Die Katholische Kirche in der Glaubwürdigkeitskrise

Rüdiger Suchsland 07.03.2009

Erhebet die Herzen, beuget die Knie: Eiertanz auf der Hamburger Bischofskonferenz - zur Lage des organisierten Katholizismus zwischen Reaktionären und Liberalen

Laien protestieren, Funktionäre wiegeln ab, einzelne Bischöfe gießen Öl ins Feuer - die letzten Wochen haben die Katholische Kirche in Deutschland erschüttert. Dass ausgerechnet ein deutscher Papst Holocaustleugnern und Erzreaktionären der "Bruderschaft St. Pius X." (FSSPX) das Tor zur Kirche wieder öffnet und dadurch nicht nur auch moderate Reformer vor den Kopf stößt, sondern der Kirche eine Debatte über katholischen Antisemitismus einträgt, hat zur Protesten zahlreicher Gläubiger geführt, und Brüche nicht nur im Erscheinungsbild der Kirche, sondern in der Substanz der von ihr propagierten Glaubenslehre sichtbar gemacht. Dieser Woche tagte die Deutsche Bischofskonferenz in Hamburg und versuchte Schadensbegrenzung - mit moderatem Erfolg. Die Position des deutschen Papstes ist zweifelhafter denn je.

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Eine gemeinsame Erklärung, kein verbindlicher Gemeindebrief, verklausulierte Kritik zwischen den Zeilen, jedoch keine öffentliche Schelte des Vatikan, progressive Stellungnahmen, aber keine eindeutige Positionsbestimmung - nur milde, eher passiv und kraftlos im Grundton ist die Reaktion der 68 deutschen Bischöfe auf Wirren und Streit der letzten Wochen.

Ernsthaft kritisiert wird in der Abschlußerklärung der gerade zuende gegangenen Deutschen Bischofskonferenz nur die Bruderschaft St. Pius X.: "In besonderer Weise verstoßen die für dieses Jahr angekündigten Heiligen Weihen der Priesterbruderschaft gravierend gegen die Ordnung und das Recht der Kirche", heißt es in der Abschlußerklärung der Bischofskonferenz. Und weiter:

Besonders bedrückend sind die Holocaust-Leugnung eines Bischofs der Priesterbruderschaft St. Pius X. und entsprechende antisemitische Strömungen in der Priesterbruderschaft. Es fehlt bislang eine ernsthafte Distanzierung der Betreffenden von solchen inakzeptablen Haltungen, wie sie der Apostolische Stuhl schon früh gefordert hat.

Mixa und die "richtigen Proportionen" zwischen Abtreibung und Judenmord

Nicht eingegangen wurde in der Erklärung allerdings auf die umstrittenen Äußerungen des Augsburger Bischofs Walter Mixa. Mixa, einer der Erzreaktionäre unter den deutschen Bischöfen, der sich seit langem darin gefällt, mit provokativen Äußerungen in den Medien Schlagzeilen zu machen, hatte das Thema Abtreibung mit dem millionenfachen Judenmord der Shoah verknüpft. Robert Zollitsch, Freiburger Erzbischof und seit kurzem Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann als Vorsitzender der Bischofskonferenz, kritisierte Mixa zwar im Vorfeld wegen dieser Äußerungen und forderte, dass bei Vergleichen die "richtigen Proportionen" getroffen würden. Es gebe keine Möglichkeit, "den Holocaust einfach mit anderen Elementen zu vergleichen", sagte er der ARD. Am Ende der Woche war davon nichts mehr zu hören, und Mixa erklärte triumphierend, er würde die Rede wieder so halten.

Walter Mixa ist auch einer derjenigen, die sich in erstaunlicher Nähe zu der umstrittenen Piusbruderschaft befinden. Im September 2008 hatte Mixa 30 "Marienkinder" gefirmt. Dabei handelt es sich um eine 1983 gegründete apokalyptische Sekte innerhalb der katholischen Kirche. Sie hatte nicht allein dadurch von sich Reden gemacht, dass sie Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, sondern Demokratie als "Prinzip des Teufels", die Menschenrechte als "satanisch". Mixa nun hatte sie ausgerechnet durch einen Priester betreuen lassen, der zur Petrus-Bruderschaft gehört, einer Abspaltung der seinerzeit noch exkommunizierten Pius-Brüder.

"Rasch Verbesserungen im Bereich der internen Abstimmung"

Kritik am Vatikan gibt es von den Bischöfen nur indirekt: "Die Verantwortlichen in der Kurie sollten rasch Verbesserungen im Bereich der internen Abstimmung und der Kommunikation mit den Bischofskonferenzen herbeiführen. … Wir bedauern, dass in diesem Zusammenhang auch Unsicherheit über den Weg der Kirche aufgekommen ist. Wir haben dies in Gesprächen und Zuschriften erfahren." Um dann gleich Papst Benedikt XVI. in Schutz zu nehmen:

Vor allem weisen wir jeden Versuch zurück, das Ansehen und die Integrität des Papstes in Zweifel zu ziehen, die katholische Kirchenverfassung zu negieren und spalterisch zu wirken."

Weitaus deutlicher wurde da dieser Tage die Bischofskonferenz der Schweiz. Ihr "Befremden und die Sorgen der Gläubigen" wurde dem päpstlichen Nuntius mitgeteilt, in ihrer Märzsitzung ist ausdrücklich von der "schwierigen Situation" die Rede. Die Schweizer Bischöfe, die vom Schritt des Papstes aus den Medien erfuhren, rügen die "schwerwiegende Mängel bei der Information der Bischöfe, der Gläubigen und der Öffentlichkeit durch die vatikanische Kurie" und kritisieren, offensichtlich sei der Schritt "zu wenig sorgfältig vorbereitet" worden.

"Sorgen um die Entwicklung der Kirche"

Die Lage des organisierten Katholizismus in Deutschland ist nicht gut. Mag mancherorts auch eine "Rückkehr der Religion" behauptet werden, mögen religiöse Themen im Alltag wieder gesellschaftsfähiger werden - und sei es auch nur durch die Debatten über diverse Fundamentalismen, den Streit um Minarette oder über Verrücktheiten des "Kreationismus" - der Katholischen Kirche nutzt das wenig. Die Zahl der Kirchenaustritte liegt im Jahr bei knapp 100.000 und damit konstant höher als die Zahl der (Wieder-)Eintritte, gleiches gilt für die Zahlen der Messbesucher, Priester und anderweitig engagierten.

Seit den jüngsten Entwicklungen rund um das Entgegenkommen des Papstes an die Bruderschaft St. Pius X., ist das Rumoren lauter geworden. Deutlich ist vor allem die Spaltung zwischen den nach wie vor mehrheitlich konservativen, zum Teil reaktionären Institutionen und Amtsträgern der Kirche und den mehrheitlich vergleichsweise liberalen Laien. So hatten 29 Professorinnen und Professoren der Universität Münster ihre "Sorgen um die Entwicklung der Kirche" erklärt.

Gegen die die vatikanische "Rückwärtswendung"

Für den liberalen Teil der katholischen Kirche steht etwa der Sprecher der internationalen katholischen Laienbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner. Sie war Mitinitiator einer Petition, in der sich die große Empörung der katholischen Basis kanalisierte, und die von Zehntausenden Laien unterschrieben wurde. Darin wird der Papst gerügt und die volle Anerkennung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils gefordert. Ohne Umschweife kritisiert wird die vatikanische "Rückwärtswendung", durch die zugelassen werde, "dass Teile der römisch-katholischen Kirche offen Geist und Buchstaben bedeutender Dokumente des II. Vatikanischen Konzils ablehnen dürfen".

Was in den letzten Wochen geschah, sei nicht nur eine Medienkampagne gewesen, betont Weisner. "Es ist kein Kommunikationsfehler im Vatikan gewesen, da ist wirklich sehr, sehr viel schiefgelaufen." Weisner erkennt klare Tendenzen zu einer Abkehr von den Reformen und Demokratisierungen des organisierten Katholizismus des II. vatikanischen Konzils: Es habe "leider auch unter Papst Benedikt" entsprechende Zeichen gegeben. Etwa die Liturgiereform. Die im Sommer 2007 wieder voll zugelassene vorkonziliare lateinische Messe. Die unformulierte Karfreitagsfürbitte. Die geplante Seligsprechung des wegen seines Beschweigens der Shoah umstrittenen Papstes Pius XII. - alles Zeichen der Rückwärtsbewegung unter Benedikt XVI.

Der katholische Theologe Professor Gotthold Hasenhüttl, der vor fünf Jahren vom Priesteramt suspendiert worden ist, geht noch weiter: Durch diesen "Eklat" könne man jetzt, sehen, "dass der Papst ganz klar einen eindeutigen Kurs fährt, möglichst zurück hinter das Zweite Vatikanische Konzil, einen Kurs, der eben den Fundamentalismus in der Kirche favorisiert. Es geht ihm ja darum, dass er möglichst die Leute in die Kirche hineinholt, die einen fundamentalistischen Standpunkt haben", so Hasenhüttl im Deutschlandfunk. Und weiter: Hasenhüttl:

Der Papst will eben all diese Öffnung, diesen Aufbruch, der im Zweiten Vatikanischen Konzil geschehen ist, gleichsam zurückdrehen und die Fenster, die im Zweiten Vatikanum geöffnet wurden, wieder zumauern. … Es ging ihm eben um ein ganz wichtiges zentrales Thema für ihn und das ist eben gegen die moderne Gesellschaft, gegen den Relativismus, gegen eine Art Aggiornamento in der Kirche aufzutreten und eben klar die reine Lehre zurückzuführen auf die Tradition, wie er sie sieht.

"Hysterische Hetze gegen den Papst"

Die Katholische Kirche hat aber auch in Deutschland eine andere, konservativ-reaktionäre Seite. Sie beginnt mit den bayerischen Bischöfen. Neben Mixa ist da auch der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zu nennen, der lauthals gegen die Initiative von "Wir sind Kirche" protestiert hat. Weitaus schlimmer noch wiegen jene reaktionären und revisionistischen Kreise, denen das Konzil als "großer Sündenfall" der katholischen Kirche erscheint, die glauben und sagen, die heute lebenden Juden seien "schuld am Tod Jesu", und deren Ansichten von Initiativen wie "Kreuz.net" gebündelt werden, eine "Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind" und unter "strikter" Wahrung der Anonymität seiner Informanten gegen Homosexuelle, Juden und Medien wettert, die Piusbrüderschaft verteidigt und den Papst dafür kritisiert, "vor den Juden zu buckeln".

Oder das ausgerechnet in Linz angesiedelte, "internationale" österreichische "Kath.net", ein Informationsportal, das zum wichtigen Tummelplatz für katholischen Extremismus geworden ist. Andersdenkende werden aggressiv diffamiert, die deutschen Bischöfe als zu lau verspottet und beschimpft, und selbstverständlich findet man alle Stereotypen des christlichen Antijudaismus. Anfänglich finanziell unterstützt von der österreichischen Bischofskonferenz wurde die Förderung des Projekts bald eingestellt.

Kennzeichnend für den bei diesen Kreisen vorherrschenden Geist ist etwa der Kommentar "Papst, Pius und Polemik" von Nathanael Liminski. Darin ist von einem "Hauch von Kulturkampf" die Rede. Die "hysterische Hetze gegen den Papst" habe eine tiefere Ursache:

Es geht um einen Angriff gegen die Kirche insgesamt, bei dem sich militante Atheisten mit vom Relativismus erfassten Christen verbrüdern.

Schleichende Relativierung des Zweiten Vatikanischen Konzils

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. So steht nun Benedikt XVI. selbst in der Schusslinie. Die Euphorie über Paparazzi ist aufgebraucht, mittlerweile wird der erfolgreichen Zugriff des antiliberalen Kardinals Ratzinger auf das Papsttum erkennbar als Sieg der Reaktionäre im Vatikan. Ihr Ziel ist die schleichende Relativierung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Generalangriff gegen den am Zweiten Vatikanum orientierten freiheitlichen Katholizismus.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29866/1.html
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