"Vor-Hängsel"

Karin Wehn 05.04.2009

Filmvorspanne - eine vernachlässigte Kunstform wird neu entdeckt

Egal, ob Kurzfilme oder Trailer - die kurzen und vor dem Hauptfilm im Kino projizierten Formen der Filmgeschichte finden vergleichsweise wenig Beachtung gegenüber ihren großen und längeren Brüdern. Ganz am unteren Ende der externen Aufmerksamkeitsskala steht der Vorspann. Der Begriff fehlt beispielsweise gänzlich als Stichwort in den einschlägigen Filmgeschichten. Vorspannen werden keine Oscars, keine Berliner Bären und keine Goldenen Palmen in Cannes verliehen – immerhin einen Emmy können sie ergattern.

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Dabei kommen dem Vorspann wichtige Funktionen zu: Wenn er beginnt, verstummen Gespräche. Spätestens jetzt werden die Handys ausgeschaltet. Popkorntüten rascheln plötzlich leiser – man weiß, ab jetzt werden die Sitznachbarn böse, wenn man weiter plaudert.

Als anaphorisches, sich selbst zurücknehmendes Genre per se, muss der Filmvorspann die schwierige Aufgabe leisten, die Brücke zu bilden zwischen Werbung, Trailern und dem Hauptfilm, welche thematisch und vom Genre her völlig unterschiedlich sein können. Das tut er, indem er – stets vorverweisend - das Genre einleitet, Regisseur und die wichtigsten Darsteller des Teams vorstellt, Atmosphäre oder Spannung aufbaut, ohne dabei zu viel vom Hauptfilm vorweg zu nehmen. Damit hat er gleichzeitig das undankbare Schicksal, stets im Schatten des danach kommenden Hauptfilms zu stehen, denn erst mit diesem geht die eigentliche Handlung, für die die Zuschauer Eintritt bezahlt haben, los. So ist dem Vorspann in seiner überleitenden Funktion in aller Regel noch nicht mal ein richtiges Ende gegönnt. Wenn die Zuschauer dann nach Ende des Hauptfilms mit Eindrücken überfrachtet aus dem Kino kommen, ist der Vorspann bei den meisten vermutlich längst vergessen.

Vorspanne sind schon lange Teil der Filmgeschichte. Ein frühes Beispiel ist Dudley Murpheys Dance Macabre (1922, Vorspann: Dudley Murphey), der Tänzer den Filmtitel animieren ließ. Lotte Reiniger stellt in ihrem bemerkenswerten Scherenschnittfilm Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926, Vorspann: Lotte Reiniger), dessen technische Brillanz seither nie wieder erreicht wurde, die Protagonisten des Films bereits im Vorspann vor.

Aber erst in den 1950er Jahre konnte sich Kreativität der Opening Credits voll entfalten, als der Vorspann zur Pflicht wurde, da Hollywoods Gewerkschaften alle beteiligten Künstler namentlich erwähnt sehen wollten. Das eröffnete den Titel-Designern größeren Spielraum.

Nichtsdestotrotz oder vielleicht auch gerade wegen der genrebedingten Einschränkungen haben sich viele Meister der Filmgeschichte an ihnen versucht und unter den rigiden Vorgaben zahlreiche kurze Perlen erzeugt. Einige Regisseure ließen es nicht nehmen, die Vorspanne zu ihren Filmen selber zu produzieren (u. a. Orson Welles, Jean-Luc Godard, Quentin Tarantino). Einige wenige Vorspann-Regisseure und Titel-Designer wie Saul Bass, Maurice Binder, Kyle Cooper und R/Greenberg avancierten zu regelrechten Stars. Der Grafikdesigner Saul Bass und seine Frau Elaine arbeiteten für viele berühmte Regisseure, u. a. Alfred Hitchcock, Otto Preminger, Stanley Kubrick und Martin Scorsese.

Aus dem Vorspann von Vertigo

So wachsen bei Hitchcocks Vertigo (1958) spiralförmige Formen aus einem blutunterlaufenden Auge heraus, die das für den Plot des Films zentrale Höhenangstproblem des Helden (gespielt von James Stewart) vorwegnehmen. Bei Hitchcocks Psycho (1960) werden die Namen der Darsteller bereits im Vorspann durch horizontale und vertikale Streifen zerschnitten, was sowohl auf den späteren legendären Duschmord als auch auf die schizophrene Persönlichkeit von Anthony Perkins alias Norman Bates verweist.

Psycho

Weitere berühmte Beispiele von ihm sind Preminger’s The Man With the Golden Arm (1955), eine Scherenschnittanimation des Arms eines Drogenabhängigen und Alfred Hitchcock’s North by Northwest (1959), wo der animierte Text allmählich in eine Vogelperspektive auf das United Nations Building übergeblendet wird. Zu den Klassikern zählen auch die James Bond-Vorspanne, so u. a. Terence Youngs Dr. No (GB 1962, Vorspann Maurice Binder).

North by Northwest (Der unsichtbare Dritte)

Zum audiovisuellen Repertoire von Vorspannen gehören Logos, Schriften, Formen, Farben, Musik und Geräusche. Gesprochene Sprache wird eher selten eingesetzt, aber es gibt Ausnahmen, wie z. B. der bemerkenswerte Abspann von The Magnificent Andersons (1942, Vorspann Orson Welles), in dem Orson Welles mit seiner prägnanten Stimme aus dem Off seine Crew vorstellt und dabei ironisch auf den Produktionsprozess verweist, am Ende verschwindet ein Mikrofon aus dem Raum oder auch Jean-Luc Godards Le Mépris (1963), in dem das Produktionsteam aus dem Bildhintergrund auf einem Dolly langsam ins Bild hereinfährt. In Pier Paolos Pasolinis Große Vögel, kleine Vögel (1966) wird sogar gesungen. Bemerkenswert oft sind Vorspänne animiert oder bestehen aus graphischen Elementen, auch wenn danach ein Realfilm folgt. Ein schönes Beispiel hierfür ist Steven Spielbergs Catch Me, If You Can (2002, Vorspann von Olivier Kuntzel und Florence Deygas).

Catch Me, If You Can

Neben dem Arbeiten mit Animationen und abstrakten Elementen gibt es einen deutlichen Trend hin zu Großaufnahmen auf Augen, Münder und einzelne Körperglieder. Dabei wird häufig mit Verrätselungsstrategien gearbeitet, so dass mitunter nicht klar ist, welcher Körperteil jetzt gerade gezeigt wird, wie z. B. in Goldfinger (GB 1964, Vorspann Robert Brownjohn).

Goldfinger

Interessanterweise sind gerade bei Action-oder Horror-Filmen die Vorspanne häufig die Ruhe vor dem Sturm. Selbst bei sehr actionreichen Filmen ist die Musik am Anfang häufig noch harmonisch. Stanley Kubricks The Shining (1980). Verschwindend klein schraubt sich das Auto anfangs in der grandiosen kanadischen Szenerie der Rocky Mountains, in immer höhere Lagen, bevor es an dem späteren Schauplatz des Grauens, einem Hotel in der kanadischen Einsamkeit ankommt. Wunderschön und poetisch ist es anzusehen, wie sich Jane Fonda in Roger Vadims Science-Fiction-Film Barbarella (1968, Vorspann von Maurice Binder) frei schwebend im Raum aus einem Raumfahrtkostüm schält.

Barbarella

Die Ausstellung VORSPANNKINO in den Berliner Kunst-Werken in der Auguststr. 68, Berlin-Mitte, noch bis zum 19.04.09, widmet mit 54 Exponaten aus aller Welt und der ganzen Filmgeschichte dem vernachlässigten Genre die lang verdiente Aufmerksamkeit. Mit der gesammelten Vielfalt vermag sie einen überzeugenden Überblick darüber zu geben, welche Kreativität in dieser von auf knapp 20 verknappten Sekunden bis knapp fünf min andauernden Kunstform stecken kann. Wer gerade nicht in der Hauptstadt weilt, kann sich auf ständig wachsenden Websites wie The Art of the Title oder Forget the Film, Watch the Titles einen Überblick über die Vielfalt des Genres verschaffen.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29992/1.html
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