Gucken, bis der Arzt kommt
Das Morphium der Bilder - Tarsem Singhs filmisches Kuriositätenkabinett "The Fall"
Nein, dies ist keine Verfilmung des gleichnamigen Buches von Albert Camus! Aber Tarsem Singhs "The Fall" entfaltet Filmwelten von erlesener Pracht, von großer Originalität - als würde man in Malerei spazieren gehen können. "The Fall" hat alles, was man von Kino erhoffen kann, auch den nötigen Ernst. Es dreht sich um einen Mann und ein Mädchen und die Geschichten, die er ihr erzählt. Diese Stories, genauer, die von ihnen ausgelösten Phantasien, malt Singh, der bereits mit "The Cell" ein erstaunliches, sehr originelles Debüt vorlegte, mit gleicher Intensität aus, wie den "realen" Teil seines Films. Mitunter sieht alles aus wie ein verfilmtes Coffee-Table-Book, trotzdem ist dies wieder einer dieser Filme, die auf der Berlinale (2007) in Nebenreihen versteckt wurden, obwohl sie eigentlich in den Wettbewerb gehört hätten.
Es gibt neben den vielen berauschenden eine absolut atemberaubende Passage in Tarsem Singhs "The Fall": Während aus dem Hintergrund der zweite Satz aus Beethovens Siebter Symphonie läuft, eine an und für sich schon unverwechselbare Mischung aus Anmut, Pathos und Melancholie, schneidet der Regisseur zwei Dutzend Stuntszenen aus dem Stummfilmkino hintereinander. Unglaubliches sieht man da: Nicht allein die Hauswände, die über einen Mann einstürzen, genau so, dass dort, wo dieser steht, ein Hausfenster landet, er also stehenbleibt; nicht allein die Reiter, die aus dem Stand auf ihr Pferd aufspringen und dann rückwärts reiten oder mitsamt Ross von einer Brücke hinunter in einen Fluss stürzen - sie alle hat man schon gesehen.
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| Alle Bilder: Capelight |
Aber man sieht auch ein Auto, das in voller Fahrt mit einem Leiterwagen genau so kollidiert, dass auf seinem Dach eine Leiter mitgerissen wird, an deren beiden Enden je ein Mann sitzt. Sie stehen weit über die Seiten des Wagens hinaus. In rasender Fahrt nun wippen die zwei Männer auf der Leiter genau so, dass sie den auf beiden Seiten entgegenkommenden Autos gerade ausweichen. Millimeterarbeit der Stuntmen. Genau wie die Motorradfahrer, die in voller Geschwindigkeit direkt vor einem herandampfenden Zug die Schienen kreuzen. Wie die Menschen, die von einem Hochhaus zum anderen springen, von einem Flugzeug zum anderen, von einem Hochhaus auf einen Stahlträger, der mit dem Flaschenzug nach oben fährt. Diese kurze Passage, die letzte von "The Fall" feiert die Stuntman, die vor dem digitalen Zeitalter all die Sensationen garantierten, für die das Kino stand - und einer von ihnen wird eine Hauptfigur des Films sein -, sie feiern aber vor allem das Kino selbst, das Kino in seiner ursprünglichsten Form, die so beschränkt ist wie naiv begeisternd: Als Zirkus, Karneval, als Akrobatik, die auch davon lebt, dass sie hoch lebensbedrohlich ist.
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Diese Ausschnitte fesseln bei all ihrer Beschränkung und Naivität, die natürlich auch eine wunderbare Unschuld bedeutet, nach der sich jeder zurücksehen wird, der sie sieht, sie fesseln nicht zuletzt durch ihre Dynamik. Diese ist unglaublich direkt: Hier werden die Menschen einerseits vollends zum Material, zur Kanonenkugel, die in das Rasen des Films hineingeschossen wird, doch andererseits entfaltet sich gerade darin auch der urhumane Freiheitstraum, sich von den Elementen und menschlichen Begrenzungen vollends lösen zu können. Genau in dieser Kombination von Dynamik, Materialismus und Freiheit liegt auch die tiefere Wahrheit des Futurismus, der vor 100 Jahren, genau zur Zeit dieser Stummfilmstunts, seine Geburtsstunde erlebte (vgl. Das Tempo des Lebens: Vorsichtige Annäherung an den Futurismus), und der heute gern nur zum Inbegriff all der Fehler und Abgründe der Moderne reduziert wird.
Ein "Labyrinth der Verzweiflung" und die Welt als Abenteuerspielplatz
Großartig, dass "The Fall" diese Bilder wieder auf die große Leinwand bringt. Solche Szenen vermisst man im Kino der Gegenwart bitterlich. Zugleich aber widerlegen sie auch Tarsem Singhs Film selbst. Denn man vermisst diese Szenen auch in Tarsem Singhs Kino, und vielleicht würde der ganze Film einen besseren Eindruck hinterlassen, wenn Singh mit dieser Szene nicht sich selbst die Grenzen aufzeigen würde.
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Zuvor sah man surreale Seelenlandschaften und Bilder, wie sie ihrerseits selten sind im Kino. Aber doch ganz anders, als die vorgenannten: "The Fall", der zweite Spielfilm des Musikvideo- und Werbeclipregisseurs Tarsem Singh - nach dem schon bemerkenswerten Debüt mit dem Jennifer-Lopez-jagt-Serienkiller-Trip "The Cell" - entfaltet Filmwelten von erlesener Pracht, von großer Originalität. Dies ist ein offenes Bekenntnis zur Schaulust - und insofern sehr sympathisch. Dabei funktionieren Singhs überbordende Bilder in erster Linie als filmisches Kuriositätenkabinett.
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Sie erzählen eine Geschichte, die man sich nur so und nicht anders vorstellen kann: Im Zentrum steht das sechsjährige Mädchen Alexandria (Catinca Untaru), das mit einem gebrochenen Arm im Jahr 1915 im Krankenhaus gelandet ist. Dort begegnet es dem Stummfilmstuntman Roy, der nach einem Unfall gelähmt im Krankenhaus liegt - wie sich herausstellt, ist er lebensmüde. Um mit ihrer Hilfe an eine ausreichende Dosis Morphium zu kommen, erzählt er dem Mädchen phantastische Geschichten, die der Film opulent ausmalt: Alexander der Große kommt vor, Charles Darwin, ein italienischer Anarchist und Explosionsexperte, ein böser Statthalter und ein "Labyrinth der Verzweiflung". "Alice in Wonderland" trifft auf eine umgedrehte Sheherazade, denn Roy erzählt immer nur weiter, um endlich sterben zu können. Auch Roys Erzählung tendiert zu einem pessimistischen Ende. Aber Alexandria besteht auf einem versöhnlicheren Schluß: Als Roy insistiert "Es ist meine Geschichte", entgegnet sie: "Meine auch!"
"The Fall" ist ein wunderschöner Film über das Erzählen. Überzeugend zeigt er reale und phantastische Welt so, wie die klassischen Märchen der Brüder Grimm: Als gleichberechtigt und nur durch Vorstellungskraft getrennt. "The Fall" zeigt die Welt als Abenteuerspielplatz, und ist doch genau das, was "Harry Potter oder "Herr der Ringe" nur zu sein behaupten: Fantasy für Erwachsene.
Der ewige Sonnenschein auf dem unschuldigen Hirn
Aber wirklich überzeugend sind Singhs Bilder trotzdem nicht. Über ihnen liegt etwas seltsam Steriles. Zu sehr ähneln die Wow-Bilder vor allem jenen sündteuren Werbeclips, in denen Autohersteller ihre Fahrzeuge in Wüsten und Vulkanlandschaften, vor das Taj Mahal oder zwischen tanzende afrikanische Eingeborene platzieren, um dann weltrettende, kulturverbindende oder gar philosophische Messages zu verzapfen, obwohl sie doch eigentlich nur Autos verkaufen wollen.
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Manchmal denkt man schon, Tarsem Singh könnte mit seinen schwimmenden Elefanten, brennenden Bäumen und brabbelnden Mystikern ein neuer Matthew Barney werden (was auch kein uneingeschränktes Kompliment wäre) oder zumindest ein neuer Alejandro Jodorowsky, der mit seiner Mischung aus katholischem und Hippie-Irrsinn in drei Filmen unvergessliche Bilder schuf, dann wieder erinnert alles einen Filmhochschüler, der einen Dali-Kunstdruck verfilmt, an einen 16-jährigen, der sein erstes Escher-Bild sieht, und nun glaubt, er habe der Welt Wichtiges mitzuteilen. Alles ist hochelaboriert und zugleich absurd in der Willkür, der glatten Postkartenhaftigkeit, dem seichten Symbolismus, ihren unverhohlenen exotistischen Phantasien.
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Um zu begreifen, was dem Film fehlt, muss an sich nur an den Zauber und die Intensität von Guillermo del Toros "Pan's Labyrinth" (vgl. Alice im Horrorland) oder von Terry Gilliams "Tideland" erinnern. Der Gipfel ist dann das formelhafte, sentimentale Happy-End, das vor allen Abgründen zurückscheut. Ein Stuntman wird hingegen von ihnen angezogen.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29935/1.html- .... gut so (23.3.2009 20:00)
- Hauswände, die über einen Mann einstürzen (23.3.2009 19:12)
- Ein 16-jähriger, der sein erstes Escher-Bild sieht (23.3.2009 13:04)
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