Mörderische Wut

12.03.2009

Anmerkungen zum Aufmerksamkeitsterrorismus von Selbstmordattentätern und Amokläufern

Gerade einmal 17 Jahre alt war er, der Amokläufer aus Winnenden, der mit seinem Leben Schluss machen wollte und in seiner Wut noch viele Menschen mit den Tod reißen wollte. 16 Menschen hatte er töten können, vermutlich hätten es mehr werden sollen. Der "stille Killer" wurde er von Medien genannt, weil er bislang unauffällig und "schüchtern" gewesen sein soll. Mal wieder ein Einzelgänger also, in dem es brodelt und der frustriert ist.. Vom Vater, einem wohlhabenden Unternehmer, soll er verwöhnt worden sein. "Niemand wird ihn jemals wieder vergessen! Das wollte er wohl auch! Tim Kretschmer († 17), der mit dem Durchschnitts-Gesicht, mit der Durchschnitts-Frisur, mit der Durchschnitts-Brille. Er hat 15 Menschen getötet! Und am Ende sich selbst", so fasst Bild das Leben des Jugendlichen zusammen.

Aber der Anschein soll trügerisch gewesen sein, will etwa die Welt wissen: "Doch er hatte Bekannten zufolge ein Arsenal von Luftdruckwaffen und Horrorvideos in seinem Zimmer. Und besaß eine "doppelte Identität"." Seine Freundin soll mit ihm Schluss gemacht haben, die Realschule, die er heimsuchte, hat er mit einem Abschluss verlassen und eine Ausbildungsstelle gefunden.

Der stille Jugendliche, der in einem Haus voller Schusswaffen lebt, die sein Vater besaß, kompensierte seine Schüchternheit also zunächst imaginär – und schließlich auch real als Untergangsdrama, mit dem er gleichzeitig berühmt wird – wozu die Medien gestern kräftig mit pausen- und atemloser Berichterstattung mitgeholfen haben. Obgleich die Verantwortlichen wissen, dass ausgedehnte Berichterstattung über die Tat und die Folgen möglichen Nachfolgern deutlich vor Augen führen, welche Macht sie ausüben und welche Aufmerksamkeit sie finden könne, wird ungeniert als Komplize gehandelt und das Ereignis schamlos ausgebeutet.

Nach seinem finalen Feldzug durch seine Welt, beginnend in der Schule, die wohl für ihn wie viele der jugendlichen Amokläufer oder Selbstmordtäter traumatisch erlebt werden muss, lieferte er sich offenbar einen Schusswechsel mit der Polizei und wollte nicht überleben, weswegen er sich selbst erschoss. Dieser Abgang ist der Sinn des ganzen blutigen Spektakels, die Wut richtete sich nicht nur auf die Schule und die Schüler allgemein, sondern offenbar vor allem auf Schülerinnen und Lehrerinnen, die mit gezielten Kopfschüssen getötet wurden.

Bezeichnend sind die ersten Reaktionen. Unfassbar sei die Tat, heißt es vor allem immer wieder. "Baden-Württemberg ist tief getroffen von einem Amoklauf, einer grauenvollen und in keiner Form erklärbaren Tat", sagte etwa Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger. Bundeskanzlerin Merkel schloss sich an: "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden, durch ein entsetzliches Verbrechen."

In Alabama trug sich ebenfalls ein Amoklauf zu. Dort war es ein Mann von 28 Jahren, der, schwer bewaffnet mit vier Schusswaffen, seine Freundin, Familienangehörige und Nachbarn tötete und weiter schießend und mordend loszog. Diese Opfer hatten Pech, sie waren zufällig am falschen Ort zur falschen Zeit. Der Mann zog sich in seine ehemalige Arbeitsstätte zurück und erschoss sich dort.

Aber auch im Irak tötete ein Selbstmordattentäter, über dessen Identität nichts bekannt ist, der aber aller Wahrscheinlichkeit nach ein junger Mann gewesen sein dürfte, am Dienstag im Markt von Abu Ghraib 32 Menschen.

"Junge Männer auf Feindfahrt"

Die von Roland Koch Ende Dezember 2007 initiierte Debatte über die Gewaltbereitschaft von vorwiegend ausländischen Jugendlichen wurde ausgelöst durch Bilder einer Videokamera, auf der zwei Jugendliche zu sehen waren, wie sie einen Rentner brutal zusammenschlugen. Die Bilder wirkten wie ein Anschlag und wurden auch von manchen Kommentatoren so ausgelegt.

Was allem Anschein nach eine unter Alkoholeinfluss begangene Spontantat war, wie immer auch möglicherweise aufgrund eines provozierten und dankbar begrüßten Auslösers begangen, wurde beispielsweise von Frank Schirrmacher in der FAZ als gezielter Anschlag dargestellt. Unter dem Titel "Junge Männer auf Feindfahrt" schrieb Schirrmacher am 15. Januar 2008, dass die deutschfeindlichen Handlungen von jungen Männern mit Migrationshintergrund, die sich als Nicht-Deutsche begreifen und sich damit selbst außerhalb der Gemeinschaft der Deutschen stellen, zunehmen würden:

Sie verrichten ihre Taten nämlich nicht mehr stumm. Sie reden dabei. Das heißt nicht, dass sie schon eine Ideologie hätten. Aber sie haben begonnen, einen Feind zu identifizieren. Sie vollziehen immer häufiger einen Schritt, der die angestaute, arbiträre, nach Zufallsopfern suchende Aggressivität an einen Gegner heftet. Das sind "die Deutschen".

Schirmmacher geht noch weiter, rückt die Angriffe von ausländischen, vor allem muslimischen Jugendlichen in Richtung Terrorismus und beschwört eine Art Bürgerkrieg, dessen Fundament aus islamischen Fundamentalismus und Jugendkriminalität besteht und der angeblich zu neuen blutigen Totalitarismen führen könnte. Schirrmacher meint damit wohl den Faschismus und stalinistischen Kommunismus. Beides waren allerdings Ideologien einer Mehrheitsgesellschaft, was er zu erwähnen vergaß. Ebenso vergaß er wohl systematisch zu bedenken, dass der islamische Terrorismus als eine wie auch immer politisch oder religiös geartete Art Widerstandsbewegung gegen Besatzungsmächte begann, also hier als eine Revolte der rüstungstechnisch weit unterlegenen Mehrheitsgesellschaft, die zum Guerillakrieg und zum (Selbstmord)Terrorismus mit "menschlichen Bomben" griff.

Von den jugendlichen Schlägern, von denen Schirrmacher spricht, dürften die wenigsten überzeugte Muslime sein, und anders als die in London, Madrid oder Istanbul begangenen oder in Deutschland versuchten Selbstmordanschläge haben sie keinerlei bislang bemerkbaren ideologischen Hintergrund. Trotzdem versuchte Schirrmacher in einer gewagten Konstruktion hier alles zu einer wachsenden Bedrohungskulisse zusammenzubinden: "Als der Terrorismus die Mehrheit zum Feind erklärte, reagierte der Staat juristisch. Einzig die juristisch kodifizierte Sprache vermag das babylonische Sprachenwirrwarr zu lösen. Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt."

Random violence, a suicidal mass-murderer, and people who blame the media afterwards. Yep. must be the 21st Century. God bless America.

Jeff Weise aus dem Indianerreservat von Red Lake in Minnesota, der im März 2005 im Alter von 16 Jahren 9 Menschen getötet, 7 schwer verletzt und schließlich sich selbst umgebracht hat

Massaker der Selbstmordattentäter und Amokläufer

Im Unterschied zu den Spontangewalttätern, auch wenn sie wiederholt zu Gewaltausbrüchen neigen und als Intensivtäter geführt werden, gibt es in den westlichen Gesellschaften eine bislang kleine Gruppe von Jugendlichen, meist, aber nicht immer, der Mehrheit angehörend, die ihre blutigen Spektakel mit dem Ziel des eigenen Todes ähnlich planen und auf die Medien ausrichten wie Selbstmordattentäter. Während man diesen unterstellt, sie seien, falls sie ihre Taten freiwillig begehen, geleitet von der islamischen Religion, begehen die "Amokläufer" in den westlichen Industriegesellschaften ihre Selbstmordattacken ohne jeden religiösen Hintergrund, oft jedoch auch in einem tiefen moralischen Ekel vor der Gesellschaft, in der sie leben und in der sie sich als verstoßene Außenseiter sehen.

Gemeinsam ist beiden Endzeitattentätern, dass sie sich als Überflüssige empfinden, die wenigstens noch ihren Tod damit aufwerten wollen, sich in die Aufmerksamkeit der Menschen und vor allem der Medien zu brennen.

You know what I hate? …MANKIND!!!!…kill everything…kill everything…

Eric Harris

Beide begehen ihr Selbstopfer übrigens in dem Versuch, möglichst viele andere Menschen mit sich in den Tod zu reißen und bei den übrigen Angst und Terror zu verbreiten, und beide haben Vorbilder, die gezeigt haben, was man machen muss, um weltweite Aufmerksamkeit zu finden. Die Helden der Selbstmordattentäter sind die jungen Männer, die am 11.9. die Passagierflugzeuge in die WTC-Türme rasen ließen und dabei für beeindruckende Bilder sorgten, die der Amokläufer sind die beiden Schüler von Littleton, die 1999 schwer bewaffnet in ihre Schule eindrangen, 13 Menschen töteten und viele verletzten. Sie hatten sich auf Videos verewigt, Überwachungskameras der Schule sorgten als Ersatz für Medienkameras dafür, dass Bilder ihres Massakers aufgezeichnet wurden. Die Opfer gelten zwar als Vertreter der "Feinde", die Anschläge werden auch an entsprechenden Orten durchgeführt, doch geht es in aller Regel nicht gegen bestimmte Personen, sondern um zufällig anwesende Menschen, die zum Opfer werden. Während die Jugendlichen, die zuletzt so viel Aufmerksamkeit erhalten haben, ihre Taten eher spontan und unter Alkoholeinfluss begangen haben, sind die Massaker der Selbstmordattentäter und Amokläufer lange vorbereitet und mehr oder weniger gut geplant.

Zudem wurde dafür gesorgt, dass Aufzeichnungen, Videos, Fotos und Manifeste zurückbleiben, im Internet zugänglich sind oder in die Medien gelangen, um für das nötige Material zu sorgen. Ohne Bilder haben Anschläge und Amokläufe keinen Sinn. Noch sind die Welten der (islamistischen) Selbstmordattentäter und die der Amokläufer getrennt, was sich auch an der Wahl der Waffen ablesen lässt. Ganz abwegig wäre es nicht, allerdings in einem anderen Sinn, als dies Schirrmacher suggeriert, wenn beide Phänomene verschmelzen und dann, wenn die Amokläufer zum Sprengstoff greifen und größere Zerstörungsfantasien ausbrüten, zu einem wahrhaft explosiven, von niemanden mehr kontrollierbaren und sich gegen alles richtenden Nihilismus von suizidalen Medienspektakeln werden.

What fun is life without a little death? It’s interesting, when i’m (sic) in my human form, knowing i’m going to die. Everything has a touch of triviality to it.

Dylan Klebold

Wenn es sich um Jugendliche handelt, die sich bewaffnen und dann auf Mordtour wild um sich schießend losziehen, holen Experten schnell zu Gründen aus, gleich ob man sie in ihrer Biographie, im sozialen Umgang oder in (medialen) Vorbildern findet. Die Tat ist ein Hilfeschrei, will jedenfalls etwas anderes, als sie tatsächlich anrichtet. Die Killer, die sich plötzlich verändert haben, sind einsam und Außenseiter, gescheiterte Existenzen, die sich für Demütigungen rächen wollen, kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen, sind süchtige Computerspieler, die die Simulation in Wirklichkeit übersetzen wollen, oder begeisterte Zuschauer von Filmen oder was auch immer. Es reiht sich Kompensation an Kompensation, bis sie platzen, weil das "Eigentliche" nicht erreicht wird: Liebe, Anerkennung, Erfolg, Glück, Prominenz, was auch immer.

Viele Elemente der angebotenen Erklärungen werden in dem einen oder anderen Fall in der einen oder anderen Kombination zutreffen, aber in aller Regel doch wenig erklären, weil Tausende von anderen Menschen mit ähnlichen Problemen und in vergleichbaren Situationen kein Massaker veranstalten. Sicher, möglicherweise haben viele Menschen ähnliche Fantasien, aber Angst, sie zu realisieren, während es denjenigen, die ihren Plan in die Tat umsetzen konnten, möglicherweise leichter fiel, weil sie Waffen parat hatten oder sich leicht besorgen konnten. Wie überall schlägt sicherlich auch hier die Ökonomie des geringsten Aufwands durch.

Now I'll be famous.

Robert Hawkins, 19, der am 5. Dezember 2007 in einem Kaufhaus 8 Menschen getötet, 5 verletzt und sich am Schluss selbst getötet hat

Schusswaffen und Sprengstoff

Die Verfügbarkeit von modernen Handfeuerwaffen, die leicht zu bedienen sind und mit denen sich in kürzester Zeit viele Menschen erschießen lassen, ist eine Grundvoraussetzung für diesen Alltagsterrorismus, den man im Kontext mit den Selbstmordattentätern auch als Aufmerksamkeitsterrorismus beschreiben kann oder sogar sollte. Amokläufer, die in aller Regel Selbstmordattentäter sind und damit durchaus in einer Nähe zu den mit politischen und religiösen Motiven ausgeführten Anschlägen stehen, greifen allerdings vornehmlich zu Schusswaffen und setzen keinen Sprengstoff ein. Dies ist zumindest beim mittlerweile klassischen Terrorismus der Fall, der nicht mehr einer bestimmten Person gilt, sondern möglichst viele, zufällig an einem bestimmten Ort anwesende Menschen in den Tod reißen soll, um so eine möglichst große Aufmerksamkeit und Angst zu erzielen.

Der Sachverhalt ist merkwürdig, weil sich mit Sprengstoff zumindest an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, ebenfalls eine große "Wirkung" für das spektakuläre Ende inszenieren lassen würde. Vermutlich aber ist für Einzeltäter oder Jugendliche, die keine Experten zur Beratung wie organisierte Terroristen haben, das Besorgen oder die Herstellung des Sprengstoffs sowie dessen Einsatz zu kompliziert. Schusswaffen sind bei der Hand - und sie gewähren auch Selbstmordattentätern die Möglichkeit, die Auswirkungen ihres Tuns noch eine gewisse Zeit erleben zu können. Das mag vielleicht bei muslimischen Märtyrern anders sein, wenn sie etwa wirklich an ihr Fortleben glauben, vor allem aber deswegen, weil sie tatsächlich in der Gruppe als geachtete Märtyrer oder Freiheitskämpfer fortleben, in die sie eingebettet sind. Aus dieser Analogie ließe allerdings auch wieder schließen, dass Einsamkeit oder Außenseitertum Selbstmordanschläge nicht erklären können, sondern vielleicht nur eine Bedingung dafür sind, wie sie durchgeführt werden.

Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen. Wer nicht einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen - der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schusshöhe.

André Breton

Propaganda der Tat

Wie auch immer, es scheint zuzutreffen, dass nicht nur irgendwie politisch-religiös motivierte Selbstmordanschläge ausgeführt werden, die zudem mehr und mehr von sich emanzipierenden muslimischen Frauen und Jugendlichen begangen werden, sondern dass in den befriedeten reichen Industrieländern auch mehr und mehr Alltagsterrorismus stattfindet, der sich mangels logistischer und finanzieller Kapazitäten eher mit dem Nächstliegendem zufrieden geben muss. Die - unterschiedlichen - Motive spielen sicherlich eine Rolle, können aber nicht verdecken, dass diese Form des Anschlags offenbar attraktiv geworden ist und sich möglicherweise wie eine Gedankeninfektion, wie ein Mem, ausbreitet.

Selbstmordattentäter opfern ihr Leben, das sie in ihrer Propaganda der Tat umsetzen. Ob diejenigen, die in den westlichen Gesellschaften aus scheinbar nur persönlichen Gründen Anschläge mit Schusswaffen ausführen, tatsächlich von vorneherein am Schluss sich selbst töten oder im Kampf erschossen werden wollen, ist nicht sicher, lässt sich aber annehmen. Vielleicht eint die Selbstmordattentäter der beiden Richtungen, dass sie "mad at the world" sind, wie die Stimmungslage des "gunman" von Meridian beschrieben wurde, der 2002 wahllos Leute erschoss.

Der Nihilismus, eng verbunden mit der Bewegung einer enttäuschten Religion, vollendet sich im Terrorismus. Durch Bombe und Revolver, auch durch den Mut, mit dem sie zum Galgen schritten, versuchte diese Jugend (des russischen Terrorismus im 19. Jahrhundert) in einer Welt der totalen Verneinung aus dem Widerspruch herauszukommen und die Werte zu erschaffen, die ihnen fehlten. Bis dahin starben die Menschen im Namen dessen, was sie wussten oder zu wissen glaubten. Nunmehr nimmt man die schwierige Gewohnheit an, sich für etwas zu opfern, von dem man nichts weiß, außer dem einen, dass man sterben muss, dass es sei.

Albert Camus: Der Mensch in der Revolte

Geht man weiter davon aus, dass die Massaker keine Folgen eines völlig spontanen Entschlusses sind, sondern gedanklich vorbereitet wurden, dann wären auch die Amokläufer Menschen, die die Aufmerksamkeit der Gesellschaft durch eine Propaganda der Tat erreichen wollen, indem sie etwas Außergewöhnliches machen. Sicherlich ist die Anerkennung, die man durch ein Aufmerksamkeitsspektakel erzielt, ein entscheidendes Motiv, vor allem in einer vom Wert der Prominenz bestimmten Medienöffentlichkeit. Als ein Mensch, der nicht die Mittel besitzt, eindrucksvolle Spektakel zu inszenieren, die Anerkennung, Prominenz und schließlich Einkommen erbringen, muss man zu den Mitteln greifen, die vorhanden und relativ einfach, vor allem aber schnell einsetzbar sind. Die Gewalt, die Tötung, die Destruktion ist so ein naheliegendes Mittel, das wenig Vorbereitung und kaum Ressourcen erfordert. Das Massaker selbst ist bereits eine Aufmerksamkeitsfalle, deren Lockmittel nicht die Schönheit ist, sondern das Entsetzen.

Zu dem kommt hinzu, dass die Selbstmordterroristen nicht nur einfach aus der Welt gehen wollen wie Selbstmörder, ihre Tat muss ein Schauspiel des Absurden sein, in dem sie Regisseur, Hauptdarsteller und Zuschauer zugleich sind und das für möglichst viele zum Endspiel werden soll. Es wird inszeniert als eine Ästhetik der blinden Destruktion, die grundlos und daher schauerlich-schön, erhaben ist: ein nihilistisches Spektakel, aber auch eine rückhaltlose, eine verrückte, eine ganz und gar sinnlose Verausgabung. Das tödliche Schauspiel, das surrealistisch Traum und Wirklichkeit verschmilzt, ist der Endzweck, der jede Ordnung der Selbsterhaltung und jede Ökonomie überschreitet. Es holt den Tod jäh ins Leben zurück, wodurch Täter, überlebende potenzielle Opfer und Zuschauer plötzlich die Wirklichkeit als einen Ausnahmezustand entdecken, was im Alltagsleben stets verborgen bleibt. Das versetzt womöglich den Täter - wie jeden, der sein Leben freiwillig riskiert - in einen Rauschzustand, während es die Zuschauer bannt.

Und auch darin gleichen sich die muslimischen Märtyrerterroristen und die westlichen Alltagsterroristen: Sie inszenieren ein Opfer, das sie wieder zurückführen auf den archaischen Ursprung des Heiligen im grausamen und blutigen Ritual des Menschenopfers, das früher im Kern eines kollektiv begangenen Festes stand und im kollektiven Rausch (im Fall der Massaker in der Panik) kulminiert. Vielleicht mehren sich auch deswegen die Terrortaten, weil das Opfer als Reaktion auf die Absurdität durch die Säkularisierung und Rationalisierung, vor allem aber durch die Ökonomisierung aus der Welt verschwunden ist, selbst aus der Welt der Muslime, die sich an ihre letztlich zum Untergang verurteilte Religion klammern und sie zur universalen Ordnung in einem Gottesstaat ohne den Zweifel der Ungläubigen machen wollen.

Vielleicht weihen deswegen Menschen, die gegen das Leben und die Ungerechtigkeit revoltieren, sich und ihre Mitmenschen dem Tod, um eine Veränderung herbeizuführen, um die Welt in Ordnung zu halten, um für die Schuld des Lebens zu bezahlen, um das Leben der Überlebenden freizukaufen. Und Überlebende sind wir alle - zumal in einer Welt der Massenvernichtungswaffen, in der die Angst machende und verführerische Phantasie genährt wird, die Apokalypse in Form eines Anschlags zu inszenieren, der die Welt mit sich in den Abgrund reißt oder das größte denkbare Verbrechen ist.

Die Gefährlichkeit des Aufmerksamkeitsterrorismus liegt aber vor allem darin, dass er in einer medienorientierten Gesellschaft, in der Prominenz alles ist, sich durch Infektion oder Nachahmung weiter ausbreiten wird. Anschläge sind gewissermaßen die asymmetrischen Mittel des unzufriedenen "kleinen Mannes", sich schnell in eine Öffentlichkeit katapultieren und Prominenz erwerben zu können, nachdem in unserer Mediengesellschaft das Versprechen kultiviert wird, dass jeder prominent werden kann, während die Logik der Prominenz natürlich gerade darin besteht, dass dies stets nur Wenige sein können. Verstärkt wird dieser Trend zum Aufmerksamkeitsterrorismus nicht nur durch die Eigengesetzlichkeit der Medien, die Aufmerksamkeit lenken und Prominenz schaffen und benötigen, sondern auch durch eine Politik, die genau auf die Angst vor dem Terror setzt, um sich an der Macht zu halten und eigene Interessen durchzusetzen.

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