Die Wege des Herrn sind unergründlich

09.03.2009

Während die katholische Kirche die Mutter einer vergewaltigten Neunjährigen wegen einer aus medizinischen Gründen erfolgten Abtreibung exkommuniziert, nimmt sie eine Anti-Computer-Sekte wieder auf

Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, firmte der Augsburger Bischof Walter Mixa im letzten Jahr 30 Anhänger der Sekte "Marienkinder", was als Akt der Wiederaufnahme in die katholische Kirche gilt. Nachdem der von der Sekte erwartete Weltuntergang 1999 nicht eintrat und der Anführer Josef Zanker 2001 starb, hatten die Marienkinder mit einem Nachholtermin gerechnet, der bis 2006 eintreten sollte, aber ebenfalls ausblieb. Danach soll sich die Gruppe der Kirchenführung wieder angenähert haben. Darüber inwieweit sich das tatsächlich in geänderten Ansichten und Postulaten niederschlägt, schweigen jedoch das Bistum wie auch die Sekte selbst.

Die Gruppe war Anfang der 1980er Jahre von dem Maurer Josef Zanker und dem katholischen Pfarrer Johannes Maria Bauer gegründet worden. Einen – körperlich ausgetragenen - Machtkampf um die Führung entschied Zanker 1993 zu seinen Gunsten. Auch andere Konflikte wurden auf diese Weise gelöst: "Folgte" ein Marienkind nicht, galt es als "vom Teufel besessen" und wurde körperlich gezüchtigt. Nachdem Zanker vor Gericht offen zugab, Minderjährige verprügelt zu haben, weil sie es "brauchten", wurde er 1987 der Körperverletzung und Nötigung in 21 Fällen für schuldig befunden und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Als in den 1990er Jahren erneut Körperverletzungs-, Freiheitsberaubungs- und Nötigungsdelikte ans Licht kamen, verurteilte ihn das Amtsgericht Memmingen schließlich zu einer unbedingten Gefängnisstrafe.

Bereits 1985 waren Zanker und weitere Mitglieder der Sekte exkommuniziert worden - wegen eines "Schismas", also einer Abspaltung ohne als häretisch gewertete Glaubensauffassungen. Eine zentrale Rolle dabei spielten Angriffe auf die Autorität Roms: "Die Kirche", so eines der Sektenpamphlete, habe sich "mit der Welt verbrüdert und deshalb werden sie die verdienten Strafen treffen." Später beriefen sich die Marienkinder auch auf den irischen Ex-Jesuiten Malachi Brendan Martin, der in seinem Roman Windswept House nach Ansicht der Gruppe beschreibt, wie Anfang der 1960er Luzifer in einem okkulten Ritual zum "Leiter der römisch-katholischen Kirche" gemacht wird. In einen von der Sekte zitierten, aber nicht verifizierbaren Interview kurz vor seinem Tod im Jahre 1999 hatte Martin angeblich zu Protokoll gegeben, dass diese Inthronisierung tatsächlich stattgefunden habe, aber geheim gehalten werde.

Sich selbst sahen und bezeichneten die Marienkinder aber trotz der Exkommunikation stets als "römisch-katholisch". Und auch Helmut Mangold, der Vorsitzende des Augsburger Diözesanrats, teilte der Süddeutschen Zeitung unlängst mit, dass man die Marienkinder nicht als "Sekte", sondern bloß als "außergewöhnliche Gruppierung" einstufe.

Satan im PC

Bis 1994 befand sich das Zentrum der Marienkinder in Mindelheim, dann wurde es nach Bad Wörishofen verlegt. Viele Anhänger arbeiteten dort für ein Nominalgehalt in sekteneigenen Unternehmen, darunter eine Spedition und die Druckerei "Patrona Bavariae". In ihr entstanden zahlreiche aufwändig und bizarr illustrierte Pamphlete und Broschüren, in denen unter anderem davon die Rede ist, dass der Satan im Computer "voll und ganz persönlich anwesend" sei: "Sein Geist", so heißt es in einer Telepolis vorliegenden Druckschrift, "durchdringt die Materie des Computers ebenso wie den Bereich der Dateninformation. So sitzt Ihnen das Tier als persönlicher Ansprechpartner in jedem PC gegenüber."

Die genaue Herleitung dieser Behauptung erfolgt über die auch populärkulturell beliebte und in Offenbarung 13 genannte Zahl 666. "Das Wort Computer", so die Broschüre, "wird in allen Sprachen der Welt einheitlich verwendet." Über Feinheiten wie die, dass die Geräte beispielsweise im frankophonen Sprachraum "l'ordinateur" heißen, sieht man großzügig hinweg. Auch die Zahlenmystik ist logisch nicht immer befriedigend, sondern wirkt tatsächlich wie von einem Maurer: Was nicht passt, wird passend gemacht. So rechnet die Sekte vor, dass ein Austausch der Buchstaben im Wort Computer mit ihren "Reihenfolge-Zahlen" und deren Addition die Summe 111 ergibt. Weil die Heilige Dreifaltigkeit aber die einen Gott in drei Personen symbolisierenden Zahlen 1 und 3 "besetzt" halte, so die Sekte, müsse die 111 noch mit der Zahl 6 multipliziert werden, die der "Zweiwille" Luzifer als "Imitation der Gotteszahl" benutze.

Wer deshalb zu seinem Computer Aufforderungen wie "Komm!" oder "Mach schon!" spricht, öffnet den Postulaten der Marienkinder zufolge Satan die "Herzenstüre", was letztlich in "Unglauben und Missachtung der 10 Gebote" münde. Außerdem stehe auch das Internet für das "Tier", weil im Hebräischen die Zahl 6 dem Buchstaben W entspricht: "Somit wird jeder Internetbenutzer gezwungen, mit Satan zu arbeiten."

Mundkommunion

Ein weiteres in den Pamphleten und Broschüren sehr präsentes Anliegen ist der Sekte die so genannte "Mundkommunion". Die seit den 1960er Jahren erlaubte und praktizierte Hand- und Stehkommunion sei nämlich "protestantisch" und habe zu einer "Massenexplosion" des Satanismus geführt, der nun alleine in Italien 12 Millionen Anhänger habe:

Die weltweite Katastrophe der Teufelsanbeter, mit Kampfspitze im Kirchenzentrum Italien-Rom, wurde regelrecht durch die gottlose Hand- und Stehkommunion wie im Brutkasten herangezüchtet und losgebunden. Die Hand- und Stehkommunionpraxis ist es nämlich, die den Tätern erst den ungezählten Hostienraub, frevlerischen Verkauf und Ritualschändungen des Allerheiligsten ermöglicht.

Zudem fühle sich der christliche Gott durch die "moderne" Handkommunion ohne Hinknien sehr beleidigt, was die "Jungfrau Maria" der 1907 geborenen "demütigen Seherin" Aloisia Lex offenbart haben soll:

Niemals dürft ihr durch die Hand- und Stehkommunion Jesus empfangen wollen! Ihr beleidigt damit meinen göttlichen Sohn auf das schwerste. Denn er ist doch euer Gott, vor dem ihr nur knien könnt. […] Er wird aufs neue gegeißelt. Jesus wird wirklich durch die ehrfurchtslose Kommunion misshandelt, wie einst von seinen Henkersknechten.

Und weil die Handkommunion ein "Betrug Satans" ist, sah "Mutter Lex" anstatt von weißen Hostien auch schwarze Kohlen in den Händen von Personen, die sie praktizierten.

Exkommunikation wegen Abtreibung nach Vergewaltigung

In anderen Bereichen ist man in der katholischen Kirche deutlich weniger großzügig: So wurde vor wenigen Tagen die Mutter einer Neunjährigen exkommuniziert, bei der am letzten Mittwoch in der 15. Schwangerschaftswoche eine legale Abtreibung vorgenommen worden war. Entstanden war die Leibesfrucht wahrscheinlich durch den Stiefvater, der wegen des Verdachts der Vergewaltigung festgenommen wurde. Die Polizei geht davon aus, dass er das Mädchen seit ihrem sechsten Lebensjahr regelmäßig missbraucht hat.

Allerdings erfolgte die Schwangerschaftsunterbrechung nicht deshalb, sondern aus medizinischen Gründen. Der Klinikdirektorin Fatima Maia zufolge ging das Mädchen mit Zwillingen schwanger, hatte aber mit lediglich 36 Kilogramm Körpergewicht keine Chance, auch nur eines der Kinder zu halten. Erzbischof Jose Cardoso Sobrinho rechtfertigte trotz dieser Besonderheiten die nach der Abtreibung erfolgte Exkommunikation der Mutter des Mädchens und des Ärzteteams. Dass die Abtreibung legal war, spiele hier keine Rolle, denn, so der Erzbischof, "Gesetz Gottes" stehe über den "Gesetzen der Menschen."

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