigen Hinweisen eines mit einem Spezialkommando zu durchsuchen oder mit Raketen zu zerstören. Interessant dürfte sein, ob die US-Geheimdienste, allen voran die CIA, den Überlegungen der Geografen nachgehen.

Durch die Auswertung von Satellitenbildern hatten Gillespie und Agnew schon in einer früheren Studie zu zeigen versucht, wie stark die ethnische Säuberung in Bagdad durchgeschlagen hat, worauf sie den Rückgang der Gewalt zurückführten, der gerne als Folge dder Truppenaufstockung gesehen wurde (Satellitenbilder belegen ethnische Säuberungen im Irak).

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29762/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS