Neuroimplantate, pharmakologisches Menschendesign und Elitenzucht?

Die Welt im Jahr 2070 - Teil 2

Der Erfolg der zukünftigen Implantat- und Pharma-Technik wird sich zum einen an dem praktisch Möglichen orientieren, zum anderen aber auch nach den Medien verhandelten Körperbildern richten. Diese Bilder wiederum entstehen in einem Meinungsraum, der den wirtschaftlichen Interessen der Medien, aber auch den realen Lebensverhältnissen Rechnung trägt. Anders formuliert: Je krisenhafter die Lebensbedingungen der Menschen (und das ist sowohl ökonomisch wie mental gemeint) sein werden, umso eher werden sie geneigt sein, den Verheißungen einer Technik zu glauben, die sie "weiter bringt", nämlich "von hier weg", und sie damit gleichsam erneuert.

Auf der anderen Seite gilt: So faszinierend oder gar erschreckend manche Bilder von Prothesen und neuronalen Implantaten auch sind, sie zeigen die erweiterte Form längst bekannter Manipulationen am Körper. Dieser war schon immer Objekt kultureller Inszenierung. Mann und Frau verhüllt sich mit Kleidung, bemalt sich mit Make-Up, formt sich durch Sport und Diät. Wie dies im Einzelnen genau geschieht ist primär Ausfluss sozialer Bedingungen. Der Körper war daher schon immer eine soziale Affäre. Diesen Körper hat man, in Ergänzung dazu ist man sein Leib. Aus philosophischer Sicht wird dieser "Leib" als das höchst subjektive innere Erleben definiert. Helmut Plessner führte diese tiefsinnige Unterscheidung ein. Hier der sozial geformte Körper, dort der nur selbst erfahrbare Leib. Sicherlich kann man dessen Empfinden mitteilen, dies geschieht aber über ein seltsames Mitteilungssystem, das "Sprache" genannt wird. Leib und Körper sind im Alltag miteinander verbunden, für die Analyse kann man sie differenzieren, faktisch sind wir Menschen beides gleichzeitig.

Diese Unterscheidung findet sich in anderen Ideenschulen wieder. "Wir haben keine Körper, wir sind Körper", behauptet Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie, und spielt damit auf diese Leiblichkeit an. Um es kurz zu machen: Ein Übermaß an Körper-Inszenierung als soziale Affäre behindert das Leibsein als subjektive Erfahrung. Es wird eine interessante Aufgabe der Zukunft sein, die Häufigkeit von Körper-Inszenierungen mit der von bewusst erfahrener Leiblichkeit zu vergleichen. Wie sich die Enhancement-Techniken hier einfügen ist nicht entschieden, können sie doch beiden Ideen dienen.

Wie schon heute wird der Einzelne sich auch zukünftig steigenden Elastizitätsanforderungen gegenüber sehen. Und egal wer diese Zumutung nun stellt, ob der Markt oder der Staat, "das neue Prinzip der Herrschaft ist weniger die Unterdrückung als die stetige Überforderung", wie Thomas Alkemeyer es formuliert hat. Eine Hoffnung könnte sein, dass beispielsweise die durch Meditationstechniken erfahrbaren Einsichten in die Strukturen des Selbst so wirkmächtig sind, dass Körper- Inszenierungen auf ein gesundes Maß beschränkt bleiben. Selbstkontrolle mag Teil des neoliberalen Programms zu sein, sie birgt aber auch das Potenzial, sich selbst in den Tiefen kennen zu lernen, die Ruhe dort zu entdecken und wie selbst-verständlich der ständigen Überforderung zu entsagen. Dies wäre der Anfang der nötigen Abkehr von der "flüssigen Moderne" (Zygmunt Bauman), die nicht mehr daran geglaubt hat, dass eine menschenbestimmte Ordnung der Dinge möglich ist.

Herrschaft der Beherrschten

Die selbst in die Hand genommene Evolution ist Thema aller menschenverachtenden Systembetreiber. Ihre Hoffnung: Gleichmäßig gestaltete und getaktete Menschen erbringen gleichmäßige Leistung. Michel Foucault hat als einer der ersten den Blick auf den Zusammenhang von Techniken der Selbstdisziplinierung und Herrschaftsinteressen gewendet. Aus dieser Sicht kann auch die zukünftige Enhancement-Bewegung, sei sie nun pharmakologisch oder chirurgisch, eine Erfüllungsgehilfin ökonomischer Interessen sein: Ein optimierter Körper erbringt maximierten Produktivitätsoutput. Die politischen Akteure würden sich dann weiterhin bemühen, die früher als gesellschaftlich definierten Risiken wie Armut, Arbeitslosigkeit und eben auch Krankheit zu Problemen der Selbstsorge zu machen. Es gilt: Unnütz ist, wer seinen Körper nicht unter Kontrolle hat.

Auch die Menschen der Zukunft werden im Rahmen des herrschenden Wirtschaftssystems agieren. Daher werden sie sich fragen müssen, ob ihre erweiterten Sinne nicht ganz im Sinne eines Kontrollsystems funktionieren, das in Menschen letztlich nur Produktionsfaktoren sieht. Schon heute glauben soziale Gruppen, alleine durch den Konsum illegaler Pharmaka und Substanzen sowie non-konformistischen Habitus außerhalb der Gesellschaft zu stehen. In Anlehnung an Hans-Christian Dany wird es aber auch zukünftig "gute Gründen geben, in den falschen Umständen nüchtern zu bleiben."

Denkt man sich zukünftige Prothesentechnik und Neuro-Enhancement für Gesunde als verlängerte Linie des heutigen Fitness- und Pharma-Kultes erschließt sich ein fruchtbares Beurteilungsfeld. Denn die Techniken konnten und können durchaus zu einem selbstbewussten Umgang mit der eigenen Person beitragen ohne dabei zum Steigbügelhalter neoliberaler Interessen zu werden. Es kommt auf die innere Zielrichtung des Anwenders an. Je freier er oder sie sich von der Fremdbestimmung macht, und je mehr er oder sie auf die Auswirkung auf die sozialen Beziehungen achtet, desto eher wird Enhancement das werden können, was es sein sollte: Eine Erweiterung aus sich selbst heraus.

Damit ist Nietzsches Übermensch angesprochen. Für diesen ist Gott tot, aber nicht, weil er ihn verloren hat, sondern weil er ihn in sich selbst zurück genommen hat. Dort, im Innersten, soll er ihn nutzbar für sich selbst machen und das sich ewig wiederholende Weltspiel zu erkennen. Was heute herrscht ist dagegen der "Übermensch aus der Apotheke" (Peter Slotderdijk), der meint, mit immer mehr Hilfsmitteln über sich selbst heraus wachsen zu müssen. Und bei Spitzen- wie Freizeitsportlern gleichermaßen bleibt dabei das Spielerische auf der Strecke. Klüger dürfte für alle Beteiligten zukünftig die Besinnung auf autonom empfundene Innerlichkeit sein.

Und wer bezahlt die Rechnung?

Die innere Verbundenheit lässt Gehirn und Körper anfällig für Nebenwirkungen sein. Jedweder Eingriff in das sensible System, sei er pharmakologisch, sei er prothetisch, sei er genetisch, lässt aller Wahrscheinlichkeit nach psychische Nebenwirkungen auftreten. Und wenn es nur andere Träume sind. Bob Goodman, ein Farmer aus Oregon, und einer der ersten Menschen mit einer gut funktionierenden Armprothese, erzählte im Jahr 2000: "Früher hatte ich in meinen Träumen nach meinem Unfall zwei Arme. Heute nur einen ? oder gar keine."

Solche Nebenwirkungen sind nicht neu, ihre Tragweite wird schon heute mit den Therapiezielen abgeglichen. So werden die starken Nebenwirkungen von Antidementiva in Kauf genommen, weil der demente Patient mit ihnen im Alltag insgesamt ein Stück Lebensqualität zurück gewinnt. Auch die Beeinträchtigung des Wachstums bei Kindern mit Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom wird in Kauf genommen, weil die jungen Patienten einen besseren Zugang zu sich selbst erhalten und ihrer Umwelt wieder gerechter gegenüber treten sollen.

Beim Enhancement stellt sich die Frage der Risikoabwägung neu. Denn hier besteht keine Not, dem Wellness-Patienten durch Interventionen in seine Psyche zu helfen. Die kosmetische Neurologie wird zur kostspieligen Privatangelegenheit, von deren Finanzierung sich die Träger des Gesundheitssystem distanzieren werden. Wie so oft wird es Ausnahmen geben, nämlich dann, wenn der ursprüngliche Wellness-Patient nachweisen kann, dass die Nicht-Behandlung weitreichende psychische Folgen für ihn haben würde. Auch dies ist aus der Schönheitschirurgie bekannt.

Da im Normalfall das Gesundheitssystem die Kosten für Neuro-Enhancement nicht tragen wird, bleiben die Techniken der Selbstverbesserung auf finanzstarke Gesellschaftsgruppen beschränkt. Dies schafft Ungleichheit, wie sie schon heute in den getrennten Wartezimmern für Privat- und Kassenpatienten sichtbar ist. Gerade im Implantatsektor lässt sich daher eine Enhancement-Exklusivität prognostizieren.

Gegen die weite Verbreitung der neurotransplantativen Verfahren für Gesunde spricht noch ein weiterer Grund: Während Medikamente absetzbar sind und damit zumeist ein vollständiges Abklingen der Wirkung möglich ist, gelten Gewebeveränderungen als dauerhaft. Ihre Irreversibilität macht sie zu einer tiefgreifenden und scharfen Intervention in die menschliche Psyche. Selbst wenn unerwünschte Nebenwirkungen weitgehend ausgeschlossen werden können, so ist das Gehirn dauerhaft in der Morphologie seiner Verschaltungen verändert. Wobei zu berücksichtigen ist, dass einige Psychopharmaka auch nach einmaliger Applikation weitreichende mentale Folgen haben können. Man denke beispielsweise an die sogenannten Halluzinogene (LSD) und Entaktogene (MDMA), die bei Patienten nach wenigen Therapiesitzungen zu neuen Weltsichten führen, deren Inhalt sich eben auch auf der neurologischen Ebene manifestiert. Strickt man diesen Gedanken weiter, so muss man feststellen, dass sich durch alle Eindrücke im Lebensalltag das Gehirn ständig verändert. In diesem Sinne ist man nie derselbe, der man noch gestern war. Die entscheidende Frage ist nur, welchen Interventionen welche Qualitätstiefe inne wohnt. So kann eine Weltreise die Psyche eines Menschen unter Umständen mehr verändern als das Einweben von neuen Nervenzellen in einem kleinen, in seiner Funktion eng definierten Hirnbereich.

Erlösung

Ein Verbot von Techniken des Freizeit-Enhancements, seien sie transplantativ oder pharmakologisch, wird so lange keine Wirkung zeigen, so lange die gesellschaftlichen Verhältnisse die Optimierungsmethoden unbewusst fordern. Dies deutet auf das System hin, das inhärent auf ein "immer mehr" hin ausgelegt ist, ein System, das zur Selbsterhaltung auf Konsum aller Beteiligten angewiesen und zur Produktion der Konsumgüter (von denen keiner mehr so genau weiß, wofür er sie überhaupt braucht) auf eine Ressource angewiesen ist, deren Endlichkeit in den letzten Jahrzehnten überdeutlich geworden ist: die Natur. Ein System, in dem die vorbildbehafteten Spitzensportler nur die Spitze des Eisbergs darstellen, dessen frostig-massiger Kern aus einer Gesellschaft besteht, die an ihrer schrankenlosen Leistungsfähigkeit trainiert.

Die Drogenprohibition hat gezeigt, wie wenig ein "Krieg gegen Drogen" den Konsum von psychoaktiven Substanzen einzuschränken vermag. Noch wenig beleuchtet ist das Phänomen, dass sich das Versagen der Drogenverbots auf Ebene des Doping zur Zeit wiederholt. Trotz eines ausgedehnten Überwachungsapparats und ausgefeilter Nachweismethoden scheint das Dopingproblem nicht in den Griff zu bekommen sein. Woran liegt das? Einerseits an handfesten wirtschaftlichen Interessen der olympischen und allgemeinen Profisport-Bewegung, andererseits an der allgemeinen Chemiesierung der Gesellschaft, die ihre Körper insgesamt zur Disposition gestellt hat.

Die neueste Hoffnung ist das Neuro-Enhancement durch psychoaktive Substanzen wie Modafinil. Dabei zeigt die Geschichte der Pharmakologie sehr deutlich, wie wenig die sogenannten "Smart-Drugs" zu leisten in der Lage sind. In unregelmäßigen Abständen wird eine neue Sau durch das Dorf getrieben; früher Piracetam, dann die Ampakine, für Hartgesottene sogar Antidementiva wie Donepezil und als Naturvariante etwas Ergoloid oder Ginkgo biloba. Alle diese ehemals gehypten Substanzen sind den Nachweis ihrer Wirksamkeit auf lange Sicht schuldig geblieben. Und auch Modafinil ist kein "cognitive enhancer", wie gerne kolportiert wird, sondern ein Stimulans wie Koffein. Wie dieses entfaltet es seine Effekte primär dadurch, dass man länger wach bleibt.

Die Lust der Menschen auf Körpermodifikation und Erweiterung lässt sich nicht darauf reduzieren, dass hier nur unbewusste Opfer des Produktionssystems agieren. Gerade dort, wo sie der Förderung des subjektiven Wohlbefindens dienen haben sie eine ästhetische und erlösungssuchende Dimension. Zweiteres ist das Entfalten des Enhancement in die Unendlichkeit. Die Geschichte der KI und der literarischen Cyborgs war und bleibt von einer spirituellen Hintergrundmusik begleitet. Technik ist danach eine Leiter, um in die von allem Unbill gereinigten Sphären zu gelangen. Dort, wo im göttlichen Reinraum Halbleiterchips hergestellt werden, die schneller rechnen als der Allmächtige.

In seiner Extremform arbeitet Enhancement an der Selbstauflösung des Körpers, indem immer mehr Körperfunktionen an eine technische Einheit übergeben werden. Diese Übergabe wird als umso bedrohlicher, aber auch faszinierender diskutiert, desto mehr sie Kernelemente der personalen Identität betreffen. Die Angst einerseits: Eine Mensch-Maschine-Identität. Die Hoffnung andererseits: Nach dem Tod Gottes und der Entzauberung der Welt lockt die Rückkehr der Unsterblichkeit auf technischem Wege. Daran sieht man, dass Enhancement in Teilen auf der kruden und im Grunde schon immer überkommende Idee fußt, alleine durch das isolierte Optimieren des Faktors Mensch dessen Abhängigkeit von seiner Umwelt zu verringern. Vieles spricht also für eine neue Natürlichkeit. Dies würde zugleich den Anschluss an den ökologischen Diskurs schaffen, dessen Teilnehmer sich ja weitgehend einig sind, dass der Mensch sowohl in Abhängigkeit von der Technik als auch in Abhängigkeit von seinen natürlichen Ressourcen zu denken ist.

Ich danke Steffen Rosahl, Professor für Neurochirurgie und Chefarzt am Helios-Klinikum Erfurt, für wertvolle Anregungen und Kommentare.

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