Echtzeittheorie

06.10.1997

Denken jenseits von Information

Im September und Oktober 97 reist Lev Manovich zu verschiedenen Festivals und Konferenzen zu Kunst und elektronischen Medien in Europa. Dabei unternimmt er den Versuch, Echtzeit-Theorie zu formulieren, d.h. Gedanken, die anläßlich dieser Konferenzen entstehen, sofort aufzuschreiben, am Lap-Top im Hotelzimmer oder auf einem Notizblock im Zug oder Restaurant, um sie anschließend an die virtuelle Telepolis-Redaktion zu schicken. Der folgende Text ist das erste Resultat dieser fliegenden Echtzeit-Reflexionen und knüpft an Themen der Konferenzen "Konfigurationen" und "Informationsmaschine Mensch" in Kassel und Linz an.

Kassel, 6.September 1997

Das neue Esperanto der globalen Technokultur

Ich bin in Kassel, um mir die documenta X anzusehen und an einem Kongreß über Kunst und Medien teilzunehmen (Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien), der Forschungsarbeiten im Bereich neuerer deutscher Medientheorie präsentiert (die leider bisher noch vergeblich darauf wartet, ins Englische übersetzt zu werden). Viele dieser Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf eine breit aufgefaßte "Archäologie des Digitalen": Entwicklungen in der Philosophie, der Physik, Mathematik, Maschinenbau und anderen Disziplinen, die in den vierziger Jahren alle in einen binären Code konvergierten, oder, allgemeiner gesprochen, in eine diskrete Form der Repräsentation, und dadurch zu einer Art neuen DNA der menschlichen Kultur wurden, deren neuestes und endgültiges Esperanto. Ihre Forschungen unterzogen auch die logischen, philosophischen und technischen Schritte, die den Prinzipien der modernen Computerwissenschaft in den Arbeiten von Shannon, Wiener u.a. zum Aufstieg verhalfen, einer genaueren Untersuchung. Einige der Vortragenden sind frühere oder jetzige Studenten von Friedrich Kittler, die ihm darin folgen, die Theorien von Lacan und Focault mit einer Geschichte der Hardware und Literaturgeschichte zu verknüpfen - ein einzigartiger und produktiver Ansatz, der sowohl in der kontinentaleuropäischen als auch US-amerikanischen Medientheorie keine Parallele findet.

Ich bin versucht, über eine andere intellektuelle Entwicklung nachzudenken, die mit der Geburt des Computers in engem Zusammenhang steht und die, ebenso wie die Konzepte des Digitalen und der Computierbarkeit, die Definitionen für den heutigen intellektuellen Horizont gesetzt hat - die Informationstheorie. Die Informationstheorie ist das Schlüsselparadigma, um Kommunikation und Medien, alte wie neue, verstehen zu können. Aber davon ausgehend, daß diese Theorie 1940 entwickelt wurde, müssen wir fragen: Ist sie für uns heute immer noch nützlich, oder funktioniert sie nicht wie eine Art intellektuelle Bremse, die uns zwingt, die falschen Fragen zu stellen?

In ihrer modernen Form wurde die Informationstheorie von Claude Shannon formuliert. 1949 wurden seine Aufsätze, zusammen mit einer nicht-technischen Übersicht von Warren Weaver, publiziert, um bald darauf zu einer Art Bibel des dämmernden Informationszeitalters zu werden, die "Mathematische Theorie der Kommunikation" .

In seinem Beitrag erweiterte Weaver Shannons Modell der Informationsübertragung, das geschaffen worden war, um physikalische Systeme der Telekommunikation zu beschreiben, wie z.B. Radio und Telephon, auf ein allgemeineres Modell, das auf jede Kommunikationssituation zutreffen solle. Um diese Allgemeingültigkeit zu verstärken, stellt seine Beschreibung des Modells Beispiele von Telekommunikationssystemen und menschlicher Kommunikation in beliebiger Art und Weise nebeneinander. Es ist an dieser Stelle nützlich, diese Beschreibung ausführlich zu zitieren:

Die Informationsquelle wählt eine erwünschte Nachricht aus einer Anzahl möglicher Nachrichten aus...Die ausgewählte Botschaft kann aus geschriebenem oder gesprochenem Wort bestehen, aus Bildern, Musik, etc. Der Sender übersetzt die Botschaft in jenes Signal, das tatsächlich über einen Kommunikationskanal zwischen Sender und Empfänger übertragen wird. Im Falle des Telephons ist der Kanal ein Kabel, das Signal ist eine variierende elektrische Spannung in diesem Kabel. Der Sender ist dabei jene Gerätekonfiguration (Telephon-Verstärker, etc.), die den Klangdruck der Stimme in die entsprechende elektrische Schwingung übersetzt. Bei der Telegraphie verschlüsselt der Sender geschriebene Worte in Folgen von unterbrochenen Schwingungen verschiedener Länger (Punkt, Bindestrich, Leerzeichen). Bei der gesprochenen Sprache ist das Gehirn die Informationsquelle, der Sender ist der Sprachapparat, der verschiedene Klangformen (das Signal) erzeugt, die über die Luft (der Kanal) übertragen werden. Beim Radio ist der Kanal einfach der Raum (oder der "Äther", wenn jemand diesen antiquierten und zu Mißverständnissen verleitenden Begriff unbedingt haben will), und das Signal besteht in der elektromagnetischen Welle, die übertragen wird. Der Empfänger ist eine Art invertierter Sender, der das übertragene Signal wieder in die Form einer Botschaft rückübersetzt und diese Botschaft an ihren Bestimmungsort bringt. Wenn ich zu ihnen spreche, dann ist mein Gehirn die Informationsquelle, ihres der Bestimmungsort, mein Sprechsystem ist der Sender, ihr Ohr und der damit verbundene achte Nerv ist der Empfänger. Für den Prozess des Übertragens ist es unglücklicherweise charakteristisch, daß dem Signal bestimmte Dinge hinzugefügt werden, die nicht in der Absicht der Informationsquelle liegen. Diese unerwünschten Zugaben können Tonstörungen sein (beim Telephonieren zum Beispiel), oder Rauschen (beim Radio) oder Störungen in der Form oder der Schattierung der Bilder (beim Fernsehen), oder Fehler bei der Übertragung (Telegraphie oder Faksimilie), etc. Alle diese unerwünschten Veränderungen des übertragenen Signals werden alsnoise bezeichnet.

Die Mathematische Theorie der Kommunikation erschien 1949 und wurde innerhalb einiger Jahre von Linguisten, Psychologen, Soziologen, ja sogar von Kunsthistorikern aufgegriffen.

In dem die Informationstheorie aus einem Werkzeug für den Kommunikationstechniker zu einem breit gefaßten intellektuellen Paradigma transformiert wurde, fanden drei entscheidende Entwicklungen statt. Erstens, wurde die Theorie dahingehend erweitert, nicht nur Kommunikation innerhalb elektronischer Systeme zu verstehen, sondern auch zwischen Menschen ebenso wie zwischen Menschen und Maschinen. Zweitens, wurde die Theorie herangezogen, um die Bedeutung und die Auswirkung von Kommunikation zu beschreiben. Und drittens, wurde die grundlegende Annahme hinter dieser Theorie, daß Kommunikation ein Einwegprozess ist, erweitert, um soziale Kommunikation zu theoretisieren.

In diesem Sinn wurde die Informationstheorie in den fünfziger Jahren in den USA vom wachsenden Gebiet der Studien in Massenkommunikation als theoretische Grundlage adoptiert. Weavers Hoffnung, daß das Modell, ursprünglich nur dazu entworfen, die technischen Aspekte von Kommunikation abzuhandeln, ebenfalls zur Beschreibung semantischer und pragmatischer Ebenen herangezogen werden könne, wurde vollständig realisiert: Das Modell wurde benutzt, um Prozesse der Massenkommunikation zu beschreiben - Sender (Filmstudio, Fernsehstation, Verlag), Botschaft (ein Film, ein Fernsehprogramm, ein Zeitungsartikel), Empfänger (Kinobesucher, Fernsehzuschauer, Zeitungsleser).

Mit diesem Transfer wurden die grundlegenden Postulate der Informationstheorie zu einer Ideologie. Shannon beginnt seine Erläuterungen zur Informationstheorie mit folgendem Satz:

...das fundamentale Problem der Kommunikation ist, an einem Punkt eine Botschaft exakt oder annäherungsweise zu reproduzieren, die an einem anderen Punkt ausgewählt wurde.

Amerikanische Gelehrte der Massenkommunikation wandten das selbe Postulat auf einer semantischen Ebene an:

Wenn sich die Bedeutung am Bestimmungsort isomorph zur Bedeutung an der Quelle verhält, dann kann davon gesprochen werden, daß Kommunikation stattgefunden hat.

Mit einer solchen Definition wird jede Diskrepanz zwischen den Codes des Senders und des Empfängers zu unerwünschtem "Noise". Wie Stuart Hall gezeigt hat , liegt der ideologische Aspekt darin anzunehmen, daß die Codes bei der Encodierung und bei der Decodierung identisch sind oder sein sollten: Was als "Störung" oder "Mißverständnis" bezeichnet wird, rührt exakt von einem Mangel an Äquivalenz zwischen den beiden am Kommunikationsvorgang beteiligten Seiten her.

Kommunikation wurde als Kontrolle definiert.

Während amerikanische Sozialwissenschaftler also das Modell der amerikanischen Demokratie dem sowjetischen Totalitarismus gegenüberstellten, stützten sie sich zugleich auf jenes theoretische Modell, demzufolge Massenkommunikation gleichbedeutend damit ist, vorgegebenen Bedeutungen zu folgen. Kurz gesagt, Kommunikation wurde als Kontrolle definiert.

Obwohl in den folgenden Jahrzehnten die Grenzen der Informationstheorie für das Verständnis sozialer und kultureller Kommunikation offenbar wurden, wurde kein signifikanter Ersatz für sie vorgeschlagen. Sender, Empfänger, Code, Botschaft, Signal und "Noise", das sind immer noch die Begriffe, die unser Verständnis von Kommunikation bis heute definieren.

Wir produktiv ist dieses Paradigma für das Verstehen von Kommunikation in der Ära der elektronischen und computermediatisierten Kommunikation, von Kommunikationsvorgängen, die Interaktivität beinhalten, die einen leichten Wechsel zwischen eins-zu-eins, einer-zu-vielen, viele-zu-einem Modi beinhalten (Mailinglisten, Chat-Kanäle), die es dem Empfänger ermöglichen, die eingehende Botschaft sofort abzuändern und wieder auszusenden, die oft auch Gruppenkollaboration in Echtzeit ermöglichen - kurz gesprochen also, die alles andere sind, als ein linearer Einwegfluss von Botschaften von einem Sender zu einem Empfänger? Wie sinnvoll ist schließlich die Sender-Empfänger Gegenüberstellung überhaupt noch, wenn der Empfänger (also Internet-Nutzer) zugleich Sender ist? Während die Informationstheorie für den Techniker immer noch Wert hat, scheint sie kaum geeignet zu sein, soziale Kommunikation in einer vernetzten Gesellschaft zu verstehen.

Mir ist insbesondere unwohl bei Konzepten, welche Botschaft und Code paarweise gegenüberstellen und die, so wie in der traditionelleren Inhalt-Form Dichotomie, eine klare Trennung und eine Hierarchie der Wichtigkeit zwischen dem Inhalt und dem Medium der Kommunikation voraussetzen. Doch wo endet die Botschaft und wo beginnt der Code bei computergestützten Medien? Öfter als alles andere dienen die Botschaften der Computermedien dazu, neue Codes vorzustellen, Codes, die sich täglich ändern: Neue Browser, neue HTML-Erweiterungen, JAVA, VRML, "pull" und "push" und so weiter... Mehr noch, ist es eine charakteristische Eigenheit der Computermedien, daß der Code immer sichtbar ist, daß er buchstäblich immer Teil der Botschaft ist: Der Email Header, in dem alle Details der Übertragung der Botschaft verzeichnet sind; der Polygon-Zähler bei VRML-Szenen, die Dateigröße von JPEG-Bildern, die Übertragungsgeschwindigkeit, die vom Browser in der Status-Zeile immer angezeigt wird; der "Desktop", der hinter den gerade laufenden Programmen immer präsent ist, usw..(siehe auch

Die klare Trennung zwischen Botschaft und Code zerfällt noch mehr, wenn wir versuchen, uns die Mensch-Computer-Schnittstelle innerhalb des Paradigmas der Informationstheorie zu denken. Was genau ist die Schnittstelle? Gehört sie zur Botschaft oder gehört sie zum Code? Unvermeidlicherweise ist sie beides, besonders im Fall von kultureller oder künstlerischer Kommunikation. Icons und Windows, 3D-Szenen und Textfelder, Dialogboxen und animierte Charaktere, Tasten- und Spracheingabe - weit davon entfernt, neutrale Codierungselemente zur Übertragung vorgefertigter Botschaften zu sein, sind diese Elemente ein Teil der Botschaft und reisen in ihrem Gepäck (Amg. : part and parcel). Insbesondere bei den interaktiven Medien kann eine Botschaft ohne Schnittstelle gar nicht exisitieren. Wie zum Beispiel kann jemand einer sich verzweigenden Erzählung folgen, ohne daß diese eine bestimmte Form der Computer-Materialisierung aufweist?

Im Rückblick ist die Geschichte der Popularität der Informationstheorie aufs engste verbunden mit der Geschichte der modernen Gesellschaft überhaupt. Die Theorie zeigte ihre frühesten Ansätze in den zwanziger Jahren, im Kontext der Entwicklung neuer Formen von Kommunikationstechnologien, Technologien der Maasenkommunikation wie Radio und Fernsehen. Und es sind diese Technologien der Massenkommunikation, die es der modernen Gesellschaft, in Europa, den USA, der Sowjetunion, ermöglichten, das zu werden, was die Soziologen später eine Massengesellschaft nennen würden: Die Gesellschaft von totalem "Kommando und Kontrolle", die Gesellschaft, die über die Massenmedien in die Psyche jedes einzelnen Bürgers hineinreicht, die Gesellschaft, welche die selbe Botschaft an alle ausstrahlt. Aus dieser Perspektive ist die Erweiterung der Informationstheorie während der 40ger und 50ger Jahre hin zu einem Paradigma des Verständnisses sozialer Kommunikation in historischer Hinsicht ausgesprochen sinnvoll. Die Gesellschaften in dieser Zeit funktionierten tatsächlich (oder versuchten es zumindest) in einer Art und Weise, wie sie von der Informationstheorie beschrieben wird. Sender formulierten Botschaften, und diese Botschaften (wie z.B. Kommunismus, Kapitalismus, Konsumerismus, Kalter Krieg) wurden über die Kanäle der Massenkommunikation an passive Empfänger (Bürger der Massengesellschaften) übertragen. Die Informationstheorie war damit eine zutreffende Beschreibung des sozialen Ideals dieser Zeit.

Heute ist die Situation allerdings grundlegend anders. Die Gesellschaften sind in kleine und kleinste Interessensgruppen aufgespalten, und das einzelne Individuum wird zur ultimativen Einheit der Aufmerksamkeiten des Zielgruppenmarketing. Jeder wird zu einem Sender, obwohl das Übertragene oft nur in Markennamenidentitäten und Firmenlogos besteht. Das Subjekt agiert also wie ein Punkt in einem Netz, der einen endlosen Strom von Botschaften empfängt, modifiziert, um- und weiterleitet. So ist es auch kein Zufall, daß die Meme-Theorie soviel Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Meme-Theorie ist einfach eine etwas genauere Beschreibung (als die Informationstheorie) davon, wie soziale Kommunikation heute funktioniert. In der Tat, diese Theorie hat etwas für sich, wenn wir daran denken, wie wir vor unseren Rechnern sitzen, das Email-Programm immer geöffnet, unaufhörlich Botschaften empfangen, die wir immer gleich an andere weiterleiten, oder auf Mailinglisten schicken, wie wir Bilder und Töne aus dem Netz laden, diese in eigene Botschaften kopieren, die wieder von anderen ausgeschnitten und einkopiert werden, und so weiter. So kann es wirklich so aussehen, als würden Ideen einfach nur durch uns durchfließen, als wären wir nur ein Träger, ein Medium, durch das die Botschaften reisen. Wir sind dann nicht Sender oder Empfänger, sondern Kanäle.

Im Vergleich zu der Reichhaltigkeit des Konzepts der Informationstheorie allerdings weist die Meme-Theorie wenig Tiefe auf. Sie spricht uns die Dimension der eigenen Handlungsfähigkeit ab und verwandelt unsere Rolle von Erzeugern von Botschaften hin zu Kanälen von Botschaften, doch sie ersetzt nicht wirklich das Modell der Informationstheorie für Kommunikationsprozesse. Botschaft, Code, Sender, Empfänger, Signal, Kanal, das ist ein mächtiger intellektueller Werkzeugkasten, den wir nicht über Nacht ersetzen werden können. Es ist jedoch dringend notwendig geworden, genau das zu versuchen, wenn wir den neuen Kommunikationsrealitäten unserer Zeit gerecht werden wollen.

Aus dem Englischen übersetzt von Armin Medosch.

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