Werden aus enttäuschten "Söhnen des Irak" wieder zornige junge Männer?

Thomas Pany 24.03.2009

Keine Jobs, kein Geld: Die erwachten Sunniten läuten mit den Alarmglocken

Den Awaking-Gruppierungen im Irak (siehe Das große "Erwachen" im Irak) wird von vielen Seiten zugestanden, dass sie ein maßgeblicher Faktor für den - relativen - Rückgang der Gewalt im Lande waren. Die friedensbringenden Erwachten wurden als Bekehrte gefeiert: Sunniten, die dem Widerstand und machmal auch al-Qaida den Rücken kehrten, um aus patriotischen Motiven den Besatzern zu helfen – beim Kampf gegen al-Qaida und generell gegen "fremde, ausländische Kämpfer, Terroristen und Dschihadisten", die das berühmte Diktum des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush beim Wort nahmen und den Irak ebenfalls als Hauptkampffeld begriffen und in größeren Scharen dorthin strömten.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Es gab allerdings schon immer auch Skeptiker, die der Erzählung von der rein patriotisch motivierten Bekehrung misstrauten. Sie hielten das amerikanische Geld, das an die Awakening-Gruppen und -Clans floß, einschließlich materieller Unterstützung (genannt wurden immer wieder auch Waffen) und der damit verbundenen Festigung von Machtpositionen in den lokalen Gefügen, für die tatsächlich wirksame Ursache, die die Guerillas zum befristeten Schulterschluss mit den Besatzern bewegte. Diese Fraktion dürften die jüngsten Meldungen aus dem Lager der Erwachten nicht überraschen, sondern in ihrer Sorge bestätigen.

Dass nämlich ein beträchtlicher Teil der lange Zeit von den Amerikanern bezahlten Sunniten keinen festen Job im von Schiiten geführten Staat bekommen werde, dass der Sicherheitsdienst der sunnitischen Kämpfer künftig weniger benötigt würde, und dass manche der Awakening-Führer auch hinter Gitter kommen könnten, war von den Skeptikern lange vorausgesehen worden. Jetzt ergaben Recherchen der New York Times, dass von 100.000 Erwachten gerade mal 5 Prozent, also 5.000 Mann, einen festen Posten bei den irakischen Sicherheitskräften bekamen. Da der niedrige Ölpreis den irakischen Staatshaushalt wichtiger Einnahmen beraubt, werden die Mittel knapp und das Einhalten von Gehaltszahlungen und von gegebenen Versprechen - Premierminister Maliki wollte 20 Prozent im Polizeidienst beschäftigen und die anderen 80 Prozent in verschiedenen Ministerien – wird schwierig: Die Hoffnung der Awakening-Sunniten auf Jobs und Einnahmen schwinden, der Groll gegen die schiitischen Machthaber wächst, so das Stimmungsbild, das die Zeitung übermittelt.

Dass Maliki bislang 164 Mitglieder der "Sons of Iraq", wie man die US-freundliche "Stammesinitiative der Sunniten" später zu nennen begann, hinter Gitter bringen ließ, ist ein weiterer Grund für die Empörung unter Sunniten. Auch wenn amerikanische Verantwortliche "gute Gründe" für den Großteil der Festnahmen erkennen, von Seiten der "patriotischen Söhne", die auch das anders sehen, heißt es, dass es in Wirklichkeit viel mehr sind. Zwischenfälle, bei denen ein bekannter Awakening-Führer im Gefängnis von Extremisten umgebracht wird, zeigen darüber hinaus, dass Gewalt und Rache im Irak noch immer teuflische Kreise bilden.

Ob die von Maliki enttäuschten Sunniten einen größeren Rachekreislauf neu beleben werden, ist allerdings schwierig zu beurteilen. Natürlich spekuliert der Bericht der New York Times mit dieser Möglichkeit. So wird angedeutet, dass manche Kämpfer wieder zur al-Qaida zurückkehren könnten und das Ganze wird mit Lage-Berichten von amerikanischen Militärs verbunden, die rund um Bagdad kleinere "Gewinne" bei al-Qaida in Mesopotamien beobachten.

Doch dürften vor solchen Rückkehrüberlegungen, denen nicht nur große symbolische Bedeutung zukäme, ganz praktische Überlegungen stehen. Man braucht Geld fürs Überleben: Die Amerikaner zahlten gut; die irakische Regierung immerhin 600 Dollar für einen Offiziersposten und 250 bis 300 Dollar für einen normalen Regierungsposten. Darum geht es erstmal, um eine gute Verhandlungsposition, die klarmacht, wie wichtig die Erwachten für die Sicherheit Iraks sind.

Für die neue US-Regierung, die sich militärisch vor allem auf "Afpak" (Afghanistan, Pakistan) konzentriert, wäre ein erneutes Aufflammen der Unruheherde im Irak fatal. Dazu kommt ein weiteres Problem: amerikanisches Geld, das vor Jahren noch palettenweise im Irak kursierte, ist weniger geworden.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29993/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS