Grundsicherung für Kinder?

09.03.2009

Der Präsident des Kinderschutzbundes Heinz Hilgers schlägt einen Betrag von monatlich zwischen 330 und 500 Euro pro Kind vor

"Die Zahl der armen Kinder wird weiter massiv steigen". Diese Befürchtung äußert der Präsident des deutschen Kinderschutzbundes , Heinz Hilgers, in einem Interview, das heute in der Neuen Osnabrücker Zeitung veröffentlicht ist. Mit der Sorge steht Hilgers sicher nicht alleine, aber der Kinderschutzbundpräsident hat auch die Traute, die Kinderpolitik der Bundesregierung zu kritisieren.

Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in Zeiten, da Frau von der Leyen dank ihrer Kindertagesstätteninitiative und viel Erziehungsgeld für Besserverdienende eine sakrosankte Stellung eingeräumt wird. Kritik an ihr ist selten und beim großen Lob landauf landab für die ministerielle Fruchtbarkeitsförderung werden wichtige Fakten übersehen: vergleiche dazu "Babyboom" - Die statistischen Tricks der Ursula von der Leyen. (Dass diese statistische Verschönerungsmaßnahme kein Einzelfall ist, davon kann man sich hier überzeugen: Warum die Kinderarmut in Deutschland bald überwunden ist.)

Der Kinderschutzbundpräsident kritisiert nun an der Kinderpolitik der Bundesregierung Grundsätzliches, das häufig aus dem Blick gerät: Dass sie für Rettungspakete immense Schulden anhäuft, für die jene bezahlen werden müssen, die heute noch Kinder sind (noch ärger steht es, wenn man bedenkt, dass die Rettungspakete Kinderarmut sogar verschärfen, wie dies manche für möglich halten). Dazu kommt, so Hilgers, dass die Bundesregierung mit Blick auf Kinder und ihre Bildung nur "in Steine investiert".

Schulbauten und Kindertagesstätten werden durch das Konjunkturprogramm gefördert, aber wir brauchen mehr Investitionen in Menschen. Das wird auch das Problem der Zukunft sein. Denn das, was wir jetzt an gewaltigen Milliardensummen ausgeben, muss später von unseren Kindern und Kindeskindern aufgebracht werden. Umso mehr muss es uns gelingen, kein Kind verloren zu geben und möglichst viele zu Leistungsträgern statt zu Leistungsempfängern zu erziehen. Denn das, was wir jetzt an gewaltigen Milliardensummen ausgeben, muss später von unseren Kindern und Kindeskindern aufgebracht werden. Umso mehr muss es uns gelingen, kein Kind verloren zu geben und möglichst viele zu Leistungsträgern statt zu Leistungsempfängern zu erziehen.

Nun hätte man hoffen können, dass Hilgers mit seiner Forderung nach mehr "Investition in Menschen" eine bessere, angemessene Bezahlung jener Kräfte gefordert hätte, die sehr viel damit zu tun haben, ob Kinder die Mentalität von – um in der Sprache Hilgers zu bleiben - "Leistungsträgern" statt Leistungsempfängern" entwickeln. Die unterbezahlten Erzieher nämlich. Die Pädagogen also, die in der Leistungsgesellschaft mit zwei Verdienern pro Haushalt die frühkindliche Erziehung in der Hauptsache übernehmen. Und deren Qualität durchaus mit dem Verdienst zu tun hat.

Das macht Hilgers, der sich, das kann man ihm zugute halten, ja auch eher als Anwalt der Kinder versteht, leider nicht. Stattdessen aber hat Hilgers einen spektakulären und bedenkenswerten Vorschlag in petto. Ein Vorschlag, der der Diskussion über das komplexe Thema der Förderung der Leistungsempfängermentalität, ganz sicher neue Anregungen verschafft: Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich ein, sagen wir, "konservativer" Familienvater aus dem supersituierten Villenvorort Grünwald, den schon jede Kindergelderhöhung zu giftigen Sätzen über die leistungsverweigernde, aber vermehrungsfreudige Unterschicht beflügelt, zur "Kindergrundsicherung" äußern wird - und Hilgers will, dass die Kindergrundsicherung nicht zu knapp ausfällt:

Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man zahlt in etwa 330 Euro pro Monat für jedes Kind, dann müssten alle Bildungsinstitutionen kostenlos sein – von der Kita bis zur Uni. Wenn man dafür Gebühren nimmt, müsste der Betrag bei 500 Euro pro Kind liegen. Dafür würden alle anderen Kinderleistungen wegfallen.

Die Frage, wie eine solche Umstrukturierung finanziert werden kann, stellt sich sicher nicht nur in der Krise. Aber die Krise ist anderseits auch ein guter Zeitpunkt, um ernsthaft über unkonventionelle Vorschläge nachzudenken. Ein erster Schritt könnte von Experten des Kinderschutzbundes selbst unternommen werden: eine genauere Kalkulation darüber, wie sich das rechnen würde, wenn für 500 Euro pro Kind im Monat "alle anderen Kinderleistungen wegfallen". Das würde zeigen, wie ernst es Hilgers mit seinem Vorschlag ist oder ob er ihn nur macht, um sich zu profilieren. Und dass sich aus 500 Euro monatlich pro Kind ein großer Anreiz für Missbrauch ergeben kann, ist tatsächlich eine ernsthafte Diskussion wert.

Vielleicht ist dies auch die andere bemerkenswerte Äußerung, die Hilgers im Interview macht: seine Sorge, dass die Zahl der armen Kinder durch die Wirtschaftskrise weiter massiv steigt. Doch muss das nicht nur die Ärmsten betreffen, wie Hilgers befürchtet.

Er geht davon aus, "dass die Kinder in den armen Stadtteilen geboren werden, während die Geburtenzahlen in den bürgerlichen, gut situierten Stadtteilen dramatisch zurückgehen". Möglicherweise täuscht er sich in diesem Punkt. So zeigt die Münchener Statistik (aber ist das übertragbar?), dass dies nicht unbedingt stimmt. In München verzeichnen nicht die ärmsten Viertel die höchsten Geburtsraten, sondern Neubaugebiete und In-Viertel, wohin viele junge Familien gezogen sind, die zur Mittelklasse gehören (die Geburtenzahlen in den ärmeren Bezirken am Stadtrand, Feldmoching-Hasenbergl und Ramersdorf-Perlach, sind sogar rückläufig).

Hört man sich aber unter Eltern in den attraktiven Vierteln um, so glauben sich nur wenige dieser Mittelstandseltern sicher, was ihren Arbeitsplatz angeht. Und aktuelle Meldungen aus den mittelständischen Unternehmen sind beunruhigend. Zuversichtliches Selbstvertrauen äußern vor allem jene, die nicht in Medienberufen arbeiten und/oder auf finanziellen Rückhalt in der Familie zählen können. Könnte also sein, dass es noch schlimmer wird, als Hilgers vorrechnet:

Derzeit ist es ein Drittel der Kinder, über die wir uns große Sorgen machen müssen – also rund fünf von 15 Millionen. Meine Befürchtung ist, dass wir in 20 Jahren noch zehn Millionen Kinder haben, von denen die Hälfte in sozial schwachen Familien aufwächst. Das ist eine Katastrophe, auf die eigentlich alle Ökonomen aufgebracht reagieren müssten.

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