Zero Gravity

Krystian Woznicki 04.02.1997

Zwischen Urzeitelectronics und Neo-Japanoise

Japan gilt nicht nur als Wunderland der Technologie, es hat sich dort gerade auch im technologischen Underground eine Musikszene entwickelt, die über die den Japanern immer wieder unterschobene 'Imitation' westlicher Kulturgüter inzwischen weit hinausgekommen ist und ihre eigenen Stile und Traditionen entwickelt hat, die nun wiederum bei uns begierig aufgesogen werden. Neo-JapaNoise eben. Der Bericht von Krystian Woznicki aus Tokyo über das neugegründete Label 'Zero Gravity' ist mithin mehr als nur ein Labelreport, ein Streifzug durch die jüngere japanische Experimentalmusikgeschichte mit seltsamen Querverweisen zu frühem Elektronikkraut made in Germany.

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I. Schall; schwerelos?
Spätestens seit 1995 ist auch in Japan ein Stakkato von Neuerscheinungen/Labelgründungen im Bereich neuer elektronischer Musik mitzuverfolgen gewesen. Allianzen zwischen Tokio, New York und Frankfurt, oder der Ken Ishi-meets-Yamatsuke Eye-Streich bilden nur die Spitze vom Eisberg.

- Wir sitzen im notorischen Cafe Renoir in Yoyogi- direkt nebenan der Spielpalast: funkelnde Störgeräusche; im vierten Stock das Studio: secret... technology; mir gegenüber der Macher des im August'96 gegründeten Labels 'Zero Gravity': Kazunao Nagata, der, hochgewachsen im Sessel versackend, seinen introvertierten Dr.Snuggles-Blick, direkt umgeleitet, im rauchverqualmten Exterieur weidet..

Wenn es etwas gibt, was im augenblicklichen Überangebot an sogenannten Post-Technokompositionen mein Interesse an Nagata's Label stimuliert hat, dann zum einen sicherlich sein Gespür, dem bereits seit 1994 im Kassettenmarkt zwischen Kurara, Paris und Peking hochdotierten (damals noch 17-jährigen) Utah Kawasaki zu seinem ersten Album 'Static Pulse' zu verhelfen. Zum anderen gefällt mir, daß er 'Zero Gravity' irgendwo zwischen Oval und Boredoms angesiedelt sieht; eine Selbsteinschätzung, die bei den klar stoisch und minimal ausgerichteten Rechnerkompositionen eher verwundern müßte und zunächst als Opportunismus erscheinen mag.

II. Auto-Bahn
Roppongi: Tokios Khaosan Road. Abseits des Rummels, vorbei an der russischen Botschaft ragt Tokyo Tower (eine naturgetreue Nachbildung des Le Tour d'Eiffel); im vierten Stock: das Wax Museum; darin, man glaube es oder nicht, stehen neben den Beatles, Frankenstein und Marylin Monroe, Klaus Schulze, Manuel Götsching und Mani Neumeier! Ich kenne kaum einen musikhörenden Japaner, der mich nicht auf 'Der Plan' angesprochen hätte; kaum einen, für den nicht mit Krautrock Musiksozialisation begann. Nicht nur für Nagata war YMO dann der maßgebliche zweite Schritt. Ich denke mal, daß Isao Tomita für ihn den Uebergang zu Yuji Ono, und damit zum weitläufigen Terrain japanischer Soundtracks der 70ger ermöglichte, Nagata's momentane feste Größe. Das Anfangsstadium eher typisch, fast Standard. Ist die Vorliebe für Ono Yuji's Soundtracks (die man vielleicht hauptsächlich aus Filmen mit Yusaku 'Kojek' Matsuda kennt) der gemeinsame Nenner von Japan Noise der neuen Schule (wie durch Jon, VOG und Boredoms vertreten) und dem Experimental-Techno von 'Zero Gravity'? Ja... sicherlich, doch müßen Knotenpunkte nicht erst konstruiert werden.

III. Both Worlds
Als letztes Jahr die Nachricht durchsickerte, daß Yamatsuke Eye Ken Ishi remixen würde, waren Kritiker-Reaktionen eher verhalten. Revolutionär wars ja wirklich nicht, aber Freude über das Zusammenkommen von zwei Favorites of Both Worlds konnte sich eigentlich niemand verkneifen. Weniger eine bahnbrechende Liaison also, als ein Heimspiel auf Ishi's Basisstützpunkt 'Sublime Records'. Fielen beide Namen bisher nur im Rahmen von Aufzählungen japanischer Vorzeigeexportgüter, so sollte jetzt auch hierzulande ein Abtastprogramm beide Größen einander näher bringen. Viel Blindgang war allerdings nicht nötig. Eye's Beitrag auf dem 95 erschienen Album 'The Geisha Girls Show' war ja mehr als ein eindeutiger Hinweise darauf, daß er, trotz von Imperialismus verschuldeter Sprachverdurstung, kein Feind von westlicher Technik sein muß, um seine Antithese zur westlichen Rocktradition täglich neu zu deklinieren; Technik, vor allem der Moogsythntie, dient ihm seit geraumer Zeit auch bei diveresen Ausflügen mit 'Hanatarash' als Grundausrüstung. Doch entscheidende Schritte, oder besser, Würfe wurden von dem bisher vielleicht nur aus Half Japanese/Jad Fair Kollaborationen bekannten Yximallo (lies Ishimalloo) in den 80gern gemacht. Bei unzähligen Waschgängen (stets Tape, fast immer Mono) geriet da so einiges bei ihm durcheinander, nur um daraufhin als (Sound-)Schrumpfung, oder (Beat-) Abfärbung dem Körper neue Bewegungslehren zu verordnen; sprich: what you get is, what you don't; oder halt: Freestyle! Kling-Klong-Klang-Kleider machen Leute. So, oder ähnlich habe ich das mal in einem Buch über Benoit Maubrey gelesen...

In einem Pachinko-Palast gibt Ishimalloo vor, in der Abgeschiedenheit prasselnder, purzelnder Metallkugeln seine Komponierkunst trainiert zu haben. Folglich wabbert bei ihm alles: Stimmengewirr von Strichmännchen beim Voodooritual, Klangtexturen, aber auch hyroglyphische Schriftprinzipien geraten ins Wanken. Letztere, vorallem auf 'The worst of 1982', verlieren sich im ganz in Weiß gehalteten Cover. Auf 'The worst of 1986' machte er uns mit der Synthese von Ägyptischer Zeichenlehre und Hypertextästhetik bekannt- 'Black Dog' unplugged. Beim bloßen Hinsehen kaum erkennbar, reihen sich dort (in Neonpink auf Neongrün) 33, meist ein- bis zweiminütige Titel wie u.a. 'Gas Ceremony of Local Society', 'Picnic for the Hungry Ghosts'. Anklänge an frühe YMO, dann mal eine Parodie auf Bo Gumbos und immer wieder leiernde Kinderlieder aus dem Nintendo Versandkatalog a la Masako San.

Zwischendurch gibts Märsche: eher selten monotone Beats wie bei 'The Cure' zu 'Pornography' Zeiten, seit jeher irregehende Ameisenvölker, die mit verstärkten Überwachungsmikrophonen unterm Stiefel Fiberglasleitungen entlang balancieren. Durchgängig wird man den Gedanken eigentlich nur schwer los, daß es sich hier um auf CD gepreßte Rohschnitte eines Spiele-Soundtracks Komponisten handelt; Rohschnitte, die nur darauf warten, aus der inneren Logik der Maschine (etwa: er sitzt auf einem Virus und kommt aus dem Spiel nicht mehr raus), in kosumierbare Sprache übersetzt zu werden. Und so verfestigt sich auch der Eindruck von Ishimalloo's frühem und tiefem Wissen um Atari-Teenage-Lust und dergleichen.

Das zweieinhalbminütige 'Night Tripper Animals's Internal Organs', oder 'Erotic Shooting' und 'The Political Dynamics', das noch viel stärker von Anklängen an Scores aus Bela Lugosi-Filmen beseelt ist, führt vor, was in den frühen 80gern zwischen Post-Rock und Post-Techno in Japan am Zergliederungspult gesetzt wurde.

IV. Alles nur Übermittlungsabfall?
Zurück zu 'Zero Gravity'. Ist der Name mal wieder eine Hommage ans Space-Age? Hmm...zunächst fallen mir ganz andere Dinge ein: zum einen vielleicht ein Versuch, Anschluß zu Neo-Pop-Kunstprojekten zu finden, wie der von Koji Nishimatsu initiierten Anti-Gravity Band 'Jonnie'; oder ein Programm, distillierende Behandlungen neuester technologischer Entwicklungen mit der Tendenz, Gewicht und Größe auf einen gemeinsamen Nenner, 'Zero', zu komprimieren, in Ton umzusetzen. Hmm...oder vielleicht ein offenes Zitat als ironische Anspielung auf KK.Null, den suiziden Drahtzieher der hiesigen Heavy-Noise-Scene. Seit letztem Jahr gibt es ja auch ein neues Überidol in Japan namens Rei, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet als 0, Zero. Doch weit gefehlt. 'Zero Gravity', ist dem gleichnamigen Titel einer Nick Pascal Platte entnommen. Im Zuge dessen ist meine Aufnahme von TagoMago aka Tsuyoshi Nakamaru 'Flower Instrumental' - er hat mit diesem Werk die siebte Auskopplung des Labels vorzuweisen - eher milde als zynisch.

Benachbarte Graphikdesignbürogrößen nennen sich 'Autobahn', oder 'Plank'. Der berühmteste japanische Kunstkritiker heißt Noi (als Verweis auf NEU, versteht sich), da kann sich auch ein Tonkünstler TagoMago nennen, von mir aus. Auf 'Flower Instrumental' hat er neun Stücke eingespielt, die, wie alle 'Zero Gravity' Releases von Nagata koproduziert wurden. Als er letztes Jahr im Herbst für Tortoise eröffnete und das sechzehnminütige 'Primary Structures' vortrug, fiel es allein schon durch Dauer und Zähigkeit auch bei den ausländischen Besuchern auf. Roedelius, Moebius, und wie sie alle heißen, sind Wegweiser auf TagoMago's Erkenntnissuche, stecken ihm tief in den Knochen.

Erhellende Momente stellen sich dann zum Beispiel bei 'Ready Made' ein, das zweite Stück auf der CD, auf dem neben Philip-Glass-klaren Rhythumslianen dezent verstreute Einwürfe von krispigem Goldstaub, oder Diodenblitzen aus Zeus' Zauberstab wiederholt an den Tastsinn des Ohrs appellieren.

Nagata Kazunao, der neben 'Zero Gravity' auch das eher konventionelle Technolabel 'Transonic' leitet, und an veschiedenen anderen Projekten und deren Organisation maßgeblich beteiligt ist, hat zwischendurch noch Zeit gefunden, sein eigenes Soloalbum auf 'Zero Gravity' zu produzieren. Die Stücke auf 'The Sound of Electronic Music' kommen massiv daher, huldigen durchwegs der von Fripp entwickelten Elegie (Als ich 'No Pussyfooting' zur Sprache bringe, beschlägt sich seine Brille von Außen...).

Den Synthesizer bearbeitende Finger gleiten ab, abrupte Tempiwechsel, immer dann am besten, wenn auf minimalstem Spielraum, innerhalb begrenzter Klangspektren vollzogen. Überreitzte Aufläufe von Klangfiguren verengen die Audio-Arena nur, um ploetzlich, sich verdünnisierend, einer Weitläufigkeit zu weichen, wie wir sie nur von einspurigen Monogebirgen kennen. Auf Abstraktes folgt mal ein Track mit Conga & Bongo-Percussion, in dem sich Nagata gerne auch in einer irdischen Zukunftsvision verliert.

Vier etwa gleichlange, innerhalb eines Monats aufgenommene Stücke tragen, von 1-4 durchnummeriert, den Titel zoom auf Tamarus 'Karmaless'. Er muß sich Einflüsse elektroakustischer Musik nicht schämen, doch den hierzulande gezogenen Vergleich zu Bernhard Günter kann ich nicht ganz nachvollziehen. Denn zoom kann hier eigentlich nicht für entfernte Klangwelten, also für Musikwahrnehmung unter Zuhilfenahme von Tele-Hörgeräten stehen. Gemenge von Elektrodenfrachtern, ja, Schwerlastiges; Geschiebe von Soundtonnen wie bei Vangelis zu 'Beaubourg' Zeiten. Neben Urzeitelectronics gibts auch differenzierte Klangschichtungen bei Tamaru. Im dritten dreizehnminüter (vielleicht am meisten an Günter erinnernd), ist prickelndes Knattern über den trolligen Grundton gewoben.

Schnarchende AL-Schnecken, Endzeitröcheln von sich gebende Barbiepuppen, knirschende Zeit-loopen, eiernde Kugellager, ein Echolot darf natürlich auch nicht fehlen, aber aus dem Maul eines Murmeltiers bitte. Don't judge a book by its cover. Das hätte man dem Mann hinter 'Static Pulse' mal zuflüstern können, dann hätte er sich nicht aufgeschwungen das 'Dschungel Buch' neu zu vertonen. Anders kann ich mir auch nicht erklären, warum das Album teils durch diesen enthemmt zoologischen Klangcharakter geprägt ist. Verspielt, albern, atonal. Meist einminütig. Kantig. Was Nagata Kazunao als eine seiner schwierigsten Selektionsoperationen beschreibt, hat in einer schlaflosen Dreitage-Session siebenunddreissig Stücke werden lassen. Kein Wunder, lagen eine-Woche-Schalfrationen bei weitem überdauerndes Material des zur Zeit noch immer an der Waseda Universitaet Soozologie studierenden Utah Kawasaki vor. Er tritt im Grunde das doch sehr vielfältige Erbe Ishimalloo's kongenial an, kann aber natürlich nicht überall weitermachen.

Auf Stimmen verzichtet er zum Beispiel fast komplett; konzentriert und vegetiert einiges. Das Titelstück eines Rechnerspiels kann ihm genausoviel bedeuten, wie das zum Klingen bringen des der Quietschente innewohnenden kollektiven Unbewußten. Unüberhörbar ist, daß er, seiner Generation entsprechend einen wesentlich direkteren Zugang zu Maschinen genießend, übermäßig viel Zeit mit deren eigenhändiger Zerstümmelung verbringt, so daß er als Result elektronische Klangkombinationen, Skizzen vom Versuchsaufbau, Fragmente (mehr denn Songs oder Stücke) vorzuweisen hat.

Auf seinen nächsten Schritt darf man also bereits gespannt sein. Auch auf das, was Nagata desweiteren mit dem Label vorhat. Bei 'Zero Gravity' wird momentan an neuen Tracks für ''Chikyuu'' gebastelt, ein Sampler, der u.a. Utah Kawasaki, Tamaru, und den von CCI Recordings bekannten Akira Yamamichi zusammenbringen wird und Mitte April auf 'Touch' rauskommen soll.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3061/1.html
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