Der neue lesbische Chic

Manu. Luksch 09.04.1997

11. Londoner Lesbian & Gay Film Festival 1997

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Ehemann: 'Come back, we are no familiy without you'
Carley: 'Is there just one way to be a family? I changed!'
Ehemann: 'You can't just start changing after all these years!'
(Gelächter im Publikum.)

Und weiter geht's mit überquellenden Hamburgern und unerschrockenen Puffärmeln, giftblau gekachelten Hochschulklos, in Riesenmustern tapezierten Schlafzimmern, und was sonst noch so zum Kleinbürgeraccessoir einer nordamerikanischen Kleinstadt gehört.

Late Bloomers

'Late Bloomers' (Regie: Julia Dyer) ist eines der Aushängeschilder des 11. Londoner Lesbian & Gay Film Festivals, ganz im Trend der 90er Jahre des neuen 'lesbischen Chics', dessen Höhepunkt schon lange für dieses Jahr angekündigt wurde, glaubt man dem Vorwort der Festivalbroschüre oder diversen Zeitungsberichten.
Tatsächlich ist dieser Film aus Texas aber ein Beispiel dafür, wie problem- und tristesseorientiert das Lesben-Thema seinen 'Boom' im Medium Film austrägt (statt auslebt). In diesem Fall verlieben sich die burschikose Mathematiklehrerin und die ehefrustrierte Schulsekretärin, gehen mit dieser Erkenntnis durch dick und dünn, und werden nach durchgestandenen 'Prüfungen' doch von ihrem Bekanntenkreis akzeptiert. Keine schrillen Federboaparties, keine manierierten Tätowierungen, kein explosiver Hardcoresex, sondern eine ganz normale Liebesgeschichte unter ganz normalen Menschen, eingebettet in einem ganz normalen Alltag - und genau davon ist das Publikum begeistert: Entsetzen im Saal, als die Geschwister Julia und Gretchen Dyer, Regisseurin bzw Drehbuchautorin, erzählen, daß Vertriebsfirmen das 'Produkt' ablehnten, weil die beiden Hauptdarstellerinnen (ideal + überzeugend besetzte Rollen), Midlife - Frauen, auf Plakaten nicht schrill genug erscheinen würden.

Da der Film als 'altmodische Romanze' angekündigt wurde, erwartet man keine revolutionären formalen Lösungen, aber die wenigen untergeschobenen 'Kunsthandgriffe' wie verschlierte Nacktbaseballszenen und die stiefmütterlich behandelte Musikauswahl lassen befürchten, daß der anspruchslose cineastische Stil doch nicht ganz freiwillig gewählt wurde... Trotzdem - ein liebevoll erzählter Film, für den auf dieser Welt noch reichlich Platz ist.

Spätestens in der Kurzfilmreihe 'ID' beginnt das Problematisieren des Lesbendaseins selbst zum Problem zu werden. Lebensfreude scheint dieser Szene demnach völlig abhanden gekommen zu sein. In 5 von 7 Filmen (durchwegs Arbeiten von Regisseurinnen) kämpfen kurzgeschorene, schlabbergewandete, entweder mollige oder brillentragende lesbische Mädchen gegen den gesellschaftlichen und medialen Druck (der der 'Hetero-Szene' wohl auch nicht unbekannt ist...), chic sein zu müssen, was halblustig und studentisch improvisiert in den Kurzfilmen abgehandelt wird. Den Beitrag der Festivalkuratoren, qualitätsorientiert auszuwählen, muß man in diesem Block mit der Lupe suchen. Ist das der angekündigte Höhepunkt des selbstbewußten Chics im Lesben-Film?

Filme der Kurzfilmreihe ID waren:
Houdiniana, Marget Long
Junky Punky Girlz, Nisha Ganatra
Nice, Jane Farrow, Kelly O'Brian
Alice Unplugged, Beverly Seckinger, Joyan Saunders
Tongue in Chic, Diane Bonder, Liss Platt
A Day in the Life of a Bull-dyke, Shawna Dempsey, Lorri Millan
Dike, Lisa Hayes

Der Regisseur etlicher Kriegsdokumentationen, Jeff Harmon, goß seine Vorstellungen über Freuden und Leiden der Lesben in ein verfilmtes Musical (Musik, Lyrik, Text, Regie: Jeff Harmon). 'Isle of Lesbos' rühmt sich zurecht, der 'ein bißchen andere Film' zu sein, das schrill-schräge Setting betreffend, nicht aber unbedingt in der Substanz der Botschaft.

Die Gay-Filme wiederum langweilen durch das Auswalzen von Klischees. An vorderster Front Erstlingsfilm 'Twisted' von Seth Micheal Donsky, ein Film der angeblich im New Yorker Untergrund der nächsten Jahrtausendwende angesiedelt und von 'Oliver Twist' inspiriert ist, und der uns wohl sagen will, daß sich hie und da auch eine gute Seele in die homosexuelle Zuhälterszene verirrt: der eingeölte Schönling Angel, der das Waisenkind Lee aus der Gesellschaft weniger netter eingeölter Schönlinge rettet und dafür stirbt. Ein anderer Fehlversuch ist die Verfilmung des erfolgreichen Theatersücks 'My Night With Reg' über sieben schwule Freunde. Regisseur Roger Mitchell bemüht sich, die zentrale Frage, was denn eine gemeinsame Nacht zwischen Freunden bedeute, die im Komödienstil strapaziert wird, radikal in Totalen zu verfilmen, was aber in totaler Langeweile endet.

Die Dokumentarfilme stellten bei diesem Festival die interessanteste Sektion dar. Vielleicht, weil sie ihre Inhalte nicht so verkrampft-gewunden in irgendeine dramaturgische und ästhetische Umsetzung zwängen, wie es leider bei den meisten Spielfilmen den Anschein hatte, oder vielleicht, weil ihre aus erster Hand kommenden Informationen aus diesem gesellschaftlichen Bereich sich nicht sehr oft den Weg durch die Massenmedien bahnen, vielleicht weil hier Filmemacher am Werk sind, denen 'ihre' Themen vertraut sind.

Transsexual Menace

Rosa von Praunheims 'Transsexual Menace' gibt Einsicht in den Alltag transsexueller Personen. Sie schildern ihre Phasen der Selbsterkennung, Entscheidung und physischen Umwandlung in vertrauensvoller Offenheit dem Regisseur gegenüber, von dem sie wissen, daß er nicht bloß auf Jagd nach Sensation ist, sondern - aus ihrer Mitte kommend - seit 25 Jahren an Filmen über dieses Thema arbeitet. Die Interviews vermitteln - entgegen der gedämpften Stimmung in den Spielfilmen - wie sich die Transsexuellen dem 'als-anders-betrachtet-werden' lebensfroh stellen, sodaß man sie am Ende fast um ihre besonderen Erfahrungen beneidet...

Der Titel ist einer amerikanischen, politischen Aktionsgruppe entnommen, in der sich Transsexuelle gegen Diskriminierung und für ihre Rechte engagieren.

'Yang plus/minus Ying', der einzige Beitrag aus Asien, analysiert die chinesische Filmgeschichte (Festlandchinas, Hong Kongs, Taiwans) unter dem Aspekt der Geschlechterrolle. Der Regisseur Stanley Kwan leitet die Dokumentation mit der Fragestellung ein, ob ihn die Art und Weise, wie sexuelle Identität vordergründig im chinesischen Film behandelt wird, bei der Entwicklung seines Verständnis von seiner Homosexualität beeinflußt hat. Ein interessanter Beitrag für China-Anfänger und -Fortgeschrittene, aber formal gesehen konventionellste TV-Produktion.

Das "Gay & Lesbian Filmfestival" dient sicherlich - gerade auch, wenn Filme Klischees oder Missverständnisse transportieren - der Diskussion über die Situation der homosexuellen Szene, womit ja ein löbliches Ziel erreicht ist. Für Diskussionen über Filmkunst war dieses Festival jedoch kein Forum.

http://www.heise.de/tp/artikel/3/3071/1.html
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