Ein Staat am Rande des Zusammenbruchs
Mit dem Punjab droht nun auch eine Kernregion Pakistans ins Chaos zu stürzen
Der Anschlag auf das Kricket-Team Sri Lankas im punjabischen Lahore stellt eine neue Stufe im Erosionsprozess des Staates Pakistan dar. Mit dem Punjab droht nun auch die größte Provinz Pakistans im Chaos zu versinken. Weder die korrupte Regierung in Islamabad, noch die Armee haben die stetig eskalierende Sicherheitslage im Lande noch unter Kontrolle. Religiöser Fundamentalismus, Nationalismus und der Widerstand gegen den amerikanischen "Krieg gegen den Terrorismus" haben das Land schwer destabilisiert. Sogar ein Bürgerkrieg scheint möglich. Pakistan ist ein gespaltenes Land und ein Funke könnte ausreichen, um einen Flächenbrand zu entfachen. Jahrzehntelange Korruption und Misswirtschaft haben das Land in ein Pulverfass verwandelt.
Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen wurden in Pakistan bislang vor allem durch den Druck von außen zusammengehalten – der mächtige Feind Indien schweißte zusammen, was vielleicht nicht zusammengehört. Zu den traditionellen ethnischen Differenzen zwischen Paschtunen, Punjabi, Belutschen, Sindhi und anderen kamen im letzten Jahrzehnt zunehmend religiöse Differenzen hinzu. Während im Süden ein toleranter, spirituell vom Sufismus geprägter Islam vorherrscht, hat der zunehmende Einfluss des konservativen, dogmatischen Wahabismus im Norden eine neue Bruchlinie innerhalb des Landes entstehen lassen.
![]() |
Weder Politik noch Armee scheinen fähig, oder auch nur gewillt zu sein, diese Bruchlinien zu kitten. Der staatliche Ordnungsrahmen verliert derweil immer mehr an Bedeutung und im paschtunisch dominierten Waziristan, im südpakistanischen Belutschistan und in Teilen der an Afghanistan grenzenden Nordwest-Provinzen übt die Zentralregierung de facto gar keine Macht mehr aus.
Der Sharif-Clan und der Bhutto-Clan und die Armee
|
|
Pakistan gehört laut der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International zu den korruptesten Ländern der Welt und hat nach westlichen Maßstäben keine demokratischen Traditionen. Über die Jahrzehnte hinweg haben sich in diesem Land zwei Parteien ausgebildet, die sich als Klientelvertreterinnen elitärer Cliquen und Wahlvereine zweier Politiker-Dynastien etabliert haben. Der Sharif-Clan mit seiner Muslimliga steht für die Interessen einiger weniger Industrieller aus dem Punjab, während der Bhutto-Clan mit seiner PPP die Interessen einiger weniger Großgrundbesitzer aus dem südpakistanischen Sindh vertritt. Bei diesen Parteien handelt es sich nicht um pluralistische Volksparteien nach westlichem Muster, sondern um kleptokratische Zweckbündnisse, die ihre Pfründe an den verteilen, der ihnen wohl gesinnt ist.
Die eigentliche Macht im Staate hat seit jeher die Armee inne. Präsidenten können weggeputscht oder ermordet werden, die Armee bleibt. Haben andere Staaten Armeen, so hat die pakistanische Armee einen Staat – die 1,4 Millionen Mann zählende Armee bekommt nicht nur ein Viertel des Staatsbudgets, sondern ist auch Pakistans größter Landbesitzer, Bauunternehmer und Immobilienbesitzer. Ähnlich wie die elitären Cliquen, belohnt sie treue Gefolgsleute mit Land und Pfründen – die Generäle zählen nach ihrem Aufstieg in den Generalstab allesamt zur millionenschweren Elite des Landes. Ein weiterer Machtfaktor ist der pakistanische Geheimdienst ISI, der der Armee formal unterstellt und ein Staat im Staate ist.
Islamismus auf dem Siegeszug
Trotz seiner militärischen Stärke und seines Atomprogramms ist Pakistan ein Drittweltland, mit einer riesigen Kluft zwischen einer reichen und korrupten Oberschicht und der verarmten breiten Masse des Volkes. Diesen Umstand haben sich in den letzten Jahren die Islamisten zu Nutze gemacht, deren fundamentalistische Propaganda vor allem bei der ungebildeten und chancenlosen Unterschicht auf fruchtbaren Boden fällt.
In den letzten Jahren sind zehntausende Medresen (Koranschulen) entstanden, die unabhängig vom Staat, weitestgehend unkontrolliert und aus saudischen Quellen finanziert, Kinder und Jugendliche aus den ärmeren Schichten kostenlos und bei freier Unterkunft und Verpflegung unterrichten. Der dort vermittelte Islam ist oft ultraorthodox und entspricht nicht den Lehren der großen sunnitischen Schulen. Der vom Sufismus geprägte Islam im südpakistanischen Sindh wird vom fundamentalistischen Islam im Norden als Häresie bezeichnet.
Besondere Bedeutung haben diese Koranschulen zu Zeiten der sowjetischen Besatzung Afghanistans bekommen, da ein Großteil der pakistanischen Mudschaheddin mit tatkräftiger Unterstützung von CIA und ISI aus ihren Reihen rekrutiert wurde. Der ehemalige Präsident Musharraf hatte mehrfach versucht, den Einfluss dieser Koranschulen zu beschneiden und sie unter staatliche Aufsicht zu stellen, scheiterte jedoch stets daran, dass diese Schulen von einflussreichen Kreisen aus Militär und dem Geheimdienst protegiert wurden. Der Einfluss der Islamisten konnte somit stetig wachsen, so dass man sie mittlerweile als vierte Kraft im Staate bezeichnen kann. Die Querverbindungen zwischen Islamismus und Armee sowie Geheimdienst sind es, die dem Westen die größten Kopfschmerzen bereiten.
Ein Witwer als Präsident
Als pro-westlicher Pol agiert in Islamabad der Präsident Asif Ali Zardari, Witwer der ermordeten Ex-Präsidentin Benazir Bhutto. Zardari, dessen Partei PPP bei den Wahlen von der Solidarität infolge des Anschlages auf seine Frau profitieren konnte, gibt allerdings ziemlich Anlaß zur Kritik: Nach Recherchen des amerikanischen Journalisten Nicholas Schmidle darf bezweifelt werden, ob der Mann, der wegen Korruption in den letzten zwanzig Jahren die Hälfte seiner Zeit im Gefängnis verbrachte, das Land einen kann. Dem Porträt, das Schmidle von ihm zeichnet, zufolge ist Zardari mehr ein Mafia-Pate denn ein Staatsmann.
So besetzte er wichtige Ämter mit seinen ehemaligen Zellengenossen und anderen Vertrauten; Sachkenntnis war dabei nicht das ausschlaggebende Kriterium – das Ölministerium wird beispielsweise von seinem Arzt geführt. Zardari ist aber auch bei den Islamisten so unbeliebt wie kaum ein Präsident vor ihm. Als er auf seinem ersten offiziellen Staatsbesuch die amerikanische Politikerin Sarah Palin besuchte und offen mit ihr flirtete, sprach der Imam der Roten Moschee in Islamabad folgewendend eine Fatwah gegen ihn aus – sein Benehmen sei unislamisch. Zardari scheint der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ohne Protektion des Westens hätte die Armee ihn vermutlich längst beseitigen lassen.
Schleichende Erosion
Vor allem im paschtunisch dominierten Waziristan, im südpakistanischen Belutschistan und in Teilen der an Afghanistan grenzenden Nordwest-Provinzen haben seit längerer Zeit weder die Zentralregierung, noch die Armee das Sagen. Hier haben die Islamisten de facto die exekutive und legislative Macht, und in diesen Landesteilen findet eine schleichende "Talibanisierung" statt. Die Rebellen sind keine homogene Gruppe, sondern ein loser Zusammenschluss aus Islamisten, Nationalisten und verärgerten Stammesmitgliedern, die vor allem die Ablehnung der Zentralregierung eint.
![]() |
|
| Provinzen und die wichtigsten Sprachen Pakistans |
Den aussichtslosen Kampf im Swat-Tal hat die Zentralregierung vor wenigen Wochen mit einem unehrenhaften Frieden beendet. Als Konzessionen wurden paschtunische Gefangene aus der Haft entlassen, und den Islamisten – die nach Lesart von Präsident Zardari natürlich keine Taliban sind – wurde sogar gestattet, die Scharia einzuführen.
Der Punjab auf der Kippe
Die Konzessionen im Swat-Tal haben Begehrlichkeiten bei anderen radikalen Separatisten geweckt, die ebenfalls Autonomie von der Zentralregierung beanspruchen. Hinter dem Anschlag auf die Kricket-Mannschaft Sri Lankas in Lahore stecken nach Informationen der Asia-Times islamistische Rebellen aus dem Punjab. Der Anschlag wurde von zwölf militärisch trainierten und gut ausgerüsteten Kommandos ausgeführt, die wahrscheinlich, so die Vermutung des Chefs des Pakistan Büros der Asia Times, Syed Saleem Shahzad, ehemalige Elitesoldaten des pakistanischen Geheimdienstes ISI in Kaschmir waren, wo sie verdeckt gegen die Inder eingesetzt werden sollten.
Seiner Annahme nach, die von Informationen der pakistanischen Zeitung News gestützt wird, ist der Anschlag "home made" (vgl. dazu auch Verärgerte Söhne pakistanischer Erde). Laut der pakistanischen Zeitung werden militante Dschihadis aus Punjab von den Ermittlungsbehörden verdächtigt. Für Shahzad führt die Spur aber bis hinein in den pakistanischen Geheimdienst, dessen "indische Zelle", die in Kashmir gegen die Interessen Indiens operierte, nach der Auflösung Nachschub für die andere Front an der Nordwestgrenze lieferte: Viele ehemalige Kämpfer aus Kaschmir zog es etwa nach Waziristan, wo man sich den paschtunischen Islamisten anschloss. Dort vermutet Shazad auch die Hintermänner des Anschlags. Deren Ziel war seiner auffassung nach die Freipressung von inhaftierten Rebellen aus dem Punjab und Kaschmir. Dafür sollten die Kricket-Spieler als Geiseln genommen werden. Nur das professionelle Eingreifen der Elitetruppen, die den Mannschaftsbus eskortierten, verhinderte den Erfolg des Kommandounternehmens.
Ermittler, die die pakistanische Zeitung News zitiert, sprechen davon, dass man sich auf lokale Gruppen konzentriere. Die Angreifer sollten demnach aus Lahore stammen und die Landessprache Punjabi gesprochen haben. Eindeutige Schlussfolgerungen wolle man aber noch nicht abgeben. Nach Quellen der Financial Times werden die Täter im Umfeld der Lashkar-e-Taiba vermutet, einer Organisation, die angeblich über sehr gute Beziehungen zum Geheimdienst ISI verfügt.
So sehr die Spekulationen über die Täter des Anschlages sprießen, klar ist, dass die zweitgrößte Stadt Pakistans getroffen hat. Die Botschaft der Islamisten könnte klarer kaum sein: Waren es bis jetzt hauptsächlich spärlich bewohnte Gegenden an der Peripherie des Landes, so können sie auch mitten im Land, im Zentrum zuschlagen.
Beobachtern zufolge macht die Provinz Punjab, die mit fast 90 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Pakistans ist, eine "schleichende Talibanisierung" durch. Medresen, finanziert aus Saudi-Arabien, schießen aus dem Boden, Händler verbrennen öffentlich CDs mit westlicher Musik und DVDs mit indischen Filmen, und Frauen tragen vermehrt die Burkha. Der Friedensschluss mit den Taliban im Swat-Tal könnte sich als Büchse der Pandora herausstellen. Auch die Rebellen im Punjab haben ähnliche Forderungen an den Zentralstaat – der Punjab ist allerdings keine kleine Bergregion, sondern das Herz Pakistans. Weder Zardari noch die Armee werden hier zu Zugeständnissen bereit sein.
Ein südasiatisches Catch-22
Wenn es im Punjab zu einem offenen Schlagabtausch zwischen den Rebellen und der Armee kommen sollte, stehen die Chancen für die Zentralregierung nicht eben gut. Insidern zufolge, hält der pakistanische Armeechef General Kiyani einen Zweifrontenkrieg gegen die Islamisten im Norden und im Punjab für aussichtslos. Präsident Zardari ist in seiner eigenen Logik gefangen. Er kann den Islamisten im Punjab keine Zugeständnisse machen, da er ansonsten die Einheit des Staates aufs Spiel setzen würde. Aber er kann auch nicht gegen sie vorgehen, da dies im Land als Kapitulation vor den Indern gesehen würde, die genau das seit längerem fordern.
Sollten die Informationen der Asia Times stimmen, dann hat der pakistanische Geheimdienst ISI die Geister selbst gerufen, die er nun nicht mehr los wird. Im afghanischen Kampf gegen die Sowjetunion galt Pakistan stets als sicherer Hafen für Islamisten jeglicher Couleur – der ISI rüstete und bildete sie aus, um in Afghanistan eine pro-pakistanische Regierung an die Macht zu bringen. Nach dem Sieg der Amerikaner setzte der ISI jedoch die Unterstützung der Taliban fort, da man der Regierung Karzai nicht viel abgewinnen konnte, und spekulierte, dass die Amerikaner schnell wieder abziehen und ein Machtvakuum hinterlassen würden, das von den Taliban im Sinne Pakistans ausgefüllt werden könnte.
Man hielt die Taliban als "stille Reserve" im Norden des Landes zurück, so der Afghanistanexperte und Buchautor Ahmed Rashid, – nun wenden sich die Islamisten gegen ihre Unterstützer. Dabei haben sie dank der radikal-islamischen, aus Saudi-Arabien finanzierten, Wegbereiter ein Heimspiel. Sieben Jahre nach 9/11 hat der amerikanische Krieg gegen den Terrorismus die Welt wesentlich instabiler gemacht, als sie damals war. Wenn mit Pakistan eine Nuklearmacht im Bürgerkrieg versinkt, so ist dies eine sehr ernste Lage. Den Bürgerkrieg abzuwenden sollte daher höchste Priorität haben.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29853/1.html- NEIN! (12.3.2009 20:22)
- Abwarten. (9.3.2009 20:52)
- Die Bombem (9.3.2009 20:20)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.


