Krise global

15.03.2009

Die Folgen der Finanzkrise könnten eine Milliarde Menschen in eine neue Armut abstürzen lassen

Das Epizentrum der Finanzkrise sind die noblen Büros der Wall Street-Banken in New York. Die Auswirkungen der Krise sind indes in jeder Hinsicht global.Vor allem die ärmsten Länder der Welt sind direkt und indirekt von den realwirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise betroffen. Die Asiatische Entwicklungsbank schätzte den finanziellen Schaden der Finanzkrise jüngst auf 50 Billionen US$ - 2,1 Billionen sollen alleine in Südamerika vernichtet worden sein. Auch die Weltbank sieht in einer aktuellen Studie düstere Zeiten auf die Entwicklungsländer zukommen. Den Finanzbedarf, um die Folgen der Finanzkrise für die Entwicklungsländer abzuwenden, schätzt sie auf 270 bis 700 Mrd. US$. Wo soll so viel Geld herkommen?

Nach den Zahlen der Weltbank befinden sich die Wachstumsprognosen der Industriestaaten und Entwicklungsländer gemeinsam im freien Fall. Anders als in vielen reichen Industriestaaten ist es den ärmeren Entwicklungsländern allerdings nicht möglich, die Folgen der Krise durch Konjunkturprogramme auf Pump zu bezahlen. Je länger und je härter die Krise die Weltwirtschaft treffen wird, desto dramatischer werden vor allem in Afrika die Auswirkungen sein. Martin Khor, Direktor des Third World Network, hält es für möglich, dass eine Milliarde mehr Menschen in den Entwicklungsländern in eine neue Armut abstürzen werden. Die Handlungsoptionen für die Industriestaaten, dies zu verhindern, sind zwar vorhanden, der politische Wille, dies auch zu tun, allerdings nicht. In der Krise ist sich jeder selbst der nächste.

Die Weltbank sieht schwarz

"Diese Krise ist die erste Krise in der Menschheitsgeschichte, die wirklich global ist"

Michel Camdessus – ehemaliger Direktor des IWF

Der am Sonntag veröffentlichte Spezialbericht der Weltbank zu den Folgen der Finanzkrise für die Entwicklungsländer zeichnet ein ungewöhnlich düsteres Bild der Weltkonjunktur. Das globale Bruttosozialprodukt wird demnach in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg rückläufig sein – die Folgen der Finanzkrise werden hierbei mit mindestens 5% beziffert. Der Einbruch im weltweiten Handel soll in diesem Jahr so stark schrumpfen wie seit der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren nicht mehr. Die Handelsvolumina sind rückläufig, die Preise im freien Fall, und gleichzeitig verlieren viele kleinere Währungen rapide an Wert. Von den 51 Staaten, die der Weltbank bisher ihre Handelszahlen für das vierte Quartal 2008 vorgelegt haben, mussten 36 Staaten gegenüber dem Vorjahr einen Exportrückgang im zweistelligen Prozentbereich melden. Die globale industrielle Produktion ist im vierten Quartal um 20% gesunken – mit signifikanten Folgen für rohstoffexportierende Entwicklungsländer. Die Folgen der Finanzkrise sind in jedem Land der Welt zu spüren – je stärker das Land in den Welthandel eingebunden ist, desto deutlicher.

Lateinamerika ist besonders von der nachlassenden Konjunktur ihres wichtigsten Exportmarktes, den USA, betroffen. Alternativen, die sich in den letzten Jahren unter der Federführung Venezuelas gebildet haben, speisen sich finanziell vor allem aus den Erlösen des Ölexports. Durch den starken Preisverfall sind diese Finanzquellen allerdings nun zum Erliegen gekommen. Für Ostasien sieht die Situation noch düsterer aus – keine Region ist derart vom Export anhängig. Ob China mit seinen gigantischen Konjunkturpaketen die Region stabilisieren kann, ist fraglich. Investitionen in die Infrastruktur und in den sozialen Sektor haben vor allem eine Binnenwirkung und strahlen kaum auf Staaten aus, deren Exportstruktur neben Rohstoffen vor allem auf Konsumgüter aufgebaut ist. Auch an den erdölproduzierenden Staaten im Nahen und Mittleren Osten ist die Krise nicht spurlos vorbeigegangen. Der Absturz des Ölpreises hat ernste Auswirkungen auf die Staatsfinanzen.

Vor allem im vierten Quartal des letzten Jahres verschärfte sich die wirtschaftliche Lage in den Entwicklungsländern – bei 60 von 68 Staaten, die bereits in den ersten drei Quartalen des letzten Jahres rückläufige Handelsdaten vermelden mussten, fiel das vierte Quartal schlechter aus, als das vorhergehende. 37 der 39 Staaten, die in den ersten drei Quartalen positive Handelsdaten meldeten, verzeichneten im vierten Quartal einen Rückgang. Alle Prognosen für das erste Quartal dieses Jahres sehen noch düsterer aus.

Die ärmsten Staaten der Welt sind von den finanziellen Turbulenzen des letzten Jahres weitestgehend verschont geblieben, da sie keinen nennenswerten Zugang zu den Finanzmärkten haben, die nun kollabiert sind. Vor allem in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara refinanzieren sich die Banken vornehmlich auf regionaler Ebene und sind daher kaum von externen Krediten abhängig. Das internationale Finanzmarkt-Casino machte um Afrika einen Bogen. Von den realwirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise ist Afrika allerdings in besonderer Art und Weise betroffen. Die Wirtschaft vieler Staaten hängt direkt vom Export von Rohstoffen ab. Mit dem Einbruch der weltweiten Konjunktur sank auch die Nachfrage nach Rohstoffen, wodurch auch die Exportpreise in den Keller gingen.

Der Handel stockt

Im zweiten Halbjahr 2008 brachen die Rohstoffpreise auf breiter Front ein und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, da die Nachfrage sich weltweit über eine längere Zeit nicht erholen dürfte. Die Preise für Rohstoffe außerhalb des Energiesektors sind in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 im Durchschnitt um 38% gefallen und sind damit größtenteils weit unter dem Preisniveau vor der Spekulationsblase im Sommer 2008. Alleine im Dezember mussten die Rohstoffpreise um 6,8% nachgeben. Die Einnahmen der Volkswirtschaften des Kongos, Äquatorial-Guineas, Gabuns und Nigerias stammen zu über 50% aus Erdölexporten; der Kakao-Export ist für mehr als 20% der Einnahmen der Elfenbeinküste verantwortlich und Guinea hängt im gleichen Maße am Export von Mineralien. Auch die lateinamerikanischen Staaten sind vom Rohstoffexport abhängig.

Drohende Massenarbeitslosigkeit

Nach den Prognosen der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen werden die Folgen der Finanzkrise in diesem Jahr weltweit rund 50 Mio. Arbeitsplätze vernichten. Betroffen sind hiervon vor allem gering qualifizierte Wander- und Gastarbeiter. In China haben bereits im letzten Jahr nach Zahlen des chinesischen Arbeitsministeriums 20 Mio. Wanderarbeiter ihren Job verloren. Vor allem exportorientierte und konjunktursensitive Bereiche sind von diesem Trend betroffen. Auch in Indien haben in den letzten drei Monaten des letzten Jahres über 500.000 Arbeiter ihre Anstellung verloren – auch hier waren vor allem exportorientierte Branchen wie die Textil- und Schmuckindustrie und die Automobilbranche betroffen. Sogar in kleineren Staaten wie Kambodscha sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu vernehmen – 30.000 Arbeiter in der Textilindustrie, der einzigen Exportbranche des Landes, mussten letztes Jahr entlassen werden; dies sind 10% der Beschäftigten. Neben den Staaten, in denen die Arbeitsplätze verloren gehen, sind vor allem diejenigen Staaten betroffen, die von hohen Transferzahlungen von Gastarbeitern leben, die ihre Familien in der Heimat unterstützen. Hiervon sind beispielsweise Tadschikistan (Transferzahlungen entsprechen 45% des BIP), Moldawien (38%), Tonga (35%), Lesotho (29%), Honduras (25%), der Libanon (24%) und Guyana (24%) betroffen.

Alles hängt miteinander zusammen

So wie der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings einen Orkan auslösen kann, hat auch das Investitions- und Konsumverhalten in den Industriestaaten häufig Folgen für Länder, die auf den ersten Blick nur sehr wenig mit der hiesigen Ökonomie zu tun haben. Wenn in Europa und den USA weniger Computer nachgefragt werden, schließen Fabriken in Taiwan die Tore oder melden Kurzarbeit an. Davon sind meist immer die "mobilsten" Arbeitnehmer betroffen. In Taiwans Elektronikindustrie arbeiten beispielsweise 50.000 Filipinos. Insgesamt überweisen philippinische Migranten jährlich stolze 16,4 Mrd. US$ in ihre Heimat. Auch auf den Containerschiffen, die die Waren aus Fernost nach Europa bringen, arbeiten hauptsächlich Seemänner von den Philippinen. Wenn weniger Fracht transportiert wird, leidet darunter somit indirekt auch die philippinische Volkswirtschaft.

Der Rückgang des Ölpreises wiederum hat nicht nur in der Ölbranche tausende Arbeiter um ihren Arbeitsplatz gebracht. Die russische Volkswirtschaft ist eng mit den Einnahmen aus den Energieexporten verzahnt. Auf den Großbaustellen in Moskau arbeiten vornehmlich Gastarbeiter aus Tadschikistan, Moldawien, Kirgisien, Usbekistan oder Armenien, da russische Arbeitskräfte für 400 Euro im Monat nicht zu bekommen sind. Mittlerweile ruht an den meisten Großbaustellen in Moskau die Arbeit, da die liquiden Mittel genau so knapp sind, wie die potentiellen Mieter in den neu entstehenden Glaspalästen. Der Rückgang des Ölpreises hat dadurch für ein bitterarmes Land wie Tadschikistan indirekt katastrophale Folgen.

Die reichen Länder schotten ihre Märkte ab

Während die USA, die EU und China billionenschwere Rettungs- und Konjunkturpakete auflegen, können Entwicklungsländer meist nur zuschauen, wie ihre Volkswirtschaft Schaden nimmt. Bei ihren Versuch, die eigene Wirtschaft zu retten, stellen die Industriestaaten dabei ihre eigenen Regeln für den freien Welthandel auf den Kopf. Die Entwicklungsländer sollen ihre Märkte öffnen, während die Industriestaaten ihre Märkte abschotten und exportorientierte Unternehmen und Banken mit Subventionen überhäufen. Für die Entwicklungsländer ist dies höchst problematisch. Autobauer aus Detroit, die nur dank staatlich verordneter Intensivmedizin am Leben erhalten werden, können ihre Autos im Ausland dadurch billiger verkaufen und Anbieter aus Staaten, deren Regierung sie nicht unterstützen kann oder will, aus dem Markt drängen. Banken, die nach aller Kaufmannsweisheit bankrott sind, werden am Leben gehalten und können so in den heiß umkämpften Wachstumsmärkten Marktanteile gegen die lokale Konkurrenz gewinnen, die die Folgen der Krise aus eigener Tasche kompensieren muss und somit Wettbewerbsnachteile hat.

In der Krise setzen die Industriestaaten so ihre Handelspolitik fort, die auch schon vor der Finanzkrise zu Disparitäten geführt hat. Hoch subventionierte Agrarprodukte aus der EU und den USA überschwemmen die offenen Märkte Afrikas und im Gegenzug wird afrikanischen Produkten der Zugang zum hiesigen Markt verbaut. Dass sowohl Weltbank als auch IWF immer noch in einer Liberalisierung der Märkte das Allheilmittel für die Entwicklungsländer sehen, ist wenig überraschend – dienen beide Institutionen doch vornehmlich der Durchsetzung marktliberaler Politik. In der Krise gilt diese Doktrin aber nicht für die Industriestaaten selbst. Wenn die amerikanische Regierung beispielsweise eine "Kauf-amerikanisch-Klausel" in ihr 800 Mrd. US$-Stimulierungspaket integriert, die die Empfänger der Staatshilfen zwingt, Rohstoffe und Vorprodukte heimischer Herkunft zu verwenden, so ist dies Protektionismus in Reinkultur und schadet vornehmlich der Konkurrenz in den Entwicklungsländern.

Das Auge des Orkans als sicherer Hafen

Die Weltbank schätzt den Finanzbedarf, den die Entwicklungsländer in Folge der Finanzkrise zusätzlich aufbringen müssen, auf 270 bis 700 Mrd. US$. In Zeiten der Krise ist es für Entwicklungsländer allerdings nahezu unmöglich, an Finanzmittel zu kommen. Nach den Beobachtungen der Weltbank müssen die Entwicklungsländer, die Zugang zum internationalen Finanzmarkt haben, für Kredite mittlerweile abenteuerliche Risikoaufschläge von bis zu 2.000 Basispunkten bezahlen – das heißt, ein solcher Staat muss 20% Zinsen pro Jahr Aufschlag bezahlen. In jedem Industriestaat würden solche Zinsforderungen eine Anklage wegen Zinswuchers zur Folge haben.

Das "Institute for International Finance" hat ausgerechnet, dass der private Kapitalzufluss in die Wachstumsmärkte sich im letzten Jahr auf 466 Mrd. US$ halbiert hat. Für 2009 prognostiziert das IIF eine weitere Abnahme auf 165 Mrd. US$. Dies hätte zu Folge, dass 104 der 129 Entwicklungsländer weniger Kapitalzuflüsse haben, als sie zur Tilgung ihrer privaten Schulden haben.

In einer Rahmensituation, die von höchster Unsicherheit geprägt ist, meiden die Investoren jedes vermeintliche Risiko in den Wachstumsmärkten. Dies hat eine Kapitalflucht zu Folge, die vor allem den US-Märkten zu gute kommt. So paradox es klingen mag, die USA gelten in Zeiten unsicherer Finanzmärkte für institutionelle Anleger als sicherer Hafen. Um an Finanzmittel zu kommen, müssten private und staatliche Kreditnehmer in den Entwicklungsländern daher einen Risikobonus zahlen, den sie nicht zahlen können.

Die NGO "erlassjahr.de - Entwicklung braucht Entschuldung" hat in ihrem Schuldenreport 2009 ausgerechnet, dass sieben afrikanische Staaten bereits in diesem Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit zahlungsunfähig sein werden – darunter Niger, Mosambik und Gambia. Für weitere sechs Staaten bestünde ein hohes Risiko der Zahlungsunfähigkeit – darunter Ruanda, Äthiopien und der Sudan.

Wer hilft den Armen?

Aus eigener Kraft wird der schwarze Kontinent die Folgen der Finanzkrise nicht meistern können. Sogar wenn die Weltkonjunktur sich innerhalb der nächsten zwei Jahre stabilisieren sollte, würde es mehrere Jahre dauern, bis die Finanzströme in die Entwicklungsländer sich wieder erholen. Um den Ärmsten der Armen zu helfen, müssten die reichen Staaten einen Teil ihrer Konjunkturhilfen abgeben. Die Weltbank schlägt an dieser Stelle einen Hilfsfonds vor, in den 0,7% der Summe gehen soll, die von jedem Land für die Unterstützungsprogramme der eigenen Wirtschaft ausgegeben werden. Beim kommenden G-20 Treffen Anfang April in London soll dieser Plan auf den Tisch kommen. Ob ein solcher Fonds Aussicht auf Erfolg hat, darf allerdings bezweifelt werden. Von den 50 Mrd. US$, die die G8-Staaten den Entwicklungsländern 2005 versprochen haben, sind noch immer 39 Mrd. US$ ausständig.

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