Bachelor and Master of the Universe
In Texas soll ein Gesetzentwurf einem dezidiert kreationistischen Institut die Vergabe naturwissenschaftlicher Abschlüsse erlauben
Texas, so möchte man meinen, sollte eigentlich recht empfänglich für wichtige Prämissen der Evolutionstheorie sein – zumindest dann, wenn man sich ansieht, wie John Wayne in Red River seine Landnahme gegenüber Mexikanern begründet. Trotzdem ist der US-Bundesstaat eine Hochburg von Anhängern der Schöpfungslehre.
Das zeigt sich derzeit unter anderem daran, dass der Abgeordnete Leo Berman, der seinen sicheren republikanischen Wahlkreis Tyler bei der letzten Wahl nicht einmal gegen einen Demokraten, sondern nur gegen einen Kandidaten der Libertarian Party verteidigen musste, den Gesetzentwurf 81(R) HB 2800 einbrachte, der es dem Institute for Creation Research (ICR) erlauben soll, akademische Abschlüsse in naturwissenschaftlichen Fächern zu vergeben.
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Das ICR gilt als eine der einflussreichsten Schöpfungen amerikanischer Kreationisten. Es wird von praktisch keinem Wissenschaftler Ernst genommen, war aber relativ erfolgreich damit, religiösen Gegnern der Evolutionstheorie Material zu liefern, mit dem diese in Kirchen, Sonntagsschulen, Talkshows und politischen Debatten ihren Einfluss vergrößern konnten. Dazu stellte es nicht nur zahlreiche Broschüren her, sondern betätigte sich auch als Reiseveranstalter, Museumsbetreiber und Schulungsanbieter.
Die Aktivitäten des Instituts zeitigten nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern bemerkenswerte Erfolge: 1985 unterstützte das ICR beispielsweise den damaligen türkischen Erziehungsminister Vehbi Dinçerler dabei, die Schöpfungslehre in die dortigen Lehrpläne zu integrieren. Eine Änderung, die nicht ohne Folgen blieb. Der mittlerweile außergewöhnlich starke Einfluss des Kreationismus in der Türkei wurde unlängst unter anderem dadurch sichtbar, dass der türkische Wissenschafts- und Forschungsrat Tübitak im Märzheft der von ihm herausgegebenen populärwissenschaftlichen Zeitschrift Bilim ve Teknik (Wissenschaft und Technik) eine bereits fertige Titelgeschichte zum Darwin-Jahr kurzfristig aus dem Heft warf und der Chefredakteurin Cigdem Atakuman kündigte. Nachdem der Zensurakt in türkischen Medien breit debattiert wurde, lenkte Tübitak allerdings insofern ein, als der Rat die mündlich ausgesprochene Kündigung für nicht wirksam erklärte.
Bis 2007 war das ICR in Santee ansässig, einer Vorstadt von San Diego. Dann verlegte es seinen Sitz nach Dallas. In Kalifornien hatte das Institut – angeblich durch eine einsame Entscheidung eines der Sache gewogenen Beamten – bereits 1981 eine Zulassung zur Vergabe von Abschlüssen in Biologie, Geologie, Astrophysik und anderen naturwissenschaftlichen Fächern erhalten. Als 1988 deren Verlängerung anstand, versuchte der Bundesstaat, diese zu verweigern, worauf hin das ICR klagte und ein Vergleich geschlossen wurde, nach dem die Kreationisten zwar eine Verlängerung bis 1995 bekamen, aber auch die Evolutionslehre behandeln sollten. Später erhielt das Institut eine Ausnahmegenehmigung vom 2007 abgeschafften California Bureau for Private Postsecondary and Vocational Education, die sie von den sonst angelegten Maßstäben befreite.
Nach dem Umzug nach Texas lehnte das dortige Higher Education Coordinating Board (THECB) den Antrag im April letzten Jahres ab. Dabei spielte unter anderem die Tatsache eine Rolle, dass die Kreationisten Kurse, für die Experimente als notwendig erachtet werden, über das Internet abhalten wollen. Allerdings hatten sich auch zahlreiche Wissenschaftler an das THECB gewandt und darauf hingewiesen, dass sowohl Lehrkörper als auch Absolventen des ICR eine Erklärung unterzeichnen müssen, mit der sie sich dazu verpflichten, dass alle ihre Forschungsaktivitäten mit einer wörtlichen Auslegung der Bibel konform gehen.
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Was das ICR betreibe, so die Gegner einer Zulassung, sei deshalb nicht ergebnisoffen und könne per definitionem keine Wissenschaft sein, sondern lediglich Dogma. Es sei aus diesem Grunde auch nicht einsehbar, warum Studenten, die sich damit beschäftigen, statt eines theologischen Abschlusses einen naturwissenschaftlichen erhalten sollten. Würde man Bildungswilligen und der Öffentlichkeit suggerieren, dass das, was das Institut betreibt, Naturwissenschaft ist, dann wäre das nichts als ein staatliches licet zur Bauernfängerei.
Tatsächlich brachten die Junge-Erde-Kreationisten, die auf Teufel komm raus beweisen wollen, dass die Erde nicht älter als 10.000 Jahre ist, viele unterhaltsame Theorien[1] zum Zusammenhang zwischen dem Energieerhaltungssatz und der Vertreibung Adams aus dem Paradies oder zur Entstehung des Grand Canyon durch die Sintflut hervor - allerdings lassen diese in ihrer Herleitung – vorsichtig formuliert – etwas zu wünschen übrig. Wie in dem Cartoon, in dem ein Physikprüfling den Satz "and then a miracle occurs" in seiner Formel stehen hat und sein Professor sagt "maybe you should be a bit more explicit here".
Das ICR legte gegen die Entscheidung des THECB Widerspruch ein, beschritt aber auch den politischen Weg über den Gesetzentwurf, mit dem die ablehnende Entscheidung bedeutungslos würde. Um dem Vorwurf der besonderen Begünstigung entgegenzuwirken, formulierte Berman 81(R) HB 2800 so abstrakt, dass seine Folgen noch wesentlich gravierender sein könnten, als wenn das ICR eine THECB-Zulassung zur Vergabe von Abschlüssen bekommen würde: Danach könnte in Zukunft jede nicht profitorientierte private Institution weitgehend nach Belieben Master-Abschlüsse vergeben, ohne dass sie sich dafür einer behördlichen Prüfung unterziehen müsste. Kritiker fürchten deshalb Szenarien, in denen Esoteriker dies breitflächig ausnutzen, was den zweiten akademischen Grad noch wesentlich stärker entwerten würde, als dies bereits jetzt der Fall ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29978/1.html- Richtig, das was du schreibst ist bezeichnend für den theologischen Unsinn (31.3.2009 11:28)
- Wie lehrt man eigentlich "Kreationismus"? (24.3.2009 19:47)
- A priori Urteile (24.3.2009 18:28)
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