ars electronica 97

17.09.1997

Informationsmaschinen, Körperkünstler, Extropianer und Erfinder neuer Kunstgattungen trafen sich in Linz, Österreich

Montagabend auf der Hauptstrasse in Linz, Österreich: Auf dem Platz vor dem Neuen Rathaus schreien etwa zehn Finnen sehr laut und sehr rhythmisch in Mikrophone, die ihr Gebrüll noch lauter über den ganzen Platz verbreiten. Etwas weiter rechts von ihnen fahren Kleinroboter, die wie Tischstaubsauger aussehen, ferngesteuert um einander herum. An der Nibelungenbrücke, die über die Donau in die Innenstadt von Linz führt, steht ein Zelt, in dem ein Amerikaner eine Kochperformance durchführt.

Wer durch die Scheiben des ars electronica center blickt, sieht innen den australischen Body Art Künstler Stelarc, dessen Körper durch Elektroden an seinen Gliedern direkt mit dem Internet verbunden ist; sein massiver, 50jähriger Körper zuckt unter den Stromschlägen, die mit bis zu 40 Volt in seine Muskeln schießen. Videoaufnahmen von diesem Martyrium des australischen Schmerzensmanns werden an die Außenwand des Museums projiziert; dazu ballert von dem Deck eines Diskjockeys lauter Techno über den Platz. Irgendwo dazwischen wandert noch ein Geselle herum, der eine Videokamera vor seinen Kopf geschnallt hat und seine Umwelt nur auf dem Bildschirm vor seinen Augen sieht. Zwischen all dem multimedialen Trubel verlieren sich trotz der lauen Sommernacht jedoch bloß einige hundert Linzer.

"Der digitale Zirkus macht Halt in Linz"
heißt es sehr treffend in der Kurzbroschüre, die zur ars electronicaerschienen ist. Für eine Woche ist die österreichische Industriestadt jeden September Treffpunkt von buntem digitalem Volk aus aller Welt. Die internationale Medienkunstszene trifft sich alljährlich bei dem Festival, das bereits seit 1978 stattfindet und jedes Jahr größer und unübersichtlicher zu werden scheint. In diesem Jahr könnte die Unübersichtlichkeit freilich auch von dem eher unklaren Festivalthema herrühren: "Fleshfactor -Informationsmaschine Mensch" - darunter kann man sich so einiges vorstellen. (Satirische Anmerkungen zur ars electronica-Thematik siehe unter "Telediagnose".)

Viele der "Informationsmaschinen", die das Festival besuchen, sind sowieso schon lange davon überzeugt, daß es die Hauptaufgabe der ars electronica sei, zur Imageverbesserung von Linz beizutragen und die Stahlstadt als Standort für neue Hightech-Unternehmen zu empfehlen. Im letzten Jahr war ein eigenes ars electronica Museum eingerichtet worden, in dem man unter anderem Electronic Class Rooms und Virtual Reality Simulationen bestaunt werden können. Auch in diesem Jahr hatte es sich der Österreichische Bundeskanzler Viktor Klima nicht nehmen lassen, persönlich zur Eröffnung des Festivals zu kommen - das Medienkunstfestival als Wirtschaftsfaktor.

Hatten wir uns nicht schon voriges Jahr darauf geeinigt, daß wir unsere Körper nicht verlassen werden?

Das Symposium, das die Ausstellung begleitet, war schon ein halbes Jahr vorher im Internet vorbereitet worden, was jedoch nicht vergessen machen konnte, dass die Thematik in ohren Grundzügen schon im Vorjahr mit dem Meme-Symposium (auch im Netz) durchgekaut worden war. Unter der Leitung des amerikanischen Künstlers Tom Sherman diskutierten auch diesmal wieder Berufene aus der ganzen Welt über "Beziehungs- und Orientierungssstrategien der Antipoden Mensch und Maschine im wechselseitigen Prozeß von Adaption und Assimilation."

Daß Mensch und Maschine überhaupt noch Antipoden sind, wurde freilich von einigen Rednern bei dem Symposium vehement bestritten. Max More, der amerikanische Begründer des Extropy Institutes, ist zum Beispiel davon überzeugt, daß der Mensch mit Hilfe von neuen Technologien in der Lage sein werde, seine biologischen Limitierungen zu überschreiten. "Unsterblichkeit durch Technologie" - so könnte man das Credo der sektenartigen Gruppierung der "Extropen" zusammenfassen. Aber sagen darf man nicht, daß das Extropy Institute eine Sekte ist, wie Geert Lovinck es tat - dann wird Max More wirklich sauer!

Da paßte es gut, daß zu den Teilnehmern der Konferenz auch ein Computerprogramm gehörte: "Huge Harry/(01)" ist eine frei verkäufliche Sprachsoftware, die laut Konferenzbroschüre "begonnen hat, sich für gleiche Rechte für Computer einzusetzten." Bei der Rede, die der sprechende Computer bei der ars electronica hielt, war an seine Ausgangsbuchse der holländische Künstler Arthur Elsenaar angeschlossen, dessen Gesichtsmuskeln mit kleinen Elektroschocks so simuliert wurden, daß er zum Vortrag von Kollege Computer lustig mitgrimassierte.

Daß der Mensch der Technologie nur noch als Marionette dient, ist freilich eine Vorstellung, die noch lange nicht allen behagt: Donna Haraway, Biologin und Kritikerin der Technowissenschaften aus den USA, ist zwar durch ihr "Manifest für Cyborgs" bekannt geworden. Aber in ihrem Vortrag über die genetisch veränderte und patentierte Onco-Maus betonte sie die Machtphilosophie, die dem naturwissenschaftlichen Diskurs eingeschrieben ist. Ein bleibendes Charakteristikum der ars electronica scheint es allerdings zu sein, daß bei ihr eher selbsternannte Technovisionäre zu Wort kommen, als Leute, die sich mit den konkreten sozialen und politischen Folgen der neuen Technologien auseinanderzusetzten.

Dazu paßt auch die Hightech-Kunst, die traditionellerweise bei der ars electronica zu sehen ist. Viel davon gehört zu der Gattung, die oft spöttisch "Silicon Graphics"-Kunst genannt wird - nach den kostspieligen Hochleistungscomputern, die für ihre Realisierung notwendig ist. Seitdem das Festival vor zwei Jahren unter dem Motto "Welcome to the Wired World" stand, hat aber auch Kunst, die sich mit dem Netz der Netze beschäftigt, eine immer wichtigere Rolle auf dem Festival eingenommen.

Da schwitzen finnische Künstler vor ihren Computern in einer "Netsauna", und die Arbeit "Web Hopper" von der Gruppe Sensorium, die Netzverbindungen auf einer Weltkarte darstellt, gewann sogar einen Prix Ars Electronica. Einer der Höhepunkte der Netzkunstabteilung war Form Art von Alexeij Shulgin, der mit diesem Projekt die Rituale des "Betriebssystem Kunst" auf die Schippe nimmt: Shulgin hat aus gängigen HTML-Befehlen für Web-Formulare "formulistisch" abstrakte Web-Seiten gebaut, die den "Form"-Tag in ästhetischer Abwandlung missbrauchen. Unter dem Namen "Form Art" wurde das Ganze gleich zu einer neuen Kunstrichtung erklärt, und im Netz ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Netzkünstler 500 Dollar für Arbeiten in diesem Pseudo-Kunstgenre gewinnen konnten. Bei der Ars Electronica wurden nun als Teil des Remote C-Projekts die Preise vergeben: Gewinner waren Michael Samyn, Gründer und einziges Mitglieder der Netzkunstgruppe Group Z, sowie die in London lebende Programmiererin und Netzwerkspezialistin Kathrin Schmidt, die über den ästhetischen Reiz des Form-Tags hinaus, die "Form Art" in ihrem Beitrag auch noch mit Funktionen erfüllte.

Die Preisverleihung entwickelte sich dabei zu einer gelungenen Parodie auf die Gepflogenheiten der Kunstwelt: Nachdem die Gewinner bekannt gegeben worden waren, wurde Shulgin vom Publikum mit Fragen bombardiert, wie bei einer richtigen Pressekonferenz. Den enthusiastischsten Besuchern der ars electronica dürfte all das freilich egal sein: die Teenager, die im ars electronica Museum im Internet surften, freuen sich wahrscheinlich vor allem über den kostenlosen Netzzugang.

Die Homepage der ars electronica
Liveberichterstattung von der ars electronica

Lesen Sie auch "Telediagnose", eine satirische Auseinandersetzung mit dem "Fall" Ars Electronica.

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