Bologna-Prozess statt Reformieren

Thorsten Stegemann 24.03.2009

Zwar werden Lehrdeputate an deutschen Hochschulen langsam erhöht, aber die Einheit von Forschung und Lehre könnte dabei auf der Strecke bleiben.

Um ein zentrales Defizit der deutschen Hochschullandschaft zu erkennen, benötigen Studierende weder Statistiken noch Expertenmeinungen. Der Augenschein genügt für die Feststellung, dass die Hörsäle noch immer überfüllt und die Veranstaltungsangebote begrenzt sind. Ganz zu schweigen davon, dass die Chancen, einen Hochschullehrer länger als ein paar Minuten zu sprechen und den Begriff "Betreuung" halbwegs mit Leben zu erfüllen, gegen Null tendieren.

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Doch der Augenschein scheint auch darauf hinzudeuten, dass sich in den letzten Semestern – wenigstens an einigen Hochschulstandorten - etwas zum Positiven verändert hat. Die Zeiten, da sich mehr als 60 Nachwuchsakademiker einen Professor – untereinander und mit den dringenden Forschungsaufgaben - "teilen" mussten, scheinen insofern vorbei zu sein, als dem wichtigen Bereich der Lehre offenbar mehr personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Um diesen Vorgang angemessen zu bewerten, bedarf es nun aber doch wieder der Statistik, denn es kommt schließlich darauf an, wer sich in welcher Funktion vor Ort mit den Studierenden auseinandersetzt.

Einflussreiche Verbände, Bildungspolitiker und Wissenschaftler konnten sich lange nicht einigen, wer am ehesten in der Lage wäre, der Hochschullehre neue Impulse zu verleihen. Die Kultusministerkonferenz warb einst für eine befristete Ausweitung des Lehrdeputats und eine ebenso befristete Einstellung von nebenberuflichen Lehrkräften. Der Deutsche Hochschulverband hätte gern neu einzustellende Lecturer mit der anspruchsvollen Aufgabe betraut, und die Hochschulrektorenkonferenz wollte sie Sonder- und Seniorprofessoren, habilitierten Lehrprofessoren oder Doktoranden mit Lehraufträgen überlassen. Der Wissenschaftsrat plädierte schließlich für (Junior-)Professuren mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Lehre.

Was am Ende dabei herauskommt, lässt sich im Moment schwer abschätzen. Viele Anzeichen deuten allerdings darauf hin, dass bundesweit vor allem Lehrprofessuren und Mittelbaupositionen den Bedarf decken sollen, damit sich arrivierte Professoren vornehmlich ihrer Forschungsarbeit widmen können. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das im Rahmen eines vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekts die "Qualitätswirkungen der föderalen Differenzierung im Hochschulbereich" analysiert und aktuelle Gesetzes- und Verordnungstexte gesammelt hat.

Verschiedene Wege zum gleichen Ziel

Der Eifer, mit dem Landeshochschulgesetze und Lehrverpflichtungsordnungen in den vergangenen Monaten novelliert wurden, ist der Föderalismusreform zu verdanken, welche die Bundesländer mit mehr Freiheiten im Bereich der Personalplanung ausstattete. So schwankt die Lehrverpflichtung von Universitätsprofessuren nun je nach Bundesland und Arbeitsvertrag zwischen acht und 12 Wochenstunden im Semester, während die Inhaber von ausgewiesenen Lehrprofessuren zwischen zehn und 16, in Sonderfällen sogar mehr als 20 Stunden zu absolvieren haben. Fachhochschulprofessoren, die naturgemäß ein höheres Lehrdeputat übernehmen, kommen auf 16 bis 19 Stunden.

Gleichwohl zeichnet sich ein Trend ab, der schon das alte Hochschulsystem kennzeichnete und in sämtlichen Bundesländern dazu führen könnte, dass Professoren zu Forschungszwecken immer häufiger von Lehraufgaben entlastet werden. So können die entsprechenden Verpflichtungen in Baden-Württemberg, Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern vollständig aufgehoben werden, wenn entsprechende fachliche und wissenschaftliche Voraussetzungen vorliegen.

Bei den Lehrkräften für besondere Aufgaben sind Verpflichtungen von 20 oder mehr Stunden dagegen keine Seltenheit, Universitätsdozenten und -assistenten kommen auf bis zu 18 Stunden, wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter werden zumeist acht bis zehn Stunden von Lehraufgaben beansprucht.

Will man in Deutschland an der überkommenen Stellenstruktur mit rund 15 Prozent Professoren und nahezu 85 Prozent unselbständigen "Nachwuchs"- bzw. Mittelbaupositionen in überwiegend befristeter Beschäftigung festhalten, so ist die Versuchung groß, dem Mittelbau erhöhte Lehrdeputate zu übertragen. Nur so kann dann den wenigen Professor/-innen der Rücken für die Forschung freigehalten werden. (…)
Damit erhebt sich die Frage, ob das für deutsche Universitäten geltende normative Leitbild der "Einheit (oder zumindest doch: Verbindung) von Forschung und Lehre" auch in Zukunft noch Gültigkeit haben wird.

Institut für Hochschulforschung/Martin-Luther-Universität

Einheit von Forschung und Lehre?

Der Einheit von Forschung und Lehre gilt seit einer kleinen Ewigkeit als Voraussetzung einer erfolgreichen Bildungspolitik. Die Vorstellung umfassender und ganzheitlicher Lernprozesse aus dem Geist der europäischen Aufklärung beschäftigte die Phantasie des frühen 19. Jahrhunderts, prägt aber noch heute das Selbstverständnis zahlreicher Hochschulen.

Universitäten in aller Welt orientieren sich an dem von Humboldt geprägten Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Hierzu gehören die Weitergabe von Wissen aus dem Geist der Forschung und die Idee der forschenden Lehre. Studierende und Lehrende sind durch die kritische Auseinandersetzung mit den Wissensbeständen sowie in der aktiven Mitarbeit an der Erweiterung des Wissens vereint. Deshalb fördert die Humboldt-Universität die sozialen und kommunikativen Kompetenzen ihrer Mitglieder und unterstützt deren eigene Initiativen.

Einheit von Forschung und Lehre bedeutet den Verzicht auf eine wertende Gewichtung beider Bereiche und legt gerade den ambitionierten und erfolgreichen Forschern den Gedanken nahe, ihre Erkenntnisse zeitnah mit dem akademischen Nachwuchs zu teilen, sich kritischen Nachfragen zu stellen und den alltäglichen wissenschaftlichen Diskurs durch ihre Anwesenheit und rege Teilnahme zu bereichern. In diesem Sinne plädierte Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, vor einem Jahr dafür, die Lehre an deutschen Hochschulen nicht auf die Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten oder die Überprüfung von Standartkenntnissen zu beschränken.

Wir müssen die Lehre viel stärker als bisher individualisieren, das heißt am Lernprozess des einzelnen Studierenden ausrichten. Hochschulausbildung braucht Raum für den akademischen Diskurs und individuelle Schwerpunktsetzungen.

Margret Wintermantel

Wenn sich Forschungsprofessoren mit einer kleinen Anhängerschaft in ihre Spezialgebiete zurückziehen und das studentische Fußvolk auf Lehrkräfte angewiesen ist, die gut ausgebildet und engagiert sein mögen, aber keinen unmittelbaren Kontakt zu den relevanten Forschungsthemen haben, dürfte dieser Anspruch immer schwieriger einzulösen sein. Die Einstellung von zusätzlichem Personal ist vor allem dann ein Schritt in die richtige Richtung, wenn dadurch nicht nur die Abfertigung beschleunigt, sondern auch die Qualität der akademischen Ausbildung deutlich erhöht wird.

Bologna macht Tempo

Die Harmonisierung und Modernisierung des Europäischen Hochschulraumes scheint dabei eine Schlüsselrolle zu spielen. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bilden die Bachelor- und Masterstudiengänge mittlerweile 75 Prozent des gesamten Studienangebots. Im zu Ende gehenden Wintersemester 2007/08 waren demnach 600.000 Nachwuchsakademiker, das sind rund 30 Prozent aller Studierenden, in den neuen Studiengängen eingeschrieben.

Die Ergebnisse des Berichtes zeigen: Die Umstellung greift, die Umsetzung des Bologna-Prozesses gewinnt an Fahrt. Für die deutschen Hochschulen ist das ein Gewinn, denn der Bologna-Prozess ist ein wichtiger Beitrag zu ihrer Internationalisierung und bietet darüber hinaus die Chance, die Studienstruktur grundlegend zu reformieren.

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU)

Dass diese Chance tatsächlich genutzt wird, darf allerdings bezweifelt werden. Selbst grundsätzliche Befürworter des Bologna-Prozesses wie HRK-Präsidentin Wintermantel halten es mittlerweile für ausgemacht, dass die Reform bislang nicht so umgesetzt wurde, "wie es im Interesse der Studierenden sinnvoll wäre". Vor allem die Bachelor-Studiengänge müssten neu aufgebaut werden, "statt einfach Diplome zusammenzustauchen, bis sie nicht mehr studierbar sind."

Der Zeitfaktor, dem in den neuen Studiengängen entscheidende Bedeutung zukommt, spiegelt sich nicht nur im Vokabular der zuständigen Politiker ("gewinnt an Fahrt"), sondern auch in der bisherigen Antwort auf die eingangs diskutierte Frage, wie die katastrophale Situation der Lehre verbessert werden soll. Lehrprofessoren und vor allem Doktoranden/Habilitanden mit Lehraufträgen oder Lehrkräfte für besondere Aufgaben sind die weitaus schnellere und im Regelfall auch noch die deutlich günstigere Lösung. Dieser Aspekt ist keineswegs zu vernachlässigen. Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaftsrat sind übereinstimmend der Ansicht, das eine grundlegende Reform der Lehre Jahr für Jahr mehr als drei Milliarden Euro kosten würde.

… und die Entdeckung der Langsamkeit

Am 28. und 29. April 2009 wollen die beteiligten Bildungsminister in Leuven und Louvain-la-Neuve darüber entscheiden, ob der Bologna-Prozess über das Jahr 2010 hinaus fortgesetzt werden soll. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist nicht prinzipiell dagegen, GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller plädiert aber nachdrücklich für eine langsamere Gangart.

Qualität geht vor Tempo. Wir brauchen eine Entschleunigung des Bologna-Prozesses.

Andreas Keller

Die Gewerkschaft fordert insbesondere eine "uneingeschränkte Durchlässigkeit" beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium, die bislang auch daran scheitert, das für die potenziellen Master zu wenig Studienplätze vorhanden sind.

Weder Quote noch Note dürfen die Zulassung zum Masterstudium beschränken. Dies gilt um so mehr, als die Akzeptanz vieler neuer Bachelor-Studiengänge auf dem Arbeitsmarkt unzureichend ist.

Andreas Keller

Überdies müsse die soziale Dimension weitaus stärker als bislang berücksichtigt werden. Dazu zählt die GEW den Aufbau einer leistungsfähigen Studienfinanzierung, die Ausweitung von Mobilitätsstipendien und "bolognataugliche Karrierewege für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler". Außerdem, und damit schließt sich der Kreis erneut, müsse die Betreuung der Studierenden "spürbar" verbessert werden. Zu diesem Zweck fordert die Gewerkschaft Bund und Länder auf, nun endlich die Pläne für einen effektiven "Hochschulpakt II" vorzulegen.

Auch der "freie zusammenschluss von studentInnenschaften" (fzs) teilt die positive Einschätzung der deutschen Bildungsministerin nicht. Dafür aber die Kritik an der zu schnellen Umsetzung, die eine Qualitätssteigerung – gerade im Bereich der Lehre – unnötiger Weise verhindert habe.

Viel zu oft wurde versucht, alte Diplom-Studiengänge vollständig in einen sechs Semester umfassenden Bachelor-Studiengang zu überführen. Die daraus resultierende Arbeitsbelastung (Workload) sprengt oftmals jede Skala und kann kaum noch bewältigt werden.

fzs

Für Sarina Schäfer, Mitglied im fzs-Vorstands ist Erfolg unter diesen Umständen einer relative Größe. Sie kann im politischen Schlagabtausch zwar fast beliebig verwendet werden, sagt aber nichts über den tatsächlichen Zustand an den deutschen Hochschulen aus.

Es kann nicht darum gehen die auf Bachelor und Master umgestellten Studiengänge zu zählen und diese große Zahl anschließend als Erfolg zu verkaufen. Es muss vielmehr auf die qualitativen Merkmale und Inhalte der neuen Studiengänge eingegangen werden. Auch müssen kritische und selbständige Lernprozesse im Verlauf des Studiums für alle Lernenden möglich sein.

Sarina Schäfer, fzs
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29984/1.html
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