Früherkennung von potenziellen Amokläufern?

16.03.2009

Aufgrund einer Studie über deutsche Amokläufer sind Psychologen der Meinung, mögliche Täter als bestimmten Risikomerkmalen erkennen zu können

Psychologen wollen herausgefunden haben, dass Jugendliche, die Amokläufe oder schwere Gewalttaten an Schulen begehen, vor der Tat anhand von "Risikomerkmalen im Verhalten und in der Kommunikation" erkannt werden könnten. Der Amoklauf sei nur der "letzte Ausweg" aus einer länger schwelenden Krise, die sich an Zeichen erkennen und damit auch präventiv verhindern lasse.

Die Grundlage der Studie von Psychologen am Institut Psychologie & Sicherheit der TU-Darmstadt ist allerdings dünn. Es wurden die sieben deutschen Amokläufer untersucht, die zwischen 1999 und 2006 ihre Tat ausgeführt haben. Jens Hoffmann, der Leiter der Studie, die im April-Heft der Zeitschrift Kriminalistik erscheinen wird, glaubt dennoch, die Ergebnisse verallgemeinern zu können. Von den sieben Tätern im Alter zwischen 24 und 22 Jahren haben sich vier nach dem Amoklauf selbst getötet, vier waren noch an der Schule, drei hatten sie bereits verlassen. Alle waren männlich, bis auf einen lebten alle noch bei den Eltern, meist seien sie aus der Mittelschicht gekommen.

So würden alle Täter zuvor sagen, dass sie eine Waffe mit in die Schule bringen, die sie manchmal auch ihren Mitschülern zeigen. Fast alle berichteten davon, dass sie Rache nehmen oder sogar einen Amoklauf begehen wollen. Der Tat würden bei allen Kränkungen, soziale Brüche oder Verlusterfahrungen" sowie schulische Konflikte vorhergehen. Die geläufige These von den Einzeltätern scheint nur teilweise zuzutreffen, aber vor der Tat habe sich die Mehrzahl zunehmend isoliert, sagen die Psychologen. Offenbar waren die meisten auch in Vereinen. Und sie sollen alle Interesse an gewalthaltigen Mediendarstellungen gezeigt haben, wie es in der Mitteilung über die Studie heißt:

Alle Täter zeigten Interesse an gewalthaltigen Mediendarstellungen. Bei vier von ihnen konnte sogar eindeutig ein konkretes mediales Vorbild für ihre Tat bestimmt werden, entweder eine Filmfigur oder ein realer Amokläufer. Bei vier der Täter konnte ein übermäßig starkes Interesse an Videospielen festgestellt werden, beispielsweise indem große Teile der Freizeit mit solchen Spielen verbracht wurden.

Dass Amokläufe vor allem auch wegen der großen Medienberichterstattung, durch die Täter und Tat nationale oder auch globale Aufmerksamkeit finden, ansteckend wirken können, ist bekannt. Vier der sieben Amokläufer sind nach der Studie losgezogen, nachdem in den Medien über eine ähnliche Tat berichtet wurde. "Es ist deshalb davon auszugehen, dass nach Amokläufen wie in Winnenden ein erhöhtes Risiko für weitere Taten dieser Art besteht", warnt Jens Hoffmann.

Zu vermuten ist, dass die durch die Medien geschaffene Prominenz eine wesentliche Motivation zur Ausführung eines Amoklaufs bildet, der bereits gewisse rituelle Züge angenommen hat. Stilprägend sind sicherlich Filme und Computerspiele, notwendig sind hingegen der Zugang zu realen Waffen und die Erfahrung mit ihnen.

Wir haben eine Umfrage zum Thema gestartet. Der schwäbische Teenager, der in Winnenden 15 Personen erschoss, hat erneut eine Debatte darüber angefacht, was die Gründe für solche Amokläufe sind, und wie sie verhindert werden können. Wir fragen: Amokläufe verhindern – aber wie?

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