Easy Listening

01.02.1996

Vom Muzak zur Musik

Easy Listening, der Trend zum leichten Hörgenuß, schlägt ungebrochen seine Schneisen im Unterholz der Populärkultur. Telepolis nimmt Easy Listening mehrspurig unter die Lupe, beschreibt das Phänomen allgemein, sucht nach historischen Wurzeln und widmet sich ausführlich der CD Serie Easy Listening I bis IV von Curd Duca, der mit seinem Werk dem inzwischen beinahe schon totgerittenen Begriff eine eigene Bedeutung zu geben vermag.

Easy Listening ist gegenwärtig einer der umstrittensten Begriffe in der Musikszene. Für die einen der neue Musiktrend schlechthin, für die anderen totgerittenes Trendwort, das nur noch mit Widerwillen in den Mund genommen wird. Dabei ist man sich nichteinmal wirklich einig, wie Easy Listening definiert werden soll. Für manche ist Easy Listening all das, was bis vor kurzem noch "out" war, ja im Sinne von "style" oder "hipness" sogar als völlig verboten galt - geschmacklose, seichte Orchesterarrangements von Popschlagern. Andere wollen Easy Listening enger definieren. Es handle sich um eine Erfindung der amerikanischen Firma Muzak Inc., die in den fünfziger Jahren begann, spezielle Berieselungsmusik für Kaufhäuser, Fahrstühle und Flughafenwartehallen herzustellen.

Telepolis-Autor Samir Hamami behandelt Easy Listening aus der Insiderperspektive

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Im folgenden soll einer vereinfachenden Definition von Easy Listening ausgewichen und ein breiterer Horizont für diese neue/alte Hörerfahrung entwickelt werden. Easy Listeningals all das zu beschreiben, was für Trendmenschen früher verboten war, führt den unerfahrenen Medienkonsumenten auf die falsche Fährte. Denn natürlich ist nicht plötzlich das Schlechte gut und das Gute schlecht. Vielmehr wurden in der trendigen Jugendmusik-Kultur jahrzehntelang bestimmte Elemente überbetont, während andere unter den Tisch fielen. Die Musik mußte rasant und aufputschend sein, mußte den Leuten in Clubs oder Konzerthallen den "Kick" versetzen. Laute E-Gitarren, hämmernde Beats und Monsterbässe waren die dazu gerne angewandten Mittel. Zuhören im musikalischen Sinn war eigentlich gar nicht nötig, weil die Wirkung, vor allem bei entsprechender Lautstärke, sofort und unmittelbar körperlich spürbar wurde.

Schon seit einigen Jahren und zunächst unbemerkt von Trend-Gurus schufen sich Musikfreunde, die sich bereits durch verschiedenste Stilrichtungen gehört und gelebt hatten, ob Punk, New Wave, Rap, Noise oder Techno-House, ihre eigene Kultur des Musikerlebens. Überdrüssig des ewigen Schneller, Lauter, Härter, entdeckten sie die subtilen Freuden der lazy tunes. Oft gehörtes, aber von vielen Schichten der Aktualität überlagertes Musikgut wurde aus verstaubten Plattenkisten hervorgekramt. Verschrobene Orchesterarrangements, 60ger Jahre Krimi-Soundtracks, Münchener 70ger Jahre Disco, deutscher Schlager, uralte Soul-Heuler, Cool Jazz und anderes kam zu ungeahnten Ehren. Musik, die sich nicht aufdrängt, weil sie eigentlich längst Teil des eigenen musikalischen Unterbewußtseins ist. Sie berieselte uns von Kindsbeinen an in Tv-Serien, Werbung, Pop Radio und, ja auch, in Hotel-Fahrstühlen und Kaufhäusern. Musik, deren Seichtheit zu vordergründig ist, als daß sie keine Fallen böte, in die man wie in Gletscherspalten unerwartet stürzt. Diese Fallen sind zugleich das Interessante, der Ort, an dem die Entdeckerfreude beginnt. Easy Listening ist Musik, in die man sich bequem sinken lassen kann wie in ein plüschiges Barsofa. Es ist Musik, die zu nichts zwingt und alles offenläßt.

In diesem Sinn ist Easy Listening nicht nur Musik, sondern auch eine Haltung, ein Lebensstil als bewußte Gegenbewegung zu den immer größer werdenden Techno Raves, wo Zehntausende, in riesigen Hallen von monotonen Beats behämmert und von gigantischen Lightshows gelasert, zappeln wie ein verdrahtetes Stück Wetware. Easy Listening dagegen läßt das Gespräch zu in Bars, die wie verlängerte Wohnzimmer sind. Die Musik ist dabei wie das Aphrodisiakum im Cocktail, man nimmt es nicht wahr, doch es ist vorhanden und beeinflußt die Stimmung.

Easy Listening

Konzeptuelle Vorfahren des Easy Listening Trends

Das musikalische Hypertextsystem des Curd Duca

Curd DucaŽs musikalischer Werdegang

Easy Listening - Heavy Thinking

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