Bombay im Jahre Null

Rüdiger Suchsland 19.03.2009

Das ganze Leben ist ein Quiz: Danny Boyles Welterfolg "Slumdog Millionaire"

"Who Wants to Be a Millionaire?" so heißt die Show, im Kino wie im Leben; und wer würde diese Frage nicht bejahen, selbst wenn es diesmal nur um Rupien geht, um 20 Millionen, umgerechnet also unter 400.000 Euro. Die Hand des Schicksals berührt Jamal, den 18-jährigen, der aus den Slums der "Maximum City" Bombay stammt und jetzt als Teebursche ("chai wallah") in einem Call-Center arbeitet. Als er zu gewinnen scheint, unterstellt man ihm Betrug, denn was weiß einer aus dem Slum schon über Kino, Literatur und indische Geschichte. Jamal, der nie eine Schule besuchte, wird zum Erziehungsobjekt "fortgeschrittener" Verhörmethoden, eine weitere Lektion in indischer Realität, von denen dieser großartige Film viele bietet. "Slumdog Millionaire" bietet große Oper und großes Melodram. Bollywood trifft Hollywood in diesem oscarüberschütteten Feel-Good-Film aus dem Elend. Formal erzählt "Slumdog Millionaire"das Erfolgsmärchen eines Jungen aus dem indischen Slum, tatsächlich handelt es von der wachsenden Bedeutung Indiens. Im Osten geht die Sonne auf!

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Wenn man auf die Essenz des Kinos kommt, alle Plots und Charaktere, alle Stars und "Themen" beiseite lässt, weil man zum puren Kern des Mediums vorstoßen will, was bleibt dann? Bewegung in der Zeit. Und Bewegung im Raum. Das Dreidimensional-werden des zweidimensionalen Leinwandraumes. Heute durch den Ton, der längst "surround" zu hören ist, vor allem aber seit jeher durch die Imagination des Betrachters im Kinosaal.

Alle Bilder: 20th Century FOX

Genau dieses seltene Entfesseln der Vorstellungskraft zu erreichen, ist das Geheimnis von Slumdog Millionaire. Eine gutgelaunte fröhliche, nie unter Niveau präsentierte Geschichte voller Energie und Leidenschaft, mitreißend inszeniert, dynamisch und clever erzählt, Optimismus und Lebensfreude ausstrahlend - kaum ein Zuschauer wird sich dem Zauber dieses Films völlig entziehen können. Ein Film zudem, der ganz visuell daherkommt, mit einer Kamera - vom britischen "Dogma"-Kameramann Anthony Dod Mantle -, die rastlos, wild expressionistisch und ständig in Bewegung bleibt - mal in Zeitlupe, als wär's ein Wong Kar-wai-Melo, manchmal rasant und kinetisch wie in einem asiatischen Gangsterfilm.

Patchworktotale: Der Müll, die Stadt und der Tod

Frage 1: Wie nennt man die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts?

A. Shanghai
B. Metropolis
C. Mumbai
D. Bombay

Antwort

Ein Film, der lauter Bilder aneinanderreiht, die sich einbrennen ins Hirn: Kinder spielen Cricket auf einem Flugfeld… Ein Junge springt in die Sickergrube einer öffentlichen Toilette, weil er sich nur so befreien kann. Über und über mit Exkrementen bedeckt, kommt er dann auf einen öffentlichen Platz, wo sich die Menschen um einen Bollywood-Star scharen… Eine Gruppe von Menschen jagt eine andere Gruppe. "The're muslims, get them!" hört man, es folgen brutalste Prügel, Feuer. Ein Pogrom. Und die Polizei guckt weg… Das war 1993. Die Täter: Hindu-Fundamentalisten. Drei Kinder im Regen. Es ist der Endlos-Regen des Monsun. Sie sind alleingelassen. Und landen auf einer Müllkippe… Slummädchen, die zur Prostitution gezwungen werden… Straßenkinder, die man erblindet, weil sie dann mit ihrem Gesang mehr Geld erbetteln können… Ein Quizstudio, ein korrupter Showmaster… Folternde Polizei… Betrügerische Brüder… Zwei Jungen, die auf einem Zug durchs Land fahren… Der Bahnhof vom Bombay…

Der Film zeigt Realität. Es ist kein schmeichelndes, schönfärberisches Portrait Indiens, sondern das Bild eines Landes, in dem glänzende Modernität mit archaischer Brutalität einhergeht. Heute wird "Slumdog Millionaire" in ganz Indien gefeiert, als handle es sich um einen rein indischen Film. Zunächst aber wurde er verteufelt. Von den Nationalisten, den Hindu-Fundamentalisten, von jenen, die ihre eigenen Landleute, indische Schriftsteller und Journalisten, mit dem Tode bedrohen, wenn sie auf Englisch schreiben, wenn sie "Bombay" statt "Mumbai" sagen. Von den anderen, den weltoffenen, prowestlichen Kräften, wird der Film bejubelt. Denn er zwingt ganz Indien hinzusehen, zwingt eine Gesellschaft, sich auch ihren Schattenseiten zu stellen. Denn "Slumdog Millionaire" mag Gute-Laune-Kino sein, aber es geht weiter über den harmonietriefenden glatten Bollywood-Durchschnitt hinaus. Boyle zeigt die Patchworktotale der Slums von Bombay, zeigt den Müll, die Stadt und den Tod, zeigt die Angst, den Dreck und die Not, zeigt Prostitution, Korruption und Elend.

Ein indischer Film, also: Fruchtbare Multikulti-Pluralität

Frage 2: "Das Nationalwappen Indien zeigt drei Löwen. Was steht darunter geschrieben?"

A : The Truth Alone Triumphs
B : Lies alone Triumphs
C : Fashion alone Triumphs
D : Money alone Triumphs

Antwort

Acht Oscars können lügen. Die Academy-Awards sind kein Argument für diesen Film, allerdings auch keines gegen ihn. Interessant ist die Preisvergabe dieses Jahres allerdings schon gewesen. Und zwar durch die Eindeutigkeit, mit der "Slumdog Millionaire" sich durchsetzte, acht Oscars gewann, und so nebenbei in nahezu allen wichtigen Kategorien den Riesen-Apparat und PR-Etat des zehn Mal so teuren "The Curious Case of Benjamin Button" (vgl. "Forrest Gump" trifft "Doktor Schiwago" beim Rückwärtsgehen in die Zukunft) aus dem Rennen warf. Denn trotz beteiligtem Hollywood-Geld ist dies ganz und gar ein Außenseiterfilm. Mehrfach von den Studios abgelehnt und von "Benjamin Button"-Produzent "Warner Bros." weiterverkauft, dann schließlich mit vergleichsweise geringen Mitteln produziert - wie schon in den letzten Jahren triumphierte damit beim Oscar ein Independent-Film über Riesenblockbuster, die trotz Rekordeinnahmen an der Kinokasse nur technische Preise noch gewinnen.

"Slumdog Millionaire" ist in seiner ästhetischen Identität wie von seiner Handschrift her ganz und gar kein originärer US-Film, sondern etwas Neues: Er mischt gleichberechtigt (britisch-)europäische, indische und US-amerikanische Elemente. Handlung und Figuren sind ganz und gar indisch, die Vorlage auch. Ein Beispiel also für fruchtbare Multikulti-Pluralität, dafür, dass globalisiertes Kino keineswegs herzlos sein muss. Im Gegenteil ist "Slumdog Millionaire" energetisch und leidenschaftlich, ein Film, der nun zum Jungbrunnen für ein erschöpftes Hollywood werden könnte, dem außer Fortsetzungen und Remakes bewährter Erfolgsformeln derzeit wenig einfällt. Die diesjährigen Oscars belegen unverkennbar: Der Blick der USA geht nach Europa und nach Asien.

In Asien hat man das verstanden. Treffend kommentiert die "Times of India" und reagiert damit auch auf einheimische Nationalisten und Feinde des Westens:

Gemacht haben den Film Hindus, Muslims, Christien, Malayer, Punjabis, Tamilen, Leute aus Goa, britisch-indische Mischlinge, indophile Briten, Reiche, Arme ... Kritiker werden weiterhin schimpfen, der Film sei nicht 'wahrhaft' indisch, und die Westler, die ihn gemacht haben, hätten schlicht und einfach den düsteren Unterleib der indischen Armut ausgebeutet. Aber vor der Geschichte zählt nur die Substanz: Ein Film, der durch eine indische Geschichte inspiriert ist, der indische Darsteller und ein überwiegend indisches Team hatte, gewinnt acht Oscars. … Der Held des Abends war A R Rahman, der heimliche Gott der Musik. Als er mit gleich zwei Oscars nach Hause ging, konnte die Welt sehen, warum er der Inbegriff einer unvergleichlichen Pluralität ist. In einem scharfen Kommentar, der höchstwahrscheinlich auf diejenigen zielte, die Indien einst auseinanderrissen und versuchen heute das Gleiche zu tun, sagte Rahman, der sowohl religiöse wie regionale Grenzen überschreitet, 'Ich hatte in meinem Leben immer die Wahl zwischen Liebe und Hass. Ich wählte die Liebe und ich bin hier.'

Dieser Satz Rahmans ist nicht einfach ein glatter Showbiz-Kommentar, es ist ein eminent politisches Statement in einem Land, indem alle Unterhaltung politisiert ist. Dies ist ein toller Film über Indien, ein Hohelied auf Bombay und die Mythologie dieser Stadt. Aber er ist noch mehr: Formal erzählt "Slumdog Millionaire" das Erfolgsmärchen eines Jungen aus dem indischen Slum, tatsächlich handelt es von der wachsenden Bedeutung Indiens (siehe Der Osten wird der "neue Westen").

Betrug und Wunschträume

Frage 3: Aus welchem Film stammt der folgende Satz: "I don’t cheat clients. Virgin they want, virgin they get."

A. Der Tiger von Eschnapur
B. Salaam Bombay!
C. Monsoon Wedding
D. Slumdog Millionaire

Antwort

Ein Mann hängt in einem Polizeirevier von der Decke. Polizisten foltern ihn: So wird Jamal Malik, ein Muslim aus Bombays Slum, der Held dieses Films eingeführt. Und es bleibt eine Geschichte aus den Slums. Von Menschen, die in Hütten aus Wellblech und Abfall wohnen, deren Dächer mit Plastiktüten vom Supermarkt geflickt werden, deren Abwasserleitung ein schmutziges Rinnsal ist, das zwischen den Gassen fließt, von Frauen, die nachts arbeiten, von Vätern, die drogensüchtig sind, von Kindern, die Müll sammeln oder auf den Strich gehen. Aus dem Elend, das wir allzu gern verdrängen, von dem wir wegzappen in die künstlichen Paradiese unserer seichten, verlogenen Fernsehunterhaltungsshows. Solcher Shows wie Wer wird Millionär?.

Die gibt es weltweit, natürlich auch in Indien. Dort heißt sie "Kaun Banega Crorepati". 20 Millionen Rupien ist da der Hauptpreis. Umgerechnet 313.000 Euro. Und eines Tages gewinnt diesen Jackpot der, von dem alle das, vor allem hier, am wenigsten erwarten würden, und dem es alle gönnen, vor allem in Indien, am meisten: Jamal (Dev Patel), ein bettelarmer ungebildeter Junge aus dem Slum. Daran, dass sein Wunschtraum wirklich wird, kann ihn auch seine Herkunft nicht hindern. Nicht die Polizei. Nicht der Showmaster, ein betrügerischer Aufsteiger, dem Schauspieler und Bollywood-Superstar Amitabh Bachchan zum Verwechseln ähnlich sehend, der die Sendung jahrelang moderierte - und dessen Name hier die Antwort auf die erste Quizfrage ist.

Peinliche Befragung

"Slumdog Millionaire", der neueste Film des Briten Danny Boyle, geschrieben nach dem Roman des indischen Ex-Diplomaten Vikas Swarup (der im Original "Q & A" heißt, auf deutsch als "Rupien! Rupien!" bei Kiepenheuer & Witsch erschienen), macht nichts weiter, als zu erzählen, wie es dazu kam. Er hat dafür einen wunderbaren Rahmen gefunden, ein Polizeiverhör, das das "Q & A" auf der Showbühne spiegelt und verdoppelt, interpretiert und enthüllt.

Denn woher soll einer, der kaum schreiben und lesen kann, schon die Antworten auf komplizierte Fragen aus Literatur, Musik, Politik wissen? Also verhaftet ihn die Polizei nach dem Erreichen der letzten Frage und unterzieht ihn einer zweiten peinlichen Befragung, verhört ihn mit Hilfe von Elektroshocks in der Gewissheit, einem großangelegten Betrug auf der Spur zu sein. Doch Jamal kann Frage für Frage erklären, wie er die Antworten im tagtäglichen Existenzkampf gelernt hat. Und anhand dieser Fragen erzählt "Slumdog Millionaire" Jamals Lebensgeschichte. Das ganze Leben ist ein Quiz, und die Rückblicke bündeln sich am Ende zum Showdown der Fernsehsendung. Ein großes Drama, das auch in sich ähnlich funktioniert, wie die Millionärs-Show im Fernsehen, die man auch nicht ernst nehmen kann und dann doch gebannt vor ihr hängen bleibt.

Brit-Masala: Die Neugeburt des europäischen Kinos aus dem Geist Asiens

Zugleich touristisch begeistert und ernsthaft interessiert in seinem Blick taucht der Film tief in die Wirklichkeit Indiens ein, in Korruption und Elend, Rassismus und Ausbeutung. Über die Länge eines Spielfilms gelingt so ein durchaus differenziertes Portrait des Subkontinents. Trotzdem bleibt "Slumdog Millionaire" immer unterhaltsam, ein fiebriger Masala-Film, der allen Glanz und alle Tugenden indischen Kinos bündelt. In dieser Verbindung von Sozialrealismus und Entertainment liegt das Geheimnis dieses überraschenden Welterfolgs - und hierin ist der Film am klassischsten, erinnert an das engagierte Kino von Capra oder die Komödien von Prestin Sturges aus den 30er und 40er Jahren.

Regie führte Danny Boyle ("Trainspotting", "Lebe lieber ungewöhnlich!", "28 Tage später"). Boyle erzählt mit Tempo, Rhythmus und viel Charme. Boyle verbindet seinen gewohnten clipartigen Stil, in dem jede Zehntelsekunde vollgestopft ist mit visuellen und Ton-Informationen, mit der Extravaganz des Spektakelkinos von Bollywood - und ist so selbst das beste Beispiel für die Neugeburt des europäischen Kinos aus dem Geist Asiens.

Jamal im Glück

Der Film ist ein toll inszeniertes großes Drama, verbindet die Bildsprachen von West und Ost, Bollywood trifft Hollywood. Aber auch Rossellini und manch' indischer Meister wird hier anzitiert. Man findet auch zahlreiche Anspielungen an Klassiker der Literatur - vor allem an Dickens, den Poeten des Lumpenproletariats im Europa des 19.Jahrhundets. Jamal ist ein Oliver Twist unserer Zeit, ein gewitzter Junge aus dem Slum, der das Glück des Gerechten hat.

Wie Dickens' Romane ist "Slumdog Millionaire" ein Märchen, aber ebenfalls wie bei Dickens eines voller Realitätsbezüge. Er taugt auch als kulturübergreifende Gesellschaftssatire. Vor allem aber ist dies nun die Vorlage zu einem wunderbaren Film, Danny Boyles bestem seit "Trainspotting", jenem verfilmten Brit-Pop über Thatchers Kinder. Einem Film, der seine optimistische Märchenbotschaft mit einem pessimistischen Befund verbindet. Denn Boyle ist, darüber kann man nicht zweifeln, Pessimist. Er konstatiert den Kolonialismus, die nicht-europäische Zukunft Asiens, ihre andere Moderne mit derselben Nüchternheit, mit der sich ein Graham Greene zeitlebens auf letzte Reisen durch die Kolonien begeben hat; seine Bilder erinnern bei allem Pop-Appeal hin und wieder an den bitteren Dokumentarismus, mit dem der Chinese Jia Zhang-ke und sein Kameramann Yu Lik-wai, eine Art Danny Boyle Asiens, die Mondlandschaften des neuen China festhalten, die Städte zum letzten Mal filmen, die bald vom Dreischluchtenstaudamm verschlungen sein werden.

Wie jedes gute Märchen, wie jedes Leben, ist "Slumdog Millionaire" eine Verlustgeschichte. Fortschritt gibt es allenfalls für ein Land und die Menschheit, nie für den Einzelnen. Ein Film, dem man ungemein viele Zuschauer wünscht - damit so etwas im Kino nicht die Ausnahme bleibt. "Slumdog Millionaire" mag bis zum gewissen Grad ein Fake sein, aber es ist ein schöner Fake. Ein Fake, der funktioniert. Denn er bringt alles, was Kino bringen muss.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29933/1.html
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